mini|Unterschrift von Hans Robert Jauss, Briefkarte an den Freiburger Pathologen Walter Sandritter, 1972

Hans Robert Jauß, auch Hansrobert, Hans-Robert, bzw. JaussZu den verschiedenen Formen des Vor- und Nachnamens s. Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Konstanz University Press, Konstanz 2016, ISBN 978-3-86253-082-3, S. 288 Anm. 1 und Ottmar Ette: Der Fall Jauss. Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2016, ISBN 978-3-86599-327-4, S. 38 Anm. 13 mit dem Hinweis, dass Hans Robert Jauß selbst immer mit „Jauss“ unterschrieb. (* 12. Dezember 1921 in Göppingen; † 1. März 1997 in Konstanz) war ein deutscher Romanist und Literaturwissenschaftler.

Schwerpunkte der Forschungen von Hans Robert Jauß waren die mittelalterliche und moderne französische Literatur, die Gattungstheorie, Historik und Ästhetik. Er war sowohl Mitbegründer des Werkes Grundriß der romanischen Literaturen des Mittelalters als auch der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik (1963). Als einer der Begründer der Rezeptionsästhetik war er Vertreter der Konstanzer Schule der Literaturwissenschaft. 1980 wurde Jauß Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Als Gastprofessor wirkte er in Zürich, Berlin, New York, Yale, Paris, Leuven, Berkeley, Los Angeles, Princeton und Madison.

Die NS-Belastung von Jauss als Offizier in der Waffen-SS, seine von ihm bestrittene Verstrickung in Kriegsverbrechen sowie sein Verhalten nach deren Bekanntwerden, waren Anlass für eine international geführte Diskussion.

Leben Familie und Jugend Hans Robert Jauß war der älteste von drei Söhnen von Robert Jauß und seiner Frau Marianne, geborene Bührlen. Der Vater, bäuerlicher Herkunft, war als Volksschullehrer in Wangen (bei Göppingen) tätig, die Mutter, Tochter eines Mittelschullehrers, war ausgebildete Kindergärtnerin. Die protestantischen Familien der Eltern waren seit langem in Württemberg ansässig. Der Vater trat bereits am 1. Januar 1933 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei, 1940 der NSDAP. Die Mutter wurde 1934 Mitglied der NS-Frauenschaft und schloss sich den Deutschen Christen an. Später traten beide aus der Kirche aus und bezeichneten sich nun als „gottgläubig“, wie auch Hans Robert Jauß selbst 1941. Der Militärhistoriker Jens Westemeier urteilt: „Auch wenn die Eltern sich nicht in der Partei exponierten, so ist an der frühzeitigen und freiwilligen Zugehörigkeit zum NSLB und zur NS‐Frauenschaft nicht nur Opportunismus, sondern Sympathie für den Nationalsozialismus abzulesen.“Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Wissenschaftliche Dokumentation. Konstanz 2015, S. 11, siehe: (PDF); dort auch die vorausgehenden Angaben.

Jauß trat nach dem Besuch der Volksschule in Wangen im Schuljahr 1932/33 in die 1. Klasse (mit Latein als 1. Fremdsprache) des Gymnasiums in Esslingen am Neckar (das heutige Georgii-Gymnasium) ein und wechselte am 31. Oktober 1934 aus der 3. Klasse an das neusprachlich ausgerichtete Reformrealgymnasium Geislingen,Es war die Vorgängerschule des heutigen Helfenstein-Gymnasiums in Geislingen. (Auskunft der Stadtverwaltung Geislingen vom 18. Juli 2017). das auf acht Jahrgangsstufen verkürzt war und 1938 in Oberschule für Jungen umbenannt wurde. Das Lehrerkollegium bestand zu einem großen Teil aus Mitgliedern der NSDAP. Der Religionsunterricht war durch das Fach Weltanschauung ersetzt worden und fügte sich ins nationalsozialistische Erziehungskonzept mit Themen wie Rasse, Nation, Volksgemeinschaft, Judentum, Versailler Diktat, Kriegsschuld und Kommunismus.Die musische Begabung des Gymnasiasten Jauss, der zu den Klassenbesten gehörte, wurde vom Elternhaus durch privaten Musikunterricht gefördert, das Interesse für klassische Musik im Schulorchester und im gemeinsamen häuslichen Musizieren am Klavier und an der Violine mit seinem Bruder gepflegt. Dazu kam eine frühe Neigung für Philosophie, Literatur und Sprachen, die sich in dem jugendlichen Berufswunsch äußerte, einmal Professor für Kulturgeschichte zu werden.s. Dokumentation Westemeier (2015) Seite 25.

Im Jungvolk der Hitlerjugend, in die er am 20. April 1934 mit zwölf Jahren aufgenommen wurde, stieg er bis zum Oberjungzugführer auf.

Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete sich Jauß freiwillig zur SS-Verfügungstruppe und wurde dort am 23. Oktober 1939 als SS-Anwärter aufgenommen (SS-Nummer 401.359); an diesem Tag trat er seinen Dienst im SS-Ersatzbataillon „Deutschland“ in München an. Ohne AbiturprüfungDie regulären Abiturprüfungen sollten erst im Frühjahr 1940 stattfinden. erhielt er am 22. Oktober 1939 das Reifezeugnis (Gesamtnote: gut), da ihm „auf Grund der nachgewiesenen Einberufung zum Heeresdienst … die Reife zuerkannt“ wurde.Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Wissenschaftliche Dokumentation. Konstanz 2015, siehe: (PDF), WS. 16–26; Zitat, S. 26.

In der SS-Verfügungsdivision, inzwischen Teil der Waffen-SS, zu der das Regiment gehörte, nahm Jauß in den Niederlanden, Belgien und Frankreich am Krieg im Westen teil, zunächst als einfacher SS-Schütze, später als SS-Sturmmann. Danach absolvierte er von 1. März bis 31. Mai 1941 erfolgreich einen Reserve-Führer-Anwärter-Lehrgang (RFA) an der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell (USR) und wurde zunächst, nach bestandener Zwischenprüfung, zum SS-Unterscharführer, danach, zum Ende des Lehrgangs, zum SS-Oberscharführer und Führer-Anwärter befördert. Die Fragen der schriftlichen Abschlussprüfung im Fach „Weltanschauliche Erziehung“ sind erhalten; die Lehrgangsteilnehmer hatten unter anderem die Frage zu beantworten, ob sich „die Zugehörigkeit zur SS mit der Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft verbinden“ lasse.Vgl. grundlegend: Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die weltanschauliche Schulung in der SS 1933–1945. Paderborn, Verlag Ferdinand Schöningh 2014; zur Ausbildung an der USR im Speziellen vgl. Markus Wolter: Radolfzell im Nationalsozialismus – Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 129, Ostfildern, Thorbecke 2011, S. 267 f., dort auch die Prüfungsfragen des RFA-Lehrgangs 1941 (Digitalisat) Westemeier vermutet, dass Jauß’ Kirchenaustritt 1941 damit im Zusammenhang stand.Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Wissenschaftliche Dokumentation. Konstanz 2015, S. 38ff., siehe: (PDF). Die Prüfungsfragen lauteten im Einzelnen: „1. Was bedeutet Großgermanisches Reich? 2. Weshalb zerfiel das 2. Reich? 3. Aus welchen Rassen setzt sich das deutsche Volk zusammen? 4. Lässt sich die Zugehörigkeit zur SS mit der Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft verbinden?“; vgl. ebd., S. 38. Der Lehrgang fand in einer Zeit statt, als auf dem SS-Kasernenareal das Dachauer KZ-Außenkommando Radolfzell zum Bau eines Schießstandes der USR eingerichtet wurde. Am 19. Mai 1941 traf das erste Kontingent von etwa 120 KZ-Häftlingen aus Dachau ein und wurde in den zwei ehemaligen Pferdeställen der SS-Kaserne untergebracht, in unmittelbarer Nähe des Mannschaftsgebäudes, in dem die Lehrgangsteilnehmer einquartiert waren.Markus Wolter: Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. Stadler, Konstanz 2017, ISBN 978-3-7977-0723-9, S. 268–303, hier das Kapitel Dachau in Radolfzell – Das KZ-Außenkommando 1941–1945. S. 288 ff.; digitaler Sonderdruck (PDF) unter: www.radolfzell.de.

Zum 1. Juni 1941 wurde Jauß zum SS-Totenkopf‐Infanterie‐Ersatz‐Bataillon II nach Prag versetzt und einige Wochen später zur Freiwilligen Legion „Nederland“ kommandiert, die auf dem SS-Truppenübungsplatz Heidelager bei Dębica im Generalgouvernement (Polen) aufgestellt wurde. Dort führte er einen Granatwerfer-Zug und erhielt, nachdem er sich nach Ansicht seiner Vorgesetzten bewährt hatte, den Rang eines Untersturmführers. Damit gehörte er dem SS-Führerkorps an. Im Januar 1942 wurde die Legion zur „Wiederauffüllung“ der 2. Infanterie-Brigade (mot.) der Waffen-SS in den Einsatzraum zwischen Nowgorod und Leningrad in Marsch gesetzt. Jauß nahm als Zugführer an Kämpfen zur Errichtung und Aufrechterhaltung der Belagerung von Leningrad teil. Am 1. August 1942 wurde er Führer einer Maschinengewehr-Kompanie, also Vorgesetzter von mehr als hundert Mann. Die Waffen-SS-Brigade, zu der Jauß in dieser Zeit gehörte, unterstand dem Kommandostab Reichsführer SS, nicht der Wehrmacht. Sie war ausdrücklich nicht für den Fronteinsatz aufgestellt, sondern für „Aufgaben im Befehlsbereich der Höheren SS- und Polizeiführer“, nämlich zur Bekämpfung und Vernichtung des Widerstands gegen die deutsche Okkupation („Bandenbekämpfung“), wurde aber dennoch zeitweise direkt an der Front eingesetzt.Jürgen Kilian, Wehrmacht und Besatzungsherrschaft im Russischen Nordwesten 1941–1944. Praxis und Alltag im Militärverwaltunggebiet der Heeresgruppe Nord, Paderborn/München/Wien/Zürich 2012, S. 159f. Sie war u. a. verantwortlich für die Erschießung von KriegsgefangenenJeff Rutherford: Combat and Genocide on the Eastern Front. The German Infantry’s War, 1941–1944. Cambridge 2014, S. 237. und beteiligt an sogenannten Aktionen der Partisanen- und BandenbekämpfungTerje Emberland, Matthew Kott: Himmlers Norge, Nordmenn i den storgermanske Prosjekt, Oslo 2012. sowie Verbrechen an Zivilpersonen.Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Wissenschaftliche Dokumentation. Konstanz 2015, siehe: (PDF), S. 50.

Am 3. November 1942 stellte Jauß einen Antrag auf „Studienurlaub“, um ein Philosophiestudium an der Reichsuniversität Straßburg beginnen zu können, der jedoch wegen „dringender truppendienstlicher Bedenken“ abgelehnt wurde.Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Konstanz University Press, Konstanz 2016, ISBN 978-3-86253-082-3, S. 87–88.

Im März 1943 wurde die Legion aus der 2. SS-Brigade herausgezogen und aufgelöst; aus ihren Resten und anderen SS-Truppen entstand das SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Regiment Nr. 48 „General Seyffardt“. Als Kompanieführer in diesem Regiment nahm Jauß Ende Oktober und Anfang November 1943 an sogenannten „Befriedungsaktionen“ („Bandenkampf“) in Kroatien teil. Die SS‐Panzergrenadier-Brigade Nederland, der das Regiment und Jauß’ Kompanie unterstanden, beging dabei Kriegsverbrechen wie Vertreibung, Plünderungen, Brandschatzungen, Morden und Geiselnahme. Westemeier hält es für ausgeschlossen, dass Jauß als Kompanieführer von diesen Verbrechen keine Kenntnis hatte. Eine persönliche Beteiligung von Jauß an den Verbrechen konnte ihm zufolge nicht nachgewiesen werden, als Kompaniechef trug er aber Mitverantwortung für die Taten seiner Einheit. Jauß besaß das Vertrauen seiner SS-Vorgesetzten und hatte sich nach deren Auffassung in der vorausgegangenen „Bandenbekämpfung“ bewährt.

Nachdem Jauß am 27. Juni 1943 einen Immatrikulationsantrag an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin gestellt hatte, wurde er am 31. Juli 1943 für das Fach Geschichte immatrikuliert, hat aber wegen einer gleichzeitig erfolgten Beurlaubung das Studium nicht begonnen.

Am 9. November 1943 – dem NS-Gedenktag für die „Blutzeugen der Bewegung“ – wurde er zum SS‐Obersturmführer befördert.Alle Angaben in diesem Abschnitt nach: Jens Westemeier: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Konstanz University Press, Konstanz 2016, ISBN 978-3-86253-082-3, S. 68ff. Im Dezember 1943/Januar 1944 wurde das Regiment General Seyffardt mit Jauß’ Kompanie wieder in den Raum Leningrad an die Narva verlegt.