Lexem (von ) ist ein Fachausdruck der Sprachwissenschaft (Linguistik). Es handelt sich meist um eine genauer gefasste Version des Begriffs Wort, die auf ein Wort als abstrakten Bestandteil im Wortschatz einer Sprache zielt. Im Begriff Lexem wird also von einzelnen grammatischen Merkmalen und grammatischen oder lautlichen Erscheinungsformen eines Wortes abstrahiert. Das Lexem repräsentiert das sprachliche Wissen, das mit einem Wort insgesamt verbunden ist, also das Wissen darüber, welche syntaktischen Eigenschaften und welche Wortformen es haben kann (Deklinations- oder Konjugationsformen), welche Lautgestalt bzw. Schriftgestalt und welche Bedeutung bzw. welches Bedeutungsspektrum es haben kann.

Daneben wird der Terminus Lexem aber, je nach sprachwissenschaftlicher Tradition, auch in anderen Bedeutungen verwendet.

Die Mehrdeutigkeit von „Lexem“ Überblick Wie andere linguistische Fachbegriffe mit der Endung -em (gesprochen mit betontem, langem „e“) bezeichnet auch Lex-em eine sprachliche Einheit auf einer bestimmten Analyseebene (vgl.: Phonem = Laut-Einheit, Morphem = Form-Einheit, d. h. Element des Wortaufbaus). Das Lexem ist eine Einheit des Lexikons, also des Wortbestandes einer Sprache.

Je nach sprachwissenschaftlicher Tradition sind allerdings mindestens drei verschiedene Bedeutungen der Bezeichnung feststellbar: Lexem(1) = Abstraktion über Wortformen Lexem(2) = nicht ableitbare Bedeutungseinheit („Listem“) Lexem(3) = lexikalisches Morphem

Die erste dieser drei Bedeutungen ist die häufigste, viele Quellen nennen bzw. vertreten nur diese.Linke et al. (2004), S. 62–64 und passim.Mugdan (2022) – Dort noch weitergehend: „(...) nicht korrekt, und ebensowenig die zuweilen anzutreffende Gleichsetzung des Lexems mit dem Stamm.“Helmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5, Lemma: „Lexem“ S. 399. – Dort alternativ auch noch Gleichsetzung von „Lexem“ und „Wort“; vgl. auch das davon abgetrennte Lemma „Wortgruppenlexem“ (= Phrasem) S. 775.Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke. Handreichung für die Kultusministerkonferenz. Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim 2020, doi:10.14618/kmk_gra_fachausdruecke_2020. Eintrag „Wort (Lexem)“, S. 13.Gallmann (1991), siehe unter #Weblinks. Die dritte Bedeutung ist heute am wenigsten verbreitet.„Daneben gibt es auch eine alternative Terminologie, die auf den französischen Linguisten André Martinet (1908–1999; hier: 1964: 20) zurückgeht, aber weniger verbreitet ist.“ Elke Hentschel, Harald Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. 5. Auflage. De Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-062941-5, S. 2. Auch wenn Quellen eine Mehrdeutigkeit nennen, unterscheiden sie oft nicht alle drei.Bonami et al. (2018), S. v–vi einschl. Fußnote 1, unterscheiden Bedeutungen 1 und 3. – Herbermann (2002), S. 22 f. differenziert nur Lesarten 2 und 3. – Carstairs-McCarthy (2000), S. 596, differenziert Lesarten 1 und 2. Es kommt auch manchmal vor, dass Autoren mehrere der Bedeutungen in ein und demselben Text vermengen; auffällig wird dies vor allem bei Beteiligung der dritten.Michael Dürr, Peter Schlobinski: Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-26518-2. – Dieser Text schwankt zwischen der Gleichsetzung Lexem = Grundmorphem (Lesart 3) und Lexem = Einheit des Wortschatzes, ggf. komplex, siehe: S. 83: „Manche Morpheme bilden den Grundbestandteil – die Wurzel – eines Wortes; solche Grundmorpheme werden auch als Lexeme bezeichnet.“ – S. 85: „(...) Kombination von Grundmorphemen (...) wobei die zusätzlichen Morpheme die Bedeutung des Grundmorphems modifizieren und auf diese Weise neue, abgeleitete Lexeme schaffen.“ – S. 90: „Durch Wortbildungsprozesse können von einem Grundlexem viele neue Lexeme abgeleitet werden.“

„Lexem“ als Abstraktion über Wortformen Verschiedene grammatische Wortformen, die sich wesentliche Merkmale wie Grundbedeutung und Wortart teilen, werden zu einem Lexem zusammengefasst. Das Lexem ist also hier das, wovon die Wortformen Formen sind; die verschiedenen Wortformen sind die Konkretisierungen des Lexems: (ich) singe, (du) singst, (er) singt, (wir) singen, (ihr) singt, (sie) singen Die Beispiele zeigen alle dasselbe Lexem, das in Erscheinung tritt als 4 äußerlich verschiedene Wortformen oder 6 Elemente mit verschiedenen Konjugationsmerkmalen („syntaktische Wörter“). Das Lexem ist also eine abstrakte Einheit, es wird dann z. B. durch Setzung in Großbuchstaben symbolisiert: „Das Lexem SING(EN) hat im Präsens 6 verschiedene Konjugationsformen.“ Insofern ist es nicht möglich, ein Lexem zu äußern, tatsächlich geäußert werden nur Wortformen.Bonami et al. (2018), S. vi.

Komposition und Wortableitung mit einem Stamm gehören dagegen nicht zu demselben Lexem: singen / Sänger / Singstimme / Singsang konkretisieren vier verschiedene Lexeme. Eine solche Sammlung von verwandten Lexemen wird stattdessen als „Lexemverband“ oder Wortfamilie bezeichnet.Linke et al. (2004), S. 63.

Da die Wortart bei dieser Definition relevant und lexemunterscheidend ist, erfordert diese Begrifflichkeit eine Theorie des Wortaufbaus (der Morphologie), in der Flexionsmorphologie und Wortbildungsmorphologie strikt getrennt sind.Bonami et al. (2018), S. vi (Ende) bis vii.

Verschiedene Darstellungen unterscheiden sich darin, ob neben den Wortformen auch mehrere Lesarten eines Wortes in ein Lexem zusammengefasst werden, oder ob Bedeutungsvariation (Polysemie) zu jeweils eigenen Lexemen führt.Vgl. Antje Heine: Lexem. In: Stefan Schierholz, Pál Uzonyi (Hrsg.): Grammatik: Formenlehre (= Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK), 1.1). Walter de Gruyter, Berlin 2022, ISBN 978-3-11-018472-3, S. 458. Da Polysemie ein graduelles Phänomen ist, können solche Entscheidungen auch vom Grad der Bedeutungsähnlichkeit abhängig gemacht werden, oder von der Regelmäßigkeit der Bedeutungsbeziehung.

„Lexem“ als gelistete Bedeutungseinheit Gemeint ist in dieser zweiten Bedeutung eine Einheit, deren Bedeutung man sich als Ganzes merken muss; auch wenn der Ausdruck komplex aufgebaut ist, ergibt sich die Bedeutung nicht aus den Bestandteilen. Wenn man eine Unterscheidung macht, dass syntaktische Verbindungen normalerweise nicht gespeichert, sondern produktiv gebildet werden und „Wörter“ in irgendeinem Sinn die Einheiten sind, die man als Bausteine auflisten und wie Vokabeln lernen muss, kann man einen Begriff einer „Einheit der Vokabelliste“ bilden, dann auch „Listem“ genannt. Die Einheitlichkeit besteht rein auf der Bedeutungsebene. Die grammatische Form einer gelisteten Einheit ist dann hingegen sehr variabel: Normales Einzelwort (Simplex) oder komplexes, abgeleitetes Wort. Mehrgliedriger Ausdruck, Mehrwortlexem, Mehrwortausdruck,So in Gegenüberstellung zu „Wort / Lexem“ in: Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke. Handreichung für die Kultusministerkonferenz. Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim 2020, doi:10.14618/kmk_gra_fachausdruecke_2020, S. 13. Wortgruppenlexem: Dies sind besonders enge kognitive Einheiten, zum Beispiel in Gang setzen; halb und halb; schwarzer Freitag; rechter Winkel, Europäische UnionBeispiele aus: Phrase, Phrasem, Idiom: jemandem im Nacken sitzen; den Löffel abgeben Andererseits kommen dann auch Wortbestandteile als Listeme in Frage, da auch Wörter produktiv gebildet werden können; etwa im Ausdruck unbegehbar können aufgelistet werden: UN, BE, GEH, BAR.Christoph Schwarze, Dieter Wunderlich (Hrsg.): Handbuch der Lexikologie. Athenäum, Königstein im Taunus 1985, ISBN 3-7610-8331-9, Einleitung der Herausgeber, S. 7.

Es wird betont, dass dieser Begriff vom ersteren zu trennen ist,Mugdan (2015), S. 248: “Some linguists extend the term lexeme […] to multi-word expressions, but it is preferable to use a different term for an item that must be listed because its properties cannot be inferred from those of its parts; a highly successful suggestion is listeme (Di Sciullo and Williams 1987: 3).” wobei die Tatsache der Auflistung beiden gemeinsam ist. Jedoch besteht das Problem, dass z. B. das Lexem LÖFFEL und die Phrase den Löffel abgeben (= „sterben“) beide nebeneinander aufzulisten wären, obwohl die Phrase auch ein Vorkommen des Lexems LÖFFEL in der Wortform Akkusativ-Singular enthält.Carstairs-McCarthy (2000), S. 596. Daher handelt es sich bei Abstraktion über Wortformen und Auflistung im Lexikon um unabhängige Perspektiven auf dasselbe Material. Diese Grenze wird aber nicht in allen Darstellungen deutlich gezogen.Vgl. Antje Heine: Lexem. In: Stefan Schierholz, Pál Uzonyi (Hrsg.): Grammatik: Formenlehre. (= Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK), 1.1). Walter de Gruyter, Berlin 2022, ISBN 978-3-11-018472-3, S. 458 definiert eingangs Lexem als Abstraktion über Wortformen und diskutiert dann Fragen der Listung von Phrasemen als verschiedene Meinungen zu demselben Begriff des Lexems.

Ein Lexem in diesem zweiten Sinn des „Listems“ wird außerdem auch semantisches Wort, lexikalisches Wort, Lexikonwort, lexikalisches Element, lexikalische Einheit, Lexikoneintrag (engl.: lexical entry) genannt.

„Lexem“ als lexikalisches Morphem

In einer älteren Tradition, die von André Martinet (1960) herstammt, besteht insgesamt eine andere Terminologie zur Bezeichnung von Wörtern und Wortteilen, dies führt insbesondere auch zu einer anderen Bedeutung von „Lexem“.Bonami et al. (2018), S. v, Fußnote 1. Dort als Quelle zitiert: André Martinet: Eléments de linguistique générale. Armand Colin, Paris 1960.

In den Bildungen schreib-st (Flexionsform) und Schreib-er (Derivation) würde dann jeweils der Teil schreib als „Lexem im Sinne Martinets“ bezeichnet, nämlich als der Teil, von dem die Bedeutung als Inhaltswort herstammt. Es ergeben sich folgende Entsprechungen:Vgl. Elke Hentschel, Harald Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. 5. Auflage. De Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-062941-5, S. 2.

Gängige moderne Terminologie Martinet (1960)„Wort“ (technisch:) Lexem (allg., frz.) motWortteil, allgemein Morphem MonemWortteil, mit lexikal. Gehalt lexikalisches Morphem, Grundmorphem LexemWortteil, grammatisch grammatisches Morphem Morphem

In dieser Terminologie ergibt sich, dass grammatische Wörter bzw. Funktionswörter nicht als Lexeme bezeichnet werden können bzw. kein Lexem enthalten. Diese Sicht scheint auf die anderen Deutungen des Ausdrucks Lexem teilweise auszustrahlen, indem dann bezweifelt wird, ob Präpositionen oder Pronomen auch Lexeme seien; sie verhalten sich im Sinne der ersten Definition aber als solche, da sie in flektierten Wortformen in Erscheinung treten (in einigen Sprachen gilt dies auch für Präpositionen).Mugdan (2022).

Abgrenzung zu anderen Begriffen Wort Vielfach wird Wort als Synonym für Lexem angegebenHelmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5, Lemma: „Lexem“ S. 399. und es heißt, statt vom Wort spreche die Semantik von Lexem. Vor allem in älteren Arbeiten und der nichtwissenschaftlichen Literatur erscheint Wort anstelle von Lexem. Aus heutiger Sicht handelt es sich bei dem Wort „Wort“ um einen vortheoretischen Begriff, der in der Sprachwissenschaft in verschiedene Spezialbegriffe zerlegt worden ist.Herbermann (2002)

Grundform eines Wortes Das Lexem als abstrakte Einheit hinter den Wortformen muss irgendwie benannt werden, dies geschieht dann unter Verwendung der Zitierform bzw. Grundform, z. B. indem diese in Großbuchstaben gesetzt wird: „das Lexem TISCH“. Dennoch sind Zitierform und Lexem auseinanderzuhalten. Vor allem ist die Zitierform eine konkrete Form, die geäußert werden kann, das Lexem nicht, da es eine Abstraktion ist.Bonami et al. (2018), S. vi.

Morphem