mini|Titelseite der Erstausgabe von Moby-Dick (1851)
Moby-Dick; oder: Der Wal () ist ein 1851 in London und New York erschienener Roman des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville (1819–1891). Das erzählerische Rückgrat des Romans ist die schicksalhafte Fahrt des Walfangschiffes Pequod, dessen Kapitän Ahab mit blindem Hass den weißen Pottwal Moby Dick jagt, der ihm einen Unterschenkel abgerissen hatte.
Entlang dieses erzählerischen Fadens, der knapp die Hälfte des Romans ausmacht, reiht Melville zahlreiche philosophische, wissenschaftliche, kunstgeschichtliche und mythologische Exkurse, zu denen noch viele subjektive, mal lyrische, mal auch ironische Betrachtungen des Autors kommen. In diesem Rahmen wird auch die Welt des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert detailreich dargestellt. Melville widmete seinen Roman Moby-Dick dem befreundeten Schriftsteller Nathaniel Hawthorne.
Schreibweise Der namensgebende Wal wird meist Moby Dick mit Leerzeichen geschrieben, der Buchtitel oft Moby-Dick mit Bindestrich gemäß der amerikanischen Erstausgabe. Die Gründe für den Bindestrich sind nicht restlos geklärt.Erin Blakemore: Why Does Moby-Dick (Sometimes) Have a Hyphen? auf smithsonian.com vom 10. Dezember 2015, abgerufen am 6. September 2019. Diese Konvention wird auch nicht immer befolgt, denn viele Buchausgaben sind mit Moby Dick betitelt, ebenso wie einige vom Original abgeleitete Werke.
Handlung und Hauptpersonen Moby-Dick beginnt mit dem Satz: wird mit „Nennt mich Ismael“ übersetzt, beispielsweise in der 2003 erschienenen Neuübersetzung von Matthias Jendis, ISBN 978-3-442-72731-5; kann aber auch als Singular aufgefasst werden („Nenne mich Ismael“). (Deutsch: „Nennt mich Ismael.“). Es folgt die Ich-Erzählung des Matrosen Ismael (sein voller Name wird nie genannt), der aus einer angesehenen Familie stammt und sich entscheidet, als Matrose zur See zu fahren, um seiner Melancholie zu entfliehen. Er spricht von einem unbändigen Drang in ihm, der ihn überkomme, wenn er des Festlands überdrüssig sei. Ismael hat bereits einige Fahrten auf Handelsschiffen hinter sich, will nun aber auf einem Walfänger anheuern.
Mit „ein oder zwei“ in seine Reisetasche gestopften Hemden zieht es Ismael zu der Insel Nantucket, auf der – so Melville – ursprünglich „der erste tote amerikanische Wal strandete“. Zunächst jedoch macht Ismael in New Bedford an der amerikanischen Ostküste Zwischenstation, wo der Walfang nahezu monopolisiert ist und die meisten jungen Männer auf den Walfang-Schiffen anheuern. In der Herberge des ominösen Peter Coffin übernachtet er und begegnet dort dem Harpunier Queequeg, einem am ganzen Körper tätowierten Südseeinsulaner, der möglicherweise einst Kannibale war, sich aber trotz seines zunächst Furcht einflößenden Äußeren bald als Idealbild des „edlen Wilden“ erweist: „ein George Washington im Gewand eines Kannibalen“. Ismael und Queequeg schließen Blutsbrüderschaft.
In Nantucket angekommen, heuern beide auf einem bizarr dekorierten Walfangschiff an, das nach dem Jahrhunderte zuvor ausgerotteten Stamm der Pequod-Indianer benannt ist. Die Warnungen des alten EliasMöglicherweise ist Elia ein Verrückter, möglicherweise ein Seher – der Prophet Elija ist in der Bibel der Gegenspieler König Ahabs. vor dem Kapitän des Schiffes sind unheilschwangere Vorzeichen.
Die Fahrt beginnt am Weihnachtstag. Kapitän Ahab lässt sich anfangs nicht an Deck blicken. Erst auf offener See kommt er aus seiner Kabine und erklärt der Mannschaft in pathetischen Worten das wahre Ziel der Fahrt: Er will Moby Dick, den weißen Wal, der ihm das Bein abgerissen hat, jagen und erlegen. Er nagelt eine ecuadorianische Golddublone an den Hauptmast, die derjenige erhalten soll, der den Wal als erster sichtet. Die Mannschaft, die sich aus Vertretern vieler verschiedener Nationen zusammensetzt und so gleichsam die Welt als Mikrokosmos symbolisiert, lässt sich vom Charisma ihres Kapitäns mitreißen und sich auf dessen Ziel einschwören.
Ahabs Gegenspieler ist der erste Steuermann, Starbuck, ein kühner und erfahrener Seemann, der nüchtern und rational denkt und durch seine Frömmigkeit auffällt. In der Folge kommt es zu mehreren Konfrontationen zwischen Ahab und Starbuck; einmal erwägt Starbuck sogar heimlich, Ahab, der im Laufe der Erzählung immer fanatischer wird, zum Schutz der Mannschaft zu töten, lässt aber im letzten Moment davon ab. mini|Illustration aus einer Ausgabe von 1892 Nach der Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung werden mehrfach Wale gesichtet, gejagt und erlegt. Die Jagd auf die Tiere und die Verarbeitung ihrer Körper werden sachgerecht und detailliert beschrieben. Unterbrochen wird die Fahrt regelmäßig bei Begegnungen mit anderen Schiffen. Ahab befragt deren Kapitäne stets nach dem Weißen Wal.
Eines Tages erkrankt Queequeg schwer und fühlt sein Ende nahen. Auf seinen Wunsch hin wird ihm ein Sarg gezimmert. Doch Queequeg überlebt, weil er, wie er selber sagt, noch Verschiedenes zu erledigen habe, und sein Sarg wird als Ersatz für die zwischenzeitlich verloren gegangene Rettungsboje genutzt. Nach der Fahrt durch den Indischen Ozean und die indonesischen Inseln bekommt die Pequod östlich von Japan endlich Kunde von einer Sichtung des Weißen Wals. Die Jagd auf ihn dauert drei Tage und umfasst drei Konfrontationen. Beim letzten Zusammenstoß wird die Pequod von Moby Dick gerammt und zum Sinken gebracht. Ahab wird in seinem Walboot von einer Bucht der auslaufenden Harpunenleine erfasst und von dem abtauchenden Wal unter Wasser gezogen. Auf Queequegs Sarg kann sich Ismael über Wasser halten und wird von einem anderen Walfänger als einziger Überlebender des Untergangs gerettet.
Hauptpersonen: Ismael, Matrose – der Erzähler (im Original: Ishmael) Queequeg, Polynesier, Harpunier Vater Mapple, Prediger der Kirche von New Bedford Kapitän Bildad, Schiffseigner (Teilhaber) Kapitän Peleg, Schiffseigner (Teilhaber) Elias, Wahnsinniger oder Prophet Ahab, der Kapitän Starbuck, Erster Steuermann Stubb, Zweiter Steuermann Flask, Dritter Steuermann Tashtego, Gay-Head-Indianer, Harpunier Daggoo, Afrikaner, Harpunier Fedallah, ein Parse, Harpunier Pip, ein Afrikaner, Schiffsjunge Der Schiffszimmermann Perth, der Schmied
Stil und Form Aufbau Das Buch Moby-Dick besteht bei einem Gesamtumfang von über 900 Seiten aus 135 Kapiteln mit Überschriften und einem Epilog. Letzterer fehlte in der britischen Originalausgabe. Dem Roman vorgeschaltet ist ein Abschnitt über die Etymologie des Wortes „Wal“ sowie ein Abschnitt mit 81 Zitaten über den Wal aus literarischen, religiösen, fachwissenschaftlichen und anderen Werken.
Erzählform Der Roman wird vom Matrosen Ismael in der Ich-Form erzählt.Vgl. Hans Helmcke: Die Funktion des Ich-Erzählers in Herman Melvilles Roman Moby-Dick. 1957. Diese Erzählform wird jedoch immer wieder durchbrochen, ist durchsetzt mit wissenschaftlichen und anderen Exkursen – die wie eingeschobene Essays oder Traktate wirken – und mit dramatischen Szenen, die wie bei einem Theaterstück Regieanweisungen enthalten und durchgehend dialogisch gestaltet sind.
Dabei spielt der Erzähler Ismael, wie Armin Staats in seiner Analyse aufzeigt, eine für die Struktur des Romans entscheidende Doppelrolle: einmal die des naiven, jungen Seemanns, der in ein neues Metier eingeführt wird, und dann die des gereiften Erzählers, der aus dem Rückblick berichtet und reich ist an einer Fülle von Erfahrungen. Durch diesen Umstand wird es möglich, die ursprünglichen Erlebnisse Jung-Ismaels in einem größeren Zusammenhang und aus einer deutenden Perspektive darzustellen.Armin Staats: Melville. Moby Dick. In: Hans-Joachim Lang (Hrsg.): Der amerikanische Roman. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02213-1, S. 108.
In den erzählerischen und essayistischen Abschnitten finden sich oft lange, verschachtelte Satzperioden mit komplexen Metaphern und zahlreichen literarischen und biblischen Anspielungen. Melville bedient sich dabei einer Vielfalt stilistischer Mittel und kombiniert mehrere Fachsprachen – die des Walfangs, der Seefahrt, der religiösen, wissenschaftlichen und lyrischen Sprache – und einer Reihe von Dialekten und Soziolekten.
Dieser Stil des Romans entspricht der bunt zusammengewürfelten Mannschaft der Pequod: Er ist ähnlich disparat und facettenreich, wird aber – wie die Mannschaft – zusammengehalten durch das Ziel der Reise, die Jagd auf den Weißen Wal. In der Rezension einer neuen deutschen Ausgabe wird von der Übersetzung eines „phantastischen Bastards aus Abenteuerroman, neubarocker Allegorie und 'Great American Novel'“ gesprochen, eines „zugleich archaischen und modernen Werks“.
Symbolik Ahabs Jagd auf den Weißen Wal steht im Widerspruch zu den materiellen Interessen von Mannschaft und Eignern. Dem Steuermann Starbuck erscheint Ahabs Rachsucht gegen das nicht vernunftbegabte Tier Moby Dick gotteslästerlich.Kap. 36: “Vengeance on a dumb brute!” cried Starbuck, “that simply smote thee from blindest instinct! Madness! To be enraged with a dumb thing, Captain Ahab, seems blasphemous.”
Die Namen der Romanfiguren vereinen in sich zugleich mystische, historische und soziale Motive:
Der Name Ahab nimmt unter anderem Bezug auf den gleichnamigen Herrscher des Nordreichs Israel, der laut biblischer Überlieferung ein gottloser König war. Ihm wird vom Propheten Elija die Strafe Gottes geweissagt; Entsprechendes prophezeit auch die Figur des Elias in Moby Dick.
Der Ich-Erzähler Ismael referiert in dem Kapitel „The Whiteness of the Whale“ („Die Weiße des Wales“, Kapitel XLII) zunächst die traditionellen Assoziationen, wie Schönheit, Unschuld, Ehre, Güte und Gerechtigkeit. Die Farbe Weiß symbolisiert für ihn, wie Armin Staats darlegt, „die höheren Werte in Religion, Kultur und Politik: das Wahre, Gute und Schöne“, der Weiße Wal wird zum Zentralsymbol des Romans.
Im Gegensatz zu der monomanischen Fixierung Ahabs in seinem verzweifelten, einsamen Rachefeldzug begreift Ismael Moby Dick „vor dem Hintergrund der Walwelt und der mythisch kulturellen Tradition“; er orientiert sich am Bild des unerlegbaren Weißen Wales als einem konkreten und abstrakten Sinnbild der Natur; Moby-Dick erweist sich somit als „das Drama eines symbolischen Weltverständnisses“.Vgl. dazu detailliert Armin Staats: Melville. Moby Dick. In: Hans-Joachim Lang (Hrsg.): Der amerikanische Roman. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02213-1, S. 118, 122–123, 126, 116–117, 107. Staats verweist in seiner Analyse ebenso darauf, dass der Wal in dem Roman zugleich als „phallisches Symbol“ und „bisexuelles Bild“ verwendet wird. Vgl. S. 129 ff.
Für Cesare Pavese ist das Meer (wie auch in Melvilles Erzählung Benito Cereno) nicht nur Schauplatz, sondern „die einzige sinnlich fassbare Form [...], in der sich nach Melvilles Ansicht das dunkle, ironische und dämonische Zentrum des Universums verkörpern kann“, also nicht nur Allegorie, sondern universeller Mythos.Cesare Pavese: Schriften zur Literatur. Hamburg 1967, S. 133.
Reale Hintergründe mini|Herman Melville
Reale Hintergründe für die Schilderungen in Moby-Dick waren Melvilles eigene Erfahrungen sowie mehrere ihm bekannt gewordene Ereignisse bzw. Geschichten, die ihrerseits auf wahren Begebenheiten beruhen.
Eigenes Erleben Am 3. Januar 1841 heuerte Melville in Nantucket auf dem Walfänger Acushnet an. Die Bedingungen an Bord auf der Fangfahrt in den Pazifik erschienen Melville unzumutbar und er desertierte 1842 beim ersten Zwischenhalt auf der Insel Nukuhiva (Marquesas), wo er zusammen mit einem weiteren Matrosen mehrere Wochen bei einer der Inselgesellschaften als eine Art gefangener Gast verbrachte. Er entkam auf dem australischen Walfänger Lucy Ann und gelangte nach Tahiti. Dort heuerte er als Bootssteuerer auf dem Walfänger Charles and Henry aus Nantucket an und ließ sich im April 1843 auf Hawaii wieder abmustern. Die Erlebnisse auf der Insel verarbeitete er vor allem in seinem Buch Typee.