mini|Hans Buchheim (1969)

Hans Buchheim (eigentlich: Johannes Buchheim; * 11. Januar 1922 in Freiberg, Sachsen; † 14. November 2016 in Mainz) war ein deutscher Historiker und Politikwissenschaftler. Seine Schwerpunkte waren zunächst die Alte Geschichte, sodann die Geschichte des Dritten Reiches, später die Zeitgeschichte und hier insbesondere die Ära Adenauer. Als Politikwissenschaftler an der Universität Mainz befasste er sich immer eindringlicher mit politischer Theorie und politischer Philosophie, genauer mit der Ontologie des Politischen. Seine Sozialontologie stellte er 1981 in Theorie der Politik systematisch dar. In einer Reihe von Einzelstudien, zu Thukydides, Machiavelli, Hobbes, Rousseau und Hegel, zur politischen Ethik und zur Theorie der Macht, arbeitete er das geistesgeschichtliche Fundament seiner Politischen Theorie heraus.

Leben und berufliche Laufbahn Hans Buchheim wurde als Sohn des Historikers, Studienrates und späteren Universitätsprofessors Karl Buchheim und dessen Frau Johanna, geb. Böhme, in Freiberg geboren. Er besuchte in Freiberg das Gymnasium Albertinum bis zur Quinta und übersiedelte 1934 mit seinen Eltern nach Leipzig, wo er bis zum Abitur die Thomasschule besuchte.

In den Jahren 1940 und 1941 studierte er an der Universität Leipzig drei Trimester lang Philosophie und Klassische Philologie. Im Herbst 1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und nahm bis zu seiner Verwundung im Februar 1945 am Krieg an der Ostfront teil. Im Lazarett Bad Kissingen geriet er in amerikanische Gefangenschaft.

Von Januar 1946 an studierte er an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Klassische Philologie und Alte Geschichte, außerdem Philosophie (bei Karl Jaspers und Hans-Georg Gadamer) sowie antikes Recht bei Wolfgang Kunkel. Im Dezember 1950 wurde er bei Hans Schaefer mit der Arbeit Die Orientpolitik des M. Antonius und sein Verhältnis zu Octavian in den Jahren 42 bis 35 im Fach Alte Geschichte promoviert.

Schon die Dissertation Buchheims stand unter der Leitfrage, was Politik sei und wie sie gemacht werde. Dieses Konzept analysierte Buchheim in seiner ganzen Forschungstätigkeit weiter und wandte es auf politische Phänomene an: … Politik, erschöpft sich nicht im Faktischen, sondern umfasst Absichten, Urteile, Abwägungen und Möglichkeiten der Handelnden als mitwirkende Faktoren. Das politische Kalkül aber ist für den Handelnden wie für den Beobachter seiner Natur nach mehrdeutig, die politischen Zusammenhänge sind dementsprechend komplex. Deshalb … muss (die Geschichtsschreibung) … an den entsprechenden Stellen den Schritt vom Boden des Eindeutig-Tatsächlichen in den Raum des Möglichen und damit Mehrdeutigen wagen; andernfalls würde sie die Natur der Politik verfehlen. (S. 7)Dieter Timpe. Gnomon, Vol. 34, No. 2, 1962, S. 173–78. . Abgerufen am 17. Dezember 2022.Der Historiker Hermann Mau berief Buchheim im Januar 1951 an das Institut für Zeitgeschichte in München, wo sein Vater Karl Buchheim Leiter der Historisch-Politischen Abteilung war. Dort war er bis 1966 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Buchheims Ruf war der nüchterner Sachlichkeit, Rationalität und Gewissenhaftigkeit. Ab 1953 war er Gutachter und wurde bei Prozessen gegen nationalsozialistische Gewaltverbrecher (zum Beispiel im Auschwitzprozess) gehört. Seine Gutachten betrafen Angelegenheiten der Wiedergutmachung oder die Frage, ob die katholische Kirche eine vom nationalsozialistischen Regime verfolgte Organisation gewesen sei. Buchheim untersuchte die Rechtsstellung und Organisation des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums, die Rolle des Reichssippenamts, die Rolle der Polizeipräsidenten und Polizeidirektoren in Preußen im Jahre 1933, die Mitgliedschaft in der NSDAP, der SA-Hilfspolizei, der SA-Feldpolizei und im Feldjägerkorps sowie die beamtenrechtlichen Stellung ihrer Angehörigen. Er dokumentierte die Eingliederung des Stahlhelm in die SA, den Kyffhäuserbund, die Grenzpolizei der Geheimen Staatspolizei, die Aufnahme von Polizeiangehörigen in die SS, die Angleichung ihrer SS-Dienstgrade an ihre Beamtenränge und die Aktion Arbeitsscheu Reich. Er verglich die vom Plesse-Verlag Göttingen veröffentlichten Letzten Aufzeichnungen Alfred Rosenbergs mit dem Text des handschriftlichen Originalmanuskripts und erforschte die Tätigkeit Kurt-Georg Kiesingers als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes zwischen 1940 und 1945. 31 der von Buchheim ab 1953 erstellten Gutachten wurden 1958 und 1966 in zwei Bänden der Sammlungen des Instituts für Zeitgeschichte und in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte veröffentlicht.

1953 veröffentlichte Buchheim eine Studie über die nationalsozialistische Religionspolitik und den frühen Kirchenkampf der Jahre 1933/34 unter dem Titel Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik (1953).publiziert bei Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1953.

Seine Gutachtertätigkeit, vor allem das schon 1964 publizierte Gutachten zur Rolle von SS und Polizei im NS-Staat, bildet die Grundlage des Standardwerkes SS – das Herrschaftsinstrument und Befehl und Gehorsam, das 1965 als zweiter Band von Anatomie des SS-Staates erschien.Publikation: Anatomie des SS-Staates, auf open.ifz-muenchen.de

Die Ergebnisse seiner 12-jährigen intensiven Auseinandersetzung mit der Theorie des Totalitarismus stellte er 1962 in seinem Werk Totalitäre Herrschaft. Wesen und Merkmale dar. Das unpolitische und gegenpolitische Totalitäre erwies sich Buchheim als größter Widerpart des Politischen und des Staates, wobei er sich explizit auch auf Hannah Arendts Studien bezog.Michael Henkel. “Politische Theorie als Theorie der politischen Praxis: Hans Buchheims Politikwissenschaft.” Zeitschrift Für Politik, Vol. 50, No. 1 (März 2003), S. 80, 88, herausgegeben von: Nomos Verlagsgesellschaft mbH Stable, abgerufen am 17. Dezember 2022

Von 1963 bis 1966 beschäftigte er sich im Bundeskanzleramt intensiv mit der Beobachtung praktischer Politik, im Gespräch mit Politikern und in der Auseinandersetzung mit Akten und Dokumenten. Diese empirischen Studien wurden nicht publiziert. Die intime Kenntnis der tatsächlichen Praxis bildete daraufhin einen steten Bezugspunkt seiner politikwissenschaftlichen Überlegungen und sind Grundlage seines Werks über Deutschlandpolitik.Henkel, M. (2003). Politische Theorie als Theorie der politischen Praxis: Hans Buchheims Politikwissenschaft. Zeitschrift Für Politik, 50(1), 74–90. http://www.jstor.org/stable/45275204, S. 76 Bei Adenauer war für ihn in besonderer Ausprägung zu erkennen, was Politik ist und wie sie gemacht wird: Berücksichtigung der situativen und darin der personalen Bedingungen, Erfassung der Nuancen der immer im Fluss befindlichen Verschränkungen der Interessen und Machtverhältnisse. Adenauer habe dabei jede Art „ausgedachter und verfestigter Ansichten über die Verhältnisse“ ideologischer oder nichtideologischer Art als „Spekulationen“ kritisiert, Vorstellungen, die an die Wirklichkeit herangetragen wurden, ohne diese Wirklichkeit selbst immer wieder zu prüfen.Konrad Adenauer oder was Politik ist und wie sie gemacht wird. In: Helmut Kohl (Hg.), Konrad Adenauer 1876/1976, Stuttgart 1976, S. 181–188.Buchheim, Hans. "Konrad Adenauer oder was Politik ist und wie sie gemacht wird." Neue Rundschau 38 (1967), S. 69 In seinem Aufsatz Was heißt politisch denken? (1968) stellte Buchheim dieses Konzept erstmals systematischer dar.Was heißt politisch denken? In: Neue Rundschau 79, 1968, S. 255–272

Unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (1966–1969) war er Mitglied des Planungsstabes des Bundeskanzleramts.

Seit Herbst 1966 lehrte Buchheim als Ordinarius für Politikwissenschaft an der Universität Mainz. Dort baute er das Institut für Politikwissenschaft und den Fachbereich Sozialwissenschaften mit auf und wurde dessen Dekan.

1990 wurde Buchheim emeritiert, er setzte seine Lehr- und Forschungstätigkeit fort.

Kontroverse um die Demokratisierung der Gesellschaft 1971 Zur Zeit der Studentenbewegung wurden seine im Rahmen des politischen Beirats des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 4. April 1971 vorgelegten Neun Thesen gegen den Missbrauch der Demokratie kontrovers diskutiert.Berichte und Dokumente, hrsg. vom Generalsekretariat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Nr. 13, Bonn 1971 Die weitreichende Diskussion vor allem mit Vertretern der Neuen Linken wurde ein Jahr später von Buchheim und Felix Raabe dokumentiert und unter anderem von Anton Rauscher kommentiert.Thesen gegen den Missbrauch der Demokratie, eine Dokumentation. Hrsg. von Hans Buchheim und Felix Raabe. Seewald Verlag (1. Januar 1972), ISBN 978-3-512-00234-2 Paperback, 191 S.Anton Rauscher. "Wider Den Missbrauch Der Demokratie." Jahrbuch Für Christliche Sozialwissenschaften, Bd. 13, 1972, S. 183–204.

Buchheim kritisierte die Demokratisierung gesellschaftlicher Bereiche. Demokratie als Herrschaftsform sei dem politischen Bereich vorbehalten, der freien Interaktion der Bürger im öffentlichen Raum. Im Bereich von Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Religion dagegen würden andere Kriterien gelten, die nicht demokratisch verfügbar und entscheidbar seien. Die Hauptgefahr bilde dabei „gegenwärtig die Neigung, den Begriff der Demokratie auf das Prinzip der Gleichheit einzuengen …“.

Walter Dirks und andere Kritiker aus dem linkskatholischen Bensberger Kreis lehnten diesen Standpunkt als „restaurativ“ ab, auch wenn Buchheim und Raabe in der 6. These ihr Verständnis der Partizipation als angemessener Form der Mitwirkung im außerpolitischen und außerstaatlichen Bereich darstellten.

Die Zeit kommentierte dagegen, die sprachlich etwas unglücklich formulierten warnenden Thesen seien, kaum veröffentlicht, schon auf die „Müllhalde der Reaktion“ gekehrt worden. Den Vertretern der Demokratisierung der Gesellschaft würfen die Autoren der Thesen pseudoreligiöse Übersteigerung vor, ihr Ziel absoluter Gleichheit und Freiheit sei utopisch. Als charakteristisch für die Haltung der Autoren wird der Satz aus den Thesen zitiert: „Die Demokratie-Ideologen bilden für den demokratischen Staat eine größere Gefahr als seine offenen Feinde. Denn diese sind an der Verneinung der Demokratie sofort erkenntlich.“ Ein Nein zur Demokratie sei aus diesen Thesen jedoch nicht zu konstruieren.

Anton Rauscher kommentierte und rechtfertigte in dieser Diskussion die Thesen des Ausschusses. Die „radikalen Linken“ seien elitär und beanspruchten ein Wahrheitsmonopol, um die Massen in Gefolgschaftstreue kraft angeblich besserer Einsicht zu ihrem „wahren Glück“ zu führen. Die freiheitliche Demokratie schlage so in eine totalitäre Demokratie um und reduziere sich auf die Bestätigung der Regierungsmaßnahmen durch Akklamation. Rauscher, angelehnt an Jacob Talmon, Gerhard Ritter, Erwin Scheuch und Helmut Thielicke, sah hierin den von Lockes freiheitlicher Demokratie abzugrenzenden „volksdemokratischen Ansatz“ Rousseaus wirksam.

Werke Buchheims Forschung und Lehre hatte drei Schwerpunkte. Zunächst widmete er sich Arbeiten zur Herrschaftsstruktur des Nationalsozialismus und zum Totalitarismus. Darauf folgte die Zeit im Kanzleramt mit zeitgeschichtlichen Schwerpunkten. Ab den 80er Jahren bis 2013 stellte Buchheim seine politische Theorie, die ideengeschichtlichen Wurzeln seines Politikbegriffes und die Ergebnisse seiner zeithistorischen Forschung in Aufsätzen und umfassenden Monografien dar.

Totalitäre Herrschaft, Wesen und Merkmale, 1962