mini|300px|Karte des Reichskreises Westfalen, erschienen 1710–1730 Die Geschichte Westfalens behandelt die Entwicklung dieser historischen Landschaft im Westen Deutschlands.

Der Begriff Westfalen bezeichnete am Beginn seiner Geschichte als Siedlungsgebiet des sächsischen Teilstamms der „Westfalai“ einen einigermaßen klar abgegrenzten historischen Raum. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit gab es zwar starke kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten innerhalb dieses Gebiets, politisch war es aber seit dem Frühmittelalter territorial zersplittert. Den sächsischen Herzögen gelang es bis zum Ende des alten Herzogtums Sachsen (1180) nicht, eine zentrale politische Ordnung zu schaffen. Als Rechtsnachfolger scheiterten daran auch die Kölner Erzbischöfe, die als Herzöge von Westfalen nur ein vergleichsweise kleines Gebiet im Süden kontrollieren konnten. Die Unterschiede verstärkten sich mit der konfessionellen Spaltung in protestantische und katholische Territorien. Das napoleonische Königreich Westphalen griff zwar auf den Namen zurück, umfasste aber nur einige als westfälisch geltende Gebiete. Erst mit der preußischen Provinz Westfalen entstand ein einheitliches politisches Gebilde. Wie der heutige Landesteil von Nordrhein-Westfalen war die Provinz deutlich kleiner als das „kulturelle Westfalen“ der frühen Neuzeit.

Urgeschichte Jäger, Sammler und Fischer (seit mindestens 300.000 Jahren) Homo heidelbergensis, Homo neanderthalensis mini|hochkant|Der Faustkeil von Salzuflen Die früheste Geschichte ist in Westfalen fast ausschließlich durch Steingeräte belegt. Zu den ältesten Artefakten Westfalens zählt der Faustkeil von Salzuflen, der in die Zeit vor 350.000 bis 300.000 Jahren datiert.Der mittelpaläolithische Faustkeil gilt als ältestes Werkzeug Westfalens, so Jürgen Richter: Bewusste geometrische Gestaltung bei Homo heidelbergensis? Arbeitsschrittanalyse an einem Faustkeil aus Bad Salzuflen (Ostwestfalen-Lippe)., Archäologisches Korrespondenzblatt 43,1 (2013), doi:10.11588/ak.2013.1.93146. Dieser wird der Epoche des Homo heidelbergensis zugeschrieben.

Um einiges jüngere Funde auf dem Gebiet Westfalens belegen die Anwesenheit von Neandertalern (Homo neanderthalensis) während der Mittleren Altsteinzeit, wie etwa der auf rund 160.000 Jahre datierte Quarzit-Faustkeil Velen II, benannt nach dem Fundort Velen-Ramsdorf (Kreis Borken). Mit dem Gletschervorstoß der Drenthe-Vereisung vor etwa 160.000 Jahren gelangte Feuerstein aus Skandinavien in großen Mengen nach Westfalen. Dieses Material stand nun in unbegrenzter Menge der Werkzeugherstellung zur Verfügung, insbesondere im nördlichen Westfalen, und prägte stark die technologische Entwicklung – in Westfalen fanden sich bisher fast ausschließlich Steingeräte, so dass der Beitrag zur Forschung an den kulturellen Mustern der Neandertaler sehr gering ist. Im Münsterland, im Ruhrgebiet und im Sauerland deuten archäologische Funde auf Jagdlager hin. In einer Sandgrube bei Warendorf wurde ein kleines Schädelteil eines Neandertalers im Verbund mit Moustérien-Werkzeugen gefunden. Der 20 bis 30 Jahre alte Mann starb an Hirnhautentzündung.Emil Hoffmann: Lexikon der Steinzeit. BoD 2012, S. 249.Barbara Rüschoff-Thale, Josef Klostermann: Die Neandertaler von Warendorf und ihre Umwelt. In: Heinz G. Horn (Hrsg.): Fundort Nordrhein-Westfalen. Millionen Jahre Geschichte. Münster 2000, S. 232 f. Zu den wichtigsten Fundstellen der Mittleren Altsteinzeit in Europa gehört die Balver Höhle. Hier wurden über vier große Schichten entdeckt, die sich nach mehreren Nutzungsphasen durch Jägergruppen in einem Zeitraum von rund 50.000 Jahren abgelagert hatten. Während der Eem-Warmzeit vor etwa 126.000 bis 115.000 Jahren wurde die Höhle erstmals von Neandertalern genutzt, die zuletzt vor rund 40.000 Jahren dort überwinterten.

Da während der letzten Phase der Weichsel-Kaltzeit die polare Vereisung erneut sehr weit südwärts vordrang und das Gebiet Westfalens zur Kältesteppe (Tundra) wurde, war die Region nun schwerer für Menschen bewohnbar; die Jagd war nun unabdingbar. Dennoch stammt die Masse der mittelpaläolithischen Artefakte aus dieser Epoche. Die Zeit vor etwa 100.000 Jahren, eine durch Klingenherstellung gekennzeichnete Epoche, ist dabei nur durch wenige Funde belegt, wie durch den Mittelteil einer solchen Klinge, der sich bei Hamm-Uentrop fand.

Hingegen gehört die Hauptmasse der Funde den nachfolgenden Keilmessergruppen an (etwa 80.000 bis 50.000 Jahre). Faustkeile wurden zwar im ältesten Abschnitt dieser Kaltzeit weiterhin hergestellt, doch verschwanden sie danach aus dem Repertoire. Vor allem bei Wadersloh im Kreis Warendorf fand sich eine umfangreiche Serie der charakteristischen, beidflächig bearbeiteten Geräte, ebenso wie ein Ensemble aus Greven-Bockholt (Kreis Steinfurt), wo neben bifazialen Stücken auch die für die Neandertaler typische Levalloistechnik belegt ist. Es wird angenommen, dass nur wenige hundert Menschen in Westfalen existierten, die sehr mobil lebten, um Rohmaterialien zu finden, Sammel- und Jagdgebiete aufzusuchen und soziale Kontakte mit anderen Gruppen zu pflegen.Michael Baales, Hans-Otto Pollmann, Bernhard Stapel: Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit. Zabern, Darmstadt 2013, S. 56 (academia.edu).

Späte Altsteinzeit, anatomisch moderner Mensch, Federmessergruppen und Ahrensberger Kultur Erst in der Späten Altsteinzeit kam es zu einer Besiedlung durch Rentierjäger. Aus der Mittelsteinzeit liegen besonders viele Fundplätze vor. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Skelettfunde von anatomisch modernen Menschen, die 2004 in der Blätterhöhle bei Hagen entdeckt wurden. Ihr Alter wurde durch die C-14-Methode auf mehr als 10.700 Jahre datiert.

Vor etwa 300.000 Jahren erschien in Westfalen der Megaloceros giganteus, ein Riesenhirsch, von dem in Westfalen etwa zwei Dutzend Überreste ausgegraben worden sind, wie etwa im Emschertal in Herne. Das Geweih der Hirschart, die während der gesamten Weichsel-Kaltzeit dort lebte, weist Bearbeitungsspuren auf und wurde auf 11.890 ± 147 cal BC datiert. Ähnliche Bearbeitungsspuren weist ein Geweih derselben Art aus Paderborn-Sande auf, das auf 11.966 ± 177 cal BC datiert wurde. Jäger der frühen Federmesser-Gruppen hatten offenbar eine Geweihstange weiterverarbeitet. Eine Widerhakenspitze aus Bergkamen-Oberaden, heute im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm, misst 25,3 cm; es stammt möglicherweise von einem Elchknochen und wurde auf 11.050 ± 110 cal BC altersbestimmt. Wahrscheinlich ist es ein Fischstecher, keine Harpune. Die Jäger und Fischer, die diese Werkzeuge anfertigten, gehörten den späten Federmesser-Gruppen an.

Die Fundstätte Hohler Stein bei Rüthen-Kallenhardt (Kreis Soest) ist in Westfalen die einzige Stätte der Ahrensburger Kultur, die zur jüngeren Dryaszeit gehört, einer letzten Kaltphase. Ähnlich wie zuvor war das Ren das wichtigste Jagdtier. Die Jäger nutzten den Wechsel der Herden im Frühjahr, bei dem die Tiere in die Mittelgebirge zogen, um dort ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen und den Mücken auszuweichen, zur Jagd. Dabei konnten zwei Fragmente auf die Zeit um 9894 ± 146 bzw. 9947 ± 127 cal BC datiert werden. Wenig später verschwanden die Rentierherden aus Westfalen.Michael Baales, Susanne Birker, Hans-Otto Pollmann, Wilfried Rosendahl, Bernhard Stapel: Erstmals datierte organische Artefakte aus dem Spätpaläolithikum Westfalens. In: Archäologie in Westfalen-Lippe (2012), S. 24–27. Dieselben: Neu datierte mesolithische Fundplätze und organische Artefakte aus Westfalen, daselbst, S. 28 ff.

Mesolithikum mini|hochkant|Durchlochter Eckzahn eines kleinen Wolfes oder Hundes, 10800–9600 v. Chr.; Fundort: Rüthen-Kallenhardt, Hohler Stein Datierbare Artefakte aus dem Mesolithikum, der nachkaltzeitlichen Epoche der Jäger und Sammler, sind in Westfalen nur aus der Blätterhöhle bei Hagen und der 2011 entdeckten Fundstelle Werl-Büderich (Kreis Soest) sowie aus dem Weitkamp in Oelde (Kreis Warendorf, um 8000 v. Chr.) bekannt.Michael Baales, Susanne Birker, Hans-Otto Pollmann, Wilfried Rosendahl, Bernhard Stapel: Neu datierte mesolithische Fundplätze und organische Artefakte aus Westfalen. In: Archäologie in Westfalen-Lippe (2012), S. 28–30. Oelde-Weitkamp ist die älteste mesolithische Fundstelle Westfalens. Der Fundort Riegersbusch, östlich von Hagen-Eilpe gelegen, barg 700 Steinartefakte, die Beziehungen nach Brandenburg, aber auch nach Süddeutschland nahelegen. Ein Weidestück, das dem gleichen Fundhorizont angehört, konnte auf 8603 ± 40 cal BC datiert werden. Anhand eines Elchgeweihstückes, das als Werkzeug genutzt wurde, konnte der beinahe gleichzeitige Einfluss der Maglemose-Kultur des Nordens nachgewiesen werden (8993 ± 116 cal BC).

Neolithikum: Bodenbearbeitung, Viehhaltung (ab ca. 5500 v. Chr.) Übergangsphase, Hirten- und Bauernkulturen mini|Um 5300 bis 4800 v. Chr. beigesetzte Frau des Frühneolithikums, Fundort: Willebadessen-Löwen, Archäologiemuseum Herne in Herne Im 6. Jahrtausend v. Chr. begann der Übergang zur Landwirtschaft und zur Viehzucht vor allem im Hellweggebiet. Dabei ist der frühe Übergang vom Jagen, Fischen und Sammeln zur Bodenbearbeitung und Viehhaltung des Neolithikums, bedingt durch die vielfach sandigen Böden Westfalens, kaum zu fassen; jedoch wird angenommen, dass er erheblich später einsetzte als auf den südlicher gelegenen Lössböden. Weiter im Norden entstanden die spätmesolithischen Kulturen Swifterbant und Ertebølle, die allerdings Keramik und Viehhaltung von den Bauern des Südens übernahmen. Die T-förmigen Geweihäxte aus Rothirschgeweih wurden dabei sowohl von endmesolithischen als auch von neolithischen Gruppen genutzt. Aus Westfalen sind etwa 20 dieser Werkzeuge bekannt, die einen Schaft aufweisen. Fünf von ihnen ließen sich auf die Zeit zwischen etwa 5000 und 3600 cal BC datieren. Nur der zweitälteste Fund (4898 ± 42 cal BC), aus der Sandgrube Schencking in Greven, kann wohl aufgrund von Alter und Lage Mesolithikern zugewiesen werden. Die übrigen Stücke werden eher der neolithischen Rössener bzw. Michelsberger Kultur zugeordnet.Die Stücke stammen aus Werne (2 Stücke), Greven-Schencking, Marl-Sickingmühle und Hamm. Daraus wird gefolgert, dass das nördliche Westfalen noch den jägerischen Traditionen verhaftet war, wenn auch Innovationen übernommen wurden, während der südliche Teil bereits von Bauern und Hirten bewohnt war.

Aus der Jungsteinzeit sind Siedlungen der Bandkeramik, der Rössener und der Michelsberger Kultur belegt. Bestattungen der älteren jungsteinzeitlichen Kulturen sind aus Westfalen bisher noch nicht bekannt. Aus der späten Michelsberger Kultur liegen jedoch mehrere besonders gut erhaltene Skelettreste von Menschen aus der Blätterhöhle bei Hagen vor. Sie zählen zu den sehr wenigen bekannten Bestattungen aus dieser Zeit in Europa.

mini|Schädel einer etwa 18 bis 20 Jahre alten Frau, entdeckt im Jahr 2004 in der Blätterhöhle bei Hagen-Hohenlimburg, Jungneolithikum, ca. 3600 v. Chr. Aus späteren Abschnitten der Jungsteinzeit fanden sich so genannte Megalithgräber und Bestattungen der Becherkulturen. Die Hellwegbörden sind dabei der Grenzraum zwischen den Anlagen der Trichterbecherkultur (Halen, Heiden) und den hessisch-westfälischen Galeriegräbern der Wartberg-Kultur (Calden, Warburg-Rimbeck). Das südlichste Großsteingrab im westfälischen Raum findet sich daher bei Altlünen an der Lippe. Zwischen den Gebieten der Trichterbecher- und der Wartbergkultur bestand die Soester Gruppe, zu der fünf Megalithanlagen gehören, die ab 3700 v. Chr. errichtet wurden.