Die Turangalîla-Sinfonie () ist ein 10-sätziges Musikstück für großes Orchester, Klavier und Ondes Martenot des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908–1992).
Entstehung Messiaen komponierte das Werk in den Jahren 1946 bis 1948 für das Boston Symphony Orchestra, dessen damaliger Leiter Sergei Kussewizki den Auftrag erteilt hatte. Messiaen stellte es in den Mittelpunkt einer Trilogie über die „Tristan-Thematik“ (sinnliche Liebe und Liebestod); die beiden anderen Stücke der Trilogie sind die Vokalwerke Harawi für Sopran und Klavier aus dem Jahre 1945 und Cinq rechants für 12 Solostimmen aus dem Jahre 1949.
Die Partitur wurde 1953 veröffentlicht, 1990 wurde die letzte überarbeitete Fassung herausgegeben.
Name Turangalîla ist ein Wort aus dem Sanskrit und bezeichnet in der Musikenzyklopädie Sangita Ratnakara des indischen Musiktheoretikers Sarangadeva aus dem 13. Jahrhundert ein bestimmtes rhythmisches Muster (ein so genannter deçi tala; siehe dazu auch: Tala). Dieses Muster wird von Messiaen auch im ersten Satz (Ziffer 12) verwendet. Er übersetzte turanga frei mit Tempo (wörtlich übersetzt bedeutet es Pferd i. S. mit der Bedeutung von deutsch: Renner), lîla bedeutet Spiel, Leichtigkeit, Anmut. Sarangadevas rhythmisches Muster wird in den Sätzen III, VII und IX (Turangalîla I, II, III, siehe unten) musikalisch reflektiert.
Aufführungsgeschichte Die Uraufführung fand am 2. Dezember 1949 in Boston durch das Boston Symphony Orchestra unter dem Dirigenten Leonard Bernstein, der den erkrankten Kussewizki vertrat, statt. Die Solisten waren Yvonne Loriod (Klavier) und Ginette Martenot (Ondes Martenot). Die deutsche Erstaufführung fand im Dezember 1951 in Baden-Baden mit dem Großen Orchester des Südwestfunks unter Hans Rosbaud mit den Solisten der Uraufführung statt.
Die Turangalîla-Sinfonie ist eines der Werke der Neuen Musik, die sich auch im Konzertsaal gehalten haben, auch wenn die aufwendige Besetzung, die ungewöhnliche Instrumentation und die lange Spieldauer (ca. 80 min.) aus dem Rahmen üblicher Konzertveranstaltungen fallen und einer häufigen Aufführung entgegenstehen. Auch gibt es inzwischen eine Reihe von Schallplatteneinspielungen mit namhaften Dirigenten (u. a. Ozawa, Salonen, Rattle, Chung, Chailly, Nagano).
Einordnung: Gattung und Form Die Bezeichnung Sinfonie ist bei diesem Werk in einer allgemeinen Bedeutung eines umfangreichen, mehrteiligen Werkes für großes Orchester zu verstehen. Der erste, fünfte, sechste und letzte Satz könnten als Kopfsatz, Scherzo, langsamer Satz (Adagio) und Finalsatz einer klassischen Sinfonie gedeutet werden. Die Turangalîla-Sinfonie unterscheidet sich in formaler Hinsicht stark von Sinfonien der Klassik und Romantik, vor allem durch das Fehlen der für die Sonatenform typischen Verarbeitung der Themen in einer Durchführung. Dafür ist der VIII. Satz „Développement de l’Amour“ als große Durchführung angelegt. Wie auch oft in spätromantischen Sinfonien werden in allen Sätzen wiederkehrende Themen („Zyklische Themen“) verwendet. Der obligate Klavierpart ist sehr anspruchsvoll und enthält zahlreiche Kadenzen, wie sie in Klavierkonzerten vorkommen.
Besetzung 2 Flöten, Piccoloflöte, 2 Oboen, Englischhorn, 2 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten in C, Piccolotrompete in D, Kornett, 3 Posaunen, Tuba, Klaviaturglockenspiel, Celesta, Vibraphon, Röhrenglocken, große Schlaginstrumentengruppe (Triangel, 3 Tempelblöcke, Holzblock, kleines Türkisches Becken, Hängebecken, Chinesisches Becken, Crashbecken, 2 Tamburine, Maracas, Tamtam, Kleine und Große Trommel; insgesamt 10 Perkussionisten) und eine große Streichergruppe, dazu kommen Klavier und Ondes Martenot als Soloinstrumente.
Sätze Die Sätze und ihre Titel:
Französischer OriginaltitelDeutsche ÜbersetzungFranzösische TempoangabenIIntroductionEinleitungmodéré, un peu vifIIChant d’Amour ILiebesgesang Imodéré, lourdIIITurangalîla Ipresque lent, rêveurIVChant d’Amour IILiebesgesang IIbien modéréVJoie du Sang des ÉtoilesFreude des Sternenblutesvif, passionné avec joieVIJardin du Sommeil d’AmourGarten des Schlafes der Liebetrès modéré, très tendreVIITurangalîla IIun peu vif, bien modéreVIIIDéveloppement d’AmourEntfaltung(1) der Liebebien modéréIXTurangalîla IIIbien modéréXFinalFinalemodéré, presque vif, avec une grande joie
(1) Auch als „Durchführung“ übersetzbar, denn dieser Satz stellt die große Durchführung der zyklischen Themen dar.
Aufnahmen Orchestre National de France, Dirigent: Maurice Le Roux Yvonne Loriod, Klavier Jeanne Loriod, Ondes Martenot Künstlerische Leitung : Olivier Messiaen LP Vega (Sammlung Französische Musik) CD-Wiederveröffentlichung Vega Decca Universal 2019 Aufnahme in Paris - 1961
London Symphony Orchestra, Dirigent: André Previn Michel Béroff, Klavier Jeanne Loriod, Ondes Martenot 2 LPs - EMI Classics, 1978 1 CD EMI - Classics, CDM 4 79375 2, 1994 Aufnahme in den Abbey Road Studios in London - vom 11. bis 13. Juli 1977
Orchester der Pariser Nationaloper, Dirigent Myung-Whun Chung Yvonne Loriod, Klavier Jeanne Loriod, Ondes Martenot 1 CD (DDD), Deutsche Grammophon 431 781-2 aufgenommen in Anwesenheit des Komponisten Aufnahme an der Opéra Bastille - Oktober 1990
Concertgebouw-Orchester, Dirigent: Riccardo Chailly Jean-Yves Thibaudet, Klavier Takashi Harada, Ondes Martenot 1 CD (DDD) - Decca 436 626-2, 1993 Aufnahme im Concertgebouw in Amsterdam, März 1992 Auszeichnung : Diapason d'Or 1993
Berliner Philharmoniker, Dirigent: Kent Nagano Pierre-Laurent Aimard, Klavier Dominique Kim, Ondes Martenot 1 CD (DDD) - Teldec Disc WPCS-21206 Aufnahme in Berlin - März 2000
Nationales Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks, Dirigent: Antoni Wit François Weigel, Klavier Thomas Bloch, Ondes Martenot 2 CDs (DDD) - Naxos Disc 8.554478-79, 2000 (HNH International Ltd.) Aufnahme in Katowice - vom 10 bis 14 Dezember 1998 Auszeichnungen : Midem Classical Music Award 2002, Choc (Monde la Musique), Best of the Year (Gramophon)
Kategorie:Sinfonie Kategorie:Werk von Olivier Messiaen Kategorie:Musik 1948