Die Aster ist eine europäische Flugabwehrrakete, die vom EUROSAM-Konsortium hergestellt wird. Das Konsortium ging aus der Zusammenarbeit zwischen MBDA und der Thales Group hervor. Der Name bezieht sich auf das griechische Wort aster (ἀστήρ), was Stern bedeutet. Ursprünglich nur von Italien und Frankreich vorangetrieben, kamen später das Vereinigte Königreich und Spanien hinzu. Spanien verließ die Entwicklung 1992 wieder, sodass die Aster heute nur im trinationalen Rahmen gefertigt wird.
Die Aster wurde als „Anti-Alles-Rakete“ zur Abwehr von massiven Salven aus mehreren Richtungen unter schweren elektronischen Gegenmaßnahmen konzipiert. Zu den Bedrohungen zählen schnelle, manövrierfähige Fluggeräte mit Stealth-Eigenschaften, ballistische Raketen, Anti-Radar-Raketen und überschallschnelle tieffliegende Seezielflugkörper, die im Zickzack-Flug angreifen. Die Aster ist zweistufig, bestehend aus Booster und einem Kill Vehicle (Dart) an der Spitze. Es gibt zwei Versionen mit verschieden großen Boostern.
Geschichte Frankreich veröffentlichte zum Jahreswechsel 1980/1981 im Alleingang ein Request for Proposal für eine gemeinsame europäische Boden-Luft-Lenkwaffe. 1986 wählte Frankreich die Aster gegenüber der konkurrierenden SAMAT aus. Der erste Test des PIF-PAF-Systems fand am 17. Juni 1987 statt. Im Februar 1987 einigten sich Frankreich und Italien auf die Entwicklung eines „Family of Anti-Air Missile Systems“ (FAMS) für Landbatterien und Schiffe. Im Juni wurde ein Letter of Intent zwischen den Rüstungsindustrien der Länder unterzeichnet, im November folgte dasselbe zwischen den Verteidigungsministerien. Das System sollte nahe und mittlere Entfernungen abdecken. Im April 1988 einigte sich die Industrie auf einen Rahmenvertrag zur Zusammenarbeit, der im Oktober von den Verteidigungsministern unterzeichnet wurde. Mitte 1988 unterzeichneten Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien ein Memorandum of Understanding für eine zwölfmonatige Studie, das FAMS für die NFR-90 zu nutzen, als Konkurrenz zum US-dominierten NATO Anti Air Warfare System (NAAWS). Ferner unterzeichneten im Oktober 1987 Belgien, Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Niederlande, Norwegen, Spanien und das Vereinigte Königreich eine Einjahresstudie über ein zukünftiges gemeinsames europäisches Luftverteidigungssystem (Medium-range Surface-to-air Missiles, MSAM) für Landbatterien.
Im November 1988 begann die französisch-italienische-Kooperation zur Entwicklung einer streitkräfteübergreifenden Flugabwehrlenkwaffe. Mit Großbritannien und Spanien wurden Gespräche über eine Zusammenarbeit geführt. Der Arbeitsanteil wurde zu gleichen Teilen zwischen Aerospatiale und Thompson-CSF sowie Italiens Selenia aufgeteilt. Zur Feuerleitung und Datenübertragung sollte das ARABEL bzw. EMPAR verwendet werden. Bereits damals wurde zwischen der Nahbereichsvariante Aster 15 und der weiter reichenden Aster 30 unterschieden. Konzeptionell sollte der Flugkörper ein Staustrahltriebwerk mit Schubvektorsteuerung und aerodynamischen Rudern kombinieren, um eine Manövrierfähigkeit von bis zu 50 g zu erzielen. Der Flugkörper sollte mit einem Trägheitsnavigationssystem zum Ziel geführt werden, und dort mit seinem aktiven Ku-Band-Radarsucher übernehmen, welcher auf der MICA RF basiert. Im Juni 1989 wurde das EUROSAM gegründet, mit Aérospatiale (25 %), Thompson-CSF (25 %) und Selenia (50 %) als Teilhaber. Im Juli wurde das Konzept von der Industrie eingereicht. Am 8. Dezember 1989 verkündete Großbritannien, sich definitiv an der Family of Anti-Air Missile Systems (FAMS) zu beteiligen, um die Sea Dart zu ersetzen. Nach Großbritannien traten nun auch Frankreich und Italien aus dem NFR-90-Projekt aus. Mitte 1990 wurde das MoU über die 18-monatige Projektdefinitionsphase des Family of Anti-Air Missile Systems (FAMS) um vier Monate verzögert. Grund war die Unsicherheit Spaniens, welches sich nicht zwischen dem FAMS und dem NATO Anti-Air Warfare System (NAAWS) entscheiden konnte. Frankreich und Italien wollten voranschreiten, auch Großbritannien hatte im Dezember 1989 Zustimmung signalisiert. Die Aster 30 sollte dabei die Standard Missile ersetzen. Im Dezember 1990 wurde das Flugkörperkonzept der Industrie formal genehmigt. Italien und Frankreich gaben 1,8 Mrd. US-Dollar für die Entwicklung der Aster-Familie frei. Aérospatiale, Thompson-CSF und Selenia unterschrieben den Zehnjahresvertrag mit der Direction générale de l’armement (DGA), die im Auftrag der französischen und italienischen Verteidigungsministerien handelte. Die schiffgestützte Aster 15 sollte dabei ab 1996 verfügbar sein, die Aster 30 für Schiffe und Lkw später. Die Briten wollten sich mangels Interesse nicht an der Finanzierung der Aster 15 beteiligen. Spanien kam mit ins Boot, stieg aber 1992 wieder aus.
Im Juni 1995 unterzeichneten Italien und Frankreich ein Abkommen für die Vorserienproduktion. Im August wurde eine Aster 30 ohne Sucher (mit Uplink) gegen ein Luftziel abgefeuert. Im Dezember 1995 erzielte eine Aster 30 im Centre d’Essais des Landes einen Direkttreffer gegen eine tieffliegende überschallschnelle Lenkwaffe. Im darauf folgenden Jahr schlug EUROSAM Großbritannien vor, sein Programm zur Abwehr von taktischen ballistischen Raketen (TBM) mit Italien und Frankreich abzustimmen, um die Aster dafür zu ertüchtigen. Zeitgleich wurde der Phase-2-Vertrag ausgearbeitet, um mit einer weiteren Milliarde US-Dollar die Aster zur Serienreife zu führen. Eine C.22-Drohne, die in 10 m Höhe über dem Meer anflog, wurde im April 1997 von einer Aster 15 abgeschossen, die aus einer Senkrechtstartanlage an Land abgefeuert worden war. Ende des Jahres wurde eine C.22-Drohne, die im Tiefflug wieder einen Seezielflugkörper simulierte, von einer Aster 15 ohne Gefechtskopf abgeschossen. Die Rakete schlug so dicht ein, dass die Flügel der Lenkwaffe die Tragflächen der Drohne abschnitten. Die Besonderheit war, dass die Drohne durch einen Abstandsstörer gedeckt wurde. Im selben Monat wurde eine hochfliegende C.22-Drohne von einer Aster 30 abgeschossen. mini|Die Operationszentrale der RSS Supreme feuert eine Aster ab Im April 1998 feilschten Frankreich, Italien und Großbritannien um die Arbeitsanteile. Ferner sollte die Integration in die Zerstörer der Horizon- und Daring-Klasse besprochen werden. Mangels geeigneter Zieldrohnen konnten bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Überschall-Seezielflugkörper abgeschossen werden, allerdings wurde der Gefechtskopf gegen eine simulierte SS-N-22 Sunburn erprobt. Studien zur Abwehr von TBMs mit Aster wurden erstellt. Mitte des Jahres 1999 wurde ein Vertrag über £ 1,3 Mrd. unterzeichnet, der Aster, SAMPSON, EMPAR, S1850M und die SYLVER-Senkrechtstartanlage als das „Principal Anti-Air Missile System“ (PAAMS) zu einem System verbinden sollte. Im Jahr 2000 beauftragten die Regierungen Frankreichs und Italiens die Block-1-Variante der Aster 30, welche zusammen mit Softwareänderungen am ARABEL-Radar die SAMP/T-Landbatterien zur TBM-Abwehr befähigt. Am 30. Oktober 2001 wurden die Testkampagnen der Aster 15 auf der Île d’Oléron (A610) abgeschlossen. 2002 konnte die Aster 15 in Dienst gestellt werden, und Teststarts gegen ballistische Raketen mit der Aster 30 Block 1 begannen auf dem Erprobungsgelände Salto di Quirra. Erster Nutzer der Aster 15 war der nukleare Flugzeugträger Charles de Gaulle. Ferner konnte Saudi-Arabien als erster Exportkunde gewonnen werden. Durch die Fusion von Aérospatiale und Selenia zu MBDA wird der Flugkörper ausschließlich dort gefertigt; Thales liefert nur das Radar. EUROSAM hat die Konstruktionsverantwortung und tritt als Auftragnehmer gegenüber den Kunden und OCCAR auf.
Im November 2002 wurde die Aster 15 zum ersten Mal von einem Kriegsschiff gestartet. Der Flugzeugträger Charles de Gaulle feuerte eine Aster 15 auf ein Flugziel, das in etwa 6 km Entfernung zerstört wurde. Im November 2003 schloss OCCAR mit EUROSAM im Auftrag von Frankreich, Italien und Großbritannien einen Vertrag über 3,4 Mrd. US-Dollar über die Lieferung von 1400 Aster-15- und Aster-30-Flugkörpern sowie 18 SAMP/T-Batterien ab. 2005 stellte SAMP/T seine Einsatzbereitschaft unter Beweis, als eine C.22-Drohne von einer Batterie mittels Direkttreffer vernichtet wurde. Das Zusammenspiel von ARABEL-Radar, Feuerleitstand, Starter und Flugkörper wurde so demonstriert. Einige Monate später wurde im Oktober eine Aster 30 auf zwei Mirach-100-5-Drohnen abgefeuert. Damit sollte die Abwehr einer Salve von Seezielflugkörpern demonstriert werden, wobei der Sucher zwischen beiden Zielen unterscheiden musste und nur das ihm zugewiesene angreifen sollte. Im Oktober 2010 wurde ein Ziel, das eine ballistische Mittelstreckenrakete simulierte, von einer SAMP/T über Biscarosse vernichtet, wodurch der Einsatz von ARABEL-Radar, Feuerleitstand und Aster 30 Block 1 gegen TBMs demonstriert wurde. Im April 2012 wurde ein GQM-163A Coyote Supersonic Sea Skimming Target (SSST), eine Drohne die bis zu Mach 4 erreicht und Mach 2,5 in unter 5 m Höhe, von der Forbin mit einer Aster 30 abgewehrt. Im März 2013 wurde eine weitere ballistische Rakete von einer SAMP/T zerstört. Die Batterie war dabei über Link 16 an das NATO Ballistic Missile Defense Operations Center (BMDOC) in Ramstein angebunden. Eine israelische F-15C, die vom Militärflugplatz Cazaux gestartet war, feuerte eine ballistische Black-Sparrow-Rakete vom Atlantik aus auf das französische Festland in das Raketentestgelände Biscarrosse. Es war das zweite Mal in 13 Testschüssen, dass die Aster 30 Block 1 einen Direkttreffer erzielte.
Seit Anfang der 2010er Jahre wird die verbesserte Variante Aster 30 Block 1 NT (neue Technologie) produziert und ausgeliefert. Sie ist mit einem verbesserten Booster und einem neuen Ka-Band-Sucher ausgerüstet. Durch größere Energiereserven sollen ballistische Raketen mit bis zu 1500 km Reichweite abgefangen werden können. Die Reichweite der Aster 30 B1 NT soll bei rund 150 km und die maximale Flughöhe bei 25000 m liegen.Edrmagazine.eu: IDEX 2025 – Eurosam promotes Advanced Aster 30 B1NT Missile and SAMPT NG Bei der Entwicklung der NT-Version war auch Großbritannien eingebunden, um diese auf den Schiffen der Daring-Klasse einsetzen zu können.
Technik Die Aster-Lenkwaffen werden primär mit zwei Flugabwehrsystemen verwendet: mit dem landbasierten SAMP/T und mit dem schiffsbasierten PAAMS.
SAMP/T SAMP/T steht für „Sol-Air Moyenne-Portée/Terrestre“ und ist ein landbasiertes, allwetterfähiges Flugabwehrraketen-System zur Abwehr von Hubschraubern, Flugzeugen, unbemannten Luftfahrzeugen, Marschflugkörpern sowie ballistischen Kurzstreckenraketen. Dabei können ballistische Kurzstreckenraketen mit einer Maximalreichweite von 600 km abgefangen werden. Eine SAMP/T-Batterie kann ein Gebiet von rund 150 km² gegen Angriffe von Kurzstreckenraketen verteidigen. Eine SAMP/T-Batterie besteht hauptsächlich aus folgenden Komponenten: Einem Feuerleitstand, einem Radar sowie 3–6 Startern für die Lenkwaffen. Sämtliche Komponenten sind auf Lastkraftwagen der Hersteller Renault oder Iveco verbaut und können auf der Straße transportiert werden. Das Erstellen der Feuerbereitschaft dauert rund 30 Minuten. Weiter kann SAMP/T mit der C-130 „Hercules“ oder dem A400M „Atlas“ luftverlastet werden.Tony Cullen & Christopher F. Foss: Jane’s Land-based Air-Defence, Edition 2002–2003. Jane’s Information Group, 2002, S. 130–132.Missiledefenseadvocacy.org: SAMP/T Air Defense System (France & Italy)
Feuerleitstand Jede SAMP/T-Batterie verfügt über einen Feuerleitstand bzw. Kommandoposten. In diesem laufen die Daten vom ARABEL-Radar sowie weiteren Aufklärungssystemen zusammen und werden dort verarbeitet. Dabei können über Link 16 auch Aufklärungsdaten von weiteren Luftrumüberwachungsradars sowie von Aufklärungsflugzeugen E-3 „Sentry“ empfangen werden. Im Feuerleitstand führen die Bediener den Feuerkampf und können mit übergeordneten Aufklärungs- und Führungssystemen kommunizieren.
Radar