Werner Viktor Maser (* 12. Juli 1922 in Paradeningken/Ostpreußen; † 5. April 2007 in Speyer) war ein deutscher geschichtsrevisionistischer Historiker, Publizist und Hochschullehrer.
Leben Familie und Ausbildung Werner Maser wurde als Sohn des Landwirts und Pferdezüchters Gustav Maser und dessen Frau Auguste, geb. Siebert, in Paradeningken (Landkreis Insterburg) in Ostpreußen geboren. Nach dem Abitur an der Hindenburg-Oberrealschule Königsberg im März 1941 diente er als Infanterie-Offizier im Zweiten Weltkrieg und war nach dem Krieg im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert.Werner K. Lahmann: Warten ohne Wiedersehen. BVT, Überlingen 2001. Er studierte seit 1949 in Berlin, München und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Theologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Pädagogik und Germanistik. Ab 1950 arbeitete Maser als wissenschaftlicher Assistent bei Ernst Niekisch an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Im Oktober 1955 wurde er in Erlangen mit der Arbeit Die Organisierung der Führerlegende bei Anton Ernstberger zum Dr. phil. promoviert.
Maser lebte zuletzt mit seiner zweiten Frau in Speyer, wo er am 5. April 2007 starb. Das Paar hatte drei Kinder.
Berufliche Tätigkeiten Von 1955 bis 1957 war Maser als Lexikon-Redakteur in Frankfurt am Main tätig, von 1957 bis 1960 als Zeitschriften-Schriftleiter in Bochum, Leverkusen und Mannheim. Später wurde er Lehrbeauftragter an der Hochschule für Politik München, an der er bis 1975 Geschichte und Völkerrecht lehrte. Außerdem hatte er Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten, Japan und Finnland inne. Von 1991 bis zu seiner Emeritierung 1993 übernahm er die Vertretung des Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.Martin Nissen: Historische Sachbücher – historische Fachbücher: Der Fall Werner Maser. In: Barbara Korte, Sylvia Paletschek: History Goes Pop: Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Transcript, Bielefeld 2009, ISBN 3-8376-1107-8, S. 108
Historiker zur NS-Zeit Maser widmete seine Arbeit als Historiker vor allem der Zeit des Nationalsozialismus und Adolf Hitler. Dazu schrieb er:
Dokumentenfunde Maser erhielt 1951 Zugang zum Hauptarchiv der NSDAP und konnte dieses als erster westdeutscher Historiker auswerten. Er fand und erhielt weitere Dokumente zu Hitler, darunter die bis dahin als verloren geltenden Krankenberichte seiner Ärzte. Diese Funde nutzte er für seine Dissertation (1954), für seine Frühgeschichte der NSDAP (1965) und seine kommentierte Ausgabe von Auszügen aus Hitlers Mein Kampf (1966). Einige Verwandte Hitlers setzten Maser zum „Nachlassverwalter“ für dessen Erbe ein.Martin Nissen: Historische Sachbücher – historische Fachbücher: Der Fall Werner Maser. In: Barbara Korte, Sylvia Paletschek: History Goes Pop: Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. 2009, S. 110.
Im Jahr 1981 erklärte er der Zeitschrift Der Stern auf Anfrage, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass Hitler je Tagebuch geführt habe. Er übertrug dem Stern-Reporter Gerd Heidemann für 20.000 DM vertraglich alle Rechte an der Veröffentlichung von Dokumenten Hitlers, die Heidemann besaß. Konrad Kujau übernahm Masers Thesen, Jean-Marie Loret sei ein unehelicher Sohn Hitlers und Hitler habe eine Oper komponiert, 1981 in die von ihm gefälschten Hitler-Tagebücher. Nachdem der Stern die Tagebücher 1983 veröffentlicht hatte, erklärte Maser, man habe ihm diese schon 1976 angeboten, doch er habe sie sofort als Fälschung aus der DDR erkannt und zurückgewiesen.Günther Picker: Der Fall Kujau: Chronik eines Fälschungsskandals. Ullstein, 1992, ISBN 3-548-34993-5, S. 73 ff.
Werke zu Adolf Hitler Masers Buch Adolf Hitler: Legende – Mythos – Wirklichkeit (1971) erreichte bis 2001 18 Auflagen, wurde in 22 Sprachen übersetzt und gilt daher als sein erfolgreichstes Werk. Darin wandte sich Maser gegen „Legendenbildungen“ über Hitler und dessen Darstellung als Psychopath (siehe Psychopathographie Adolf Hitlers).Werner Maser: Adolf Hitler. Bechtle, 1971, S. 13. Er behauptete, der französische Eisenbahnarbeiter Jean-Marie Loret sei ein leiblicher Sohn Hitlers, den dieser während seiner Meldegängerzeit im Ersten Weltkrieg gezeugt habe.Werner Maser: Adolf Hitler. Bechtle, 1971, S. 622–624; Werner Maser: Adolf Hitler: Vater eines Sohnes. In: Zeitgeschichte, 5, 1977–1978, S. 173–202; Werner Maser: Hitler-Forschung im Detail. Der Fall des Jean Loret. In: Guido Knopp (Hrsg.): Hitler heute: Gespräche über ein deutsches Trauma. Pattloch, 1979, ISBN 3-557-60009-2, S. 110–124. Dies wurde zunächst als Sensation breit diskutiert,Beispiel: dann jedoch von den meisten Fachhistorikern zurückgewiesen.Anton Joachimsthaler: Korrektur einer Biographie. Adolf Hitler, 1908–1920. München 1989, S. 162 ff.; Ian Kershaw: Hitler, 1889–1936. 4. Aufl. Deutsche Verlags-Anstalt, 1998, ISBN 3-7632-4881-1, Fn. 116 zu Kapitel 3.
Manche Historiker kritisierten Masers Vorgehen, sich auf kleinere „Legenden“ zu konzentrieren, als absichtliche oder unabsichtliche Wiederbelebung des Führermythos.Hans W. Gatzke in: The American Historical Review, Band 79, Nr. 4 (Okt. 1974), S. 1205 f. Der Kulturwissenschaftler Matthias N. Lorenz bezeichnete das Buch als „reichlich wirre“ Biografie eines „Amateurhistorikers“.Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld 2007, S. 221. Den Holocaust und andere NS-Verbrechen erwähnte Maser kaum. Emil Fackenheim warf ihm vor, sich mit Randdetails des Nationalsozialismus und des Holocausts zu beschäftigen, um den „Horror des Ganzen“ zu mildern oder gar zu vermeiden.Emil L. Fackenheim: The Nazi Holocaust as a Persistent Trauma for the Non-Jewish Mind. In: Journal of the History of Ideas, Band 36, Nr. 2 (Apr.–Jun., 1975), S. 369–376.
Mit seinem Buch Hitler. Das Ende der Führer-Legende von 1980 beanspruchte Maser, einen Mangel der bisherigen Hitlerforschung zu beheben: Sie habe sich zu wenig um die „Untersuchung und Analyse seiner Mentalität, Entschlüsse und Entscheidungen zu treffen und Führungs- und Regierungsmaßnahmen zu veranlassen“ gekümmert. Dazu vertrat Maser eine auch gegenüber seiner Hitlerbiografie neue These: Hitlers Politik sei von seiner gravierenden „Festlegungs- und Entscheidungsscheu“ bestimmt worden. Das erfordere ein völlig neues Hitlerbild der Forschung.Martin Nissen: „Wir, die Historiker und Biographen“: Zur Gattungspoetik des historischen Sachbuchs (1945–2000). (PDF, 53 kB). In: Andy Hahnemann und David Oels (Hrsg.): Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert. Peter Lang, Frankfurt a. M. 2008, S. 39–50, hier S. 48.
Masers Spätwerk Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin (2004) stieß auf Ablehnung bei Fachhistorikern. Siegfried Schwarz kritisierte es als „Sammelsurium zahlreicher, unzusammenhängender Einzelbetrachtungen zu Details und Episoden in Hitlers Leben …, die fast allesamt nicht den Kern der nazistischen Gewaltpolitik und ihre fatalen Folgen für Deutschland und Europa betreffen“. Er warf ihm eine groteske „Verzerrung der Gewichte von Wesentlichem und Unwesentlichem“, eine „Relativierung nazistischer Untaten“ gegen den Forschungsstand und die „Verschleierung des verbrecherischen Wesens der Hitler-Herrschaft“ vor: So habe Maser sich „weitschweifig“ mit Hitlers Gesundheitsproblemen befasst, aber verschwiegen, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg systematisch vorbereitete und auslöste. Stattdessen habe Maser die britischen Luftangriffe auf das Ruhrgebiet (Mai 1940) als Beginn eines geplanten Vernichtungsfeldzugs dargestellt, Hitlers Verantwortung für die Morde beim angeblichen Röhm-Putsch bestritten, die deutschen Konzentrationslager als britische Erfindung relativiert, den deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Präventivkrieg dargestellt und detailliert „maßlose Übertreibungen der Feindpropaganda … über Auschwitz und das später errichtete KZ-Lager Birkenau“ erläutert, ohne Hitlers Vernichtungspolitik an den europäischen Juden zu thematisieren.Siegfried Schwarz: Rezension zu: Maser, Werner: Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin. München 2004, H-Soz-u-Kult, 10. Juli 2004.
Zum Nürnberger Prozess In dem Buch Nürnberg. Das Tribunal der Sieger (1977) beschrieb Maser den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes als völkerrechtswidrige „Siegerjustiz“ der Alliierten, verwies auf deren Kriegsverbrechen und stellte sie mit NS-Verbrechen wie dem Holocaust gleich. Die Siegermächte hätten ihre eigenen Verbrechen verschwiegen oder verkleinert, um mehr Reparationen von der Bundesrepublik fordern zu können.Martin Nissen: Historische Sachbücher – historische Fachbücher: Der Fall Werner Maser. In: Barbara Korte, Sylvia Paletschek: History Goes Pop: Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. 2009, S. 114f.
Der Zeitschrift Der Spiegel (1977) zufolge beschrieb Maser den Nürnberger Prozess aus Sicht der Angeklagten. Er habe aber die chaotische Prozessvorbereitung zutreffend beschrieben und mit neuen Dokumentenfunden einen Verfahrenstrick der Westalliierten aufgedeckt: Diese hätten 1944 Militärstrafgesetze zu Befehlsverweigerung in ihren eigenen Armeen gemildert, um die erwartete deutsche Verteidigung mit dem Befehlsnotstand vorab zu entkräften.
Einige Angaben in Masers Buch stellten sich als falsch heraus: Albert Speer habe ein „geheimes Abkommen“ mit dem amerikanischen Hauptanklagevertreter beim Internationalen Militärtribunal Justice, Robert H. Jackson, geschlossen; das bewiesen dessen Unterlagen. Nachforschungen bei Albert Speer und Jacksons Sohn erbrachten keine Dokumentfunde, die Masers Behauptung stützten.Gitta Sereny: Albert Speer. His Battle with Truth. Picador, London 1995, ISBN 0-330-34697-0, S. 583. Maser wurde von Eugene Davidson nachgewiesen, dass Josef Stalin selbst das Massaker von Katyn befohlen hatte und ihm untergebene Lagerkommandanten seinen Befehl nicht fehldeuteten, als sie die Gefangenen ihrer Lager zur Ermordung überstellten. Maser habe auch Joachim von Ribbentrops Rolle falsch wiedergegeben.Eugene Davidson in: The Review of Politics. Band 42, Nr. 1 (Jan., 1980), S. 109.
In der Neuausgabe von 2005 bekräftigte Maser die Hauptthesen des Buchs, so auch in einem ausführlichen Interview mit der National-Zeitung. Das Werk fand ab da nur noch im rechtsextremen Spektrum Zustimmung.Martin Nissen: Historische Sachbücher – historische Fachbücher: Der Fall Werner Maser. In: Barbara Korte, Sylvia Paletschek: History Goes Pop: Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. 2009, S. 115
Präventivkriegsthese In seinem Buch Der Wortbruch (1994) behandelte Maser die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 („Unternehmen Barbarossa“). Er behauptete: Trotz eines erwarteten künftigen Zusammenpralls ihrer Staaten und Ideologien habe Hitler vor und nach dem Überfall auf Polen 1939 Verständigung mit Stalin gesucht. Dieser dagegen habe damals schon einen Krieg gegen Deutschland als Schritt zur Weltherrschaft geplant. Hitler sei Stalin mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt im August 1939 weit entgegengekommen, doch dessen Außenminister Molotow habe Hitler mit unannehmbaren Forderungen zum Krieg herausgefordert. Der Große Terror (1937–1939) und der Finnlandkrieg (1940) hätten die Rote Armee nicht wesentlich geschwächt. Weil Winston Churchill Hitlers Abrüstungsforderung im Sommer 1940 zurückgewiesen habe, habe dieser den sowjetischen Expansionsdrang fürchten müssen. Stalins geplantem Angriff sei Hitler am 22. Juni 1941 gerade noch rechtzeitig zuvorgekommen. Dessen Angriffsabsicht belegten Aussagen sowjetischer Kriegsgefangener. Erst im Kriegsverlauf habe sich die Rassenideologie entfaltet und mörderisch ausgewirkt.