mini|hochkant|Samir Kuntar (2009)

Samir Kuntar (, auch Sameer Quntar, Al-Qantar oder El Kantar; * 20. Juli 1962 in Aabey, Libanon; † 19. Dezember 2015 in Dscharamana, Syrien) war ein libanesischer Druse,Los Angeles Times: Hezbollah Puts Convicted Killer Atop Wish List, Rone Tempest, 2. August 2006, S. 8, englisch (nur Zusammenfassung des Artikels noch kostenlos zugänglich). verurteilter mehrfacher Mörder und Mitglied der Terrororganisationen Palästinensische Befreiungsfront (PLF) und Hisbollah. 1979 führte er einen Überfall der PLF auf die israelische Küstenstadt Naharija an, bei dem drei Zivilisten, darunter zwei Mädchen im Alter von zwei und vier Jahren, und zwei Polizisten getötet wurden. Er wurde dafür zu einer vierfach lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 2008 wurde er gegen die sterblichen Überreste zweier israelischer Soldaten, die von der Hisbollah zu Beginn des Zweiten Libanonkrieges verschleppt worden waren, ausgetauscht. Kuntar organisierte später für die Hisbollah deren Aktivitäten an der syrischen Grenze zu Israel und wurde am 19. Dezember 2015 in der Nähe von Damaskus bei einem Luftangriff getötet.

Leben Jugend Kuntar wurde 1962 als Sohn eines drusischen Paares geboren. Seine Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt scheiden, und seine Mutter starb, als er noch ein Kind war. Sein Vater ging zum Arbeiten nach Saudi-Arabien und ließ ihn in Abey, 30 Kilometer südöstlich von Beirut zurück, wo er bei seiner Stiefmutter Siham aufwuchs. Nachbarn beschrieben ihn als stilles Kind, das schwer zu erziehen war. Mit 14 Jahren verließ er die Schule. Der libanesische Bürgerkrieg verschärfte sich. 2006 sagte seine Stiefmutter in einem Interview, dass Kuntar manchmal für Tage verschwunden gewesen sei. Bald entdeckte sie, dass er in Lagern eine militärische Ausbildung erhielt. Ihre Versuche, ihn davon abzuhalten, schlugen fehl. Er wollte an Guerillaaktionen gegen Israel teilnehmen. Dieser Wunsch wurde durch Israels Eindringen in den Libanon 1978 noch verstärkt. 1978 versuchte er, über die jordanische Grenze in Israel einzudringen, wurde jedoch festgenommen und verbrachte den Rest des Jahres in jordanischer Haft. Am 22. April führte er eine Gruppe anderer Teenager an, deren Ziel es war, israelische Geiseln zu nehmen, um diese gegen palästinensische Gefangene auszutauschen. Sie erreichten Nahariya mit einem Schlauchboot.Craig S. Smith: For Lebanese, killer is a hero. In: The New York Times, 15. Juli 2008. Auf NYTimes.com (englisch), abgerufen am 20. Juni 2021.

Anschlag auf Naharija 1979 Smadar Haran-Kaiser, die bei dem Überfall ihren Ehemann Danny und ihre beiden kleinen Töchter Einat und Yael verlor, schildert im Interview mit der Washington Post vom 18. Mai 2003 den Ablauf der Ereignisse: In der Nacht vom Samstag auf Sonntag, den 22. April 1979, seien sie um Mitternacht in ihrem Apartment von Schüssen und explodierenden Handgranaten aufgewacht, als vier PLF-Terroristen mit einem Schlauchboot zwei Apartmentblocks entfernt an Land gegangen seien. Diese hätten bereits einen Polizisten getötet und seien dann, nachdem sie zunächst in das darübergelegene Stockwerk gestürmt wären und beim Umdrehen Smadar Haran-Kaiser gesehen hätten, gewaltsam in die Wohnung der Familie Haran eingedrungen. Dabei hätten sie um sich geschossen und Handgranaten geworfen. Bei Ankunft der Polizei habe die Gruppe daraufhin den 28-jährigen Danny Haran und seine vierjährige Tochter Einat als Geiseln genommen und aus der Wohnung an den Strand verschleppt. Kuntar habe dort, nachdem er Danny und Einat als menschliche Schutzschilde gegen die israelischen Sicherheitskräfte missbraucht habe,Orly Halpern: , US News, 6. August 2006, engl. nach Augenzeugenberichten den Vater vor den Augen seiner Tochter erschossen und dann eigenhändig das kleine Mädchen getötet, indem er dessen Schädel mit dem Kolben seines Gewehres gegen einen Fels geschmettert habe. Kuntar bestritt, Einat getötet zu haben. Der Polizist Eliyahu ShaharGoel Beno: , Jedi’ot Acharonot, 3. Juli 2003, engl.Israel National News: , 9. November 2003, engl. und zwei Männer aus Kuntars Gruppe seien ebenfalls getötet worden. Während des Schusswechsels habe sich Smadar Haran-Kaiser mit ihrer jüngeren Tochter Jael und einer Nachbarin aus dem Stockwerk über ihnen, die Zuflucht bei den Haran-Kaisers gesucht hätte, in einem Kriechgang über dem Schlafzimmer verborgen. Dabei habe sie das zweijährige Mädchen unbeabsichtigt erstickt, als sie verzweifelt versuchte, es stillzuhalten. Sie sei davon ausgegangen, dass die Angreifer eine Handgranate in ihr Versteck geworfen hätten und sie alle gestorben wären, falls Jael geweint hätte. Am nächsten Tag habe Abu Abbas von Beirut aus erklärt, der Überfall in Naharija sei ausgeführt worden, um gegen die Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages zu protestieren, der nach dem von US-Präsident Jimmy Carter vermittelten Gipfeltreffen zwischen Anwar as-Sadat und Menachem Begin in Camp David im März 1979 zustande gekommen war.

Haft Kuntar wurde für die Tat von einem Zivilgericht in Tel AvivCarolynne Wheeler: A heartless killer as political pawn, The Globe and Mail, S. A1, 28. Juli 2006, engl. wegen Mordes und Terrorismus zu einer vierfach lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Im israelischen Gefängnis lernte Kuntar Englisch und Hebräisch und erwarb an der Open University of Israel in Tel Aviv einen Abschluss in Soziologie. Der englische Titel seiner auf Hebräisch geschriebenen Abschlussarbeit lautet: . Haran-Kaiser zufolge heiratete Kuntar eine israelisch-arabische Aktivistin, die sich für Gefangene einsetzt und als Gefangenenehefrau eine Pension vom israelischen Staat erhielt.

Nach Aussage der Anwältin Buthaina Duqmaq – sie ist Gründerin des „Mandela Institute for Human Rights“ in Ramallah –, die Kuntar regelmäßig im Gefängnis besuchte, äußerte Kuntar nie Reue oder Bedauern für seine Taten. Er habe geäußert, „stolz darauf“ zu sein, Mitglied einer „Befreiungsbewegung“ zu sein.

Al-Abrass, der neben Kuntar einzige andere Überlebende des Terrorkommandos, wurde von Israel 1986 im Zuge des Ahmad-Dschibril-Gefangenenaustauschs gegen drei israelische Soldaten ausgetauscht.

Versuchte Freipressung bei der Achille-Lauro-Entführung 1985 Am 7. Oktober 1985 entführten vier palästinensische PLF-Terroristen das italienische Kreuzfahrtschiff Achille Lauro auf der Fahrt von Alexandria nach Port Said im Nordosten Ägyptens und drohten damit, die Passagiere zu töten bzw. das Schiff zu sprengen, falls Israel nicht 50 Häftlinge freilassen würde. Von diesen wurde Kuntar als Einziger namentlich benannt., www.specialoperations.com, (engl.) Im Verlauf der Geiselnahme wurde ein im Rollstuhl sitzender US-amerikanischer Tourist jüdischer Herkunft, Leon Klinghoffer, ermordet und über Bord geworfen.

Vorgeschlagener Austausch für Ron Arad 2003 Nach jahrelangen Vorbereitungen und monatelangen Geheimverhandlungen stimmte Israel im Jahr 2003 zu, rund 400 palästinensische und 36 weitere arabische Häftlinge sowie den seit 1997 in Israel wegen eines von ihm geplanten Selbstmordattentates inhaftierten Deutschen Steven Smyrek im Austausch gegen den seit dem Jahr 2000 von der Hisbollah-Miliz festgehaltenen Geschäftsmann und pensionierten OberstAssafir: (Foto von Samir Kuntar heute und der Gruppe vom 22. April 1979), Institut Tunisien des Relations Internationales (ITRI), 22. April 2006, franz. Elhanan Tanenboym (andere Schreibweise: Elchanan Tennenbaum) sowie die sterblichen Überreste dreier israelischer Soldaten freizulassen. Außerdem sollten die Leichen von 59 gefallenen Libanesen in ihre Heimat überführt, das Schicksal von 24 im Libanon Vermissten aufgeklärt und Karten über Landminen im Südlibanon ausgetauscht werden.„Gefangenenaustausch zwischen Israel und Hisbollah“, Die Welt, 24. Januar 2004

Hassan Nasrallah, der Anführer der Hisbollah, weigerte sich zunächst, diese Abmachung zu akzeptieren, so lange sie nicht Kuntar einschloss. Er erklärte: „Die Bedingungen der Hisbollahs sind klar definiert, und wir halten an ihnen unter allen Umständen fest.“Canadian Jewish News: Nasrallah: no prisoner swap without Samir Kuntar, 13. November 2003, engl. (Artikel nicht online verfügbar)Chris McGreal: Israel backs deal with Hizbullah to swap prisoners, The Guardian, 10. November 2003, engl.

Israel war einverstanden, auch Kuntar freizugeben, aber nur, wenn die Hisbollah im Gegenzug „tragfähige Beweise“ über das Schicksal des seit 1986 im Libanon vermissten Waffensystemoffiziers Ron Arad vorlegte.The Irish Times: Israel agrees to free prisoners in secret deal with Hizbullah, 26. Januar 2004, engl. (Artikel nicht kostenlos zugänglich )Arieh O’Sullivan: Arad could alter release criteria, The Jerusalem Post, 27. Januar 2004, engl.

Der deutsche Gesandte Ernst Uhrlau, damals Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, erklärte anlässlich des am 29. Januar 2004 ohne Kuntar erfolgten Gefangenenaustausches zu dessen Schicksal, dass er „im Anschluss an die laufenden Verhandlungen über seinen Fall verzugslos in sein Heimatland überstellt“ werde. „Alle beteiligten Parteien hofften“ dabei, dass sich dies „innerhalb von drei oder vier Monaten abspielen werde“.

Es gab aber auch Widerstand gegen diese Pläne. So versuchten die Familien von zwölf verschollenen iranischen Juden mit einer Klage vor dem obersten Gericht Israels den Austausch von Kuntar zu verhindern, um eine Trumpfkarte gegenüber dem Iran zu behalten.Dan Izenberg: , The Jerusalem Post, 14. Mai 2004, engl. Auch Smadar Haran-Kaiser war entsetzt über den geplanten Austausch, zumal die israelische Regierung versprochen hatte, keine „Terroristen mit Blut an den Händen“ freizulassen.

Kurz nach dem Gefangenenaustausch vom 29. Januar 2004 verkündete die Hamas, dass auch sie israelische Soldaten verschleppen würde, um die Freilassung palästinensischer Geiseln zu erreichen. Gleichzeitig stellte Hassan Nasrallah klar, dass die Hisbollah fortfahren werde, Israelis zu entführen, so lange sich „noch ein einziger Häftling“ in Israels Gefängnissen befinde.Deutsche Presse-Agentur: Hamas, Hezbollah vow to abduct more Israeli soldiers, 30. Januar 2004, engl. (Artikel nicht online verfügbar)

Da die Hisbollah keine näheren Informationen über Arad offenbarte, kam kein Gefangenenaustausch mit Kuntar zustande.

Libanon-Plan 2006 Im Jahre 2006 wurde Kuntar Teil eines weiter gefassten Friedensplanes, der vom libanesischen Premierminister Fuad Siniora und vom UN-Gesandten Terje Rød-Larsen vorgeschlagen wurde.Mideast Mirror: Diplomatic maneuvers, 1. Juni 2006, engl. (Artikel nicht online verfügbar) Der Plan umfasste sechs Punkte:

Die Vereinten Nationen markieren die Grenze zwischen Libanon und Syrien. Syrien erklärt öffentlich, dass die Shebaa-Farmen libanesisches Territorium sind. Die libanesische Armee errichtet Stellungen an Libanons Südgrenze mit Israel. Israel zieht sich von den Shebaa-Farmen zurück und übergibt sie an Libanon. Die israelische Luftwaffe beendet ihre Verletzung libanesischen Luftraums. Der libanesische Premierminister Siniora erklärt formell das Ende der israelischen Besatzung, und alle Milizen, einschließlich der Hisbollah, werden entwaffnet. Alles Mögliche, um das Schicksal Ron Arads aufzuklären, wird getan. Israel lässt Kuntar und alle anderen libanesischen Gefangenen frei. Die Hisbollah verlässt das Grenzgebiet.

Es wurde berichtet, dass der Plan die volle Unterstützung der israelischen Sicherheitskreise erhielt.

Libanonkrieg 2006