miniatur|Apollon-Sol mit siebenstrahliger Gloriole des Helios, römisches Bodenmosaik, Tunesien, spätes 2. Jahrhundert
Sol ( „Sonne“) ist der Sonnengott der antiken römischen Mythologie. Bekannt ist er vor allem in seiner seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. gebräuchlichen Erscheinungsform als Sol invictus (lateinisch; „unbesiegter Sonnengott“,Überblick bei Richard L. Gordon: Sol I. In: Der Neue Pauly 11 (2001), Sp. 692ff. oft weniger treffend übersetzt als „unbesiegbarer Sonnengott“). Sol entspricht zwar dem griechischen Helios, mit dem er auch ikonographisch Übereinstimmungen zeigt, aber er wurde nicht aus der griechischen Religion übernommen, sondern ist einheimischen Ursprungs.
Republikanische Zeit mini|Sol-Schrein auf römischem Denar des Marcus Antonius, 42 v. Chr.
In Rom bestand schon in republikanischer Zeit ein anscheinend sehr alter Sonnenkult, der angeblich auf die Zeit der Stadtgründung durch Romulus zurückging und von dem sagenhaften Sabinerkönig Titus Tatius eingeführt worden war. Der altrömische Sonnengott wurde Sol Indiges („einheimischer Sol“) genannt und zusammen mit der Mondgottheit Luna verehrt; die beiden waren eng verbunden und hatten im Circus Maximus einen gemeinsamen Tempel, wo ihr gemeinsamer Festtag am 28. August begangen wurde. Daneben hatte Sol Indiges einen eigenen Tempel auf dem Quirinal, wo ihm am 8. und 9. August gehuldigt wurde. Er gehörte seiner Beliebtheit nach zu den Gottheiten geringeren Ranges. In Göttermythen kommt Sol kaum vor; auch Helios tritt in der griechischen Mythologie selten als Persönlichkeit hervor (eigentlich nur im Phaethonmythos). Erst seit der Endphase der römischen Republik nahm die Popularität des Sonnengottes zu. Rainer Albert vermutet, dass Marcus Antonius den Solkult auf einer seiner Münzen propagierte und damit auf den von ihm beherrschten Osten verwies, wo der Solkult im Gegensatz zu Rom bereits verbreitet war.
Frühe Kaiserzeit mini|Sol invictus Mithras im Mithrasrelief von Heidelberg-Neuenheim, 2. Jahrhundert, Badisches Landesmuseum
Die Sonne bringt mit ihrem Licht alles an den Tag, und so bleibt dem Sonnengott nichts verborgen. Helios ist „allerschauend“, daher allwissend und Zeuge von Freveltaten. Diese Eigenschaft zeichnete auch Sol aus, und so erhielt er im 1. Jahrhundert n. Chr. eine neue und sehr wichtige Aufgabe, nämlich den Kaiser vor Gefahren zu schützen. Die Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung gegen Kaiser Nero wurde auf die Hilfe des Sol zurückgeführt, der dafür ein besonderes Dankopfer erhielt. Kaiser Vespasian weihte dem Gott 75 n. Chr. eine riesige Statue. So entwickelte sich Sol zum Schutzgott der Herrscher. Unter Trajan und Hadrian erschien er auf Kaisermünzen. Die Bezeichnung Sol invictus ist für ihn inschriftlich erstmals 158 auf einem Altar bezeugt (Soli invicto deo). = Dessau, Inscriptiones Latinae selectae Nr. 2184; es handelt sich um eine Privatinschrift. Ab dem 2. Jahrhundert kam sie als Beiname des Mithras – Sol invictus Mithras – vor.
Westlicher und östlicher Sonnenkult mini|Aureus des Kaisers Marcus Aurelius Antoninus (genannt Elagabal) mit dem heiligen Stein des gleichnamigen Gottes Elagabal auf einem Triumphwagen. Inschrift der Vorderseite: IMP C M AVR ANTONINVS P F AVG. Rückseite: SANCT DEO SOLI ELAGABAL („dem heiligen Sonnengott Elagabal“).
Unabhängig vom römischen Sol und griechischen Helios gab es in Syrien in der Stadt Emesa einen uralten einheimischen Kult des Sonnengottes Elagabal, dem die örtliche Bevölkerung anscheinend leidenschaftlich ergeben war. Die Kaiserin Julia Domna, die Gemahlin des Kaisers Septimius Severus (193–211) und Mutter seines Nachfolgers Caracalla (211–217), war Tochter eines Elagabal-Priesters von Emesa. Unter den Kaisern aus der Dynastie der Severer nahm die Verehrung des Sol invictus zu; Septimius Severus ließ sich und seine Frau auf Münzen mit den Attributen von Sonne (Strahlenkrone) und Mond (Mondsichel) darstellen und verwendete auch für seine beiden Söhne Caracalla und Geta, deren Herrschaftsnachfolge er plante, Sonnensymbolik. Die Assoziation mit der Sonne zielte vor allem auf den Aspekt der Ewigkeit (aeternitas) des Gestirns ab; so dauerhaft wie die Sonne sollte die Herrschaft der Kaiserfamilie sein.
Julia Domnas Großneffe Kaiser Elagabal (218–222) war Elagabal-Priester und führte den Elagabal-Kult in Rom als Staatsreligion ein. So kam es vorübergehend zu einer Vermischung mit dem bereits bestehenden Kult des Sol invictus (die Bezeichnung Invictus Sol Elagabalus ist inschriftlich bezeugt).
Dem heiligen Stein, den der Gott vom Himmel herabgesandt haben sollte (nicht unähnlich dem Stein in der Kaaba in Mekka), ließ man einen großen Tempel in Rom errichten, das Elagaballium. Viele Römer lehnten jedoch den syrischen Kult ab, und mit der Ermordung Kaiser Elagabals 222 verschwand er in dieser Form aus Rom; der Stein wurde wieder in den Elagabal-Tempel von Emesa gebracht. Der einheimische Sol-Kult blieb hingegen bestehen.
Zeitweilig bestand in der Forschung die Ansicht, Sol invictus sei im Gegensatz zu Sol Indiges eine aus dem Orient eingeführte Gottheit und seinem Ursprung nach mit Elagabal gleichzusetzen. Später ist man zur heute herrschenden Überzeugung gelangt, dass auch Sol invictus der alte römische Sol ist.Steven E. Hijmans: The Sun which did not rise in the East. The Cult of Sol Invictus in the Light of Non-Literary Evidence. In: Babesch. Bulletin Antieke Beschaving. Band 71, 1996, S. 115–150. Der Elagabal-Kult zeigt besondere markante Merkmale, die als unrömisch empfunden wurden und mit Sol nichts zu tun haben. Eine gewisse Vermischung von Sol und Elagabal wurde wohl nur von Elagabal-Anhängern betrieben, ein bleibender Einfluss ist nicht erkennbar. Ein Unterschied besteht auch darin, dass der Elagabal-Kult sich nicht mit dem Kaiserkult vermischte, was beim Sol-Kult der Fall war. Schon Caracalla wurde inschriftlich als Sol invictus imperator bezeichnet; Kaiser Elagabal hingegen nannte sich selbst nie Elagabal, diesen Namen erhielt er von Gegnern erst nach seinem Tod. In Syrien geriet der Gott Elagabal nicht in Vergessenheit; der dortige Thronprätendent Uranius Antoninus setzte 254 das Bild des heiligen Steins auf seine Münzen.
Während der Zeit der Soldatenkaiser (235–285) kommt der Sonnenkult des Sol invictus in der Herrschaftsrepräsentation der einzelnen Kaiser wieder auf und bleibt populär.
mini|links|hochkant=1.2|Darstellung des Tempels des Elagabal auf einer Münze des Usurpators Uranius Antoninus von 254
Kaiser Gordian III. (238–244) legte besonderen Wert auf die Verbindung seiner Herrschaft mit dem Sonnenkult. Er stellte als erster Soldatenkaiser den Sonnengott Sol mit seinen beiden Eigenschaften oriens und aeternitas auf Münzen dar. Die Münzen verfolgen mit ihren Darstellungen ein herrschaftslegitimierendes Ziel für Gordian III.: Die Aspekte aeternitas und oriens sollen den Kaiser zum Symbol eines anbrechenden, neuen saeculum aureum machen. So wie die Sonne strahlend einen neuen Tag einleitet, wird mit oriens der Kaiser zum Garant für einen strahlenden Neubeginn erhoben. Mit aeternitas wird die Dauerhaftigkeit seiner Herrschaft betont. Gleichzeitig sucht sich Gordian III. Legitimierung aus der Kontinuität des Reiches und des Prinzipats.
Dabei ging es ihm um die Herrschaftslegitimation – so zeigt ein Medaillon, wie er vom Sonnengott den Globus als Zeichen der Weltherrschaft erhält – sowie um die schon von den Severern betonte Programmatik der Dauerhaftigkeit. Das Motiv der Übergabe des Globus, wobei Sol zum Garanten der Weltherrschaft wird, wurde von späteren Herrschern wieder aufgegriffen. Auffällig ist, dass Kaiser und Gott auf dem Medaillon in gleicher Größe erscheinen; zuvor war es bei solchen Darstellungen üblich, den Menschen deutlich kleiner abzubilden als den Gott. Hinzu kam bei Gordian bzw. den Beratern des jugendlichen Kaisers die Hervorhebung einer weiteren Parallele zwischen Gott und Herrscher: Der eigene Regierungsantritt wurde mit einem Sonnenaufgang verglichen; nach einer finsteren Nacht sollte eine neue, glanzvolle und glückliche Epoche beginnen. Der Vergleich des Regierungsbeginns mit einem Sonnenaufgang hatte schon im 1. Jahrhundert in kaiserlicher Selbstdarstellung eine Rolle gespielt.Stephan Berrens: Sonnenkult und Kaisertum von den Severern bis zu Constantin I. (193–337 n. Chr.). Steiner, Stuttgart 2004, S. 61–71.
In der Münzprägung taucht die Bezeichnung des Sonnengotts als invictus erstmals unter Kaiser Gallienus (253/260–268) auf. Die Sieghaftigkeit des Sol war ein Aspekt des Kults, der in der Folgezeit noch stärker in den Vordergrund trat.
Sol invictus als orientalischer Reichsgott miniatur|Münze des Kaisers Probus (276–282) mit Sol invictus auf einer Quadriga
Kaiser Aurelian besiegte 272 bei Emesa das Heer der palmyrenischen Herrscherin Zenobia und begab sich dann in den dortigen Elagabal-Tempel, um dem Gott für Hilfe in der Schlacht zu danken. Er betrachtete den Sonnengott fortan als seinen persönlichen Schutzherrn (auf Münzen: conservator Augusti, „Bewahrer des Kaisers“), wobei er offenbar keine spezielle lokale Erscheinungsform des Sonnenkults im Sinn hatte. Zwei Jahre später erhob er Sol zum „Herrn des Römischen Reichs“ (dominus imperii Romani), richtete für ihn einen Staatskult ein und baute ihm einen Tempel auf dem campus Agrippae, der zum Campus Martius gehörte. Der Tempel des Sol wurde am 25. Dezember 274 eingeweiht. Alle vier Jahre wurden zu Ehren des Gottes Wettkämpfe abgehalten. Seine Priester stammten aus den vornehmsten Familien Roms. Mit dem neuen Staatskult knüpfte Aurelian an die bestehende einheimische Sol-Verehrung an und nicht an den fremden Elagabal-Kult, setzte aber mit der Verbindung zur kaiserlichen Siegesmacht einen neuen Akzent. Der neue Staatskult wurde allgemein positiv aufgenommen; offenbar entsprach er einem Bedürfnis der Zeit. Der nach verbreiteter Ansicht von Aurelian reichsweit eingeführte Feiertag – der erstmals beim Chronographen von 354 erwähnte Geburtstag des Sonnengottes am 25. Dezember – erwies sich als so populär, dass er möglicherweise die Festlegung des christlichen Weihnachtsfestes auf dieses Datum nach sich zog. Doch sind weder die Bedeutung des 25. Dezember für den Kult des Sol invictus abschließend geklärt noch die Frage, ob das Weihnachtsfest als Reaktion auf das Solfest mit dem Datum verbunden wurde oder eine umgekehrte Abhängigkeit vorliegt.Zur Diskussion siehe Steven E. Hijmans: Sol Invictus, the Winter Solstice, and the Origins of Christmas. In: Mouseion. Band 47, Nummer 3, 2003, S. 377–398 und dazu C. Philipp E. Nothaft: The Origins of the Christmas Date: Some Recent Trends in Historical Research. In: Church History. Band 81, 2012, S. 903–911, mit weiterer Literatur, die mit deutlichen Argumenten den 25. Dezember als Datum der Aurelianischen Feier ablehnen.
Sol galt vielfach als höchster und mächtigster Gott, seine Verehrung trug damit oft henotheistische Züge. Daneben war damals im Reich der orientalische Kult des Mithras populär, besonders unter den Soldaten. Er wurde aber nie Staatsreligion und ist nicht mit der Sol-Verehrung verschmolzen, sondern wurde als etwas anderes betrachtet, obwohl die Mithras-Anhänger ebenso wie die Elagabal-Anhänger ihren Gott auch Sol invictus nannten.
miniatur|links|hochkant=1.2|Konstantin der Große (306–337) als Sol invictus. Geprägt ca. 309–310 in Lugdunum. Sol stehend mit dem Gesicht nach rechts, rechte Hand erhoben, den Globus in der linken.