Das Judentum auf dem Boden des heutigen Österreichs ist erstmals in der Römerzeit nachweisbar. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts gab es mit der Raffelstettener Zollordnung die erste Urkunde, in der Juden in diesem Gebiet als Händler erwähnt werden.Michael Mitterauer: Wirtschaft und Verfassung in der Zollordnung von Raffelstetten. In: Mitteilungen des oberösterreichischen Landesarchivs. Linz 1964, S. 348 (). In Wien, im Burgenland und östlichen Niederösterreich erzählt eine jahrhundertelange Geschichte vom Bestehen jüdischer Gemeinden.
In anderen Landesteilen des heutigen Österreichs gab es kaum oder nur in kürzeren Geschichtsabschnitten jüdische Gemeinden sowie ab Ende des 19. Jahrhunderts in einigen Landeshauptstädten. Einige Regionen der Habsburgermonarchie waren stärker jüdisch besiedelt als andere. So gab es in nahezu allen Kronländern Österreich-Ungarns größere jüdische Minderheiten, wobei besonders Galizien und Bukowina, die Teile des heutigen Polens, der Ukraine und Rumäniens ausmachten, große jüdische Bevölkerungsanteile aufwies. Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden sowie bedingt durch die Industrialisierung wanderten viele Juden aus den ländlicheren Gebieten in die Städte der Monarchie aus. Zehntausende zog es nach Wien, das nach dem Zusammenbruch der Monarchie rund 200.000 Juden zählte, was etwa 90 % der Juden entsprach. In Wien entfaltete sich die jüdische Kultur in Theater, Film und Musik, und das assimilierte Judentum brachte herausragende Persönlichkeiten in praktisch allen Gesellschaftsbereichen – Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur – hervor (siehe Geschichte der Juden in Wien).
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich flohen rund zwei Drittel der österreichischen Juden vor der NS-Diktatur, etwa 65.000 wurden ermordet. Nur wenige überlebten den NS-Terror, noch weniger kehrten zurück. Nach 1945 wurden in den größten Städten kleine jüdische Gemeinden wiedergegründet. Heute leben vor allem durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion zwischen 8000 und 15.000 Juden in Österreich – heute wie damals überwiegend in Wien.
Geschichte Römerzeit Der älteste Nachweis für jüdisches Leben im heutigen Österreich stammt aus der Römerzeit. Es handelt sich um ein Amulett, das 2000 im Gräberfeld in Halbturn (Burgenland) in einem römischen Kindergrab aus dem 3. Jahrhundert gefunden wurde. Die langwierige Auswertung der Grabungsfunde brachte erst 2006 zu Tage, dass sich in dem Amulett ein 22 mm langes Goldblech befindet, auf dem in altgriechischen Buchstaben die wichtigste jüdische Gebetsformel Schma Jisrael eingeritzt ist. Es ist damit das älteste Zeugnis jüdischen Lebens auf heutigem österreichischen Boden.Ältestes Zeugnis jüdischen Lebens in Österreichs entdeckt. In: Online-Zeitung der Universität Wien, 11. März 2008.
Mittelalter Unklare Anfänge im Mittelalter Über die Anwesenheit von Juden im Frühmittelalter ist nur sehr wenig bekannt. Zahlreiche Sagen über märchenhafte Judenreiche, welche von Juden gegründet wurden und über Städte wie Tulln, Wien, Korneuburg oder Stockerau herrschten, versuchen die Anfänge der Herrschaft in Österreich zu erklären: Die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstandene „Chronik von den 95 Herrschaften“ behauptet, der Jude Abraham sei im Jahr 859 nach der Sintflut in das Land der Donau gekommen. Dieses Land soll schon von einem früher dort lebendem Juden den Namen Judeisapta (für Juden geeignet) bekommen haben. Der Jude Abraham soll sich, so die Chronik, in Stockerau niedergelassen haben, um dort eine Dynastie von Fürsten zu gründen, die bis in das Jahr 210 vor unserer Zeitrechnung in der Region geherrscht haben soll.Gerson Wolf: Geschichte der Juden in Wien (1156–1876). Alfred Hölder, Wien 1876, S. 1–2.Hans Tietze: Die Juden Wiens. 2. Auflage. 1987, S. 13.Eveline Brugger: Die Frühzeit des jüdischen Lebens in Österreich. Uebereuter, S. 123. Es handelt sich hierbei um keine aussagekräftige Quelle.
Erste Hinweise auf die Anwesenheit von Juden im Gebiet des heutigen Österreichs nach der Völkerwanderung reichen bis in die Karolingerzeit zurück. Die ersten spärlichen Quellen aus dem Frühmittelalter, in denen Juden erwähnt werden, sprechen nur von durchreisenden Personen und nicht von jüdischen Siedlungen. Konkreter ist ein Brief, vermutlich von Salzburgs Erzbischof Arn (798–821), in dem dieser einen namentlich nicht genannten Grafen bittet, ihm „jenen jüdischen oder slawischen Arzt“ zu schicken, den früher schon ein anderer Bischof in Anspruch genommen hatte.
Der erste unbestrittene Nachweis für die Anwesenheit von jüdischen Kaufleuten ist die Raffelstettener Zollordnung, die zwischen 903 und 906 entstand. Die letzte Bestimmung des in Raffelstätten erlassenen Weistums besagte, dass Kaufleute, nämlich Juden und die übrigen Kaufleute, ob sie nun aus diesem oder anderen Gebieten kamen, den rechtmäßigen Zoll sowohl von Sklaven als auch von anderen Gütern zahlen sollten, so wie es unter früheren Königen üblich war. Jüdische Kaufleute waren demnach im damaligen Fernhandel zwischen dem ostfränkischen Reich und den slawischen Gebieten eine bedeutende Gruppe.
Mit der Raffelstettener Zollordnung lässt sich aber nicht die Ansiedlung von Juden beweisen. Im Herzogtum Bayern sind Juden erstmals 981 in Regensburg nachweisbar, doch kann man nicht ausschließen, dass es auch schon früher ansässige Juden in dem Gebiet gab. Auf dem Gebiet des heutigen Österreichs gibt es jedoch etliche Ortsnamen mit dem Namensbestandteil Juden, die auf jüdische Handelsstützpunkte oder Siedlungen hinweisen. Diese Judendörfer lagen meist an wichtigen Nord-Süd-Handelswegen. Eine deren wichtigsten war das heutige Judenburg, das als mercatum Judinburch 1074 urkundlich ist. Die Beibehaltung des Namens bis zur Stadterhebung 1224 zeigt die Kontinuität der Niederlassung (Judenburger Gulden als die erste und lange auch wichtigste Goldmünze Österreichs, Niederlassung bis zur Landesverweisung 1496).
Der erste namentlich erwähnte Jude in Österreich war ein gewisser Schlom, der 1194 im Formbacher Traditionskodex erwähnt wird. Er wurde vom babenbergischen Herzog Leopold V. zum Münzmeister ernannt und zum Verwalter des herzoglichen Vermögens eingesetzt. Schlom wurde vermutlich speziell für diesen Zweck ins Land gerufen, denn zu dem Zeitpunkt bekam Leopold V. das englische Lösegeld für die Freilassung des Königs Richard Löwenherz. Nachdem ihm einer seiner Bediensteten 24 Mark gestohlen hatte, ließ Schlom ihn ins Gefängnis werfen. Die Frau des Bediensteten rief einige Kreuzritter zur Hilfe, die Schlom und fünfzehn andere Juden 1196 in einem Pogrom ermordeten. Herzog Friedrich I. verurteilte daraufhin zwei Anführer der Kreuzritter zum Tode. Diese Maßnahme beweist die Bedeutung der Juden für den Herrscher, unter dem sich die Judengemeinde in Wien rasch entwickeln konnte. Davon zeugt auch eine 1204 urkundlich belegte Synagoge in Wien. Um 1230 entstand eine jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt und eine in Krems, 1237 in Tulln. Die Zuwanderer stammten vor allem aus den rheinländischen Städten Worms, Mainz und Trier, die sie während der Verfolgungen des Ersten Kreuzzuges 1096 verließen.
Blütezeit der Gemeinden Das Städtewesen, das von den Babenbergern gefördert wurde und die städtische Bevölkerung anwachsen ließ, erforderte auch eine erhöhte Präsenz von Juden, die den ständig wachsenden Kapitalbedarf der Neubürger deckten. Auch am Herzoghof in Wien war es schon in den 1230er Jahren üblich, dass Juden als Berater tätig waren. Der bekannteste wurde der ungarische Kammergraf Teka (lateinisch „Techanus“), der erstmals 1225 auftrat. Er wird 1232 als Bürge Herzog Leopolds VI. für eine Schuld von 2000 Mark Silber genannt und war damit unmittelbar an der Beilegung eines Streites zwischen Leopold VI. und König Andreas II. von Ungarn beteiligt. Im ganzen Herzogtum entstanden im 13. Jahrhundert zahlreiche Gemeinden, vor allem im heutigen Niederösterreich. Davon zeugen noch heute Synagogenbauten, davon sind einige noch heute erhalten (die Synagoge in Korneuburg, in Bruck an der Leitha, in Hainburg, in Neunkirchen und Wiener Neustadt oder Ebenfurth). Abgesehen von solchen bescheidenen bis mittelgroßen Gemeinden existierten noch ganze Dörfer und kleine Städte mit jüdischen Gemeinden. Dies änderte sich jedoch mit den Pulkauer Verfolgungen von 1338. Von nun an konzentrierte sich die jüdische Besiedlung eher auf die größeren Gemeinden und Städten.
Juden war Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts der Aufstieg in hohe Stellungen nicht verwehrt, auch konnten sie christliches Dienstpersonal beschäftigen. In Wien, Krems und Wiener Neustadt konnten sie größere Gemeinden bilden. Verfolgungen gab es während der ersten beiden Kreuzzüge keine, so dass die Ermordung Schloms 1196 eine Ausnahme blieb. Ein Judenrecht bildete sich erst während des Streites zwischen Kaiser Friedrich II. und Herzog Friedrich II. 1237 verhängte der Kaiser die Reichsacht über seinen Namensvetter und stellte Wien unter seine Herrschaft. Die Wiener Bürger überzeugten ihn, die Juden von allen öffentlichen Ämtern auszuschließen. 1238 war jedoch der Herzog wieder auf dem Vormarsch, und Kaiser Friedrich II. warb nach diesem Wandel um die Gunst der Juden. Im August 1238 erließ er ein Privileg für die Wiener Juden, um die Herrschaftsansprüche zu untermauern. Es beruht auf dem 1236 ausgestellten Privileg für die Juden im Reich. Doch 1240 fiel Wien wieder an den Herzog, und es kam zu einer Aussöhnung mit dem Kaiser. Am 1. Juli erklärte Herzog Friedrich II. das kaiserliche Stadtrecht von 1237 für ungültig und stellte 1244 ein herzogliches Privileg für die Juden in ganz Österreich aus, das Fridericianum. König Ottokar II. übernahm die Privilegien, 1262 kam noch das Verbot der Blutbeschuldigung dazu.
Im 14. Jahrhundert kam es im österreichischen Raum zur Ausbildung von Jeschiwot, die sich über die engen lokalen Grenzen hinaus einen Namen machen konnten. Es ist eine Entwicklung, die auch im Zusammenhang mit den Mitte des Jahrhunderts in Deutschland auftretenden Pestpogromen, denen ganze Gemeinden zum Opfer fielen, in Zusammenhang zu sehen ist. Im österreichischen Ritus und Gewohnheitsrecht (Minhag) finden sich in vielen Einzelheiten Unterschiede zu der Tradition am Rhein, in Schwaben und Franken, nicht nur bei der Aussprache des Hebräischen während des Gottesdienstes, in Wortlaut und Melodie verschiedener Gebete, sondern auch bei der Auswahl zusätzlicher Gebete. Auch in Bereichen der Reinheitsvorschriften, Schächtregeln und Speisevorschriften sowie bei Bräuchen wie Trauerriten, Beschneidungs- und Hochzeitsbräuche wichen die Riten ab. Die genaue Kenntnis dieser Unterschiede war in Gelehrtenkreisen wichtig. Zentren jüdischer Gelehrsamkeit entstanden neben Wien vor allem in Wiener Neustadt und in der Kremser Gemeinde. Die führende Gruppe der Gelehrten war großenteils untereinander verwandt und gehörte zu einer kleinen, oft auch wirtschaftlich führenden Oberschicht.
Mit der Zeit, als Folge von Berichten über Blutbeschuldigungen, Hostienfrevel, des süddeutschen Rintfleisch-Pogroms und wahrscheinlich einer Wirtschaftskrise, wuchs der Hass auf die Juden. 1338 ging eine Judenverfolgung von Pulkau aus (Beschuldigung einer Hostienschändung). Die Juden in Wien, der damals bedeutendsten Gemeinde in Österreich, sowie in Krems und Wiener Neustadt entgingen drohenden Pogromen, indem sie den Zinsfuß auf von ihnen vergebene Darlehen senkten.
Hussitenkriege und frühe Neuzeit mini|Gedenktafel in Wien-Landstraße mini|Das Relief am „Haus zum großen Jordan“