mini|Marcus Aurelius Antoninus (121–180; Regierungszeit 161–180). Nach ihm ist die Antoninische Pest benannt. mini|Lucius Aurelius Verus (130–169) war gemeinsam mit Mark Aurel von 161 bis zu seinem Tod römischer Kaiser. Die Antoninische Pest (von , „Seuche“, und zu Marcus Aurelius Antoninus) war eine Pandemie, die in den Jahren von 165 bis 180 (eventuell bis 190) nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reichs herrschte. Sie ist nach dem Gentilnamen des römischen Kaisers Mark Aurel († 180) benannt, der eigentlich Marcus Aurelius Antoninus hieß.
Aufgrund der antiken Schilderungen der Symptome ist davon auszugehen, dass es sich bei der beschriebenen Infektionskrankheit um eine Variante der Pockenkrankheit, verursacht von einem besonders virulenten Stamm der Pockenviren (Orthopoxvirus variolae), handelte. Der zeitgenössische Arzt Galen beschreibt die Symptome der Seuche 168 in seinem Traktat Methodus medendi („Die therapeutische Methode“) als Fieber, Durchfall und Rachenentzündung sowie einen makulösen bis pustulösen Hautausschlag etwa ab dem neunten Krankheitstag. Diese Beschreibung lässt sich am ehesten mit der Pockeninfektionskrankheit vereinbaren. Diese Infektionskrankheit war damals im Orient seit langer Zeit endemisch.
Ursachen, Hypothesen zum Ursprung der Antoninischen Pandemie Die Pocken-Hypothese Babkin et al. (2012)I. V. Babkin, S. N. Shchelkunov: Molecular evolution of poxviruses. In: Russian Journal of Genetics. Band 44, 2008, S. 895–908.Igor V Babkin, Irina N Babkina: A retrospective study of the orthopoxvirus molecular evolution. In: Infect Genet Evol. Band 12, Nr. 8, Dezember 2012, S. 1597–604. konnten zeigen, dass die modernen Pockenvirus-Gattungen vor mehr als 200.000 Jahren von einem Ahnenvirus abwichen und dass ein Vorfahr der Gattung Orthopoxvirus vor 131.000 ± 45.000 Jahren auftauchte.
Nach Harper (2017)Kyle Harper: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-74933-9, S. 142–143 und 465. stammte das Vorläufervirus von der Nacktsohlen-Rennmaus, Gerbilliscus kempi,Jan Osterkamp: Virenevolution: Spur zu alten Todgeweihten. In: Spektrum News. 9. Juli 2007. (spektrum.de) einem Nagetier der offenen Savannen, das in afrikanischen Habitaten zwischen der Sahara und den feuchtwarmen Tropen lebt, ab. Sie ist die einzige Vertreterin, die das Tatera-Pockenvirus (TATV) in sich trägt. Dieses Virus ist eng verwandt mit dem Orthopoxvirus cameli (Kamelpockenvirus, CMLV) und beide stehen evolutionär in sehr enger Beziehung zum Variola major-Virus (englisch Cross-species transmission CST).Ana T. Duggan, Maria F. Perdomo, Dario Piombino-Mascali, Stephanie Marciniak, Debi Poinar, Matthew V. Emery, Jan P. Buchmann, Sebastian Duchêne, Rimantas Jankauskas, Margaret Humphreys, G. Brian Golding, John Southon, Alison Devault, Jean-Marie Rouillard, Jason W. Sahl, Olivier Dutour, Klaus Hedman, Antti Sajantila, Geoffrey L. Smith, Edward C. Holmes, Hendrik N. Poinar: 17th Century Variola Virus Reveals the Recent History of Smallpox. In: Curr Biol. Band 26, Nr. 24, 19. Dezember 2016, S. 3407–3412. , hier S. 3408. Harper sieht in den weitverzweigten Handelsrouten und -beziehungen der Kaiserzeit den Ursprung der Pandemie. Mit dem Aufstieg des Imperium Romanums wurde Ägypten Teil des römischen Reiches. Damit kam es zu verstärkten Kontakten zum nubischen Königreich von Kusch, mit dem sich bildenden Königreich von Aksum in Äthiopien sowie mit Clanherrschaftsgebieten entlang der arabischen Ostküste, über die auch die Seuche in das Römische Reich gelangt sei. Indizien für eine solche Kausalität böte die für das Jahr 156 n. Chr. in Arabien bezeugte Epidemie, die laut Harper wahrscheinlich im Zusammenhang mit der späteren Antoninischen Pandemie stand.Kyle Harper: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römisches Reiches. C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-74933-9, S. 144, 152 und 164.
mini|Exemplarische Darstellung einer Pockeninfektion: Eine junge Frau mit Papeln und Pusteln am Kopf, Gesicht und den Schultern. Friern Hospital, London 1890/1910. Die Übertragung der Pockenviren beim Menschen erfolgt durch Tröpfchen-, Schmier- und Staubinfektion, dabei liegt die Inkubationszeit zwischen sieben bis elf Tage. Hierzu passen die antiken Berichte über die Seuche.
Galenos beschrieb diese so: „(…) Zu dieser Zeit brach am neunten Tag ein junger Mann am ganzen Körper an Geschwüren aus, genau wie fast alle anderen, die gerettet wurden. An diesem Tag gab es auch einen leichten Husten. Am nächsten Tag, unmittelbar nachdem er gebadet hatte, hustete er heftiger und brachte den Husten zur Sprache, den sie Schorf nennen (…)“Gal. MM 5,12 ( II 84 Loeb): (…) τότε νεανίσκος τις ἐνναταῖος ἐξήνθησεν ἕλκεσιν ὅλον τὸ σῶµα, καθάπερ καὶ οἱ λοιλλοι σχεδὸν ἐν τούτῳ δὲ καὶ ὑπέβηττε βραχέα. τῇ δ᾿ ὑστεραίᾳ λουσάµενος αὐτίκα µὲν ἔβηξε σφοδρότερον, ἀνηνέχθη δ᾿ αὐτῷ µετὰ τῆς βηχὸς ἣν ὀνοµάζυRebecca Flemming: Galen and the Plague in Galen’s Treatise Περὶ Ἀλυπίας (De indolentia) in Context. In: Caroline Petit (Hrsg.): Galen’s Treatise Περὶ Ἀλυπίας (De indolentia) in Context A Tale of Resilience (= Studies in Ancient Medicine. Band 52). Brill, Leiden 2018, ISBN 978-90-04-38330-2, S. 219–244. doi:10.1163/9789004383302_011
Eine Ausnahme bilden die hämorrhagischen Pocken, ihr Übertragungsmodus findet durch eine Ansteckung stets von Mensch zu Mensch statt, also in einem direkten Kontakt mit den Effloreszenzen, aber besonders in den Frühstadien der Pockenerkrankung wegen des Befalls der oralen, pharyngealen und nasalen Schleimhaut, manchmal auch der Lungenalveolen, und dann durch Atem-Aerosole. Nach einem Anfangsstadium von zwei bis vier Tagen mit hohem Fieber, Kopf-, Kreuz- und Gliederschmerzen, die allesamt typisch für eine virale Infektion sind, kommt es zu Entzündungsreaktionen der oberen Atemwege begleitet mit einem vorübergehenden Ausschlag. Meist nach einem kurzzeitigen Fieberabfall setzt das anschließende Eruptionsstadium ein, mit dem charakteristischen Auftreten von blassroten, juckenden Flecken, die sich zu Knötchen, Bläschen, Papeln und Pusteln entwickeln können. Sie breiten sich in der Regel vom Kopf her über den ganzen Körper aus und trocknen unter Borken- und Schorfbildung nach einigen Wochen ein. Ausgenommen sind die Achselhöhlen sowie die Innenseite der Oberschenkel. Besonders stark sind Gesicht, behaarter Kopf, Unterarme und Handflächen betroffen. Nach Abstoßung der (infektiösen) Krusten bleiben die typischen Pockennarben zurück. Der Betroffene ist erst nach Abheilung aller Effloreszenzen, also drei bis vier Wochen nach Krankheitsbeginn, nicht mehr ansteckend.Thomas Grünewald, Bernhard R. Ruf: Epidemiologie, Klinik und Prävention der humanen Pocken (Variola vera) Teil 1. In: Ärzteblatt Sachsen. Nr. 4, 2003, S. 132–133; Teil 2. Bei 65 bis 80 Prozent der Überlebenden verbleiben tiefe, kraterförmige Narben in der Haut.
Die Masern-Hypothese Teils wird auch erwogen, es habe sich um die Masern gehandelt. Es zeigte sich, dass das Masernvirussiehe auch Rinderpestvirus, dieses ist eng mit dem Masernvirus verwandt, ebenso mit dem Erreger der Pest der kleinen Wiederkäuer (Peste des petits ruminants virus, PPRV) und dem Staupevirus. Nach gängiger wissenschaftlicher Meinung hat sich das Masernvirus aus dem Rinderpestvirus entwickelt. dann eine hohe Letalität aufwies, wenn es auf eine zuvor unberührte, nicht-immune Bevölkerung traf.Medizin: Masernvirus älter als angenommen. In: Deutsches Ärzteblatt. 3. Januar 2020. (aerzteblatt.de)Ariane Düx, Sebastian Lequime, Livia Victoria Patrono, Bram Vrancken, Sengül Boral, Jan F. Gogarten, Antonia Hilbig, David Horst, Kevin Merkel, Baptiste Prepoint, Sabine Santibanez, Jasmin Schlotterbeck, Marc A. Suchard, Markus Ulrich, Navena Widulin, Annette Mankertz, Fabian H. Leendertz, Kyle Harper, Thomas Schnalke, Philippe Lemey, Sébastien Calvignac-Spencer: The history of measles: from a 1912 genome to an antique origin. bioRxiv, 30. Dezember 2019. doi:10.1101/2019.12.29.889667 (Preview unter (biorxiv.org))Ariane Düx, Sebastian Lequime, Livia Victoria Patrono, Bram Vrancken, Sengül Boral, Jan F. Gogarten, Antonia Hilbig, David Horst, Kevin Merkel, Baptiste Prepoint, Sabine Santibanez, Jasmin Schlotterbeck, Marc A. Suchard, Markus Ulrich, Navena Widulin, Annette Mankertz, Fabian H. Leendertz, Kyle Harper, Thomas Schnalke, Philippe Lemey, Sébastien Calvignac-Spencer: Measles virus and rinderpest virus divergence dated to the sixth century BCE. In: Science. Band 368, Nr. 6497, 19. Jun 2020, S. 1367–1370 doi:10.1126/science.aba9411
Untersuchungen legen aber nahe, dass im Jahr 164 n. Chr. der verantwortliche Masernvirusstamm nicht ausreichend entwickelt war, um eine solche Pandemie auszulösen.Jennifer Manley: Measles and Ancient Plagues: A Note on New Scientific Evidence. In: Classical World. Band 107, Nr. 3, 2014, doi:10.1353/clw.2014.0001 Darüber hinaus stimmen die Aufzeichnungen der Krankheitssymptome eher mit denen der Pocken überein.
Geschichte Erstes Auftreten Die Antoninische Pest wurde gemäß der antiken Überlieferung von heimkehrenden Legionären, die unter dem Kommando des Lucius Verus gegen die Parther unter Vologaeses IV. gekämpft hatten, aus Mesopotamien eingeschleppt. Der römische Historiker Ammianus Marcellinus bringt den Ausbruch der Epidemie mit der Eroberung und darauffolgenden Plünderung der Stadt Seleukeia-Ktesiphon in Verbindung, die einem Superverbreitungsereignis gleichkommt:
Das erste Auftreten der Krankheit im Reichsgebiet ist 165 im nordmesopotamischen Nisibis bezeugt.Modelling the Antonine Plague. (tabulae-geographicae.de) Von dort breitete sie sich schnell im Reich aus, über dicht bevölkerte Städte wie Smyrna, Ephesos und Athen, um nur ein Jahr später in Rom aufzutreten. Durch die gute Logistik innerhalb des Römischen Reiches, die stark frequentierten Straßenverbindungen,Die Wegestrecken und Stationen des Itinerarium Antonini, nach Bernd Löhberg (image.jimcdn.com)Das fertige Netzwerk zur Simulation der Antoninischen Pest, nach Bernd Löhberg. Hierzu wurde durch eine digitale Nachbildung des Verkehrsnetzwerks des Römischen Reiches etwa dem Itinerarium Antonini und den damit verbundenen Siedlungen sowie, da das Itinerarium Antonini keineswegs das gesamte Straßennetz abbildete, einige sehr dicht besiedelte Regionen wie die Provinz Asia oder die bei seiner finalen Niederschrift bereits verlorene Provinz Dacia mit einbezogen. Die dortigen Wege und Stationen wurden in der gleichen Art vom Autor aus der Literatur ergänzt werden. Zusätzlich zum Straßennetz wurde ein zweifach gegliedertes Seeverkehrsnetzwerk eingefügt. Ein Langstreckennetzwerk mit Routen und Reisezeiten, welche der antiken Überlieferung und modernen Abschätzungen entnommen wurden, sowie ein automatisch generiertes Kurzstreckennetzwerk. Allen Knoten des Netzwerks wurde sodann eine Bevölkerungsdichte zugeordnet, anhand derer ihnen eine Bevölkerungszahl für die Simulation zugewiesen werden konnte. (image.jimcdn.com auf tabulae-geographicae.de) aber auch über den Seeweg erreichte sie selbst so abgelegene Gebiete wie Britannien.
Besonders schwer muss sie in den iberischen Provinzen und auf der Italienischen Halbinsel gewütet haben. Paulus Orosius schreibt im 4. Jahrhundert, dass dort viele Ortschaften völlig entvölkert worden seien. In Rom selbst brach die Seuche 166 n. Chr. aus, kurz nachdem die siegreichen Legionen ihren Triumphzug abgehalten hatten. Der Historiker Cassius Dio berichtet von 2000 Toten täglich in Rom, jeder vierte Erkrankte sei verstorben. Von dort breitete sie sich rasch bis zur Donau und an den Rhein aus.
Umstritten ist die Hypothese, dass Lucius Verus († 169) und ebenso sein Mitregent Marcus Aurelius († 180) der Seuche zum Opfer gefallen seien.
24-jähriges Massensterben