Tohmajärvi [] ist eine Gemeinde im Osten Finnlands. Sie liegt in der Landschaft Nordkarelien an der Grenze zu Russland und hat auf einer Fläche von knapp 900 Quadratkilometern Einwohner (Stand ).
Geografie Lage mini|links|Landschaft bei Järventaus in Tohmajärvi Tohmajärvi liegt im Süden der Landschaft Nordkarelien. Nachbarstädte und -gemeinden von Tohmajärvi sind Kitee im Südwesten, Rääkkylä im Westen, Pyhäselkä im Nordwesten sowie Joensuu im Norden. Im Osten liegt die Staatsgrenze zu Russland (Republik Karelien). Zusammen mit Kitee und Rääkkylä hat sich Tohmajärvi zur Verwaltungsgemeinschaft Mittelkarelien zusammengeschlossen. Die Entfernung von Tohmajärvi ins Zentrum von Joensuu, der größten Stadt Nordkareliens, beträgt 56 Kilometer, in die Hauptstadt Helsinki sind es 415 Kilometer.
Die Fläche des Gemeindegebiets von Tohmajärvi beträgt 895,35 km² (etwa so viel wie Berlin). Tohmajärvi hat Anteil an drei Landschaftsräumen: Der Westen des Gemeindegebiets gehört zur nordkarelischen Seenplatte, dem nordöstlichen Teil der finnischen Seenplatte, und somit zum Einzugsgebiet des Flusses Vuoksi. Der Osten des Gemeindegebiets gehört zum Landschaftsraum Ladoga-Kareliens. Von hier aus fließen die Wasser direkt in den auf russischer Seite gelegenen Ladogasee. Durch den Einfluss des größten Sees Europas ist das Klima hier milder und die Vegetation üppiger. Im Norden steigt das Terrain zum karelischen Hügelland an. Hier prägen die für Nordkarelien typischen Hügel (vaara) die Landschaft. 57,62 km² (sechs Prozent des Gemeindegebiets) werden von Binnengewässern bedeckt. Die größten Seen sind der namensgebende Tohmajärvi, der Suuri-Onkamo an der Grenze zu Rääkkylä und der Särkijärvi.
Ortschaften mini|Kemie ist der Hauptort Tohmajärvis Das Zentrum der Gemeinde ist der Ort Kemie, der oft auch als Tohmajärvi bezeichnet wird. Kemie liegt auf einem Hügel nördlich des Tohmajärvi-Sees. Der Ort ist Sitz der Gemeindeverwaltung und Standort der wichtigsten Dienstleistungen. Heute ist Kemie durch moderne Zweckbauten geprägt und hat so seinen Charakter als typisches nordkarelisches Hügeldorf weitgehend verloren. Das zweite Siedlungszentrum (taajama) der Gemeinde Tohmajärvi ist der Ort Värtsilä (ehemals Uusikylä), der im Osten unmittelbar an der russischen Grenze gelegen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Verwaltung der Gemeinde Värtsilä aus dem gleichnamigen Hauptort, der auf die russische Seite wechseln musste, in das Dorf Uusikylä verlegt, das sich so zum neuen Gemeindezentrum entwickelte. Seit der Gemeindefusion von 2005 gehört Värtsilä zu Tohmajärvi. Daneben gehören zur Gemeinde folgende Dörfer bzw. Streusiedlungen: Akkala, Järventaus, Jouhkola, Kaurila, Kenraalikylä, Kutsu, Niirala, Onkamo, Patsola, Petravaara, Riikola, Saario, Tikkala, Uusi-Värtsilä, Vatala und Vepsä.
Geschichte Vorgeschichte und Nowgoroder Zeit Von der steinzeitlichen Besiedlung von Tohmajärvi zeugen die Funde von sieben Wohnstätten der Kammkeramik-Kultur aus der Zeit des Neolithikums. Wie das gesamte finnische Binnenland wurde das Gebiet bis in die Eisenzeit von Samen bewohnt, die als halbnomadische Jäger und Sammler lebten. Ab dem 9. Jahrhundert breitete sich an den Ufern des Ladogasees die sesshafte Besiedlung durch Ackerbau betreibende Karelier aus. Die Karelier nutzten das Gebiet von Tohmajärvi als Jagd- und Fischgrund und verdrängten so nach und nach die samische Urbevölkerung. Die erste sesshafte Besiedlung in Tohmajärvi entstand gegen Ende des 15. Jahrhunderts.
Im Mittelalter gerieten die Karelier in den Machtbereich Nowgorods und kamen in Kontakt mit dem orthodoxen Christentum. Die erste urkundliche Erwähnung der Dörfer Kemie und Värtsilä stammt aus einer Steuerliste des Wotischen Fünftels, eines Nowgoroder Verwaltungsbezirks, aus dem Jahr 1500. Im 16. Jahrhundert nahm die Besiedlung des Gebiets von Tohmajärvi durch die Neugründung zahlreicher Dörfer zu. 1597 wurde Tohmajärvi zu einem eigenständigen orthodoxen Kirchspiel (pogost), zuvor war der Ort eine Kapellengemeinde des Kirchspiels Ilomantsi gewesen.
Schwedische Zeit Durch die neue Grenzziehung im Frieden von Stolbowo kam Tohmajärvi 1617 unter schwedische Herrschaft. Als Teil des Kexholms län wurde der Ort in die Verwaltung des schwedischen Reiches und die evangelisch-lutherische Kirchenorganisation eingegliedert. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Tohmajärvi wurde 1653 gegründet. Der Wechsel der Herrschaft hatte einschneidende Folgen für die religiösen und ethnischen Verhältnisse in Tohmajärvi: Die orthodoxen Karelier sahen sich Repressionen seitens des schwedischen Staates ausgesetzt, so dass manche von ihnen zum lutherischen Glauben konvertierten und andere nach Russland auswanderten. An ihre Stelle traten finnische Neusiedler lutherischen Glaubens aus der Landschaft Savo. Im Russisch-Schwedischen Krieg von 1656–1658 schlug sich die orthodoxe Bevölkerung auf die Seite der Russen: In Tohmajärvi, Ilomantsi und Liperi kam es zu Aufständen gegen die schwedische Obrigkeit. Letztlich verlor Russland aber den Krieg. Aus Furcht vor Vergeltung flohen die orthodoxen Karelier Tohmajärvis in den Raum Twer nach Zentralrussland, wo heute noch eine karelische Minderheit lebt.
Die Einwohner Tohmajärvis lebten im 17. und 18. Jahrhundert vor allem von Schwendbau und Teerbrennerei. Als Schweden aber 1721 im Frieden von Nystad und 1743 im Frieden von Åbo das sogenannte Altfinnland an Russland abtreten musste, wurde Tohmajärvi zu einem Grenzort und wurde von den Verkehrsverbindungen abgeschnitten. Da der Teer nun nicht mehr an die Handelsplätze befördert werden konnte, wurde die Teerbrennerei eingestellt.
1772 bezog der königliche Vogt Gabriel Wallenius, der im Volksmund als „König von Karelien“ bekannt wurde, den Hof Jouhkola in Tohmajärvi. Während seiner Zeit war Tohmajärvi das Zentrum Nordkareliens. So wurde 1781 das Postamt aus Liperi nach Tohmajärvi verlegt. Unter Wallenius wurde das Straßennetz Nordkareliens ausgebaut und die Entwicklung Landwirtschaft vorangetrieben. Unter anderem ließ Wallenius 1773 den Tohmajärvi-See um einen Meter absenken, um neues Ackerland zu gewinnen.
Russische Zeit Als Schweden 1809 im Vertrag von Fredrikshamn das Gebiet des heutigen Finnland an Russland abtrat, wurde auch Tohmajärvi zu einem Teil des neugegründeten Großfürstentums Finnland. Bald darauf wurde auch Altfinnland an das Großfürstentum angeschlossen, so dass Tohmajärvi seine Randlage wieder verlor. Im Zuge der Trennung der Verwaltung der Landgemeinden von der Kirchenverwaltung entstand 1869 die politische Gemeinde Tohmajärvi. Bereits zuvor hatte sich 1857 Kiihtelysvaara, zu dem damals auch Pyhäselkä gehörte, aus Tohmajärvi gelöst.
mini|Die Fabriken von Värtsilä, um 1930 Der Schwendbau verlor im Laufe des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. An seine Stelle traten Viehzucht und Molkereiwirtschaft als wichtigste Wirtschaftsfaktoren. Haupteinnahmequelle der Einwohner der Gemeinde war der Export von Butter nach Sankt Petersburg. Ebenfalls im 19. Jahrhundert setzte die Industrialisierung in Tohmajärvi ein. Im Ort Värtsilä wurden 1834 ein Sägewerk und 1851 eine Eisenhütte gegründet, aus welcher der Wärtsilä-Konzern hervorging. Värtsilä entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Industrieort. Als gegen Ende des Jahrhunderts die alte Karelienbahn (die Bahnstrecke von Wyborg nach Joensuu) gebaut wurde, beschloss man wegen der Fabriken von Värtsilä die Strecke über Tohmajärvi zu führen. Mit der Eröffnung des Streckenabschnittes von Sortawala nach Joensuu wurde Tohmajärvi 1894 an das Eisenbahnnetz angeschlossen.
Seit der Unabhängigkeit Mit der finnischen Unabhängigkeitserklärung wurde auch Tohmajärvi 1917 Teil der unabhängigen Republik Finnland. 1920 machte sich Värtsilä, inzwischen durch die Industrie zu einem einwohnerstarken Ort angewachsen, als eigenständige Gemeinde selbstständig.
mini|Finnische Soldaten im zerstörten Värtsilä, 11. Juli 1941 1939 brach der Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion aus. Als Folge des Krieges musste Finnland 1940 große Teile Kareliens abtreten. Die neu gezogene Grenze verlief nun direkt östlich von Tohmajärvi, Värtsilä verlor zwei Drittel seines Gemeindegebietes samt dem Hauptort und der Industrieanlagen. Zu Beginn des Fortsetzungskrieges eroberten die Finnen am 10. Juli 1941 Värtsilä wieder zurück. Bei den Kämpfen wurde ein Großteil des Ortes zerstört. Nach Ende des Krieges trat Finnland 1944 die zwischenzeitlich zurückeroberten Gebiete wieder ab. Der Hauptort Värsilä (heute Wjartsilja) blieb nun dauerhaft auf russischer Seite, die finnische Gemeinde Värtsilä blieb aber weiter bestehen. Tohmajärvis südöstliche Nachbargemeinde Pälkjärvi, von deren Gebiet über 90 % an die Sowjetunion gefallen war, wurde hingegen 1946 aufgelöst, der auf finnischer Seite verbliebene Teil Tohmajärvi zugeschlagen. Im Gegenzug trat Tohmajärvi das Gebiet um das Dorf Patsola an Värtsilä ab, um die Überlebensfähigkeit der Gemeinde zu sichern.
Durch die neue Grenzziehung wurde Tohmajärvi erneut von den Verkehrswegen abgeschnitten. In den 1960er Jahren verbesserte sich die Verkehrssituation durch den Bau der Staatsstraße 6 und der neuen Karelienbahn von Kouvola nach Joensuu. 1995 wurde der Grenzübergang Niirala für den internationalen Verkehr geöffnet.
Der Wandel von einer Agrar- zu einer Dienstleistungsgesellschaft führte in den ländlichen Gebieten Finnlands ab den 1960er Jahren zu einer anhaltenden Landflucht in die Wachstumszentren des Südens. So hat auch Tohmajärvi seit 1960 rund die Hälfte seiner Einwohner verloren. Noch stärker betroffen war die Gemeinde Värtsilä, deren Einwohnerzahl von knapp 2.000 auf zuletzt unter 600 sank. Daher fusionierten Tohmajärvi und Värtsilä 2005 zur neuen Gemeinde Tohmajärvi.
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Wie große Teile des strukturschwachen Nordkareliens leidet Tohmajärvi unter einem deutlichen Bevölkerungsdefizit. Während Tohmajärvi derzeit rund 5.200 Einwohner hat, lebten 1960 im heutigen Gemeindegebiet noch fast 12.000 Menschen.
+ Entwicklung der EinwohnerzahlGemeinde Tohmajärvi: Tohmajärvi lukuina (Tohmajärvi in Zahlen, DOC), S. 9. Jahr 1750 1890 19201 19392 19413 1950 1960 1970 1980 1990 2000 20054 2006 2007 Tohmajärvi 4.165 7.180 6.130 6.441 7.947 9.403 9.962 7.562 6.309 5.884 5.276 5.446 5.346 5.239 Värtsilä 4.691 6.419 1.255 1.599 1.930 911 842 782 594 Insgesamt 10.821 12.860 9.202 11.002 11.892 8.473 7.151 6.666 5.870 1) Kommunale Selbstständigkeit Värtsiläs 2) Vor den Gebietsabtretungen an die Sowjetunion 3) Nach den Gebietsabtretungen an die Sowjetunion 4) Gemeindefusion von Tohmajärvi und Värtsilä
Bevölkerungsgruppen Tohmajärvi ist offiziell einsprachig finnischsprachig. 96,5 % der Einwohner sprechen Finnisch als Muttersprache. Die Nähe der Grenze spiegelt sich in der verhältnismäßig großen Zahl russischer Immigranten in Tohmajärvi wider. Für eine ländliche Gemeinde Finnlands ist der Ausländeranteil von 2,9 % (im Landesdurchschnitt 2,5 %) durchaus hoch.Stand 2007, Tilastokeskus (finnisches Statistikzentrum) Der Anteil der Einwohner mit Russisch als Muttersprache ist mit 2,6 % sogar landesweit am höchsten. (finn.) Wegen der engen Kontakte zu Russland fördert die Gemeinde den Russischunterricht an den Schulen. Ein Antrag Tohmajärvis, Russisch statt der zweiten Landessprache Schwedisch als Schulfach verpflichtend zu machen, wurde aber vom finnischen Bildungsministerium abgelehnt.Helsingin Sanomat 29. Februar 2008: Tohmajärvi ei saanut kouluihinsa venäjää pakkoruotsin tilalle
Religion Die große Mehrheit der Einwohner Tohmajärvis gehört der evangelisch-lutherischen Kirche an. Die Kirchengemeinde Tohmajärvi untersteht dem Bistum Kuopio. Die Orthodoxen stellen in Tohmajärvi nur noch eine kleine Minderheit dar. Die orthodoxen Gläubigen Tohmajärvis gehören der Kirchengemeinde Joensuu an. Im Dorf Petravaara befindet sich seit 1966 eine orthodoxe Kapelle (tsasouna). Daneben gibt es in Tohmajärvi seit 1983 eine Pfingstgemeinde.
Politik Verwaltung