Der Parti républicain, radical et radical-socialiste (deutsch „Republikanische, radikale und radikal-sozialistische Partei“) von 1901, kurz Parti radical, war eine republikanische, liberale und linksbürgerliche französische Partei, aus der ähnlich benannte Abspaltungen hervorgegangen sind. Im Deutschen spricht man oft, vor allem für die Zeit der Dritten Republik (bis 1940), von den „Radikalsozialisten“. Das radical im Namen bezieht sich historisch auf die Ablehnung der Monarchie und die Befürwortung der Werte der Französischen Revolution (siehe auch Radikalismus). Der Namensteil „radikal-sozialistisch“ geht auf ein Bündnis der radikalen Republikaner mit Reformsozialisten um Jean Jaurès zurück. Im Gegensatz zu Sozialisten marxistischer Prägung war die Parti radical aber eine bürgerliche Partei, die entschieden für Privateigentum und Freihandel eintrat.Daniela Neri-Ultsch: Sozialisten und Radicaux – eine schwierige Allianz. Linksbündnisse in der Dritten Französischen Republik 1919-1938. Oldenbourg, München 2005, S. 42, 50, 82, 93.

Sie war die erste landesweit auftretende moderne Massenpartei Frankreichs, wo bis dahin Zusammenschlüsse einzelner parlamentarischer Gruppen vorherrschten. Bis 1936 bildete sie die stimmenstärkste Kraft der gemäßigten Linken und stellte noch in der Vierten Republik (bis 1958) mehrere Premierminister. Bekannte radikale Premierminister waren Georges Clemenceau, Édouard Herriot, Édouard Daladier und Pierre Mendès France.

Seit den 1960er-Jahren war sie eine weniger bedeutende Kleinpartei, die von der linken zur rechten Mitte übergegangen war. 1972 spaltete die Partei sich an der Frage, ob man bei der Präsidentschaftswahl 1974 gemeinsam mit den Kommunisten den Sozialisten Mitterrand unterstützen sollte. Die Befürworter der Idee wurden zum Mouvement de la gauche radicale-socialiste (später Parti radical de gauche). Der verbleibende Rumpf der Partei unter Jean-Jacques Servan-Schreiber, der eher Bündnisse mit den bürgerlichen Parteien anstrebte, war rechtlich identisch mit der historischen Parti radical, wurde aber zur Unterscheidung oft als Parti radical valoisien bezeichnet (nach ihrem Sitz am Place de Valois in Paris).

Im Jahr 2017 fusionierten die beiden Nachfolgeparteien zum Mouvement radical. Dieses nahm im Dezember 2021 (nachdem die PRG die Fusion rückgängig gemacht hatte) wieder den historischen Namen Parti républicain, radical et radical-socialiste an.

Vorgeschichte Den Begriff „Radikale“ benutzten nach 1830 die Anhänger der Julimonarchie, um die Republikaner politisch ins Abseits zu stellen. Ab 1835 bezeichneten sich die Republikaner zunehmend selbst als Parti radical, die Eigenbezeichnung republikanisch war in dieser Epoche verboten. Gemäß dem Selbstverständnis seiner Vertreter war der Radikalismus 1842 „die Lehre der Erneuerung, die zur Grundlage das Gewissen und die Vernunft nimmt“ (cette doctrine d'innovation qui prend pour la base la conscience et la raison); die Radikalen sahen sich damals – im Unterschied zu den Liberalen und anderen Anhängern moderater Reformen – als Vorkämpfer einer grundlegenden Erneuerung der politischen Institutionen.

Auch im Second Empire profilierten sich die Radikalen als Opposition, so mit dem Programm von Belleville (1869), das vom späteren Premierminister Léon Gambetta unterstützt wurde.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Ausrufung der Dritten Republik trennten sich die Republikaner in verschiedene Strömungen und Fraktionen. Den moderaten oder „opportunistischen“ Republikanern standen die radikalen oder „unnachgiebigen“ (intransigeants) gegenüber.David Hanley: Party, Society, Government. Republican Democracy in France. S. 59. In der 1871 gewählten verfassunggebenden Nationalversammlung saß der radikale Flügel der Republikaner in der Fraktion Union républicaine, geführt von Léon Gambetta. Als sich diese jedoch den moderaten Republikanern annäherte, spaltete sich 1876 die Extrême gauche unter Louis Blanc, Désiré Barodet und Georges Clemenceau ab. Eine zweite radikale Abspaltung von der Union républicaine Gambettas war 1881 die Fraktion Gauche radicale, die anders als die Extrême gauche zeitweilig mit Regierungen der gemäßigten Republikaner zusammenarbeitete. Nach den Wahlen 1885, bei denen die Radikalen hinzugewannen, waren mit René Goblet (1886–87) und Charles Floquet (1888–89) erstmals Vertreter dieser Fraktion Premierminister, sie regierten in Bündnissen mit den gemäßigten Republikanern. Die Fraktion Extrême gauche nahm 1892–93 vorübergehend und ab 1895 dauerhaft den Namen Groupe radical-socialiste an.

Dritte Republik bis zum Ersten Weltkrieg

Um die Jahrhundertwende formierten sich die Radikalen als eine wirtschaftlich und sozial eher zentristisch eingestellte, antiklerikale, antimonarchistische und somit (radikal)republikanische ideologische Bewegung. Radikale Gruppen erreichten bei den Wahlen von 1898 bereits 24 Prozent. Nach der Revision des Dreyfus-Verfahrens und dem gescheiterten rechten Putschversuch Paul Déroulèdes im Februar 1899 bildeten Radikale und der antiklerikale Flügel der gemäßigten Republikaner von 1899 bis 1902 eine „Regierung der Verteidigung der Republik“ unter Ministerpräsident Pierre Waldeck-Rousseau. In dieser Zeit wurde die tägliche Arbeitszeit auf 11 Stunden beschränkt sowie die Frauen- und Kinderarbeit reguliert. Eine Unterwerfung der Kirche unter das neue Vereinsrecht wurde von der Kammer abgelehnt. 1901 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Existenz von Ordensgemeinschaften von einer gesetzlichen Zulassung abhängig machte. Dies schuf einen Hebel zur Auflösung von kirchlichen Gemeinschaften.

Der Parti républicain, radical et radical-socialiste wurde 1901 gegründet. Heute ist er unter der Bezeichnung Parti radical historique bekannt. Er wurde seinerzeit häufig nur als Parti radical-socialiste bezeichnet und entstand aus dem Zusammenschluss mehrerer linker und zentristischer Strömungen als Folge der Dreyfus-Affäre. Die deutsche Übersetzung „Radikalsozialisten“ ist irreführend, insofern die Partei keineswegs radikal sozialistisch war, sondern eine bürgerliche Wirtschaftspolitik verfocht und einen Klassenkampf strikt ablehnte. Ihre politische Ideologie war – nach den Maßstäben des späten 19. Jahrhunderts – links: für Individualismus, Egalitarismus und Fortschritt, gegen die Bevormundung der alten Ständegesellschaft und den Einfluss der Kirche auf den Staat. Diese Ideen wurden aber nach dem Niedergang der Monarchisten Ende der 1870er-Jahre in Frankreich nicht mehr als extrem angesehen, sondern waren Teil eines breiten republikanischen Konsenses. Durch den Einflussgewinn der Sozialisten ab 1880 standen die radicaux im politischen Spektrum Frankreichs nicht mehr ganz links, sondern in der linken Mitte.Daniela Neri-Ultsch: Sozialisten und Radicaux – eine schwierige Allianz. Linksbündnisse in der Dritten Französischen Republik 1919-1938. Oldenbourg, München 2005, S. 29–30. In den politisch extrem instabilen Zeiten bis zum Ende der Dritten Republik 1940 stellte die Partei in rasch wechselnden Kabinetten 31-mal den Premierminister.

Bei den Wahlen von 1902 siegte der „Linksblock“ (bloc des gauches) aus Radikaler Partei, Waldeck-Rousseaus gemäßigt-republikanischer Alliance républicaine démocratique und Sozialisten. Diese Allianz stellte anschließend die Regierung unter Führung des Radikalsozialisten Émile Combes. Im selben Jahr wurden 3000 staatlich nicht genehmigte kirchliche Schulen geschlossen und die Besoldung der Bischöfe durch die Regierung eingestellt, im Folgejahr wurden alle Ordensgemeinschaften aufgelöst. 1905 kam es mit dem „Loi Combes“ zur völligen Trennung von Staat und Kirche. Sämtliches Eigentum an Kirchen und Gebäuden ging an den Staat. 2500 kirchliche Schulen wurden geschlossen, Kruzifixe wurden aus öffentlichen Gebäuden entfernt, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen abgeschafft. Federführend bei der Vorbereitung des Gesetzes war der mit der diesbezüglichen Ausschussführung beauftragte Sozialist Aristide Briand.

mini|hochkant|Georges Clemenceau, Premierminister 1906–09 und 1917–20 Von 1906 bis 1909 führte Georges Clemenceau die Regierungen, der den Radikalen nahestand, ohne Parteimitglied zu sein. Unter Clemenceau näherten sich Frankreich und Großbritannien an, was 1907 in der „Entente cordiale“ zum Ausdruck kam. Überdies wurden die Weichen für die Einführung der Einkommensteuer durch Clemenceaus Finanzminister Joseph Caillaux gestellt. Auf Clemenceau folgte als Premierminister der „unabhängige Sozialist“ Aristide Briand. Dieser war 1906 als Minister in eine bürgerliche Regierung eingetreten und daher aus der Sozialistischen Partei (SFIO) ausgeschlossen worden.

Bei der Parlamentswahl 1910 verdoppelten die Radikalen ihre Sitzzahl und wurden mit Abstand stärkste Kraft. Allerdings saßen ihre Abgeordneten weiterhin in zwei verschiedenen Fraktionen: der linke Flügel in der Groupe radical-socialiste, der eher zur Mitte tendierende in der Gauche radicale. Durch den gleichzeitigen Vormarsch der sozialistischen SFIO rückte das politische Spektrum nach links (Sinistrisme) und die Parti radical wanderte in die Mitte des Parlaments.Daniela Neri-Ultsch: Sozialisten und Radicaux - eine schwierige Allianz. Linksbündnisse in der Dritten Französischen Republik 1919-1938. Oldenbourg, München 2005, S. 23. Alle Regierungen der folgenden Jahre stützten sich maßgeblich auf die Parti radical, auch wenn sie nicht immer den Premierminister stellte. Unter dem Vorsitz Joseph Caillaux’ beschloss die zuvor nur locker organisierte Partei 1913 auf ihrem Kongress in Pau eine straffere Struktur. Dazu gehörte auch die Pflicht für ihre Abgeordneten, einer gemeinsamen Fraktion anzugehören. Ein Teil der Abgeordneten wollte jedoch ihre Unabhängigkeit bewahren und blieb in der separaten Fraktion Gauche radicale. Sie trennten sich dadurch von der Parteiorganisation und wurden Radicaux indépendants („unabhängige Radikale“) genannt.Gérard Baal: La fondation du parti radical. In: Serge Berstein, Marcel Ruby (Hrsg.): Un siècle de radicalisme. Septentrion, Villeneuve-d’Ascq 2004, S. 49–69, hier S. 68–69.

Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs und zu Kriegsbeginn spielte der konservative Staatspräsident Raymond Poincaré von der Alliance Démocratique die dominierende Rolle. Unter Poincaré war als Antwort auf die deutsche Aufrüstung 1913 die Dienstzeit der Wehrpflichtigen in der französischen Armee auf drei Jahre verlängert worden. Während des Krieges beteiligte sich die Radikale Partei an der nationalen Allparteienregierung, der Union sacrée. Der „unabhängige Radikale“ Georges Clemenceau war von November 1917 bis Januar 1920 Premierminister während der Endphase des Krieges und unmittelbaren Nachkriegszeit.

Zwischenkriegszeit mini|hochkant|Édouard Herriot, der am längsten amtierende Parteivorsitzende in der Geschichte des Parti radical (1919–26, 1931–36 und 1945–57) Nach dem Ersten Weltkrieg konnten die Konservativen 1919 mit Hilfe „Unabhängiger Radikaler“, die keine linken Mehrheiten stützen wollten, die absolute Stimmenmehrheit sowie 70 % aller Parlamentssitze gewinnen. Das parlamentarische Bündnis nannte sich „Bloc national“. Erstmals seit der Jahrhundertwende war es den Konservativen wieder möglich, eine ganze Legislaturperiode sowohl die Kammer als auch die Regierung zu dominieren. Die Nachkriegsjahre waren im Sinne der „Union sacrée“ von einer betont nationalen Einheitshaltung geprägt, weshalb die Radikalen (im Gegensatz zu den Sozialisten) auch die Regierung stützen.