mini|Christine Nöstlinger (2012)

Christine Nöstlinger (* 13. Oktober 1936 in Wien-Hernals; † 28. Juni 2018 in Wien-Ottakring) war eine österreichische Schriftstellerin, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautorinnen gilt. Für ihr Werk wurde sie unter anderem mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis und dem Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis ausgezeichnet.

Leben Christine Nöstlinger, geb. Draxler, bezeichnete sich als „wildes und wütendes Kind“, relativierte das aber in ihren Erinnerungen: „Ich war schon viel ‚frecher‘ als andere in meinem Alter und protestierte heftig, wenn mir etwas nicht gefiel, und das hatte einen einfachen Grund: Wir [meine ältere Schwester Elisabeth und ich, Anm.] waren die einzigen Kinder weit und breit, die daheim keine Watschen und keine Strafen bekamen. Da kann man leicht wütend und wild werden.“

Der Vater Walter Göth († 1975) war Uhrmacher, die Mutter Michaela Erzieherin im Kindergarten. Beide hatten als Sozialisten unter dem Nationalsozialismus zu leiden. Ihre Mutter ließ sich unter Schwierigkeiten krankheitsbedingt frühpensionieren, um die ihr anvertrauten Kinder nicht mit nationalsozialistischem Lied- und Gedankengut indoktrinieren zu müssen. Das Verhältnis von Nöstlinger zu ihrer Mutter war schwierig, hingegen war der Vater ihr „Ein und Alles“. Über ihn sagte sie: „Die Liebe meines Vaters ist in allem, was ich tue, gegenwärtig.“Zit. n. Yvonne Staat: Die Liebe, die fehlt. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 1. Januar 2017.

Sie legte die Matura ab und wollte zunächst Malerin werden, studierte dann aber Gebrauchsgrafik an der Akademie für angewandte Kunst. Nach der ersten Ehe, die 1959, kurz nach der Geburt ihrer Tochter, geschieden wurde, heiratete sie 1959 den Journalisten Ernst Nöstlinger (1932–2009). 1961 bekam sie eine zweite Tochter.

Ab 1970 veröffentlichte sie eine Vielzahl von Büchern für Kinder- und Jugendliche, aber auch Dialektgedichte und Kochbücher. Zusätzlich arbeitete sie mehrere Jahre lang für die Tageszeitungen Kurier und Täglich Alles sowie für die Wochenzeitung Die ganze Woche und veröffentlichte Kolumnen und Glossen, die ebenfalls in Buchform erschienen, schrieb Drehbücher für den ORF und moderierte eigene Sendungen im ORF-Hörfunk.BR.de: .

Im Mai 2015 hielt sie bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen im historischen Sitzungssaal des österreichischen Parlaments eine Rede über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

mini|hochkant|Grabstätte von Christine Nöstlinger (November 2021)

Zuletzt lebte Christine Nöstlinger abwechselnd in Wien-Brigittenau (20. Bezirk) und auf einem Bauernhof in Altmelon im niederösterreichischen Waldviertel.

Im Juni 2018 erklärte Christine Nöstlinger, keine Kinderbücher mehr zu schreiben, wegen ihres eigenen fortgeschrittenen Alters und weil sie „heutige Kinder“, die lange Zeit am Smartphone sitzen und Fantasy lesen, nicht mehr verstehe.Kinderbuch. Christine Nöstlinger schreibt keine Kinderbücher mehr. In: derStandard.at. 22. Juni 2018, abgerufen am 4. September 2019. Bis kurz vor ihrem Tod arbeitete sie an Gedichten in Wiener Mundart, die 2019 veröffentlicht wurden.

2010 wurde bei Christine Nöstlinger Gebärmutterkrebs festgestellt. Zuvor hatte sie eine Brustkrebserkrankung überstanden. Die langjährige Raucherin litt auch an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung.

Christine Nöstlinger wurde am 13. Juli 2018 auf dem Hernalser Friedhof (Gruppe 13, Nummer 6) in Wien bestattet. Ihrem Wunsch entsprechend wurde ihr Tod erst danach publiziert.

„Wenn einer etwas so dringend zu erledigen hat wie ich damals, wenn einer so zornig und wütend ist, dann kann der nicht richtig sterben, weil er keine Ruhe hat.“ Mit diesem Zitat von Rosa Riedl, Schutzgespenst, aus dem Werk von Christine Nöstlinger beendete die Autorin Julya Rabinowich ihren unter dem Titel Herrliche Grantlerin erschienenen Nachruf.In: Die Zeit. Hamburg, Nr. 30, 19. Juli 2018, S. 44.

Im März 2019 wurde in der Bezirksvertretungssitzung in Wien-Hernals die Umbenennung des Lidlparks in Nöstlinger-Park beschlossen.Grüne Hernals: Hernals gedenkt Christine Nöstlinger und Frederic Morton. OTS-Meldung vom 6. März 2019, abgerufen am 11. März 2019. Im September 2019 wurde im Wiener Gemeinderatsausschuss für Kultur und Wissenschaft die Benennung eines Straßenzuges in Wien-Floridsdorf im Bereich der Donaufelder Straße 77, vor dem Campus Donaufeld, in Christine-Nöstlinger-Gasse beschlossen.

Im September 2020 eröffnete in Wien-Leopoldstadt der Bildungscampus Christine Nöstlinger.Bildungscampus Christine Nöstlinger, auf campuschristinenoestlinger.at

Künstlerisches Schaffen Christine Nöstlinger zählt mit über 140 Büchern zu den bekanntesten und einflussreichsten Kinderbuchautoren des deutschen Sprachraums. Ihr Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit international renommierten Preisen ausgezeichnet (Hans-Christian-Andersen-Medaille, Astrid-Lindgren-Memorial-Award).

Ihr literarisches Schaffen begann mit dem 1970 veröffentlichten Kinderbuch Die feuerrote Friederike, das ursprünglich von ihr selbst, in einer 1997 erschienenen Ausgabe dann von ihrer älteren Tochter, Barbara Waldschütz, illustriert wurde. Dieses Buch war ursprünglich ein Bilderbuch, die Geschichte kam erst später dazu.Interview in Kölner Stadt-Anzeiger. Magazin vom 15. Oktober 2011, S. 24. Auch ihre zweite Tochter, Christiane Nöstlinger, illustriert nebenberuflich Kinderbücher.

Christine Nöstlinger befasst sich in ihren Büchern vor allem mit kindlichen Bedürfnissen und greift Autoritäts- und Emanzipationsfragen auf. In ihren Werken tauchen zahlreiche negative und positive Außenseiterfiguren auf, an denen sie beispielsweise die Problematik der Einsamkeit (Das Austauschkind), der Identitätssuche (Gretchen Sackmeier) oder der pubertären Sinnkrise (Ilse Janda, 14) aufzeigt. Ganz im Zeichen der in den 1970er Jahren aufkommenden „realistischen Kinder- und Jugendliteratur“ stellte sie in ihren Familiengeschichten unter anderem immer wieder Eheprobleme der Eltern dar – für die damalige Zeit ein umstrittenes Novum in der Kinder- und Jugendliteratur.

Politische und gesellschaftskritische Aspekte kennzeichnen Christine Nöstlingers literarisches Werk in besonderer Weise. Prägend war in dieser Hinsicht ihre eigene Kindheit während des Zweiten Weltkriegs (aufgearbeitet unter anderem in Maikäfer flieg! und Zwei Wochen im Mai). In Wir pfeifen auf den Gurkenkönig und Rosa Riedl Schutzgespenst zeichnet sie ein groteskes Bild des (familiären) Alltagsfaschismus. Eines ihrer dringlichsten Themen ist der Widerstand gegen Anmaßung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit in jeglicher Form. Den revolutionär-didaktischen Impetus ihrer Geschichten hat sie in den letzten Jahren zugunsten eines tröstlicheren Tons aufgegeben. Eine erzieherische Wirkung erwartet sie sich von Literatur nicht (mehr).

Neben ihren standarddeutschen Werken veröffentlichte sie auch einige Werke in Mundart, etwa den 1974 erschienenen Gedichtband Iba de gaunz oaman kinda (als Iba de gaunz oamen Leit 1994 und 2009 neu aufgelegt; dieser Band enthält außerdem die Gedichtzyklen Iba de gaunz oamen Fraun sowie Iba de gaunz oamen Mauna). Dabei verwendete Nöstlinger den Wiener Dialekt als literarisches Ausdrucksmedium. Sie las auch Dialektgedichte anderer Autoren, u. a. die von Christine Busta. Generell sind ihre Texte – Romane, Essays, Zeitungskolumnen und Lyrik – sowohl von der Wiener Alltagssprache als auch von Worterfindungen und lustvoll komponierter Kunstsprache gefärbt (Dschi Dsche-i Dschunior, Wir pfeifen auf den Gurkenkönig). Dies brachte ihr anfangs Unverständnis und Kritik ein, wird inzwischen aber als ihr spezifischer Sprachduktus anerkannt und geschätzt. Auch in dieser Hinsicht wirkte ihr Schaffen sowohl polarisierend als auch prägend auf die Entwicklung der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur.

In den 1990er und den 2000er Jahren veröffentlichte Nöstlinger überdies drei Kochbücher: Mit zwei linken Kochlöffeln, Ein Hund kam in die Küche und Das Küchen-ABC.

Auszeichnungen (Auswahl) 1972 Friedrich-Bödecker-Preis für Die feuerrote Friederike 1973 Deutscher Jugendliteraturpreis für Wir pfeifen auf den Gurkenkönig 1974 Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur für Achtung! Vranek sieht ganz harmlos aus 1977 Mildred L. Batchelder Award für Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse 1979 Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur für Rosa Riedl Schutzgespenst 1979 UNIDA-Preis für Hörfunk für Dschi Dsche-i Dschunior 1980 Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Dschi-Dsche-i Dschunior 1982 Zilveren Griffel für Maikäfer, flieg! 1984 Hans Christian Andersen Preis 1986 Johann-Nestroy-Ring der Stadt Wien 1986 Preis der Leseratten des ZDF für Man nennt mich Ameisenbär... 1987 Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur für Der geheime Großvater 1987 Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Der geheime Großvater 1989 Österreichischer Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur für das Gesamtwerk 1990 La vache qui lit für Der Zwerg im Kopf 1990 Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Anna und die Wut 1991 Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Sowieso und überhaupt 1991 Preis der Leseratten des ZDF für Nagle einen Pudding an die Wand! 1992 Preis der Finnish Society for Children für Krankengeschichten vom Franz 1992 Kinderbuchpreis der Stadt Wien für Mini muss in die Schule 1993 Erster Preis der Stiftung Buchkunst für Ein und alles 1994 EA-Generali-Sonderpreis für gewaltfreie Erziehung für das Gesamtwerk 1997 Steirische Leseeule für Am Montag ist alles ganz anders 1998 Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln für das Gesamtwerk 2002 Wildweibchenpreis: Literaturpreis für Kinder- und Jugendliteratur der Gemeinde Reichelsheim 2003 Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis (zusammen mit Maurice Sendak) 2003 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, I. Klasse für das Gesamtwerk 2009 Willy und Helga Verkauf-Verlon Preis für antifaschistische österreichische Publizistik für das Gesamtwerk 2010 Buchpreis der Wiener Wirtschaft für das Gesamtwerk 2010 Johanna Dohnal Anerkennung für das Gesamtwerk 2011 Corine-Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten für ihr Lebenswerk 2011 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 2011 Buchliebling Lifetime-Award 2011 Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch: Sonderpreis für ihr Gesamtwerk 2011 Zehn besondere Bücher zum Andersentag für Lumpenloretta 2014 Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis für Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte 2016 Lebenswerk-Preis des österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen 2018 Sonderpreis Stella für kulturpolitische und künstlerische Leistungen

Ehrungen 2002 Wildweibchenpreis 2019 (Beschluss vom März 2019) (Um-)Benennung des Nöstlinger-Parks in Wien 2019 (Beschluss vom September 2019) Benennung der Christine-Nöstlinger-Gasse in Wien In Mistelbach wurde der Christine Nöstlinger-Weg nach ihr benannt. Der in Wien 2019 im Bau befindliche Bildungscampus in Wien-Leopoldstadt am Nordbahnhofgelände soll Christine Nöstlinger Bildungscampus benannt und 2020 fertiggestellt werden.Wien bekommt Christine-Nöstlinger-Gasse. In: ORF.at. 3. September 2019, abgerufen am 21. September 2019. Der Christine-Nöstlinger-Preis für Kinder- und Jugendliteratur wird seit 2021 verliehen.

Soziales Engagement 1997 bis 1998 war Nöstlinger Ehrenvorsitzende von SOS Mitmensch.

Werke

Verfilmungen 1973: Ein Mann für Mama – Regie: Otto Anton Eder 1974: Wir pfeifen auf den Gurkenkönig – Regie: Hark Bohm, nach dem gleichnamigen Roman 1975: Achtung! Vranek sieht ganz harmlos aus (Fernsehfilm) 1976: Familienzauber – Regie: Walter Davy 1976: Die Ilse ist weg – Regie: Ilse Hofmann 1977: Die Emmingers – Regie: Walter Davy