Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (kurz: DNQP) ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Pflegeexperten, die sich mit der Förderung der Pflegequalität auf der Basis von Praxis- und Expertenstandards in allen Einsatzfeldern der Pflege auseinandersetzen. Der Sitz der Geschäftsstelle des DNQP befindet sich an der Hochschule Osnabrück. Das Netzwerk wurde 1992 von Doris Schiemann (Pflegewissenschaftlerin an der HS Osnabrück) gegründet und bis 2012 geleitet. Seitdem ist Andreas Büscher (Pflegewissenschaftler an der HS Osnabrück) wissenschaftlicher Leiter des DNQP.

Ziele Ziele des DNQP sind die Entwicklung, Konsentierung und Implementierung evidenzbasierter Expertenstandards in allen Einsatzfeldern der professionellen Pflege sowie die Beforschung von Methoden und Instrumenten zur Qualitätsentwicklung und -messung in der Pflege.

Entwicklung von Qualitätsnetzwerken in der Pflege auf europäischer und nationaler Ebene Der Aufbau von Qualitätsnetzwerken in der Pflege auf europäischer und nationaler Ebene Anfang der 1990er Jahre stand in engem Bezug zum ehrgeizigen Programm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „Gesundheit für alle im Jahr 2000“ von 1980. In ihrer 31. Zielsetzung wurden alle Mitgliedsstaaten aufgefordert, bis 1990 effektive Verfahren zur Qualitätssicherung in der Patientenversorgung zu entwickeln und anzuwenden. Damit waren die Gesundheitsberufe innerhalb der Mitgliedsstaaten aufgerufen, die fachlichen und methodischen Kriterien guter Qualität in der Patientenversorgung zu definieren und ihren spezifischen Beitrag zur Entwicklung geeigneter Verfahren zur Qualitätsförderung und -messung zu leisten.

Auf europäischer Ebene wurde zur Umsetzung dieses Programms vom Pflegereferat Pflegewesen im WHO-Regionalbüro Europa in Kopenhagen eine englischsprachige Arbeitsgruppe für fünf Jahre damit beauftragt, Voraussetzungen zur Entwicklung und Einführung von Pflegestandards auf Grundlage der angloamerikanischen Fach- und Forschungsliteratur zu erarbeiten. Mit der Übersetzung der wesentlichen Ergebnisse der WHO-Arbeitsgruppe und ihrer Verbreitung durch die Hochschule Osnabrück ist es gelungen, den Fachdiskurs über die Weiterentwicklung in der Pflegequalität Ende der 1980er Jahre auch in den deutschsprachigen Ländern verstärkt in Gang zu setzen.

Nach Beendigung des WHO-Förderprogramms trafen Mitglieder der ehemaligen WHO-Arbeitsgruppe die Entscheidung, ein europäisches Netzwerk zur Qualitätsentwicklung zu gründen, um in diesem Rahmen den Dialog über wirksame Methoden und Instrumente zur Qualitätsentwicklung in der Pflege auf europäischer Ebene fortsetzen zu können. In einem weiteren Schritt sollten die beteiligten Länder aufgefordert werden, eigene nationale Netzwerke zur Gewährleistung eines kontinuierlichen Wissenstransfers zwischen den Partnerländern zu gewährleisten. Die Gründung des Europäischen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (EuroQUAN) erfolgte 1992 durch das Oxforder Royal College of Nursing (RCN) unter Federführung von Alison Kitson. Doris Schiemann, Pflegewissenschaftlerin an der Hochschule Osnabrück, wurde als deutsche Vertreterin in die Steuerungsgruppe von EuroQUAN berufen. Noch im selben Jahr begann sie mit dem Aufbau des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) an der Hochschule Osnabrück und leitete es bis zu ihrer Emeritierung 2012. Die Hochschule Osnabrück verfügte aufgrund der Erfahrungen mit der Entwicklung und Erprobung von Pflege-Studiengängen und der Etablierung des Lehr- und Forschungsgebietes Pflegewissenschaft seit Beginn der 1980er Jahre über weitreichende Kontakte und Vernetzungen zu Berufsverbänden, Gesundheitsministerien auf Bundes- und Landesebene sowie Bildungs-, Forschungs- und Praxiseinrichtungen im In- und Ausland. Damit waren günstige Voraussetzungen für einen zügigen Aufbau tragfähiger Netzwerkstrukturen gegeben. Unter diesen Rahmenbedingungen war es möglich, bereits 1994 einen hochkarätigen Lenkungsausschuss zu bilden, analog zur Steuerungsgruppe von EuroQUAN. Seine Mitglieder sind in unterschiedlichen Aufgabenfeldern der Pflegepraxis und -wissenschaft tätig.

Schwerpunkt der inhaltlichen Arbeit des DNQP war zunächst die Entwicklung und Beforschung betriebsinterner Pflegestandards. In diesem Kontext nahm der Fachdiskurs über die Methode der „Stationsgebundenen Qualitätsentwicklung“ (SQE) einen breiten Raum ein. Ein wichtiges Medium zum Informationsaustausch innerhalb des DNQP waren regelmäßig stattfindende Workshops sowie eine jährliche schriftliche Berichterstattung der Netzwerk-Mitglieder über ihre Qualitätsaktivitäten. Netzwerk-Mitglieder sind Vertreter von ambulanten und stationären Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern und Bildungseinrichtungen des Gesundheitswesens. Die Auswertung der Berichte wurde in einem Netzwerk-Katalog zusammengefasst und veröffentlicht. Dem Netzwerk-Katalog von 1999 war bereits ein deutlicher Trend der Mitgliedseinrichtungen (knapp 90 Einrichtungen hatten sich an der Befragung beteiligt) zur Anwendung der SQE zu entnehmen. Analog zu Erfahrungen der weiterentwickelten europäischen Partnerländern konnte in diesen Einrichtungen (überwiegend Krankenhäuser) ein beachtlicher methodischer Kompetenzzuwachs im Rahmen der Entwicklung und systematischen Einführung der dezentral entwickelten Pflegestandards festgestellt werden. Weit hinter den Erwartungen zurück blieben allerdings Steigerungen des fachlichen Niveaus der Pflegestandards selbst, denn sie basierten vorrangig auf Lehrbuchwissen und individuellen Praxiserfahrungen der an der Entwicklung beteiligten Pflegekräfte. Historisch betrachtet stellte die Einführung der SQE zu diesem Zeitpunkt eine Überforderung der Pflegepraxis in Deutschland dar. Selbst in Einrichtungen mit besonders hohem Entwicklungsstand war es nicht möglich, innovative und auf aktueller Fachliteratur basierende Standards zu entwickeln und damit für Patienten spürbare Verbesserungen der Pflegequalität zu erzielen. Hierzu wäre neben der methodischen Begleitung, die im Rahmen der SQE mit dafür spezifisch qualifizierten Projektbegleiter zu gewährleisten ist, auch eine fachliche Begleitung durch pflegewissenschaftlich qualifiziertes Fachpersonal erforderlich gewesen. Diese stand aber in den 1990er Jahren nur äußerst selten zur Verfügung. Diese Erkenntnisse wurden durch zwei Forschungsprojekte des DNQP untermauert: Das 1. Projekt fand von 1993 bis 1995 in Kooperation mit dem Nationalen Institut der Niederlande (CBO) am Universitätsklinikum Benjamin Franklin (heute Charité) statt, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG), das 2. Projekt wurde von 1998 bis 2001 an der Medizinischen Hochschule mit Forschungsmitteln des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen durchgeführt.

Nach intensiven Diskussionen hat das DNQP 1999 in der Folge einen Strategiewechsel vollzogen und arbeitet seitdem in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat (DPR) an der Entwicklung evidenzbasierter Expertenstandards, die für alle Aufgabenfelder der professionellen Pflege richtungsweisend sind. Mit der Entscheidung, Qualitätsvereinbarungen auf nationaler Ebene zu treffen verfügen die Pflegeberufe über weitere notwendige Voraussetzungen zur Lenkung der Professionalisierung und Qualifizierung der Pflegeberufe. Mit diesem Schritt war es dem DNQP außerdem möglich, den Anschluss an den internationalen Entwicklungsstand auf dem Gebiet der Entwicklung und Anwendung evidenzbasierter Qualitätsinstrumente in Pflege und Medizin herzustellen.

Die Finanzierung der Entwicklung von Expertenstandards des DNQP erfolgte zunächst (von 1999 bis 2008) aus Fördermitteln des BMG als auch aus Einnahmen des DNQP und seit 2008 ausschließlich aus eigenen Einnahmen. Dabei handelt es sich um Verkaufserlöse aus Veröffentlichungen und Einkünften im Rahmen der DNQP-Veranstaltungen. Mit dieser Finanzierungsform aus öffentlicher Förderung und Eigenmitteln ist die Unabhängigkeit des DNQP von kommerziellen oder anderen Interessengruppen sichergestellt. Hervorzuheben ist, dass ein maßgeblicher Anteil der Aktivitäten im DNQP ehrenamtlich erbracht wird, vor allem durch Lenkungsausschuss und Exerpertenarbeitsgruppen.

Ein wichtiger Anstoß für die Projektförderung von Expertenstandards durch das BMG war der Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) von 1999 über die „Ziele einer einheitlichen Qualitätsstrategie im Gesundheitswesen“, in dem neben der Ärzteschaft auch die Pflegeberufe verpflichtet wurden, sich im Rahmen der Qualitätssicherung um wissenschaftliche Verfahren, evidenzbasierte Instrumente und fachliche Kompetenzen zu kümmern. Mit Inkrafttreten des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes (PfWG) 2008 sind die Expertenstandards des DNQP als ein wesentliches Qualitätsinstrument in den institutionellen Rahmen und den rechtlichen Zusammenhang des Elften Sozialgesetzbuches gestellt worden. In Anlehnung an das „DNQP-Methodenpapier“ von 2007 ist eine Verfahrensordnung erarbeitet worden, die weitgehend sicherstellt, dass eine unabhängige Entwicklung von Expertenstandards auf hohem fachlichen Niveau stattfinden kann und Transparenz über die Ergebnisse der einzelnen Verfahrensschritte gegenüber der Fachöffentlichkeit gewährleistet ist. Aufträge zur Erarbeitung von Expertenstandards für die Pflege in Einrichtungen aus dem Geltungsbereich des PfWG erfolgen auf der Grundlage fachöffentlicher Ausschreibungen. Bisher gab es nur eine Ausschreibung. Sie erfolgte 2012 zum Thema „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“. Den Auftrag erhielt das DNQP.

Das DNQP verfolgt weiterhin seine sektorenübergreifende Qualitätsarbeit und hat sich auf eine dauerhafte Etablierung eingestellt. Es sieht darüber hinaus die Notwendigkeit, das Spektrum wissenschaftlich erprobter und wirksamer Qualitätsinstumente zu erweitern, um nachhaltig an den Erfahrungen des Auslands anknüpfen zu können. Besonderes Interesse besteht an der Entwicklung und Anwendung evidenzbasierter Qualitätsindikatoren. Entsprechend den internationalen Regeln zur Entwicklung von Qualitätsindikatoren ist eine enge Anbindung an die Schlüsselinstrumente, Leitlinie und Expertenstandard zu dem jeweiligen Themenschwerpunkt anzustreben. Die Expertenstandards des DNQP bieten sich als Grundlage für die Entwicklung wissenschaftlich hochwertiger Indikatoren sowohl für das interne Qualitätsmanagement als auch für die externe vergleichende Qualitätssicherung an, entsprechend den gesetzlichen Vorschriften von § 137 SGB V und § 115 SGB XI. Mit dem Generalindikator „Dekubitusprophylaxe“ ist hier ein erster Schritt getan.

Die Expertenstandards des DNQP

Begriff und Funktion von Expertenstandards

Schon seit längerem gibt es in verschiedenen Einrichtungen Arbeitsablaufbeschreibungen und Pflegestandards. Sie wurden in der Regel in Qualitätszirkeln entwickelt, in denen das individuelle (Erfahrungs-)Wissen der Pflegekräfte zu bestimmten Abläufen oder Techniken konsentiert wurde. Im Ergebnis hielten derart gestaltete Pflegestandards Überprüfungen seitens der Wissenschaft und des Qualitätsmanagements nicht Stand. Auch eine Übertragung auf oder ein Vergleich mit anderen Einrichtungen mit gleichem Aufgabenschwerpunkt war kaum möglich.