mini|Ludwig Tieck* 1773, † 1853 Franz Sternbalds Wanderungen, eine altdeutsche Geschichte, ist ein romantischer Künstlerroman von Ludwig Tieck, der 1798 bei Johann Friedrich Unger in Berlin im Druck erschien.

Ausgaben Die Erstausgabe (auch: Ausgabe A) von Franz Sternbalds Wanderungen erschien 1798 in zwei Teilen bei Johann Friedrich Unger in Berlin. Der von Tieck mehrfach angekündigte dritte Teil wurde nie fertiggestellt. Anlässlich des Drucks einer Gesamtausgabe von Tiecks Schriften im Verlag von Georg Ernst Reimer nahm Tieck eine umfangreiche Überarbeitung seines Textes vor, die als Ausgabe B bekannt ist. Neben orthographischen Korrekturen formulierte Tieck einzelne Handlungsstränge weiter aus und strich andere aus dem Roman. Ein Variantenverzeichnis mit einem Umfang von über 70 Druckseiten erschien erstmals 1966 in einer von Alfred Anger herausgebrachten Studienausgabe von Franz Sternbalds Wanderungen.

Wanderungen Die Wanderungen beginnen 1520 vor den Toren Nürnbergs und dauern anderthalb Jahre an. Erster Teil

Erstes Buch mini|Albrecht Dürer 1498Selbstbildnis Der 22-jährige Malergeselle Franz Sternbald verlässt seinen Meister Albrecht Dürer, wandert in den nächsten Wald und trifft darin auf den Antwerpener Schmied Messys. Franz, der große Junge mit dem kindlichen Gemüt, „will nicht so zaghaft sein wie Sebastian“, sein Freund, der daheim beim Meister bleibt. Unterwegs wird Franz von einem siebzigjährigen Bauern zu dessen Hof mitgenommen. Franz ist gerührt, dass der Alte vor seinem Tod noch Nürnberg sehen möchte und nicht weiß, wie nahe an der Stadt er lebt. In einer Stadt gibt Franz einen Brief seines Meisters beim reichen Fabrikbesitzer Zeuner ab. In Herrn Zeuners Umkreis dreht sich alles ums Geld. Das Thema ist Franz zuwider. Er vertraut Zeuner seine Reisepläne an. Nach Flandern soll es gehen und dann nach Italien. Der Aufseher über Zeuners zahlreiche Arbeiter ist gerade gestorben. Franz schlägt die sehr gut bezahlte Stelle aus, weil er „keine Ehrfurcht vor dem Reichthum“ hat. In derselben Stadt muss Franz noch einen Brief, diesmal aus der Feder Pirkheimers, abgeben. Der Empfänger lässt sich das Schreiben vom jungen Briefträger verlesen. Dem Vorleser kommen die Tränen, als er als „der beste Schüler Albert Dürers“ bezeichnet wird.

Der Bauernsohn Franz macht einen Abstecher in sein Heimatdorf im Taubertal. Der sterbende Vater gesteht Franz: „Du bist mein Sohn nicht“. Darauf befragt Franz seine Mutter, die alte Brigitte. Die gesteht ihm, sie sei seine Mutter nicht. Die Pflegemutter bittet Franz, nicht in die Fremde zu ziehen, sondern das Brot zu Hause als Bauer und Nachfolger des Pflegevaters zu verdienen. Franz bleibt noch ein paar Wochen. Er arbeitet an einem Altarbild, das er „seinem Geburtsorte von sich hinterlassen“ will. Auf dem Erntefest lernt Franz die „unwissende Gertrud“, ein frisches Bauernmädchen, kennen. Gertrud fragt Franz, ob er denn nach Italien müsse. „Ich will und muß fort“, antwortet er.

Als Franz sein fertiges Gemälde in der Dorfkirche betrachtet, bricht draußen ein Wagen. Er eilt hinaus und bietet den Herabgestürzten, einem alten Mann und einem schönen Mädchen, seine Hilfe an. Obwohl das Mädchen ohne Hilfe aufstehen konnte, ist Franz sehr besorgt und von ihrem Blick wie verzaubert. Franz wähnt, der unbekannten Schönen vor 14 Jahren schon einmal beim Blumenpflücken im Wald vor dem Dorf begegnet zu sein. Die Fremde, damals „ein liebliches blondes Mädchen, kam zu Franz und bat um seine Blumen, er schenkte sie ihr alle, ohne selbst seine Lieblinge zurückzubehalten, indeß ein alter Bedienter auf einem Waldhorne blies, und Töne hervorbrachte, die dem jungen Franz damals äußerst wunderbar in die Ohren klangen“. mini|Lukas von LeydenSelbstbildnis Als sich reparierter Wagen und das fremde Mädchen darin von der Dorfkirche und dem sinnenden Franz entfernt haben, findet Franz eine Brieftasche am Unfallort. Aus dem Inhalt der Brieftasche ersieht Franz, dass die Schöne in Antwerpen gewesen war und sowohl Lukas von Leyden als auch seinen Meister Albert Dürer verehrt.

Die restlichen Wanderungen Franz Sternbalds können gelesen werden als Suche des Titelhelden nach den unbekannten Eltern und der entschwundenen Geliebten, von der er nicht einmal den Namen kennt.

Zweites Buch Angesichts der großen Stadt Leyden hat Franz immer noch „den süßlächelnden Mund“ der Fremden vor Augen, bricht den Versuch eines Porträts jedoch bald ab, weil es ihm nicht ähnlich genug gelingt. Diese Verzweiflung klagt Franz später seinem Vorbild Lukas von Leyden, der über den heftigen Ton des jungen Gesellen schmunzelt und ihm rät, sich zu üben, anstatt jeden Entwurf aus übermäßiger Ehrfurcht vor dem Gegenstand zu verwerfen. Eines Tages stellt sich heraus, dass Dürer seinem Schüler nach Leyden gefolgt ist. Mit den folgenden Diskussionen des ordnungsliebenden Albrecht Dürer mit dem impulsiven Lukas von Leyden beginnt eine Reihe von Kunstgesprächen, die von nun an bis ans Ende des Romans regelmäßig in die Handlung eingeflochten werden. Lukas, der Dürer-Verehrer, begreift nicht, weshalb der Meister seinen besten Schüler nach Italien schickt. Seiner Meinung nach könne Sternbald die italienische Kunst nur aus der Perspektive eines Deutschen betrachten und demzufolge auch nur unzureichend nachahmen. Dürer entgegnet, dass Franz „ganz andere Wege auffinden“ soll, „die wir noch nicht betreten haben“. Als Beispiel nennt Dürer das Altarbild in der Kirche von Sternbalds Heimatdorf, das Dürer besichtigt und in dem er den individuellen Stil seines Schülers erkannt hatte.

Von Dürer erhält Franz auch einen Brief von Sebastian, der auf Franz’ Empfehlung begonnen hat, mehr zu lesen. Besonders von Plutarch und von der Bibel ist Sebastian beeindruckt. Außerdem hat er in Nürnberg den „wackern Mann und schönen Dichter“ Hans Sachs kennengelernt, der dort als Schuhmacher arbeitet.

Albrecht Dürer, der Alkohol nur schlecht verträgt, beobachtet erstaunt, dass Lukas von Leyden nach Alkoholgenuss besonders originell malt. Auf Dürers Frage meint Lukas, er habe sich auch erst an den Einfluss des Alkohols gewöhnen müssen, aber nun gingen ihm die Gemälde dadurch leichter von der Hand.

Als Franz weiterzieht, bittet ihn Dürer, recht bald nach Nürnberg zurückzukehren und bei ihm zu leben. Franz’ anfängliche Begeisterung schwindet, als Dürer seinen Vorschlag mit den Todesahnungen begründet, die ihn schon länger quälen. Dürer fühlt seine „Kraft der Seele“ abstumpfen, fühlt sich aber seiner Frau gegenüber verpflichtet, weiterhin im gewohnten Tempo zu arbeiten und das dringend nötige Geld zu verdienen. Als sich die Wege der drei Maler trennen, betrachtet Dürer Franz nicht mehr als Schüler, sondern als Freund.mini|Quentin Messys 1514Der Goldwäger und seine Frau Auf der Weiterreise lernt Franz den Dichter Rudolf Florestan aus Italien kennen. Der Jüngling ist ein halber Deutscher, war in England und reist mit Franz in die Heimat zurück. Während Franz fast beständig „ein Mißtrauen gegen sich selber“ hat, ist Florestan „immer lustig“ (161). „Ist die Welt denn nicht schön, so wie sie ist?“ (162) ruft Florestan aus und spricht von seiner Geliebten in Italien und seiner Niederländerin. In Flandern lernt Franz „die große Handelsthätigkeit in Antwerpen“ kennen. Der reiche Kaufmann Vansen gibt häufig Abendgesellschaften, bei denen auch ein alter Mann eingeladen ist, der die Kunst als unnötige Zeitverschwendung betrachtet. Daraufhin hält Franz ein feuriges Plädoyer für die Kunst, die das auszudrücken vermag, was der „Weise durch Weisheit erhärtet, was der Held durch Aufopferung bewährt“ und was der „Märtyrer durch seinen Tod besiegelt“. Vansen ist von der Eloquenz des jungen Malers beeindruckt und möchte Franz als seinen Schwiegersohn. Der feinfühlige Franz merkt jedoch, das die Traurigkeit von Vansens Tochter Sara nicht einem allgemeinen Wunsch nach Vermählung entspringt, sondern von Liebeskummer herrührt. Sara gesteht, dass sie sich Sorgen um ihren Geliebten macht, der erkrankt ist und Franz willigt ein, ihn mit einer Nachricht von Sara zu besuchen. Der Kranke stellt sich als eben jener Schmied Messys heraus, den Franz aus dem Nürnberger Walde kennt. Vor seiner Abreise bringt Franz die beiden Liebenden zusammen und legt bei Vansen ein gutes Wort für Messys ein, der sich aufgrund seines niederen Standes nicht getraut hatte, um Saras Hand zu bitten. Vansens Bedingung ist, dass Messys seinen Beruf als Schmied aufgibt und Maler wird.

Zweiter Teil

Erstes Buch Im Frühling 1521 durchwandert Franz das Elsass. Unterwegs fristet der Wanderer seine Existenz mit Auftragsarbeiten. In Straßburg malt er für einen reichen Mann eine Heilige Familie.mini|Raffael Sanzio 1510Selbstbildnis, links Die Italiensehnsucht des kunstbegeisterten Franz ist groß, insbesondere Michelangelo und Raffael will er entdecken. Unterwegs treffen Franz und Florestan den Nürnberger Bildhauer Augustin Bolz. Dieser beurteilt die beiden Wanderer als viel zu hitzig für große Maler.

Im Walde begegnen sie einer schönen Jägerin, die Marie ähnelt. Sie gibt sich als Gräfin Adelheid zu erkennen und nimmt die Herren mit auf ihr Schloss, wo Sternbald ein Gemälde von ihr anfertigen soll. Franz zittert, als er den zarten Busen der Gräfin Adelheid zeichnet. Franz hat ein Gemälde – mit Marie darauf – gekauft. Als er es Adelheid zeigt, will sie ihre arme verstorbene Schwester, die sich zu Lebzeiten mit einer unglücklichen Liebe quälte, auf dem Gemälde erkennen. Franz erschrickt.

Aber Franz ist kein Kind von Traurigkeit. Er tröstet sich mit der blonden Emma. Deren schöne volle Brust quillt ihm mutwillig entgegen. Dichtes Gebüsch wird Zeuge des Glücks der Verliebten. Franz muss weiter wandern. Adelheid gibt ihm einen Brief an ihre römischen Verwandten mit. Der Briefträger steckt das Schreiben achtlos in seine Brieftasche und weiß gar nicht recht, ob er es abgeben soll.

Wieder auf der Straße, lernt Franz den Italiener Roderigo kennen. Roderigo gibt ausführlichsten Bericht über mediterrane Abenteuer seines italienischen Freundes Ludoviko. Franz spricht mit einem Pilger, der die Welt gesehen hat. Dieser sagt den nach Italien sehnsüchtigen Freunden die Wahrheit: „Der Mensch weiß nicht, was er will, wenn er Sehnsucht nach der Fremde fühlt, und wenn er dort ist, hat er nichts“. Die Rede ist auch noch von Luther.

Zweites Buch Als Rudolf Ludoviko persönlich kennenlernt und ihn reden hört, möchte er am liebsten dessen Bruder sein. Auf dem Schloss einer Freundin Adelheids begegnen die Männer Adelheid wieder. Roderigo und Adelheid liegen sich in den Armen. Das Paar hat sich wiedergefunden und möchte sich anscheinend vermählen. Franz will endlich Italien erreichen und wandert allein weiter. Sebastian schreibt aus Nürnberg, Meister Dürer kränkele.

In einem Kloster nahe bei einer Stadt frischt Franz für die Äbtissin ein altes Gemälde der heiligen Genoveva auf. Die Äbtissin hält Gemälde für „gutgemeinte Spielereien“. In der Stadt glaubt Franz, im Gedränge Ludoviko und den Dichter Florestan als Sänger wiederzuerkennen. Im Kloster steckt eine junge schöne Novizin Franz einen Brief an Ludoviko zu. Ludoviko will die Novizin vor ihrer Einkleidung entführen.

Die schöne Novizin wird im Kloster vermisst. Franz beendet seine Arbeit und will sich endlich Italien nähern. Unterwegs findet er Bolz verwundet am Wege. Er kümmert sich um den Entkräfteten. Auch Bolz wollte die Novizin entführen. Männer, hinter denen vermutlich Roderigo stecke, kamen Bolz zuvor.mini|Andrea del SartoSelbstbildnis In Florenz lernt Franz Kunst und Künstler kennen. Unter anderem geht es um Correggios Gemälde der Leda. Franz schreibt an Sebastian nach Nürnberg: „Es ist, als wenn ich mit der weichen, ermattenden und doch erfrischenden Luft Italiens eine andere Seele einzöge“.