mini|Otto Glagau (Mitte) und weitere Antisemiten der „Berliner Bewegung“, ca. 1880 Otto Glagau (* 16. Januar 1834 im Kreis Fischhausen, Ostpreußen, Königreich Preußen; † 2. März 1892 in Berlin, Deutsches Reich) war ein deutscher Publizist und Antisemit.
Leben Herkunft und Jugend Otto Glagau stammte aus einer Familie im Samland in Ostpreußen.Familie Glagau Gedbas; Otto Glagau wurde dort nicht erwähnt; Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten, Band 2, Leipzig 1913, S. 376, nannte als Geburtsort Fischhausen, gemeint war wahrscheinlich der Kreis Fischhausen, da die gesamte Familie in den Dörfern der Umgebung lebte, im Ort Fischhausen aber niemand Er studierte Philologie und Philosophie wahrscheinlich in Königsberg und war danach als Hauslehrer tätig.Anna Rothfuss: Korruption im Kaiserreich. Skandale und Debatten zwischen 1871 und 1914. Göttingen 2009, S. 94f., mit einigen kurzen biographischen Angaben
1863 kam er nach Berlin und war dort als Publizist tätig. Er schrieb für die liberale Berliner Nationalzeitung bis 1871.
Börsenverluste 1873 1873 verlor Glagau eine große Summe Geldes, die er in Aktien des Lindenbauvereins angelegt hatte, durch den „Gründerkrach“. Danach recherchierte er intensiv zu diesen Ereignissen. Er verfasste zunächst ein Theaterstück zu diesem Thema, das jedoch von den meisten Bühnen abgelehnt wurde.
1874/75 veröffentlichte er eine Artikelserie in der bekannten Familienzeitschrift Die Gartenlaube, die große Resonanz fand und in der er führenden Personen aus Politik und Wirtschaft die Schuld an der Misere gab. Allerdings kritisierte selbst die Redaktion der Gartenlaube Glagaus Darstellung, dass die gesamte spekulierende Bevölkerung auf einen Schwindel hereingefallen sei. In einer Antwort auf den Leserbrief eines Berliners äußerte die Redaktion, dass viel eher die Aussicht auf hohe Renditen und die „übertriebene Gewinnsucht der kleinen Leute“o. V., Kleiner Briefkasten, in: Die Gartenlaube 5, 1875. den Börsencrash gefördert hätten und dass es „geradezu gefährlich [sei], dieser schnöden Gewinnsucht auch noch die patriotische Märtyrerkrone aufzusetzen“. „Auf Kosten einer überschaubaren Gruppe von Schuldigen boten die Artikel zum ‚Börsen- und Gründungsschwindel‘ damit ihrem Publikum die Möglichkeit, sich selbst von jeglicher Verantwortung zu entlasten.“ Trotzdem veröffentlichte Glagau 1876/77 zwei Bände des Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin, in denen er seine Artikel überarbeitet als Buch herausbrachte.
Antisemitismus Einen erheblichen Teil der Schuld trügen Glagaus Meinung nach jüdische Unternehmer, über die er in einigen Formulierungen scharf urteilt:
Bereits 1869 hatte er sich abfällig über Ostjuden in Litauen geäußert.Litauen, 1869, vgl. Richard S. Levy: Antisemitism: A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution. Band 1, Santa Barbara 2005, S. 276 Seine Einstellung zu Juden in der Geschäftswelt hatte sich nach seinen finanziellen Verlusten 1873 noch erheblich verschlechtert, da die Unternehmer des Lindenbauvereins wie auch die meisten anderen Verursacher der Spekulationen und des Börsenkrachs 1873 laut Glagau jüdisch waren. Er setzte sie seitdem mit Wirtschaftsliberalismus und Kapitalismus gleich und machte sie für die Wirtschaftskrise und den moralisch-kulturellen Verfall Deutschlands verantwortlich. Glagaus Verständnis von Judentum ist seinen Äußerungen zufolge ein rassistisches und kein religiöses – die Zugehörigkeit zu der Gruppierung wird laut Glagau durch die eigenen Vorfahren bestimmt:
In späteren Veröffentlichungen sowie in seiner Zeitschrift Der Kulturkämpfer (1880–1888) setzte Glagau seine Angriffe fort. So prägte er den Slogan „die soziale Frage ist die Judenfrage“, der noch in den 1930er Jahren propagiert wurde. Im April 1883 leitete er den zweiten Internationalen Antijüdischen Kongress in Chemnitz.
Glagau beförderte den Antisemitismus in seiner Zeit durch seine einfach verständlichen Schriften wahrscheinlich mehr als die bekannten Theoretiker Eugen Dühring, Wilhelm Marr und Paul de Lagarde.Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 6. Publikationen. Walter de Gruyter 2013. S. 225; betont die erhebliche Rolle, die Glagau wahrscheinlich für die Verstärkung dieser Ideen hatte, der Vergleich mit den Theoretikern ist aber aus einem anderen Buch.
Otto Glagau starb 1892 im Alter von 58 Jahren in Berlin.
Werke (Auswahl) Fritz Reuter und seine Dichtungen, Berlin 1866 Spaziergänge durch Lauenburg und Lübeck, Berlin 1866 Littauen und die Littauer, Tilsit 1869 Lied über den neuen deutschen Kaiser, Vahlen, Berlin, 1871, 16 Seiten Die russische Literatur und Iwan Turgeniew, Gebrüder Paetel, Berlin 1872 Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin, 2 Bände, Leipzig 1876, 1877 Aktien, Historisches Schauspiel, Leipzig 1877 Der Bankerott des Nationalliberalismus und die ‚Reaction‘, Berlin 1878 Deutsches Handwerk und historisches Bürgerthum, Osnabrück 1879 Digitalisat Des Reiches Noth und der neue Culturkampf, Wehlen Osnabrück 1879 Auszüge Liberale Freiheiten, Osnabrück 1879 (Auszug aus Des Reiches Noth und der neue Culturkampf) Der Kulturkämpfer. Zeitschrift für öffentliche Angelegenheiten, Berlin, 1880–1888
Literatur Biographische Angaben
Daniela Weiland: Otto Glagau und „Der Kulturkämpfer“. Zur Entstehung des modernen Antisemitismus im frühen Kaiserreich (= Dokumente, Texte, Materialien/Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin; 53), Metropol-Verlag, Berlin 2004. ISBN 3-936411-44-1, wichtigste Publikation über Otto Glagau
Petra Rentrop: Glagau, Otto, in: Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, 2009, S. 284 f. Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten. Band 2. Leipzig 1913. S. 376, mit sehr kurzen biographischen Angaben
Weblinks
Werke von Otto Glagau bei WorldCat
Einzelnachweise
Kategorie:Publizist Kategorie:Journalist (Deutschland) Kategorie:Autor (Antisemitismus) Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Herausgeber Kategorie:Drama Kategorie:Person (Deutsches Kaiserreich) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1834 Kategorie:Gestorben 1892 Kategorie:Mann