Digitale Poesie ist eine Form des künstlerischen Umgangs mit Sprache, die in Medien wie Computer und Internet realisiert und seit den 1990er Jahren als eigenständige Kunstform wahrgenommen wird. Sie ist ein Bereich der digitalen Literatur.
Der Begriff der digitalen Poesie vereint mehrere unabhängig voneinander entstandene Zweige der computerbasierten Sprachkunst in sich. Dazu zählen sowohl die künstliche Textproduktion als auch Werke interaktiver Medienkunst, Hypertextliteratur, Netzliteratur sowie Arbeiten, die sich vorwiegend mit den Symbolebenen des Computers befassen. Das Konzept der digitalen Poesie besteht in der Auseinandersetzung mit der Sprache innerhalb eines digitalen Mediums. Der Computer wird dabei in der Regel als Werkzeug betrachtet, mittels dessen durch Programmierungen und verschiedenste Gestaltungsmöglichkeiten Sprachkunstwerke erstellt werden können. Der Begriff der digitalen Poesie ist jedoch in ständiger Entwicklung begriffen und nicht scharf einzugrenzen. Der Terminus „Poesie“ leitet sich vom lateinischen „poesis“ ab (ursprünglich griechisch: „poiesis“), was im Allgemeinen für den schöpferischen Prozess des Hervorbringens steht. Darunter muss also nicht Dichtkunst im streng konventionellen Sinne verstanden werden. Der Bestandteil „digital“ rührt von der Funktionsweise des Computers her, dessen Zeichensysteme auf den beiden Ziffern null und eins beruht, und verweist im Besonderen auf das Zeichenhafte, das der Computerkunst eigen ist. Begriffe ähnlicher Bedeutung sind etwa Electronic Poetry, New Media Poetry oder Cyberpoetry.vgl. Block, Friedrich W. / Heibach, Christiane / Wenz, Karin: Ästhetik digitaler Poesie: eine Einführung. In: Block, Friedrich W. u. a. (Hrsg.): p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004
Die digitale Poesie versteht sich als Sprachkunst, welche die Grenzen der herkömmlichen Literatur gesprengt hat. Der entscheidende Unterschied zur traditionellen Literatur besteht darin, dass bei der digitalen Poesie – wie in allen experimentellen Schreibweisen – nicht mehr der Inhalt im Fokus steht, sondern die Sprache als Material. Die digitale Poesie hat nicht in erster Linie den Ausdruck von Gefühlen oder Meinungen zum Ziel, sondern will auf der Basis von bewussten Theorien und Experimenten ästhetische Sprachkunstwerke erschaffen. In diesem Sinne hat man es tatsächlich eher mit einer bildenden, materialen Kunst zu tun als mit Literatur.vgl. Bense, Max / Döhl, Reinhard: Zur Lage (1964) Digitale Poesie in entwickelter Form weist meist medialen Selbstbezug auf, ist prozessual, interaktiv, hypermedial sowie auf Vernetzung beruhend. Deshalb zählt sie zur Medialen Digitalen Kunst. (Siehe ausführlicher unter Strukturbestimmungen von digitaler Sprachkunst).
Geschichte und Entwicklung
Die Entstehungsgeschichte der unterschiedlichen und doch oft zusammenfließenden Strömungen digitaler Poesie ist so unübersichtlich und komplex, dass nur ein oberflächlicher Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit gegeben werden kann.
Erste sprachkünstlerische Arbeiten mit dem Computer entstanden in den 50er und 60er Jahren im Kreis um Max Bense, welcher bereits seit 1950 eine Ästhetik des poetischen Automaten entwickelt hatte. Auf einem Zuse-Großrechner erzeugte Theo Lutz 1959 die ersten künstlichen und stochastischen Texte. Parallel dazu experimentierte Emmett Williams seit 1956 mit seinen Procedural Poems, ohne einen Computer zu benötigen – er ersetzte die Buchstaben des Titels des zu schreibenden Gedichtes durch zufällig ausgewählte Wörter, so dass sich daraus wie durch ein Computerprogramm ein künstlicher Text generierte. In der folgenden Zeit erschienen mehrere Textautomaten wie etwa Jean Baudots La Machine a écrire (1964). Das Hauptaugenmerk dieser Experimente lag auf der ästhetischen Funktion automatisch bzw. künstlich erzeugter Texte. Impulse dazu gab auch die 1960 in Frankreich gegründete Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, Arbeitsgruppe für Potentielle Literatur), beispielsweise mit Raymond Queneaus Arbeit Cent mille milliards de poèmes (1961), welche aus zehn Sonetten mit beliebig kombinierbaren Zeilen bestand. Auch neuere Arbeiten wie Florian Cramers Permutationen (1996) oder Eduardo Kacs biopoetisches Experiment Genesis (1999) sind in dieser Tradition der künstlichen Textproduktion zu sehen.
Ein anderer Ansatzpunkt der digitalen Poesie besteht in den Installationen interaktiver Medienkunst, so etwa Cybernetic Landscapes (1960er) und Legible City (1988–92), in denen sich der Betrachter durch virtuelle Landschaften aus Buchstaben bewegen kann, oder Frank Fietzeks Installation Bodybuilding (1997), welche einem Heimtrainer ähnelt und im Takt der Bewegungen Text ausspuckt. Im Vordergrund dieser Werke stand die Kommunikation zwischen dem Benutzer und dem elektronischen Medium.
Die internationale Verbreitung der digitalen Poesie ging mit dem Entwicklungsschub der neuen elektronischen Technologien in den 80er Jahren einher. Die HyperCard von Apple eröffnete 1987 die Epoche der Hypertext-Verfahren. Durch sie wurden Dateien frei verknüpfbar. Mittels Programmen wie Storyspace wurden bald erste literarische Hypertexte, sogenannte Hyperfictions, geschrieben – Erzählungen, deren Richtung der Leser durch seine Entscheidungen bestimmen kann.
Mit der durch sprachliche Zeichen codierten Symbolebene des Computers befassten sich zum Beispiel die Künstlergruppe Jodi (seit 1994), deren Werke auf den ersten Blick wie ein Systemfehler aussehen, das ASCII-Art-Ensemble (seit 1998) mit seiner Übertragung von Filmen in den ASCII-Code, oder Jaromil, dessen 13 Zeichen umfassende Forkbomb (2002) (s. auch Forkbomb) Unix-Systeme abstürzen lässt. Auf ihre Art verweisen alle Arbeiten auf die für den Durchschnittsbenutzer unsichtbare Funktionsweise des Computers.
Erst seit den 1990er Jahren werden die beschriebenen Strömungen verstärkt als Bestandteile derselben Gattung betrachtet. In diesem Zeitraum sind mehrere Projekte entstanden, die eine einende Funktion einnehmen – so zum Beispiel das Projekt p0es1s, die Internetseite des Electronic Poetry Center, Roberto Simanowskis Online-Journal dichtung digital sowie Drucksachen wie Eduardo Kacs Anthologie New Media Poetry oder ein von den französischen Journalen ALIRE und DOC(K)S gemeinsam herausgegebenes Heft zum Thema.vgl. – Glazier, Loss Pequeño: Introduction. Language as Transmission: Poetry's Electronic Presence. In: Glazier, Loss Pequeño: Digital Poetics. The Making of E-Poetries. Tuscaloosa, London: The University of Alabama Press, 2002; – Block / Heibach / Wenz, op. cit.
Eines der ersten deutschsprachigen Projekte war die Imaginäre Bibliothek von Heiko Idensen und Matthias Krohn, die in ihren Grundzügen schon 1990 für die Ars Electronica in Linz entstand. Eine vernetzte Szene begann sich im deutschen Sprachraum in den Jahren 1994 bis 1996 herauszubilden. Netzliteratur-Pioniere wie Olaf Koch, Sven Stillich, Reinhard Döhl, Johannes Auer, Martina Kieninger, Dirk Schröder, Claudia Klinger und Norman Ohler nutzten das Internet als poetischen Raum.Beat Suter und Michael Böhler: hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur. Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld/Nexus, 1999 Die Webplattform netzliteratur.net, initiiert von Johannes Auer, stellt eine Enzyklopädie des deutschsprachigen Diskurses dar.Florian Hartling:
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach erstellte zwischen 2013 und 2015 im Rahmen eines von der DFG geförderten Projekts einen repräsentativen Korpus deutschsprachiger Netzliteratur.https://wwik-prod.dla-marbach.de/line/index.php/Die_Quellen Die insgesamt 75 Werke bilden die Entwicklung der Netzliteratur im Zeitraum 1989 bis 2011 ab und sind ausführlich im zugehörigen MediaWiki beschrieben. Archivierte Publikationen werden über die Plattform SWBcontent zugänglich gemacht.http://literatur-im-netz.dla-marbach.de/ Einen historischen Rückblick, technische Ergebnisse und Perspektiven für die Forschung zur Netzliteratur bietet der Abschlussband Netzliteratur im Archiv. Erfahrungen und Perspektiven. Jutta Bendt (Hrsg.). Netzliteratur im Archiv. Erfahrungen und Perspektiven. Wallstein Verlag, Göttingen 2017, ISBN 978-3-8353-1999-8
„This is only the beginning“ (Eduardo Kac)Kac, Eduardo: Introduction. In: Kac, Eduardo (Hrsg.): Visible Language, New Media Poetry: Poetic Innovation and New Technologies. Sonderheft Nr.30.2; 1996
Digitale Poesie – Strukturbestimmungen digitaler Sprachkunst
Im Folgenden sollen einige Schlüsselbegriffe der Medienpoesie genannt werden, die in der digitalen Poesie – spezifisch verändert oder auch erweitert – ihre Anwendung finden. Diese Konzepte sind eng miteinander verknüpft, daher findet man sie oft kombiniert oder auch ineinander fließend vor:Vgl. Block, Friedrich W. / Heibach, Christiane / Wenz, Karin: Ästhetik digitaler Poesie: eine Einführung. In: Block, Friedrich W. u. a. (Hrsg.): p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004
Medialer Selbstbezug
Das Konzept des medialen Selbstbezugs bezieht das Medium selbst (in unserem Fall den Computer und dessen Technik) mit ein; das digitale Medium verweist sozusagen auf sich selbst. So werden Strukturen und Prozesse (des Mediums) zum Bestandteil der Kunst und machen die digitale Poesie erst zu dem, was sie ist. Beispielsweise werden Programmierungen, Quellcodes oder Schnittstellen selbstbezüglich inszeniert und Eigenschaften und Besonderheiten der digitalen Medien, wie zum Beispiel Animation, Interaktivität, Hypermedialität, Vernetzung, sowie Hard- und Software präsentiert.Block/Heilbach/Wenz, op. cit. Das Konzept des medialen Selbstbezugs beschreibt das „poetische Interesse am (…) ‚Material’ selbst“.Block/Heilbach/Wenz, op. cit. Als Beispiel wäre die Forkbomb von Jaromil zu nennen. Dieses „poetische Virus“,http://www.p0es1s.net/de/projects/jaromil.html mit dessen Hilfe man durch die Eingabe von 13 Zeichen in die Befehlszeile eines Unix-Systems einen Computer zum Absturz bringen kann, ist ein Projekt, das aktiv auf das Programmieren selbst verweist. Der Mediale Selbstbezug ist ein zwingendes Kriterium der Digitalen Poesie und die wichtigste der Strukturbestimmungen digitaler Sprachkunst. Als zentrale Kategorie zieht sie sich durch alle anderen Konzepte hindurch.
Prozessualität
Der Begriff Prozessualität bezieht sich auf die Dynamik, Bewegung und Animation von Kunstwerken. Prozessualität beschreibt also Kunstwerke, die nicht stagnieren, sondern die erst durch den eigentlichen Prozess vollendet werden und sich erst durch den Umgang mit ihnen realisieren. Die digitale Poesie zeichnet sich durch diese Veränderlich- und Prozesshaftigkeit aus. Im Mittelpunkt stehen die Dynamik von im weitesten Sinne sprachlichen bzw. zeichenhaften Vorgängen und die veränderte ästhetische Erfahrung von Zeit im elektronischen Sprach- bzw. Symbolraum. Die Vollendung des Kunstwerks liegt also meist auch in der Rezipientenaktivität.Vgl. Block/Heilbach/Wenz, op. cit. In jedem Fall ist das Prinzip der Unabgeschlossenheit ein wichtiger Faktor und geht mit der Prozessualität einher. Als Beispiel wären hier u. a. Arbeiten mit Verfallsprozessen zu nennen, zum Beispiel Genesis von Eduardo Kac, bei denen „symbolischen Transformationsprozesse“Block/Heilbach/Wenz, op. cit. verbildlicht werden. Dabei rückt „die Beziehung zwischen dem Wahrnehmbaren“, (Bewegung als Animation, als materielle Bewegung des Textes) „und den diese hervorrufenden Prozesse“ (die strukturelle Bewegung der Rechen- bzw. Symbolisierungsvorgänge)Block/Heilbach/Wenz, op. cit. in den Fokus. Viele Künstler konzentrieren sich dabei nur auf einen der beiden Aspekte, also entweder auf die Animation auf dem Bildschirm oder die Verarbeitung im Computer oder im Netzwerk, viele thematisieren auch genau ihre Differenz.Vgl. Block/Heilbach/Wenz, op. cit. Prozessualität kann entweder auf den Menschen oder die Maschine bezogen sein. Also auf Prozesse „im Kopf“ oder auf maschinelle Prozesse. Auch Interaktivität ist eine Form von Prozessualität.