mini|Die von Frank Lloyd Wright entworfene Beth-Sholom-Synagoge (konservative Bewegung) im US-Bundesstaat Pennsylvania mini|Außenansicht des Temples Emanu El an der Fifth Avenue in New York City, wichtigste und größte Reformgemeinde der Vereinigten Staaten In den Vereinigten Staaten leben geschätzt zwischen 5,3 und 9 Millionen Juden. In Israel sind es zum Vergleich 6,2 Millionen. Die große Bandbreite zwischen den jeweiligen Angaben ergibt sich aus den jeweils unterschiedlichen Kriterien, nach welchen man Menschen jüdischer Glaubensrichtung respektive Herkunft definiert und zählt. Je nach Zählart leben also die meisten Juden weltweit entweder in den Vereinigten Staaten oder in Israel. Außerdem leben ungefähr 130.000 jüdische Israelis in den Vereinigten Staaten und circa 170.000 amerikanische Juden in Israel.
Obwohl die ersten jüdischen Einwanderer des Kontinents sephardischen Ursprungs waren, rechnet sich heute 90 Prozent der jüdisch-amerikanischen Gesamtbevölkerung den Aschkenasen zu. Vertreten sind in den Vereinigten Staaten alle großen Richtungen des Judentums, von den ultraorthodoxen Haredim über das konservative und liberale bis hin zu einem rein weltlichen Judentum, wobei aber vor allem das liberale Judentum traditionell die stärkste Strömung darstellt.
Im US-Bundesstaat New York lebten im Jahr 2016 zwischen 1,7 und 2 Millionen Juden, oder 9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit stellte es, noch vor Tel Aviv, den größten Ballungsraum von Menschen jüdischer Herkunft weltweit dar. Dasselbe gilt für New York City mit 12 Prozent jüdischer Bevölkerung, welche ihrerseits auch die Stadt mit der größten Anzahl jüdischer Menschen auf der ganzen Welt ist.
Geschichte
Nachdem vor allem sephardische Juden bereits im 17. Jahrhundert in den USA ankamen, verstärkte sich die jüdische Einwanderung erst im 19. Jahrhundert erheblich. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten zahlreiche Juden aus Deutschland in die USA aus, darunter viele Kaufleute und Ladenbesitzer. Bis 1880 war die Zahl der Juden in den USA auf 250.000 angewachsen, viele von ihnen gehörten der Mittelschicht an. Wegen der Verfolgung in Teilen Osteuropas erhöhte sich die jüdische Einwanderung in den 1880er Jahren drastisch, viele neue Einwanderer kamen aus Russland und Polen. Über zwei Millionen Juden kamen zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und 1924 an, als die Einwanderungsbestimmungen verschärft wurden. Viele dieser Einwanderer ließen sich in New York City und seiner unmittelbaren Umgebung nieder.
Anfang des 20. Jahrhunderts lebten diese neu angekommenen Juden hauptsächlich in den städtischen Einwanderervierteln und schufen ein Netzwerk von Stützpunkten, bestehend aus zahlreichen kleinen Synagogen und aus „Landsmannschaften“ (Vereine von aus dem gleichen Heimatort stammenden Juden). Jüdische amerikanische Autoren drängten in dieser Zeit auf „Assimilation“ und Integration in die breitere amerikanische Kultur und die Juden wurden rasch ein Teil des amerikanischen Alltagslebens. 500.000 amerikanische Juden (die Hälfte aller jüdischen Männer zwischen 18 und 50) kämpften im Zweiten Weltkrieg und nach dem Krieg beteiligten sich jüdische Familien an dem neuen Trend der Suburbanisierung. Dort „assimilierten“ sich Juden in zunehmendem Maße, sowohl hinsichtlich der interreligiösen Ehen mit Nichtjuden als auch der Tendenz zur Säkularisierung. Gleichzeitig bildeten sich neue Zentren der jüdischen Gemeinden, die Schülerzahl jüdischer Schulen verdoppelte sich zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und Mitte der 1950er Jahre, während die Zugehörigkeit zur Synagogengemeinde von 20 Prozent 1930 auf 60 Prozent 1960 anstieg.
Bevölkerung mini|Das Jüdische Museum New Yorks im Warburg-Palais, Upper East Side Laut US-Volkszählung lebten im Jahr 2000 6,19 Millionen Juden in den USA, weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Menschen jüdischen Hintergrundes siedelten sich in den USA vor allem in und in der Nähe von Hauptstädten, zunächst im Nordosten und Mittelwesten, in den letzten Jahrzehnten zunehmend auch im Süden und im Westen des Landes an. In absteigender Folge sind die städtischen Agglomerationen mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil aufgelistet:
Greater New York (2.051.000), Miami (498.000), Los Angeles Area (668.000), Delaware Valley (285.000), Chicago (265.000), San Francisco (218.000), Boston (254.000) und Baltimore-Washington, D.C. (166.000).
Die jüdische Gemeinde von Miami hat den höchsten Altersdurchschnitt der US-Gemeinden, da sie vor allem aus Rentnern besteht (was durch die jüngste Zuwanderung von Juden aus lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien, Kuba und Brasilien relativiert wird). Weitere Hauptstädte weisen einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil auf, wie Cleveland, Baltimore und St. Louis. Auch Gebiete des Sun Belt bei Florida und Kalifornien (beide Staaten hatten immer bedeutende jüdische Gemeinden) verzeichnen einen deutlichen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung. Dazu zählen Houston, Dallas, Phoenix, Charlotte und vor allem Atlanta und Las Vegas. In vielen Städten ist die Mehrheit der jüdischen Familien in die Vorortgebiete gezogen.
Allgemeine Bevölkerungsentwicklung Die sozialen und kulturellen Eigenschaften der USA haben den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Erfolg der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft erleichtert und auch zur „Assimilation“ beigetragen, eine umstrittene und bedeutsame Angelegenheit in der modernen amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft. Die hohe Zahl interreligiöser Ehen wird zum einen als problematisch gewertet, insofern das mögliche Schwinden der amerikanisch-jüdischen Gemeinde zur Diskussion steht. Auf der anderen Seite dient es aber auch als Ausgangspunkt, um jeweils für mehr Offenheit im Umgang mit interreligiösen Paaren und für eine lockerere Konversionspraxis zu plädieren. Ganz allgemein wird über Fragen zu religiöser und ethnischer Identität aus dieser Ausgangslage heraus nachgedacht.
Die Zahl der interreligiösen Ehen ist von etwa 6 Prozent 1950 auf etwa 40 Prozent – 50 Prozent im Jahr 2000 angestiegen.Cengage Learnig: JEWS : Religious, Cultural, and Communal Life Nur etwa ein Drittel der interreligiösen Paare erziehen ihre Kinder in der jüdischen Religion. Zusammen mit der verhältnismäßig niedrigen Geburtenrate der jüdischen Gemeinschaft hat dies zu einer Abnahme von 5 Prozent der jüdischen Bevölkerung der USA in den 1990er Jahren geführt. Zudem ist der Altersdurchschnitt der jüdischen Gemeinschaft höher als der der allgemeinen amerikanischen Bevölkerung.
Allerdings ist die jüdische Erziehung in interreligiösen Familien in Gebieten mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil intensiver, wie in den großstädtischen Bereichen New York City, Los Angeles, Philadelphia, Detroit, Baltimore, Washington, D.C., Chicago und Cleveland (das den höchsten jüdisch-amerikanische Bevölkerungsanteil der kleineren US-Hauptstädte aufweist).
Demgegenüber weisen einige Gemeinden des amerikanischen Judentums, wie die orthodoxen Juden, erheblich höhere Geburtenziffern und niedrigere interreligiöse Eheraten auf und wachsen schnell. Daniel Pipes bemerkte 2005 in einem Essay, der Anteil der jüdischen orthodoxen Synagogenmitglieder sei von 11 Prozent 1971 auf 21 Prozent 2000 gestiegen, während die Gesamtzahl der jüdischen Gemeinden zurückging.DanielPipes.org: Daniel Pipes: The Future of Judaism, 25. Januar 2005 mini|Alljährliche Chanukkah-Zeremonie im Weißen Haus, Präsident Barack Obama, 2009
Religiöse Statistik Die jüdische religiöse Praxis in Amerika gestaltet sich vielfältig. Unter den 6 bis 8 Millionen amerikanischen Juden sind über 60 Prozent auf irgendeine Art fest mit dem Judentum verbunden und praktizieren dies vom Pessach-Seder bis hin zum Gebrauch einer Chanukkia.
Unter den Synagogenmitgliedern sind gemäß Zählungen aus dem Jahr 2013 mindestens 38 Prozent Reformjuden, 33 Prozent konservative Juden, 22 Prozent orthodox, 2 Prozent Rekonstruktionisten und 5 Prozent andere. Die Zählung stellte fest, dass Juden im Nordosten und im Mittleren Westen die Religionsvorschriften im Allgemeinen mehr beachten, als Juden im Süden oder Westen. Bei den alljährlichen Pessach-Sedern oder Chanukka-Zeremonien im Weißen Haus, wird die Ausgestaltung der Feste jeweils auch abwechselnd anderen Strömungen innerhalb des Judentums zugetragen.
Früher stellte man in den USA eine Tendenz fest, wonach säkulare Juden ihre Lebensweise nach den religiös orthodoxen Vorschriften neu gestalten, was im allgemeinen Sprachgebrauch mit Baal Teschuwa umschrieben wird. Es ist jedoch nicht klar, wie verbreitet oder demografisch relevant dieses Phänomen ist.
Reformjudentum mini|Innenansicht der Central Synagogue, Reformgemeinde in New York City Heute und auch traditionell stellt das Reformjudentum in den Vereinigten Staaten die Richtung mit den meisten Mitgliedern dar. Die Anfänge der Strömung liegen im Deutschland des 19. Jahrhunderts und wurden unter anderem von den Gelehrten Abraham Geiger, Samuel Holdheim und David Einhorn entwickelt und konzipiert. Entscheidend für diese Richtung ist die Aufteilung der jüdischen Gebote in ethische und rituelle Gesetze sowie die Auffassung, dass die ethischen Gesetze zeitlos und unveränderlich seien, die rituellen Gesetze hingegen verändert werden könnten, um sie dem jeweiligen Lebensumfeld anzupassen. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum geht das Reformjudentum von einer fortschreitenden Offenbarung Gottes in der Geschichte aus. Dabei wird die Offenbarung als ein von Gott ausgehender und durch Menschen vermittelter dynamischer und fortschreitender („progressiver“) Prozess begriffen und nicht als ein einmaliger Akt, bei dem Moses durch Gott wörtlich die Tora („schriftliche Lehre“) sowie alle Auslegungen („mündliche Lehre“, später im Talmud und der Rabbinischen Literatur niedergeschrieben) erhalten hat. Daraus wird die Verpflichtung zur Bewahrung der jüdischen Tradition, aber auch zu ihrer beständigen Erneuerung abgeleitet. Die Texte des Tanachs sind einer historisch-kritischen Erforschung nicht entzogen. Statt auf das Kommen eines persönlichen Messias zu warten, hofft man auf das Anbrechen einer messianischen Zeit.
Die Strömung war zudem innerhalb der Vereinigten Staaten auch die erste, die den Frauen das Studium der Thora erlaubte, und das Rabbineramt auch für Jüdinnen öffnete. Mit Sally Priesand wurde im Jahr 1972 die erste Rabbinerin in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Seiten des Reformjudentums ordiniert. Das Reformjudentum charakterisiert sich zusätzlich dadurch, als dass innerhalb der Gemeinde auch exogame Ehen geschlossen werden, und auch Kinder respektive Nachkommen jüdischer Väter als jüdisch definiert und in der Synagogengemeinde als vollwertige Mitglieder aufgenommen werden.
Konservatives Judentum mini|Eingang zur konservativ-jüdischen Gemeinde Emanu-El in Miami Der Begriff konservatives Judentum (Conservative Judaism) wurde in den USA für eine Bewegung innerhalb des Judentums geprägt, die sich neben dem orthodoxen aus dem Reformjudentum zu einer eigenständigen Denomination abspaltete. In Israel und Europa wird das konservative Judentum „masorti“ (hebräisch für traditionell) genannt. Die hebräische Bezeichnung wird auch außerhalb Israels von einzelnen konservativen jüdischen Gemeinden verwendet, besonders in Großbritannien, aber auch in Deutschland. Es zählt heute, nach dem Reformjudentum, als zweitstärkste Strömung des amerikanischen Judentums. Das konservative Judentum vertritt die Auffassung, dass die Offenbarung der schriftlichen Tora (hebräisch Lehre) und der mündlichen Tora (Mischna und Talmud) nicht von Gott „am Sinai wörtlich“ gegeben, sondern über einen längeren Zeitraum von Menschen gemacht wurde.