Muhammad Hussein Fadlallah, wissenschaftliche Umschrift von Mohammed Hussein Fadlallah (; * 16. November 1935 in Nadschaf, Irak; † 4. Juli 2010 in Beirut, Libanon),Martin Stäheli: Die syrische Aussenpolitik unter Präsident Hafez Assad, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07867-3, S. 341 war ein führender schiitischer Geistlicher im Libanon und geistlicher FührerDeutsches Orient-Institut: Nahost-informationsdienst Nr. 9/1996, Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1996, S. 31Ute Meinel: Die Intifada im Ölscheichtum Bahrain, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2003, ISBN 3-8258-6401-4, S. 150Yonah Alexander, Milton M. Hoenig: The New Iranian Leadership, Greenwood Publishing Group, 2008, ISBN 0-275-99639-5, S. 70 der durch terroristische AktivitätenDer Bundesminister des Innern: Der Terrorismus, eine akute Bedrohung der Menschenrechte Wegener-Verlag, 1985, S. 118EU-Parlament: EU-Parlament bestätigt terroristische Aktivitäten der Hisbollah, 8. März 2005EU-Rat: der bekannten Hisbollah. Sein Einfluss als Großajatollah reichte jedoch weit über den Libanon hinaus.

Leben Fadlallah wurde als Sohn eines libanesischen Rechtsgelehrten (Mudschtahid) im irakischen Nadschaf geboren,Heinz Halm: Die Schiiten. C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-50858-8, S. 114 wohin seine Eltern ausgewandert waren. Er erhielt eine klassische muslimische Bildung, in deren Mittelpunkt der Koran steht. Nach Gründung der „Gemeinschaft der Ulama in Nadschaf“ 1958 durch Geistliche unter der Führung des Scheichs Murtada al-Yasin wurde diese Gruppe zum Forum junger Geistlicher in den Koranschulen von Nadschaf. Dabei kam dem späteren Großajatollah Muhammad Baqir as-Sadr eine führende Rolle zu.Ute Meinel: Die Intifada im Ölscheichtum Bahrain, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2003, ISBN 3-8258-6401-4, S. 149 Baqir al-Sadr unterstützte zudem die Etablierung einer islamischen Regierung im Irak. Einer seiner engsten Mitstreiter war Fadlallah.

1966 kehrte Muhammad Hussein Fadlallah mit seiner Familie in den Libanon zurück und lebte seither in Beirut. Dort wurde er während des Bürgerkrieges 1976 auch Zeuge christlich-islamischer Gewalttätigkeiten. Die Vertreibung von Schiiten aus dem Beiruter Stadtviertel Nabaa könnte dabei sein Fundamentalerlebnis gewesen sein, radikale Gewalt als legales Mittel anzusehen. Noch während des Bürgerkriegs stellte er daher die These auf, dass Schiiten ihre Rechte mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, durchzusetzen müssten.

Fadlallah unterstützte auch die „islamische Revolution“ im Iran und hielt enge Kontakte zur revolutionären Teheraner Führung unter dem Ajatollah Ruhollah Chomeini. Er befürwortete eine Ausdehnung der dortigen radikal-religiösen Stimmungen auf andere Staaten des Mittleren Ostens. Als bekennender Verehrer Chomeinis wollte er sein Vorbild als spirituellen „Führer aller Moslems der Welt“Gerhard Konzelmann: Der unheilige Krieg, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1985, ISBN 3-455-08242-4, S. 19 sehen, der aus seinem Heimatland, dem Libanon, innerhalb von weniger als zehn Jahren einen islamischen Staat formen könnte.Gerhard Konzelmann: Der unheilige Krieg, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1985, ISBN 3-455-08242-4, S. 20

Im Zuge der Umwälzungen im Iran begann Chomeini zu Beginn der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die bis dahin festgelegten schiitischen Traditionen zum islamischen Märtyrertod aufzuweichen. Eine dieser Traditionen besagte, dass nicht nur religiöse Führer und die Glaubensgemeinschaft ihre Zustimmung zum selbstmörderischen Märtyrertod von Heranwachsenden geben müssen, sondern auch die Eltern. Chomeini hielt die Meinung der Eltern jedoch für nicht mehr notwendig. Fadlallah schloss sich dieser Meinung an und ging noch einen Schritt weiter. Er sah es als Pflicht von Mädchen und Jungen, auch ohne Zustimmung der Eltern in den Tod zu gehen.Hans G. Kippenberg: Gewalt als Gottesdienst, C.H.Beck, München 2008, ISBN 3-406-49466-8, S. 94 Neu war dabei auch der Gedanke, dass Frauen den Märtyrertod sterben können; dies war nach schiitischer Tradition bis dahin untersagt.

Fadlallah stellte sich von Anfang an auf die Seite der ab 1983 vom Iran direkt finanzierten schiitisch-islamistischen Hisbollah (übersetzt: Partei Gottes)Alexander Flores: Die arabische Welt. Ein kleines Sachlexikon. Reclam, Ditzingen 2003, ISBN 3-15-018270-0. S. 112. mit ihren „Gotteskriegern“ und wurde ihr geistiger Mentor.Joseph Croitoru: Der Märtyrer als Waffe, Carl Hanser Verlag, München 2003, ISBN 3-446-20371-0, S. 132

Am 8. März 1985 verfehlte ein Autobomben-Attentat in Beirut, das Fadlallah galt, sein Ziel. Bei dem Anschlag wurden 72 Menschen getötet und 256 weitere wurden verletzt.Wolfgang Wagner (Hrsg.): Die internationale Politik, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Verlag R. Oldenbourg, München 1985, S. 47 Ein Kino und zwei siebenstöckige Wohnhäuser wurden durch die Explosion zerstört. Anfangs machte Fadlallah Israel für den Anschlag verantwortlich. Das Land hielt in dieser Zeit einen großen Teil des Libanons besetzt. Der amerikanische Reporter Bob Woodward behauptete, der CIA hätte gemeinsam mit saudi-arabischen Diensten den Anschlag durchgeführt, was die USA bestritten. Letztendlich wurden die Verantwortlichen für das Attentat jedoch nie einwandfrei ermittelt.

Politik Hussein Fadlallah, dessen politisches Instrument hauptsächlich die Hisbollah war, zielte auf einen nationalen religiös geführten Staat und die Einführung der Schari'a, des islamischen Rechtswesens ab, wobei er es vermied, direkt von einem Gottesstaat zu sprechen. Ganz im Sinne ihres obersten geistigen Seelsorgers Hussein Fadlallah sah sich die Hisbollah als Gemeinschaft aller gläubigen Muslime, die für die Verwirklichung des islamischen Staates unter der Herrschaft religiöser Rechtsgelehrter arbeitete. In Chomeini erblickten sie den Stellvertreter des bei den imamitischen Schiiten zum Glaubensbild gehörenden „Verborgenen Imams“, der als Erlöser dereinst kommen würde, um die Welt zu retten. Die Hisbollah verfolgte eine panislamische Idee über alle Staatsgrenzen hinweg. Als Erster im Libanon sprach Fadlallah über die Hisbollah von der Gründung eines islamischen Staates in seiner Heimat und bekannte sich offen zur Ausschaltung des politischen Einflusses der dort lebenden christlichen Bevölkerung. Als soziale Komponente forderte die Hisbollah zudem „soziale Gerechtigkeit“, die „Befreiung des Libanon“ und den „Kampf gegen ausländische Unterdrückung“.Ute Meinel: Die Intifada im Ölscheichtum Bahrain, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2003, ISBN 3-8258-6401-4, S. 206 Die Grundprinzipien Chomeinis gelten für die Hisbollah nach wie vor. Offiziell ist für Fadlallah und seine Bewegung seit dem Parteiprogramm von 1996 eine islamische Theokratie nicht mehr Parteiziel. Stattdessen fordert die Hisbollah eine Reform des konfessionellen Systems.Talal Atrissi (2007): Political Islam im Lebanon. In: Michael Emerson, Richard Youngs (Hrsg.): Political Islam and European Foreign Policy. CEPS, Brüssel 2007, ISBN 978-92-9079-711-1, S. 90 Ebenso wird die Religionsfreiheit der libanesischen Christen anerkannt (freedom of practicing religious rituals and schooling).Almashriq: the electoral program of Hizbullah, 1996 Auch ihre Teilnahme an den ersten Parlamentswahlen nach dem Ende des Bürgerkrieges und ihre Beteiligung an der paritätisch konfessionell besetzten Regierung wurden als Zeichen für das Abrücken von einer Theokratie als Zielsetzung gewertet.

Führungsansprüche Neben Fadlallah galt auch der Führer der Islamischen Republik Iran, Ali Chamenei, als eine wesentliche Säule der Hisbollah. Dessen Lavieren zwischen extremen Radikalen und gemäßigteren KräftenMichael Becker, Hans-Joachim Lauth, Gert Pickel: Rechtsstaat und Demokratie, VS Verlag, Wiesbaden 2001, ISBN 3-531-13645-3, S. 195, früherer Tadel durch Khomeini höchstpersönlichDeutsches Orient-Institut: Nahost Jahrbuch 1988, Leske + Budrich Verlag, Opladen 1988, ISBN 3-8100-0769-2, S. 77 und andere Geschehnisse, die eine eindeutige politische Verortung Chamene'is für die Anhänger der Extremen nur unzureichend möglich machten, hatten zu schweren Auseinandersetzungen zwischen ihm und Fadlallah geführt.Ahmad Nizar Hamzeh: In the Path of Hizbullah, Syracuse University Press, 2004, ISBN 0-8156-3053-0, S. 35 Neben der unbestrittenen Rolle Fadlallahs als geistiger Mentor galt Chamene'i dennoch bereits damals vielfach als der eigentliche Führer der Hisbollah.Daniel Bymanl: Deadly Connections, Cambridge University Press, 2005, ISBN 0-521-83973-4, S. 102 (englisch)

Politik gegenüber Israel und den USA Fadlallah hielt Angriffe gegen Israel für legitim, „weil der Nachbarstaat arabisches Land besetzt halte“.Deutsche Welle: Interview mit Mohammad Hussein Fadlallah Fadlallah, 14. September 2006 In diesem Zusammenhang hielt er die Selbstmord-Attacken gegen Israel für legitim. Diese dürften allerdings nur gegen militärische Ziele gerichtet werden.Deutsche Welle: Interview mit Mohammed Hussein Fadlallah, 16. September 2007 Ein wesentlicher Baustein, seine Ziele zu erreichen, war für ihn die Zurückdrängung des amerikanischen und israelischen Einflusses.Deutsche Welle: Interview mit Mohammad Hussein Fadlallah Fadlallah, 16. September 2006 So gab er im Mai 2002 ein islamisches Rechtsgutachten (Fatwa) heraus, das zum Boykott von amerikanischen Produkten aufrief. Eine weitere von ihm ausgestellte Fatwa vom 12. August 2002 verbot den Moslems, an einem eventuellen Militärschlag der Vereinigten Staaten gegen den Irak teilzunehmen.Hanspeter Mattes: Nahost – Jahrbuch 2002. VS-Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8100-3880-6, S. 118

In einem Interview mit dem hisbollahnahen Al-Manar-Fernsehsender am 21. März 2008, meinte Fadlallah, Israel habe seit 60 Jahren Palästina geplündert und „Merkel besuchte den plündernden Staat, der [Deutschland] erpresste und weiter erpresst, und als einen Vorwand die hitleristisch-nazistische Geschichte Deutschlands benutzt“. Der Zionismus habe auch die Zahl der Holocaust-Opfer „jenseits des Vorstellungsvermögens“ aufgebläht.Lebanese Shiite Leader Ayatollah Muhammad Hussein Fadhlallah: Jews Extort Germany, Inflating Number of Holocaust Victims, MEMRI, Clip No. 1748, 21. März 2008

Fadlallah war ein Unterstützer der palästinensischen Suizidanschläge auf Israel und ebenso hatte er die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran und die daraus folgende Geiselnahme unterstützt.http://www.jcpa.org/JCPA/Templates/ShowPage.asp?DBID=1&LNGID=1&TMID=111&FID=379&PID=1862&IID=2193 Eine der letzten Taten seines Lebens war die Veröffentlichung einer Fatwa, die Suizidanschläge rechtfertigt; dies galt allerdings nur in „besetzten Gebieten“ wie Palästina oder Israel, nicht überall auf der Welt.

Internationaler Terrorismus Fadlallah lehnte es offiziell ab, den islamischen Kampf in den Vereinigten Staaten fortzusetzen, wie dies bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York City geschah. So verurteilte er die Angriffe von Al-Qaida als „nicht mit der Scharia […] und dem wahren islamischen Dschihad vereinbar“. Für den Schiiten Fadlallah waren die Kämpfer der sunnitisch geprägten Al-Qaida keine Märtyrer, sondern „bloße Selbstmörder“.Michael Mann: Die ohnmächtige Supermacht. Campus Verlag, Frankfurt 2003, ISBN 3-593-37313-0, S. 226

Religionspolitik Fadlallah war kein öffentlicher Sprecher für eine Islamisierung Europas: „In all unseren Botschaften und Fatwas an die Muslime im Westen betonen wir, daß sie der Sicherheit und allgemeinen Ordnung des Landes, in dem sie sich aufhalten, keinen Schaden zufügen dürfen. Sie sollten aufgeschlossen sein gegenüber der Gesellschaft, in der sie leben.“

Rechte der Frau