mini|Oswald Schmiedeberg (1908)

Oswald Schmiedeberg (* auf Gut Laidsen bei Talsen (Talsi) in Kurland, damals zu Russland gehörend, heute zu Lettland; † 12. Juli 1921 in Baden-Baden) war ein deutsch-baltischer Pharmakologe. Mit seinem akademischen Lehrer Rudolf Buchheim (1820–1879) begründete er die Pharmakologie als selbständiges medizinisch-biologisches Fach.

Leben Schmiedeberg war Sohn eines Försters.B. Naunyn: Oswald Schmiedeberg †. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 1921; 90:I-VIIHans H. Meyer: Schmiedebergs Werk. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 1922; 92:I-XVIIE. Muscholl: The evolution of experimental pharmacology as a biological science: the pioneering work of Buchheim and Schmiedeberg. In: British Journal of Pharmacology 1995; 116:2155-2159K. Starke: A history of Naunyn-Schmiedeberg’s Archives of Pharmacology 1998; 358:1-109 Er verbrachte seine Kindheit in Dorpat, dem heutigen Tartu, in Estland. Dort besuchte er das humanistische Gymnasium und studierte anschließend Medizin an der Kaiserlichen Universität Dorpat. Zu seinen Lehrern gehörten der Biochemiker Carl Schmidt (1822–1894), der im Magensaft die Salzsäure entdeckte, der Anatom und Physiologe Friedrich Heinrich Bidder (1810–1894) und der Anatom Karl Wilhelm von Kupffer (1829–1902), Namensgeber der Kupffer-Sternzellen in der Leber. Seine Dissertation fertigte er bei dem seit 1847 in Dorpat wirkenden Pharmakologen Rudolf Buchheim an: Über die quantitative Bestimmung des Chloroforms im Blute und sein Verhalten gegen dasselbe. 1866 wurde er zum Dr. med. promoviert, dann Assistent bei Buchheim, 1868 Privatdozent, schließlich, als Buchheim 1869 an die Universität Gießen wechselte, dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Pharmakologie, Diätetik und Geschichte der Medizin in Dorpat. Im selben Jahr kam der Internist Bernhard Naunyn (1839–1925) von Berlin nach Dorpat, der Schmiedebergs lebenslanger Freund wurde, und 1871 nach Bern und 1872 schließlich nach Königsberg (Preußen) ging. Schmiedeberg verbrachte gleich nach seiner Lehrstuhlübernahme ein Jahr bei Carl Friedrich Wilhelm Ludwig (1816–1895) in Leipzig, um seine experimentellen Fertigkeiten zu vervollkommnen. Er traf dort den Pharmakologen Rudolf Boehm (1844–1926) und den Biochemiker und Physiologen Friedrich Miescher (1844–1895), mit denen ihn ebenfalls lebenslange Freundschaft verbinden sollte. 1872 wurde er an die nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870–1871 in Straßburg als der Hauptstadt des neuen Reichslandes Elsaß–Lothringen gegründete Kaiser-Wilhelm-Universität berufen. Sein Labor war zunächst beengt in der alten Faculté de Médecine am Spitalplatz untergebracht, Place de l’Hôpital, bezog aber 1887 ein neues großzügiges Gebäude, von Schmiedeberg in Zusammenarbeit mit dem Architekten Otto Warth (1845–1918) geplant. Die Universität sollte nach ihren Gründern das werden, was man heutzutage eine „Eliteuniversität“ nennt. Berühmte Mediziner wurden gleichzeitig mit Schmiedeberg berufen, darunter der Anatom Heinrich Wilhelm Waldeyer (1836–1921), nach dem der lymphatische Rachenring benannt ist, der Physiologe Friedrich Goltz (1834–1902), Felix Hoppe-Seyler (1825–1895), einer der Gründer des Fachs Biochemie und Gründer der Zeitschrift für physiologische Chemie, später Hoppe-Seylers Zeitschrift für physiologische Chemie, und der Pathologe Friedrich Daniel von Recklinghausen (1833–1910), Namensgeber der Osteodystrophia fibrosa generalisata cystica, einer Manifestation des Hyperparathyreoidismus, und der Neurofibromatose Typ 1. Schmiedeberg war der jüngste von ihnen. 1888 kam Naunyn von Königsberg nach Straßburg, und die beiden wirkten an derselben Universität bis zu Naunyns Emeritierung 1904.

mini|Pharmakologisches Institut Straßburg (1887)Jacques Héran: Histoire de la médecine à Strasbourg. Strasbourg, La Nouée Bleue 1997. ISBN 2-7165-0219-6

Schmiedeberg blieb 46 Jahre lang Lehrstuhlinhaber in Straßburg, nämlich bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Er war der einzige der 1872 Berufenen, der 1918 noch im Amt war. Nun musste der 80-jährige Straßburg verlassen, wie alle Deutschen, die nach 1870 ins Elsass gekommen waren. Sein gesamtes Vermögen wurde von den Franzosen konfisziert.

Eine Anekdote dazu hat Albert Schweitzer (1875–1965) überliefert, der in Straßburg nach Theologie und Philosophie auch Medizin studiert hatte und für den Schmiedeberg „der bekannte Erforscher der Digitalissubstanzen“ war: „Nach Jahren sollte ich Gelegenheit finden, dem von mir verehrten Schmiedeberg einen Dienst zu erweisen. Als ich im Frühjahr 1919 zufällig am Bahnhof Straßburg-Neudorf vorbeiging, von dem aus eben ausgewiesene Deutsche mit der Bahn abtransportiert werden sollten, sah ich den lieben Alten unter ihnen stehen. Auf meine Frage, ob ich ihm bei der Rettung seiner Möbel behilflich sein könne – er hatte sie, wie die anderen auch, zurücklassen müssen –, zeigte er mir ein in Zeitungspapier eingewickeltes Bündel, das er im Arme hielt. Es war seine letzte Arbeit über Digitalin. Da alles, was die Ausgewiesenen bei sich und auf sich hatten, im Bahnhof von französischen Unteroffizieren streng kontrolliert wurde und er Angst hatte, daß man ihm die Mitnahme des umfangreichen Manuskripts vielleicht nicht gestatten würde, nahm ich es ihm ab und ließ es ihm später durch sichere Gelegenheit nach Baden-Baden zugehen, wo er bei Freunden Unterkunft gefunden hatte. Nicht lange, nachdem es im Druck erschienen war, starb er.“Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken. Frankfurt, Fischer Bücherei 1954

Der Freund in Baden-Baden war Naunyn, der seit seiner Emeritierung dort lebte. Die beiden wurden Nachbarn in der Baden-Badener Waldstraße, heute August-Schriever-Weg. Schmiedeberg starb 1921, Naunyn 1925.

Forschung Schmiedebergs Publikationen bis 1907 sind in einem ihm zum 70. Geburtstag 1908 als Festschrift gewidmeten Supplement-Band des Archivs für experimentelle Pathologie und Pharmakologie aufgeführt, spätere in der Würdigung „Schmiedebergs Werk“ seines Schülers Hans Horst Meyer (1853–1939). Die meisten Publikationen sind im Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie erschienen und in einer Geschichte dieser Zeitschrift besprochen.

Herzglykoside Die Herzglykoside, die „Digitalissubstanzen“ Albert Schweitzers, waren einer von Schmiedebergs Forschungsschwerpunkten. 1874 hat er, französischen Forschern folgend, aus Rotem Fingerhut, in den Vogesen gesammelt, das von ihm so genannte Digitoxin isoliert. Sein Mitarbeiter Robert Koppe hat damit einen berühmten Selbstversuch gemacht, der zu einer schweren Vergiftung führte, unter anderem zu der typischen, Pulsus bigeminus (Zwillingspuls) genannten Herzrhythmusstörung. Sie ist in Koppes Publikation zum ersten Mal dokumentiert, und zwar durch Registrierung des Pulses am Handgelenk, nicht wie heute üblich durch Elektrokardiographie (Bild). Arthur Robertson Cushny (1866–1926), der drei Jahre lang bei Schmiedeberg in Straßburg gearbeitet hatte und inzwischen Professor für Pharmakologie an der Universität Edinburgh war, nannte 1925 in seiner Digitalis-Monographie Koppes Aufsatz „the best description of severe digitalis poisoning in a normal person“ und übersetzte ihn ins Englische.Arthur R. Cushney: The action and uses in medicine of Digitalis and its allies. London, Longmans Green 1925

mini|Robert Koppes Selbstversuch. Oben der normale Puls vor, unten Pulsus bigeminus nach 3,5 mg Digitoxin.

Später hat Schmiedeberg alle ihm bekannten Digitalis-ähnlichen Stoffe – 19 an der Zahl, darunter das Strophanthin und Inhaltsstoffe des Oleanders, der Nieswurz und des Maiglöckchens – in e i n e pharmakologischen Gruppe platziert, die er Digitalingruppe nannte. Cushny sprach von einer „masterly analysis“ und der Tuberkulosearzt und Herzglykosid-Forscher Albert Fraenkel (Mediziner, 1864) von „dem großen Wurfe Schmiedebergs, als er das Strophanthin und alle anderen Glykoside von der gleichen Grundwirkung in die Gruppe der Digitaliskörper zusammenfaßte.“A. Fraenkel: Strophanthin-Therapie. Berlin, Julius Springer 1933 „Schmiedebergs chemische, durch die pharmakologische Prüfung schrittweise geleitete Untersuchung der Digitalisbestandteile lieferte die erste wichtige und bis heute noch in ihren wesentlichen Teilen gültige Grundlage der überaus schwierigen Digitalischemie, auf der alle späteren Untersucher aufgebaut haben.“Günther Stille: Der Weg der Arznei. Karlsruhe, G. Braun 1994. ISBN 3-7650-1717-5

Muscarin und Nicotin Das Gift des Fliegenpilzes, Amanita muscaria, war bis 1869 unbekannt. In diesem Jahr erschien eine 111 Seiten umfassende Monographie von Schmiedeberg und dem Assistenzarzt Richard Koppe Das Muscarin – das giftige Alkaloid des Fliegenpilzes (Agaricus muscarius L.).Oswald Schmiedeberg und Richard Koppe: Das Muscarin, das giftige Alkaloid des Fliegenpilzes (Agaricus muscarius L.), seine Darstellung, chemischen Eigenschaften, physiologischen Wirkungen, toxicologische Bedeutung und sein Verhältniss zur Pilzvergiftung im allgemeinen. Leipzig, Verlag von F.C.W. Vogel 1869 Der Beitrag Schmiedebergs und der (geringere) Beitrag Koppes werden im Vorwort differenziert. Die Autoren haben das Gift aus Pilzen, gesammelt in der Umgebung von Dorpat, isoliert, seine pharmakologischen Wirkungen beschrieben, ihm den Namen Muscarin gegeben und die antagonistische Wirkung von Atropin gefunden. Es war eine Arbeit von größter Bedeutung. Sie hat schließlich zur Entdeckung der chemischen Informationsübertragung in Synapsen durch Otto Loewi (1873–1961) geführt. Eine der beiden Gruppen von Rezeptoren, über die der von Loewi identifizierte Neurotransmitter Acetylcholin wirkt, sind die Muscarinrezeptoren. Der Antagonismus Atropin gegen Muscarin wurde der Prototyp der Konkurrenz zweier Wirkstoffe um einen und denselben Rezeptor. Schließlich, wie Schmiedeberg und Koppe schreiben: „Diese Wirkungen bieten nicht nur ein hohes wissenschaftliches, sondern auch ein praktisches Interesse dar, da ihr Studium dazu geführt hat, gegen das Gift des Fliegenpilzes in dem Atropin ein physiologisches Antidot im wahren Sinne des Wortes kennen zu lernen, das bei zufälligen Vergiftungen mit dieser weit verbreiteten Pilzspecies die Gefahren in hohem Grade zu verringern, wahrscheinlich sogar ganz zu beseitigen im Stande sein wird.“

Im Anschluss an das Muscarin hat Schmiedeberg das Nicotin untersucht, zunächst in Dorpat, dann in Carl Ludwigs Labor in Leipzig. Nicotin unterdrückte die Hemmwirkung des Nervus vagus auf das Herz, und Schmiedeberg deutete das korrekt durch eine Lähmung „gangliöser Elemente“ im Verlauf der Vagusbahn, in heutiger Terminologie Ganglienblockade.O. Schmiedeberg: Untersuchung über einige Giftwirkungen am Froschherzen. In: Berichte über die Verhandlungen der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Mathematisch-Physische Klasse 1870; 22:130-141 Es war ein Schritt hin zur Nutzung des Nicotins für die Analyse der Schaltstellen im vegetativen Nervensystem durch John Newport Langley (1852–1925).

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