mini|hochkant=1.4|Die 1921 im Stil des Art déco errichtete Kathedrale von Rabat erhielt ihre markanten Türme im Jahr 1930 mini|Die 1928 erbaute Kirche St. Dreikönigen in Köln-Bickendorf, 1930

Unter dem Kirchenbau der Moderne wird der Bau von Kirchengebäuden seit dem Ersten Weltkrieg verstanden. Der Großteil der Kirchenbauten von ca. 1860 bis zum Ersten Weltkrieg versuchte die Neuinterpretation historischer Baustile, vor allem die Neugotik und die Neuromanik, aber auch der Neubarock. Erst mit den großen gesellschaftlichen Umwälzungen zu Beginn der Weimarer Republik nahm der Kirchenbau neuere Tendenzen in Liturgie und Architektur auf und begann deren Umsetzung.

Insbesondere die drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs führten in Deutschland durch die zahllosen Kriegszerstörungen und die umfangreichen Bevölkerungsverschiebungen zu einer großen Zahl von Kirchenbauten. Deren architektonische Wurzeln stammen aber aus der Vorkriegszeit.

Dieser Artikel befasst sich überwiegend mit dem Kirchenbau in Deutschland, der aber Einflüsse aus dem Ausland, insbesondere Frankreich und der Schweiz, aufnimmt.

Theologische Vorentscheidungen mini|links|Die von 1904 bis 1907 erbaute Kirche am Steinhof, eines der bedeutendsten Bauwerke des Wiener Jugendstils, 2015. Architekt: Otto Wagner mini|rechts|Die von 1913 bis 1914 erbaute Dorper Kirche, eines der bedeutendsten Bauwerke des Jugendstils im Bergischen Land, 2009. Architekt: Arno Eugen Fritsche Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war sowohl in der katholischen wie auch in der evangelischen Kirche die Orientierung an den mittelalterlichen Baustilen der Romanik und der Gotik vorgeschrieben. Dies passte zu der romantisierenden Vorstellung des Mittelalters als der „guten alten Zeit“, in der es die Probleme der Neuzeit noch nicht gab. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wagte man bei Kirchenbauten leichte Hinwendungen zum modernen Jugendstil (zum Beispiel: St. Maternus, Köln-Neustadt-Süd, 1913–16, Stephan Mattar).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der römisch-katholischen Kirche im Rahmen der liturgischen Bewegung die theologische Tendenz, die Messfeier wieder mehr als Feier der Gemeinde zu verstehen. Maßgeblich an diesen Überlegungen beteiligt war der Theologe Romano Guardini. Dazu braucht es aber eine andere Anordnung des Altars, nämlich möglichst nah an der Gemeinde, wenn nicht sogar inmitten der versammelten Gemeinde. Auch in Teilen der evangelischen Kirche gab es etwa gleichzeitig ähnliche Bestrebungen, den Gottesdienst als Gemeindefeier zu interpretieren. Erste dahingehende architektonische Entwürfe stammen auf katholischer Seite von Rudolf Schwarz und Dominikus Böhm, auf evangelischer Seite von Otto Bartning.

Ebenfalls um die Jahrhundertwende zeichnete sich ab, dass kirchliches Leben zunehmend auch Gruppenarbeit bedeuten würde. So entstanden beispielsweise im evangelischen Bereich zahlreiche Ortsgruppen des Gustav-Adolf-Vereins oder der Frauenhilfe, im katholischen Bereich waren es Frauengemeinschaften, Kolpingsfamilien oder Junggesellenvereine. Wenn diese Gruppen sich nicht in Gastwirtschaften oder Schulklassen treffen sollten, mussten kircheneigene Räumlichkeiten geschaffen werden.

So forderte der Berliner Architekt Otto March bereits 1895 den Bau von Kirchen mit baulich integrierten Gemeinderäumen. Damit war er jedoch seiner Zeit um einige Jahrzehnte voraus. Der Kirchenraum sollte nach dem Verständnis der wilhelminischen Ära nicht durch die direkte Nachbarschaft von anderen Räumen seiner gesonderten Stellung beraubt werden. Was hingegen in den Folgejahren entstand, waren Ensembles von Bauten gleichen Stils und mit ähnlicher optischer Gestaltung, welche neben der Kirche auch Pfarrhaus, Gemeinderäume und manchmal weitere Dienstwohnungen, zum Beispiel für Küster oder Organisten, aufwiesen. Ein Beispiel für ein solches Ensemble ist die Auferstehungskirche in Düsseldorf-Oberkassel, welche 1913 eingeweiht wurde.

In dem Projekt Straße der ModerneWebsite der „Straße der Moderne“ des Deutschen Liturgischen Instituts wird seit Juli 2015 jede Woche ein moderner Kirchenbau vorgestellt, wobei für die Projektmitarbeiter die Moderne mit dem Jugendstil beginnt.

Historismus Im Historismus kehrten klassische Formen des Altertums und des Mittelalters wieder. Unter anderem wurden der byzantinische Stil, der romanische Stil und der gotische Stil neu zitiert. Mitunter wurden Stile auch miteinander kombiniert. Noch 1912 erklärte der damalige Kölner Erzbischof Kardinal Fischer im sogenannten „Gotik-Erlass“ die traditionelle Formengabe für verbindlich. Aber spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die traditionellen Stilvorlagen nicht mehr zu halten. Lange Zeit wurde der Historismus als eine niedere Kunst angesehen. In neuerer Zeit gelingt langsam eine Neubewertung. Es wird anerkannt, dass sich auch im Historismus bereits modernistische Elemente befanden.

Expressionistischer Kirchenbau Anfang der 1920er Jahre kam der Expressionismus in der modernen Architektur auf, der von ausdrucksstarken gezackten und runden Formen geprägt ist und in der Regel in Ablehnung des Historismus bewusst auf Zitate klassischer Baustile verzichtet. Im Kirchenbau fand der Expressionismus ab Mitte der 1920er Jahre Anwendung.

In dieser Zeit geriet auch die tradierte Anordnung insbesondere katholischer Kirchen (ungefähr Apsis, Hochaltar, Seitenschiffe, Langschiff) in die Diskussion. Baumeister wie Dominikus Böhm versuchten diese Bauformen zu überwinden und die Geistlichen näher zum Kirchenvolk zu rücken, was eine völlige Neukonzeption des Altarraumes nötig machte. Bedeutende expressionistische Zeugnisse katholischer Kirchenbauten, die auf Rundformen basieren, sind die St.-Bonifatius-Kirche (1929–30) von Theo Burlage mit Anklängen an das Art déco und die von 1930 bis 1932 von Dominikus Böhm realisierte Pfarrkirche St. Engelbert in Köln-Riehl mit ihren markanten Parabelbögen.

In Berlin erbaute der für das Chile-Haus in Hamburg berühmt gewordene Fritz Höger 1930–32 die Kirche am Hohenzollernplatz. Ebenfalls in Berlin erbauten 1926–1927 Wilhelm Fahlbusch St. Michael in Berlin-Wannsee, 1927–29 Ernst und Günter Paulus die Kreuzkirche in Berlin-Schmargendorf (unter Verwendung von Majolikaarbeiten von Felix Kupsch).

Die 1928 ursprünglich auf der PRESSA in Köln temporär errichtete avantgardistische Stahlkirche von Otto Bartning, welche später als Melanchthonkirche in Essen stand und die 1932–33 vom österreichischen Architekten Clemens Holzmeister errichtete St.-Adalbert-Kirche in Berlin-Mitte gehören zu den Bauten, die in diversen Mitteln der Form und Gestaltung noch den Expressionismus zitieren, aber bereits einer nüchterneren Neuen Sachlichkeit zuzurechnen sind, für welche die 1928 erbaute St.-Josef-Kirche zu Remscheid beispielhaft ist.

Neues Bauen Dieser immer noch expressionistisch anmutende Baustil korrespondierte mit den Ideen des Bauhauses. Im Siedlungsbau der Weimarer Republik fand er seine Ausprägung. Zu den Ursprungsbauten des Modernen Kirchenbaus, die sich auf das Neue Bauen beziehen, werden vor allem die 1928–30 von Rudolf Schwarz erbaute Fronleichnamskirche in Aachen, die 1929/30 in Essen errichtete Auferstehungskirche von Otto Bartning und die Leipziger Versöhnungskirche (1930–32) von Hans Heinrich Grotjahn gezählt.Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 3 Aber auch die von Hans Peter Fischer 1928 in der Wilhelm-Riphahn-Siedlung in Köln-Bickendorf erbaute Kirche St. Dreikönigen und die Melanchthonkirche in Köln-Zollstock (1929–30) von Theodor Merrill sind dem Neuen Bauen zuzurechnen.

Kirchenbau im Nationalsozialismus In der Zeit von 1933 bis 1937 wurden über 430 neue Kirchenbauten errichtet. Danach nahm die Bauaktivität aufgrund der militärischen Aufrüstung ab. In den Jahren von 1938 bis 1944 entstanden noch mindestens 120 Kirchenneubauten. Nach 1944 kam der Kirchenbau zum Erliegen.Prof. Dr. Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié im Katalog zur Ausstellung „Christenkreuz und Hakenkreuz – Kirchenbau und sakrale Kunst im Nationalsozialismus“, Metropol-Verlag Berlin 2008, S. 96

Im Nationalsozialismus waren bestimmten Baugattungen spezifische architektonische Stilrichtungen zugeordnet:

Ein typisches Beispiel für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgekommene Heimatschutzarchitektur ist die 1938 geweihte Abteikirche Münsterschwarzach.

Nachkriegskirchenbau in Deutschland mini|Die Christuskirche aus dem Jahr 1958 in Flensburg-Mürwik Die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten sehr viele Kirchen. Manche dieser wurden aufgegeben und abgetragen, andere wurden als Ruine zum Mahnmal oder wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Manche Ruine aber wurde von Baumeistern wie Rudolf Schwarz, Gottfried Böhm oder Hans Schilling mitunter völlig neu interpretiert. Es gab auch interessante Experimente. So baute Hans Schilling aus Trümmersteinen der alten Kölner Oper die Kirche Neu-St. Alban. Die romanische Kölner Kirche St. Maria im Kapitol hätte beinahe eine extreme Modernisierung erfahren. Aber man entschied sich letztlich doch für das traditionelle Erscheinungsbild.

Die erste Not linderte auf evangelischer Seite unter anderem das Notkirchenprogramm nach einem Entwurf von Otto Bartning: Industriell gefertigte Holzträger stützen ein Dach, während die Wände zwischen den Trägern aus Trümmerziegeln errichtet werden. Etwa 50 dieser Notkirchen wurden errichtet, heute stehen davon nur noch sehr wenige.

Nach dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirchen wurden vornehmlich Lücken geschlossen, beispielsweise die Christuskirche im Flensburger Stadtteil Mürwik, in dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge ansiedelten und wo zudem durch den Stützpunkt Flensburg-Mürwik weitere Bevölkerung hinzukam, so dass 1958 eine moderne Garnisonskirche errichtet wurde.Eiko Wenzel, Henrik Gram: Zeitzeichen, Architektur in Flensburg, S. 139 Sehr viele kleinere Ortschaften, zum Beispiel Herbitzheim, erhielten nun ebenfalls eine Kirche. So wurde beispielsweise am 17. August 1975 die Kirche St. Barbara in Herbitzheim eingeweiht.

Ebenso führten die kriegsbedingten Flüchtlingsbewegungen zur Gründung von Gemeinden in der bisherigen Diaspora. So entstanden in den 1950er- bis 1970er-Jahren zahlreiche evangelische Kirchen in früher überwiegend katholischen Gegenden und umgekehrt.

In der DDR war Kirchenbau nicht populär. Nach dem Krieg wurden viele durch englische und amerikanische Bombardierung beschädigte Kirchen abgerissen. Das betraf auch solche, die durchaus hätten gerettet werden können. Später, nach diesen kulturrevolutionären Einschnitten in den Kirchenbestand, wurde dem sakralen Kulturerbe mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Neue Kirchen entstanden in der DDR, die in der Liste in der DDR errichteter Sakralbauten genannt werden.

Kirchenbau ab den 1950er-Jahren Da es keine allgemeinen Vorschriften mehr über Grundriss und Materialien eines Kirchenbaus gab, war den Architekten in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Kirchenleitungen hier weitgehend freie Hand gelassen. Als Baumaterial wurden vor allem Bruchstein, Ziegel oder Beton gewählt, Stahl und Glasbausteine kommen eher selten vor. Manche Architekten, wie zum Beispiel Gottfried Böhm, der Sohn von Dominikus Böhm, bevorzugten Bauten aus Sichtbeton, mit oft gewagten Dachformen. Bekanntestes Beispiel ist wohl die Wallfahrtskirche in Neviges, welche das Zeltdach des wandernden Gottesvolkes symbolisieren soll.

Grundrissformen mini|Beispiel eines modernen Kirchenbaus in der DDR – die kath. Kirche in Meiningen, geweiht 1972 mini|Inneres des Nevigeser Wallfahrtsdomes (geweiht 1968)