Skandinavische Literatur auch Nordische LiteraturIm geographischen Sinne umfasst Skandinavien nur die skandinavische Halbinsel; Linguisten und Kulturgeographen zählen auch Dänemark hinzu. Siehe auch den Kommentar der Botschaft von Finnland in Deutschland (2005): Wilhelm Friese Nordische Literaturen im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Kröner, cop. 1971. ist die Literatur in den Sprachen der nordischen Länder. Dazu zählen Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden, die autonomen Gebiete Åland, Färöer und Grönland sowie Sápmi. Die Mehrheit dieser Nationen und des Gebietes sprechen nordgermanische Sprachen.

Die skandinavischen Völker haben eine bedeutende und einflussreiche Literatur hervorgebracht. Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen popularisierte das moderne realistische Drama in Europa, mit Stücken wie Die Wildente und Nora oder ein Puppenheim. Der Literaturnobelpreis wurde Bjørnstjerne Bjørnson, Selma Lagerlöf, Verner von Heidenstam, Karl Adolph Gjellerup, Henrik Pontoppidan, Knut Hamsun, Sigrid Undset, Erik Axel Karlfeldt, Frans Eemil Sillanpää, Johannes V. Jensen, Pär Lagerkvist, Halldór Laxness, Nelly Sachs, Eyvind Johnson, Harry Martinson, Tomas Tranströmer und Jon Fosse verliehen.

Seit den 1990er Jahren ist ein Boom der nordischen Literatur auf dem deutschen Markt zu verzeichnen, beginnend mit Sofies Welt von Jostein Gaarder und Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg. Viele Bestseller aus Dänemark, Island, Norwegen und Schweden folgten – darunter Romane von Jussi Adler-Olsen, Marianne Fredriksson, Arnaldur Indriðason, Jonas Jonasson, Stieg Larsson, Henning Mankell und Jo Nesbø.Elisabeth Böker: Skandinavische Bestseller auf dem deutschen Buchmarkt. Analyse des gegenwärtigen Literaturbooms. Würzburg 2018.

Die skandinavische Literatur des Mittelalters (800 – 1500)

mini|hochkant|Der Stein von Rök trägt die mit 750 Zeichen längste erhaltene Runenschrift Im Mittelalter wurde in Skandinavien erst Urnordisch und seit etwas 800 Altnordisch gesprochen. Die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen Skandinaviens sind Runenschriften auf Gedenksteinen und anderen Gegenständen. Einige von ihnen enthalten Anspielungen an die Nordische Mythologie und kurze Verse in Alliterationsform. Das bekannteste Beispiel ist der kunstvolle Rök Runenstein (ca. 800), ein Totengedenken mit verrätselten Anspielungen an die Legenden aus der Völkerwanderungszeit. Die ältesten Gedichte der Edda siedelt man im 9. Jahrhundert an, obwohl sie erst in Manuskripten des 13. Jahrhunderts erhalten sind. Sie erzählen die Mythen und Heldenepen Skandinaviens. Die Skaldendichtung ist in ähnlicher Form erhalten, die Manuskripte haben die mündlichen Fassungen des 9. Jahrhunderts aufgezeichnet. Formales Merkmal dieser Dichtung ist der achtversige Aufbau einer Strophe zu zwei Hälften im Schema des Stabreims. Die Skaldik weist darüber hinaus aber hohe Ansprüche in Bezug auf die Verwendung einer Vielzahl unterschiedlicher Versmaße und Stilmittel auf wie zum Beispiel die Verwendung von Umschreibungen und Wortbildern (Kenningar, Heiti).

Die Christianisierung seit dem 10. Jahrhundert brachte Skandinavien in Kontakt mit dem europäischen Wissen, einschließlich des lateinischen Alphabets und der lateinischen Sprache. In der Folge lässt sich eine ostnordische, also altdänische, altschwedische und gutnische, von einer westnordischen, also altnorwegischen, altisländischen und altfäröischen Tradition unterscheiden. Die mittelalterlichen Literaturen Dänemarks und Schwedens sind im Wesentlichen kontinental, insbesondere auch nicht christlich, später höfisch geprägt. Sie weisen zahlreiche Ähnlichkeiten etwa mit der deutschen Literatur des Mittelalters auf. Die literarische Überlieferung Norwegens und Islands unterscheidet sich radikal von jener Dänemarks und Schwedens. Hier finden mit Skaldik, Edda und Saga die drei Hauptgattungen, die wegen ihrer ästhetischen Qualität und ihres Umfangs die eigenständige Bedeutung der altnordischen Literatur begründen.Jörg Glauser (Hrsg.): Skandinavische Literaturgeschichte. 2. Aufl. Metzler, Stuttgart 2016, S. 4 f.

Im 12. Jahrhundert wurde das erste umfangreiche Werk Dänemarks in lateinischer Sprache verfasst. Die Gesta Danorum von Saxo Grammaticus behandeln die Geschichte der Dänen. Das 13. Jahrhundert galt als Goldenes Zeitalter der isländischen Literatur mit Snorri Sturlusons Edda und Heimskringla. Snorris Edda enthält im dritten Teil einen für die altnordische Dichtung zentralen Mythos von der Entstehung und dem Raub des Dichtermets aus Speichel der Asen, Blut eines Menschen und Honig. Paradigmatisch werden hier Gewalt und Täuschung als zentrale Themen der vormittelalterlichen altnordischen Überlieferung beschrieben, so wie sie aus christlicher Sicht wahrgenommen und als Themen aufgegriffen wurden.Jörg Glauser (Hrsg.): Skandinavische Literaturgeschichte. 2. Aufl. Metzler, Stuttgart 2016, S. 2. In Schweden entstanden zu Beginn des 14. Jahrhunderts unter kontinentalen Einfluss Übersetzungen von Teilen der Bibel und Ritterromanen.

Reformationszeit (1520 – 1600) Um 1520 erreichte der Humanismus die nordischen Ländern, kurze Zeit später die Reformation. Zwar zerbrach schon 1523 die Kalmarer Union, die die drei nordischen Königreiche vereinigte. Doch wurde Norwegen politisch und kulturell durch die Einführung der Reformation völlig von Dänemark abhängig und verlor durch die Übernahme der Bibel und des Kirchenlieds in dänischer Sprache seine sprachliche Eigenständigkeit, während Island sie behielt. Die Literatur der gesamten Reformationszeit war durch die Publikation religiöser Unterweisungs- und Gebrauchsschriften in hoher Zahl geprägt; die bedeutendsten Leistungen waren jedoch die Bibelübersetzung und das Kirchenlied in der Landessprache (auch der finnischen). Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entwickelt sich unter dem Einfluss des Humanismus und namentlich Philipp Melanchthons auch eine neulateinische Literatur, zunächst in Dänemark, in Schweden etwas später. Der Buchdruck verbreitete sich nur langsam, so dass viele Bücher in Deutschland gedruckt werden mussten.Wilhelm Friese: Von der Reformation zum Barock. In: Fritz Paul (Hrsg.): Grundzüge der neueren skandinavischen Literaturen. Darmstadt 1982, S. 2 ff.

Durch den Einfluss der lateinischen und der deutschen Sprache seit der Reformation ging das Verständnis für die Altnordische Sprache völlig verloren; zugleich wurde aber auch die Entwicklung der Landessprachen seit der Reformation gehemmt, obwohl sich in dieser Zeit das Dänische und das Schwedische auf Grundlage der Bibelübersetzungen zu Schriftsprachen entwickeln konnten. Das Altisländische wurde im 16. Jahrhundert durch dänische und niederdeutsche Einflüsse überformt und verlor zunächst seine Qualitäten. Das Norwegische konnte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Dänischen emanzipieren. Die noch stärker vom Dänischen abweichende westnorwegische Varietät Nynorsk hat sich seit Ende des 20. Jahrhunderts zur Schriftsprache entwickelt.Kurt Braunmüller: Die skandinavischen Sprachen im Überblick. Francke, Tübingen 1991, S. 146–169.

Aufklärung und Romantik Die Ideen der Aufklärung wurden vor allem durch französische, englische und deutsche Schriften nach Skandinavien gebracht oder von durch Europa reisenden Künstlern und Intellektuellen in ihre Heimatländer importiert.Jürg Glauser: Aufklärung (1720–1800). Voraussetzungen und Reaktionen auf die europäische Aufklärung. In: Glauser (Hg.): Skandinavische Literaturgeschichte, 2016, S. 80 ff. Die Aufklärung verlief in Dänemark (zu dem im 18. Jahrhundert auch Schleswig-Holstein mit der Universität Kiel sowie die selbstständige Stadt Altona gehörten) jedoch anders als in Schweden. In Dänemark war der deutsche philosophisch-literarische Einfluss auf die Eliten größer. Der „Klopstock-Kreis“, benannt nach dem deutschen Dichter des Messias, Friedrich Gottlieb Klopstock, der von König Frederik V. ins Land gerufen wurde, prägte für fast 20 Jahre das literarische Leben in Dänemark, wirkte aber auch auf die deutsche Literatur zurück. In Schweden artikulierte sich die Aufklärung vor allem im Bereich der Wissenschaften. Zur Volksbildung trug vor allem die schwedische Druckerfreiheitsverordnung von 1766 zusammen.Jörg-Peter Findeisen: Der aufgeklärte Absolutismus in Schweden und Dänemark. In: Harm Klueting (Hg.): Der aufgeklärte Absolutismus im europäischen Vergleich. Köln, Wien, Weimar 2002, S. 157–180. Die norwegische Aufklärung fand sozusagen in Kopenhagen statt, wo sich die norwegischen Intellektuellen in der literarischen Det Norske Selskab versammelten.Baumgartner 1996, S. 141.

An der Grenze zwischen Romantik, Biedermeier und Realismus ist das Werk des Dänen Hans Christian Andersens angesiedelt. Von etwa 1830 bis 1864 spiegelte sich in den Literaturen Dänemarks, Norwegens und Schwedens eine teils biedermeierlich-realistische (vor allem in Dänemark), teils studentisch-intellektuell geprägte nationalromantische Strömung, der Skandinavismus (Skandinavisme). Letzterer orientierte sich am nordischen Altertum und zielte politisch auf die Vereinigung der drei Reiche, wobei er sich gegen Deutschland und Russland wendete. Diese politische Strömung, die mit dem „kulturellen“ oder „literarischen Skandinavismus“ sowohl liberale als auch konservative Intellektuelle erfasste, verebbte, als Norwegen und Schweden Dänemark 1864 im Krieg gegen Preußen und Österreich im Stich ließen. Sie lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch einmal kurz auf („Neuskandinavismus“), brach aber 1905 nach der Unabhängigkeit Norwegens zusammen; mit einer größeren zeitlichen Verschiebung wurde auch Finnland (mit antirussischer Tendenz) in die Nationalromantik einbezogen.

Durchbruch der Moderne: Realismus und Naturalismus Um 1870 entwickelte sich in Skandinavien ein sozialkritischer Realismus und Naturalismus, der sich vor allem in den Dramen Ibsens und Strindbergs ausdrückte. Zu den intellektuellen Protagonisten dieser Modernisierungsbewegung gehörte der dänische Kritiker Georg Brandes. In Norwegen sind Bjørnstjerne Bjørnson und Henrik Ibsen die wichtigsten Vertreter eines individualistisch-liberalen Realismus; hier werden die ländlichen Verhältnisse in nicht-idealisierender Weise geschildert, aber aufgewertet. Im gewaltigen Werk August Strindbergs spiegeln sich nach der naturalistischen Phase alle geistigen Strömungen Europas. Körper und Geschlecht wurden entdeckt, Erscheinungsformen des Unsichtbaren thematisiert. Erst in den 1880er Jahren erreichten diese Strömungen Finnland, wo sich die romantische Fennomania überholt hatte.Annegret Heitmann: Durchbruch der Moderne, in: Glauser 2016, S. 186 ff.

Um die Jahrhundertwende trug vor allem Knut Hamsun wichtige Impulse zur Entwicklung des psychologischen Romans bei. Auch der Einfluss des russischen Realismus und insbesondere Dostojewskis und Tolstois wurde in dieser Zeit spürbar, z. B. durch den Kreis um Elisabeth Järnefelt in Helsinki oder in den Werken von Ilmari Kianto. Nach der Jahrhundertwende verbreiteten sich ganz Skandinavien neuromantische Tendenzen.

Zwischen den Weltkriegen Zwischen den Weltkriegen führte die gesellschaftliche Demokratisierung zur Entwicklung einer Arbeiterdichtung. In Norwegen traten neben Naturschwärmerei und Heimatliteratur (Hauptvertreter: Trygve Emanuel Gulbranssen) gesellschaftskritische und existenzielle Problematiken berührende Arbeiten, in Dänemark folgte auf den Expressionismus eine Phase der Desillusionierung.Sven Hakon Rossel: Skandinavische Literatur 1870–1970. Stuttgart 1973, S. 115–171.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Hochmoderne und Postmoderne