mini|Rudolf-Oetker-Halle mini|Rudolf-Oetker-Halle 2008
Die Rudolf-Oetker-Halle (ROH) ist ein denkmalgeschütztes Konzerthaus im Bielefelder Westen. Das Gebäude wurde von 1928 bis 1930 nach Plänen der Düsseldorfer Architekten Hans Tietmann und Karl Haake erbaut und am 31. Oktober 1930 eröffnet. Das Konzerthaus befindet sich weitestgehend im originalen Zustand und weist auch nach den heutigen Maßstäben nahezu ideale akustische Voraussetzungen auf.
Seit 2018 gehört die Rudolf-Oetker-Halle zu den Bühnen und Orchester der Stadt Bielefeld. Mit rund 3.200 Plätzen, jährlich 250.000 Besuchern und 700 Vorstellungen sind die BuO eine der größten Kultureinrichtungen Nordrhein-Westfalens.
Das Bielefelder Konzertwesen um 1900 1886 wurde Wilhelm Lamping als Nachfolger von Arnold Mendelssohn musikalischer Leiter des „Bielefelder Musikvereins“ (heute Musikverein der Stadt Bielefeld e. V.) und des Männerchores „Arion“, deren Traditionen bis in die Jahre 1820 bzw. 1859 zurückreichen. Lamping war zugleich Organist der Altstädter Nicolaikirche und Leiter des „Kirchlichen Gesangvereins“. An der Gründung des zunächst aus 36 Musiker bestehenden Städtischen Orchesters im Jahre 1901 hatte Lamping entscheidenden Anteil, woraufhin er zum städtischen Musikdirektor ernannt und als solcher mit der Oberleitung des Orchesters betraut wurde. Lamping wies immer wieder eindringlich auf den Mangel an Räumlichkeiten hin:
Größere Aufführungen fanden in der zur Schützengesellschaft gehörenden Tonhalle auf dem Bielefelder Johannisberg statt, die 1000 Zuhörern Platz bot, im Hinblick auf Akustik und Infrastruktur jedoch keine angemessenen Voraussetzungen aufwies. Für Symphoniekonzerte konnte das 1904 erbaute Stadttheater verwendet werden, obwohl seine andersartige Atmosphäre und die Raumakustik dieser Nutzung entgegenstanden. Für Chordarbietungen, Kammermusik oder Liederabende eignete sich ein Saal für 400 Hörer im „Gesellschaftshaus Eintracht“ am Klosterplatz. Andere Angebote wie „Remkes Theatersaal“ an der Ulmenstraße (dem heutigen Niederwall), die „Berglust“ oder die „Modernsohn-Hallen“ auf dem Johannisberg waren mehr als Übungs- denn als Konzerträume zu betrachten.
Rudolf Oetker, Sohn des Firmengründers, partizipierte als Sänger im Gymnasial-Gesangsverein „Kehlkopf“ aktiv am Bielefelder Musikleben und kannte die Raumsituation daher aus eigenem Erleben. So äußerte er gegenüber seinem Schulfreund Richard Kaselowsky, er wollte später dafür sorgen, dass seine Vaterstadt endlich zu einer vernünftigen Konzerthalle käme. Rudolf Oetker fiel jedoch im Ersten Weltkrieg am 8. März 1916 in den Kämpfen vor Fort Vaux.
Die Familie Oetker, vor allem seine Mutter Lina Oetker, behielt den Wunsch ihres Sohnes im Gedächtnis und stellte der Stadt Bielefeld 1925 eine größere Summe für den Bau einer Konzerthalle zu günstigen Bedingungen zur Verfügung. Die Halle sollte dem Gedenken an Rudolf Oetker und seine im Weltkrieg gefallenen Bielefelder Kameraden gewidmet werden – „den Lebenden zur Freude und Erhebung an den Werken Tonkunst“. Dieser Wortlaut wurde schließlich auch auf eine Schrifttafel in der Eingangshalle der Rudolf-Oetker-Halle aufgenommen. Wilhelm Lamping schrieb in einem Brief: Lamping plädierte für Raumgrößen in der Halle, die allen Anforderungen bei musikalischen Darbietungen genügen würden:
Lamping erlebte die Fertigstellung der Rudolf-Oetker-Halle nicht mehr. Er starb ein Jahr zuvor am 7. September 1929 und wurde bei der Einweihung am 31. Oktober 1930 dennoch als „der musikalische Baumeister“ des Hauses bezeichnet. Der Bielefelder Musikverein stiftete 1931 zu Ehren Lampings eine Bronzebüste des Bildhauers Hans Perathoner, die bis heute im Wandelgang der 1. Etage des Konzerthauses steht. Die Stadt Bielefeld erklärte Lina Oetker 1934 zur Ehrenbürgerin und stiftete im selben Jahr eine Büste des städtischen Musikdirektors Heinrich Kaminski, der von 1931 bis 1934 Leiter des Musikvereins sowie für die städtischen Symphoniekonzerte in der Rudolf-Oetker-Halle zuständig war.
Bau & Architektur
Planung einer Konzerthalle Das erste offizielle Gespräch über die Absicht eines Konzerthallenbaus und eine spätere Übereignung an die Stadt führte Richard Kaselowsky mit Oberbürgermeister Rudolf Stapenhorst am 14. Februar 1925. Als Bauplatz für die Konzerthalle wurde zunächst die städtische Fläche des Museumsgartens (heute vor dem Ratsgymnasium) in Erwägung gezogen. Sie stammte ursprünglich aus Kaselowskys Besitz und hätte durch städtische Ankäufe der Grundstücke an der Obernstraße gegenüber der Handwerkskammer erweitert werden müssen. Der Magistrat der Stadt nahm das Schenkungsangebot an.
Das Unternehmen Oetker bestätigte kurz darauf seine Bereitschaft zum Bau der Konzerthalle, die den Namen von Rudolf Oetker tragen sollte. Dabei wurde bereits ein detailliertes, vermutlich mit Wilhelm Lamping abgestimmtes Raumprogramm genannt. Die Finanzierung der geschätzten Kosten von 600.000 bis 700.000 Mark sollte dadurch sichergestellt werden, dass die Firma durch eine sofort beginnende monatliche Finanzhilfe – in Form kurzfristiger Hypothekengelder – der Stadt für Wohnungsprojekte Mittel zur Verfügung stellte. Die ab Ende 1926 zurückzuzahlenden Beträge sollten dann erneut als langfristiges Darlehen für den Bau der Rudolf-Oetker-Halle verwendet werden. Jedoch wurde zeitnah erkannt, dass die Kosten zu niedrig angesetzt waren.
Gleichzeitig wurde die Eignung des Grundstücks erneut überprüft. Hierzu beauftragte die Stadt den Städtebauer Ernst Vetterlein aus Hannover, den vorgesehenen Bauplatz durch Entwurfsskizzen unter Zugrundelegung des Bauprogrammes zu untersuchen. Dabei erwies sich, dass die Fläche nicht ausreichte. Der Versuch, zusätzliche Flächen anzukaufen, blieb erfolglos. Einen Ausweg glaubte man in der Verringerung des Bauvolumens, vor allem durch den Bau eines Saales für lediglich 600 bis 800 Zuhörer, zu finden. Dagegen wandte sich Wilhelm Lamping sehr energisch, dem es vornehmlich um einen großen Konzertraum mit mindestens 1500 bis 1600 Plätzen ging.
Rudolf Stapenhorst schlug schließlich vor, ein städtisches Grundstück an der Westseite des gerade in Erweiterung begriffenen Bürgerparks, der zwischen dem damaligen Bürgerweg (heute Stapenhorststraße) und der Wertherstraße liegt, für die Rudolf-Oetker-Halle anzubieten. Falls diese städtische Fläche, die einen sofortigen Baubeginn ermöglichte, nicht ausreichen sollte, wollte er sein eigenes angrenzendes Grundstück zur Verfügung stellen. Natürlich gab es auch hier Bedenken: Die Entfernung sei für den Bürger unzumutbar, eine Straßenbahn müsse bis dorthin geführt werden, die Umgebung sei völlig unbebaut, eine zusätzliche Gastwirtschaft werde unumgänglich.
In einer Ortsbesichtigung am 15. April 1926 im Beisein aller an diesem wichtigen Bauwerk unmittelbar Beteiligten von Seiten der Firma Oetker, von der Stadtverwaltung, vom Musikverein und vom Städtischen Orchester konnten schließlich alle Einwände überwunden und der Bauplatz festgelegt werden. Das Darlehensvertragswerk wurde am 10. Juni bzw. 1. Juli 1926 unterzeichnet. Es enthielt die festgesetzten Baukosten von 1.500.000 Mark, Einzelheiten der Finanzierung, den vorgesehenen Beginn der halbjährlichen Rückzahlung der Darlehensbeträge ab 1. April 1935, die Durchführung eines Bauwettbewerbs und des Baues durch die Stadt, die Bildung eines späteren Verwaltungsausschusses unter Beteiligung der Firma Oetker, die bereits erwähnte Bestimmung als Gedächtnishalle, die Namensgebung und die Festlegung der Nutzungsarten. Im Laufe der Jahre kamen zu letzteren mache Korrekturen und Ergänzungen hinzu, doch sollte die Halle zunächst vorzugsweise der Pflege der Musik dienen. Gleichwohl konnte sie auch für andere kulturelle Zwecke, beispielsweise für Vortragsveranstaltungen oder für Kongresse verwendet werden. Politische Versammlungen, insbesondere Wahlversammlungen waren ausgeschlossen. Das Darlehen wurde später in eine Schenkung umgewandelt.
Bauwettbewerb Im Februar 1927 schrieb der Magistrat der Stadt einen allgemeinen Ideenwettbewerb für den Neubau aus, zu dem alle Architekten aus dem nordwestdeutschen Raum teilnahmeberechtigt waren.Deutsche Bauzeitung, 61. Jg., Nr. 16, 23. Februar 1927 Zu den Bedingungen gehörten die Begrenzungen des Bauvolumens auf 32.000 Kubikmeter und der Ausführungskosten auf 1.500.000 Mark einschließlich Außenanlagen, jedoch ohne Orgel.
Das Raumprogramm verlangte im Wesentlichen einen großen Konzertsaal für 1.400 Zuhörer – das Podium sollte 300 Sängern und 100 Musikern Platz bieten – und einen Kammermusikraum für 400 Personen. Es enthielt aber auch gestalterische Hinweise, die bei der späteren Beurteilung durch das Preisgericht eine Rolle gespielt haben. Der Bau sollte, seiner Bestimmung als Konzert- und Gedächtnishalle entsprechend, in einfachen würdigen Formen gestaltet sein. Besonderer Wert wurde auf die Akustik in beiden Sälen gelegt. Die Zahl von 113 Wettbewerbsteilnehmern bewies ein großes Interesse an dieser Aufgabe. Zugleich konnte man daran auch die ernsthafte Sorge um die wirtschaftliche Lage ablesen. Der zunehmende Mangel an Bauobjekten machte dies allzu deutlich, die Architekten bangten um Aufträge.
Zur Vorprüfung der Arbeiten blieb nur eine Woche bis zum Zusammentreten des Preisgerichts am 10. Juni 1927. Für die Preisrichter erforderte es ein hohes Maß an Konzentration, aus dem großen Angebot an Wettbewerbsarbeiten in nur zwei Tagen die preiswürdigste Arbeit zu ermitteln und eine gerechte Entscheidung zu treffen. Der Magistrat der Stadt lud die seinerzeit namhaftesten deutschen Hochschullehrer des Architekturwesens, wie German Bestelmeyer aus München und Heinrich Tessenow aus Berlin als Fachpreisrichter ein. Wie sorgfältig und weitsichtig die für das Gelingen des Baues Verantwortlichen handelten, wird daran deutlich, dass sie den bedeutendsten Wissenschaftler auf dem noch wenig erforschten Gebiet der Akustik, Eugen Michel von der Technischen Hochschule Hannover, als Preisrichter hinzuzogen und ihm im Weiteren die akustische Beratung in der Bauzeit übertrugen. Michel konnte bei der Urteilsfindung Bedenken äußern, wenn in einer zur Entscheidung stehenden Arbeit die räumlichen Grundbedingungen zur Erlangung einer guten Akustik nicht erfüllt waren und sich auch bei der weiteren Entwurfsbearbeitung nicht erfüllen ließen. Dem Thema Akustik wurde so ein wesentlicher Schwerpunkt eingeräumt. Dem Preisgericht gehörten ferner Lina Oetker (die Frau des Firmengründers), Ida Kaselowsky (die Witwe des gefallenen Rudolf Oetker), der Oberbaurat Friedrich Schultz (der Leiter der Städtischen Bauverwaltung) und als Vertreter für Oberbürgermeister Rudolf Stapenhorst der Architekt Bernhard Kramer an. Wilhelm Lamping nahm als Ersatzpreisrichter an der Sitzung teil.
Nach drei „Rundgängen“ eingehenden Prüfens und Beurteilens blieben nur noch acht Arbeiten in der engeren Wahl und schließlich erkannte das Preisgericht der Lösung mit dem Kennwort „Die Neunte“ einstimmig den 1. Preis in Höhe von 10.000 Mark zu. Verfasser war das Düsseldorfer Architektenteam Hans Tietmann und Karl Haake. Die Preisrichter bedachten diesen preisgekrönten Entwurf mit folgender Beurteilung:
In einer Laudatio für diese Architekten und ihre Arbeit, die 1929 in Monografien über zeitgenössische Architekten in der Reihe Neue Werkkunst erschien, sind sehr ähnliche Worte über die Art ihres Gestaltens zu finden:
Das Düsseldorfer Architektenteam hatte im rheinischen Raum durch eine Reihe von Wettbewerbserfolgen einen bekannten Namen. Zu ihren Arbeiten zählten Kirchenbauten, denen man „wohltuende Klarheit und Einfachheit, herbe Strenge und feierliche Wucht“ nachsagte, sowie Villen, Krankenhäuser und Bürobauten in großer Vielseitigkeit, unter anderem das Industriehaus in Düsseldorf, das erste deutsche Bürohochhaus überhaupt.