Der Kreis Neuhaus am Rennweg, kurz Kreis Neuhaus/Rwg., umgangssprachlich verkürzt Kreis Neuhaus war ein Landkreis im Bezirk Suhl der DDR. Von 1990 bis 1994 bestand er als Landkreis Neuhaus am Rennweg, kurz Landkreis Neuhaus a. R., im Land Thüringen fort, dann wurde er aufgelöst. Sein Gebiet liegt heute in den Landkreisen Sonneberg und Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen. Die Kreisstadt war Neuhaus am Rennweg. Sie liegt in 830 Metern Höhe und war somit die höchstgelegene Kreisstadt Deutschlands.
Geographie Lage Topographisch Das Kreisgebiet lag in der Kammregion des (Hohen) Thüringer Schiefergebirges entlang des Rennsteigs, im oberen Schwarzatal und der Gräfenthaler Umgebung. Der Kreis Neuhaus/Rwg. war durchgehend vom Mittelgebirgsrelief bestimmt und abgesehen von den Ortslagen und einigen ortsnahen, großteils brachliegenden Ackerterrassen nahezu vollständig bewaldet. Der höchste Punkt des Kreises, der Große Farmdenkopf, ist mit der höchste Gipfel des Thüringer Schiefergebirges und heute Speicherbecken des Pumpspeicherwerkes Goldisthal. Die Berggipfel Kieferle (867 m ü. NN) und Bleßberg (865 m ü. NN) sind fast gleich hoch. Der niedrigste Punkt des Kreises am Blechhammer an der Schwarza bei Unterweißbach im Norden des Kreisgebietes weist immer noch eine Höhe von 323 m ü. NN auf, der Talgrund der Zopte am Ortsausgang von Gräfenthal am Ostrand des Kreises liegt noch ca. 30 m und der südlichste Punkt des Kreises an der Mündung der Göritz in die Steinach etwas mehr als 200 m höher. Der westlichste Punkt des Kreisgebietes an der Hohen Heide liegt 832 m ü. NN hoch und heute an der Grenze der Landkreise Sonneberg und Hildburghausen.
Historisch mini|Schloss Wespenstein in Gräfenthal
In den ursprünglichen Wäldern des kleinen Kreisgebietes trafen sich die Grenzen verschiedener Länder und Herrschaften. Die nördlich des alten Grenzwegs Rennsteig gelegenen heutigen Ortsteile der Kreisstadt Neuhaus am Rennweg Schmalenbuche und Neuhaus, die Gemeinden im Schwarzatal, auf der „Raanz“ und im Lichtetal um Oberweißbach waren Teil der Oberherrschaft des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt im Amt Schwarzburg, bzw. bildeten ab 1832 das Amt Oberweißbach. Die damalige Gemeinde Lauscha, der „südliche“ Neuhäuser Ortsteil Igelshieb, die Wüstung Glücksthal und die Gemeinde Steinheid waren Gemarkungen des ernestinischen Herzogtums Sachsen-Coburg, genauer des Meininger Oberlandes. Ernstthal, Spechtsbrunn, die Gemeinden an der Piesau, am Rand der Saalfelder Höhe und um den alten gräflich-orlamünder Herrschafts- und Amtssitz Gräfenthal gehörten der Herrschaft Pappenheim bzw. ab 1680 dem Herzogtum Sachsen-Saalfeld an. Sachsen-Coburg-Saalfeld wurde 1826 ohne Coburg mit dem Meininger Oberland im Herzogtum Sachsen-Meiningen vereinigt. Das Amt Gräfenthal blieb jedoch in seinen Grenzen bestehen, die Gemeinden des Oberlandes blieben dem Amt Sonneberg zugehörig. Siegmundsburg gehörte bis zum Verkauf an Sachsen-Meiningen 1772 der Herrschaft Schaumberg und damit mittelbar dem Amt Schalkau, Gericht Rauenstein, an.
mini|hochkant|links|Grenzstein mini|Historische Olitätenetiketten mini|Lauschaer Kunstaugen, 1835
Durch das Kreisgebiet zog sich die Grenzlinie zwischen dem ostthüringisch-mitteldeutschen und dem südthüringisch-fränkischen Kulturraum. Die Besiedlung der gesamten Region erfolgte etwa zeitgleich in der Phase des Frühkapitalismus. Die Siedlungen entstanden aus Hammerwerken, Glas- und Eisenhütten und im Zusammenhang mit frühem Bergbau, Holzwirtschaft und Olitätenhandel. Dabei entwickelten sich früh kleinräumige Kooperationen und Geschäftsbeziehungen über die damaligen Ländergrenzen hinweg. Die geologischen Aufschlüsse der Bergleute um Steinheid und Schmiedefeld wurden von den Lauschaer Glasmachern genutzt, deren Erfindungen wiederum den Olitätenhandel beflügelten und die Porzellanindustrie etablierten. Von der beginnenden Industrialisierung profitierten Fuhrleute und verschiedene Gewerke, wie Holzfäller, Köhler, Zimmerleute etc. Zollschranken und mannigfaltige Einschränkungen gegenüber den Ausländern behinderten die wirtschaftliche Entwicklung. Andererseits konzessionierten die konkurrierenden Fürsten die entstehenden Wirtschaftszweige jeweils gleich mehrfach. Daraus entstand eine relativ gleichmäßige Verteilung mittelständischer Unternehmen auf die Ortschaften der Region, im 19. Jahrhundert ergänzt durch die Kleinstunternehmen der Heimindustrie. Die durchschnittlichen Familieneinkommen waren jedoch vergleichsweise gering, die Möglichkeiten deren Ergänzung durch Kleinlandwirtschaft aufgrund der klimatischen Bedingungen auf geringe Nutztierhaltung, wie Hühner, Kaninchen und Ziegen, beschränkt. Diese gemeinsamen Lebensumstände brachten eher eine kulturelle Zusammengehörigkeit hervor.
Dementgegen blieb die Dialektgrenze bestehen. In den Gemeinden nördlich des Rennsteigs und im alten Amt Gräfenthal werden südostthüringische Dorfdialekte mit von Ortschaft zu Ortschaft differenzierendem fränkischen Einschlag gesprochen, im Schwarzatal um Katzhütte ein südostthüringisch gefärbtes Ilmthüringisch. Im Raum Siegmundsburg-Steinheid wird das mainfränkische Itzgründische gesprochen. In Lauscha wird ein mainfränkischer Ortsdialekt gesprochen, in Ernstthal eine von diesem abstammende Variation mit südostthüringischer Färbung, ein Dialektkontinuum, das im Raum Spechtsbrunn-Piesau im Südostthüringischem und im Raum Limbach-Scheibe-Alsbach-Goldisthal im Ilmthüringischen ausläuft. Eine Lauschner Tochtermundart bildet auch das Grundsubstrat des Neuhäuser Dialektes, des Herrnhäuser, das durch den starken Zuzug in die entstehende Kreisstadt insbesondere von Arbeitskräften für das Röhrenwerk aus dem weiten Umkreis und von Spezialisten aus den Ballungszentren im 20. Jahrhundert allmählich überformt wurde.
Wichtige Gemeinden Die einwohnerstärksten Gemeinden waren die Kreisstadt Neuhaus/Rwg. sowie die Städte Lauscha, Gräfenthal und Oberweißbach (Reihenfolge nach Einwohnern).
Nachbarkreise Der Kreis Neuhaus/Rwg. grenzte im Uhrzeigersinn im Nordosten beginnend an die (Land-)Kreise Rudolstadt, Saalfeld (beide Bezirk Gera), Kronach (Bayern), Sonneberg, Hildburghausen und Ilmenau (Bezirk Suhl).
Geschichte mini|Ehemaliges Verwaltungsgebäude des Rates des Kreises Neuhaus am Rennweg, erbaut 1958–1961 (2011) mini|Ehemalige SED-Kreisleitung, erbaut 1974–1976 mit einem Glasbild von Volkhard Precht (2011)
Gebildet wurde der Kreis Neuhaus/Rwg. am 25. Juli 1952 aus Teilen der Landkreise Sonneberg, Rudolstadt und Saalfeld.
Am 17. Mai 1990 wurde der Kreis in Landkreis Neuhaus am Rennweg umbenannt.Durch Gesetz über die Selbstverwaltung der Gemeinden und Landkreise in der DDR (Kommunalverfassung) vom 17. Mai 1990, im Gesetzblatt der DDR 1990, Band I, S. 255, Online (PDF). Der Landkreis Neuhaus a. R. gehörte bis zum Inkrafttreten des Einigungsvertrages zum Bezirk Suhl, ab dem 3. Oktober 1990 zum neu gebildeten Land bzw. ab 1993 Freistaat Thüringen.
Wappen
Landräte 1990–1992: Dieter Hoffmann (CDU) 1992–1994: Dieter Gazda (CDU)
Am 1. Juli 1994 wurde der Landkreis aufgelöst. Der einwohnerstärkere südliche Teil mit den Städten Neuhaus am Rennweg, Lauscha und den Gemeinden Spechtsbrunn, Ernstthal, Steinheid und Siegmundsburg sowie der nordwestliche Teil mit den Gemeinden Goldisthal und Scheibe-Alsbach kamen zum Landkreis Sonneberg, der flächenmäßig größere nördliche Teil mit der Stadt Oberweißbach und den Gemeinden Mellenbach-Glasbach, Meuselbach-Schwarzmühle, Katzhütte, Cursdorf, Deesbach, Lichtenhain/Bergbahn, Unterweißbach, Meura und Lichte und die Stadt Gräfenthal mit den Gemeinden Lippelsdorf, Gebersdorf (Gräfenthal), Großneundorf, Buchbach (Gräfenthal), Lichtenhain (Gräfenthal), Piesau, Schmiedefeld (Saalfeld) und Reichmannsdorf zum Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Lichte und Piesau wurden zum 1. Januar 2019 in die Stadt Neuhaus am Rennweg und damit in den Landkreis Sonneberg eingegliedert.
Gemeinden Dem Kreis Neuhaus am Rennweg gehörten die folgenden Gemeinden an: Buchbach Creunitz Cursdorf Deesbach Ernstthal Gebersdorf Goldisthal Gösselsdorf Gräfenthal, Stadt Großneundorf Katzhütte Lauscha, Stadt Leibis Lichte Lichtenhain Lichtenhain Lippelsdorf Mellenbach-Glasbach Meura Meuselbach-Schwarzmühle Neuhaus am Rennweg, Stadt Oberweißbach, Stadt Piesau Reichmannsdorf Scheibe-Alsbach Schmiedefeld Siegmundsburg Sommersdorf Spechtsbrunn Steinheid Unterweißbach
Infrastruktur Industrie
Die Orte lebten vorwiegend von der Glasindustrie und dem Tourismus. Der aus einem Telefunken-Werk hervorgegangene VEB Röhrenwerk „Anna Seghers“, später VEB Mikroelektronik Neuhaus, beschäftigte Arbeiter und Angestellte aus dem ganzen Kreisgebiet, zeitweise bis zu 3000 Mitarbeiter. Mit der Öffnung der Märkte im Zuge der Wiedervereinigung waren die Produkte der Mikroelektronik der DDR der internationalen Konkurrenz ausgesetzt und nicht mehr absetzbar, das Werk wurde geschlossen. Als Erbe der ehemaligen Kreisstadt gibt es in Neuhaus am Rennweg neben einigen Außenstellen der Kreisverwaltung Sonneberg ein Gymnasium, das Hallenbad „Am Rennsteig“ (erbaut 1980) und ein modernes Krankenhaus (fertiggestellt 1988), das heute eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung der Region sicherstellt.
Aus einem Eisenwerk der schmiedefelder Erzgruben der Maxhütte Unterwellenborn entstand nach Einstellung der Chamositerzförderung 1972 im Rahmen der Konsumgüterproduktion der VEB ISOKO Schmiedefeld, in dem von 1974 bis zur Wende die Wohnwagen QEK Junior produziert wurden. Daneben waren u. a. der VEB TRISOLA-Glasfaserwerk in Oberlauscha, der VEB TRISOLA-Schaumglaswerk Taubenbach, der VEB Thüringer Glasschmuck in Lauscha und in Ernstthal, der VEB Glaskunst Lauscha im VEB Kombinat Wohnkultur Suhl, die Porzellan- und Keramikindustrie, wie der VEB Zierporzellan Lichte, der VEB Wallendorfer Porzellan und der VEB Zierkeramik Katzhütte, die Glühlampenherstellung im VEB NARVA Oberweißbach, die Thermometerherstellung im VEB Meßtechnik Mellenbach und die traditionelle Olitätenherstellung, gebündelt im VEB Pharmazeutisches Werk Meuselbach, der VEB Farbenfabrik Katzhütte und der VEB KEFAMA, Eisenwerk Katzhütte, von Bedeutung. In örtlichen PGH war die Herstellung weiterer kunsthandwerklicher Glaserzeugnisse, wie Figuren, Murmeln, Lichtmühlen, Glasgeräte etc. organisiert.
Land- und Forstwirtschaft Die Landwirtschaft spielte eine untergeordnete Rolle. Neben vereinzelten Kleinbetrieben entwickelte sich in der LPG (T) Lichte-Oberweißbach eine wirtschaftlich nennenswerte Rinderaufzucht, 1969 ging aus der Abteilung Pferdezucht das Haflingergestüt Meura, ab 1976 VEG, hervor. Die Unmöglichkeit der Selbstversorgung mit Feldfrüchten aufgrund des rauen Gebirgsklimas führte zum Beinamen „Kustelkreis“ (Kustel = Fichtenzapfen), dem in den späten 1980er Jahren eine Freiplastik, der „Kustelbrunnen“ am Gebäude des Rates des Kreises gewidmet wurde. Größere Bedeutung hatte hingegen die Forstwirtschaft. Im Schwarzatal nahe Schwarzmühle entstand das Sägewerk Kernstal.
Verkehr mini|Oberweißbacher Bergbahn 1989