mini|hochkant|Fetscher als Schotte (1918)
Rainer Fetscher (* 26. Oktober 1895 in Wien als René Felix Fetscher; † 8. Mai 1945 in Dresden) war ein deutscher Mediziner, Erbforscher und Eugeniker. Er ist der Vater des Politologen Iring Fetscher. In Dresden hatte und hat Fetscher den Ruf eines Humanisten und Antifaschisten, was sich u. a. in zahlreichen postumen Ehrungen niederschlug.
In neuerer Zeit ist Fetscher jedoch im Zusammenhang mit seinen erbbiologischen Forschungen auch kritisch beurteilt worden.Kerstin Schneider: Die Stadt Dresden ehrt einen „Rassisten“. In: stern.de. 26. Oktober 2007, abgerufen am 25. Juni 2016.
Leben Der Sohn des württembergischen Kaufmanns Emil Fetscher legte am Wiener Elisabeth-Gymnasium (heute Rainergymnasium) die Reifeprüfung (Matura) ab und nahm im Jahr 1914 ein Studium der Medizin an der Universität zu Wien auf.Albrecht Scholz: Fetscher, Rainer. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 160. Im November 1914 trat er jedoch freiwillig in das Deutsche Heer ein und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Im Jahr 1918 schied er aus dem Heeresdienst aus.
Im Dezember 1918 setzte Fetscher sein Medizinstudium an der Universität Tübingen fort. Dort wurde er Conkneipant und später Alter Herr mit Schleife der Studentenverbindung Landsmannschaft Schottland.Mitgliederverzeichnis. Stand der Landsmannschaft am 5. Mai 1928. Anhang zu den monatlichen Mitteilungen Nr. 4/5 von 1928 der Landsmannschaft Schottland zu Tübingen, Stuttgart 1928, S. IX. 1921 erhielt er die Approbation und wurde mit einer Arbeit „Über die Vererblichkeit des angeborenen Klumpfußes“ promoviert. Nach dem Studienabschluss im Mai absolvierte er eine mehrmonatige Tätigkeit als Medizinalpraktikant am Katharinenhospital in Stuttgart. Am 30. Mai 1921 hatte er in Marbach Kläre Müller (1899–1987) geheiratet, die er aus einem Lazarett kannte. Das Paar hatte drei Kinder.Albrecht Scholz: Fetscher, Rainer. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 161.
Im Oktober 1921 ging Fetscher nach Dresden, wo er eine Assistentenstelle am Hygiene-Institut der Technischen Hochschule Dresden beim Ordinarius für Hygiene, Philalethes Kuhn (1870–1937), antrat. Fetscher kannte Kuhn noch aus dem Studium in Tübingen und teilte dessen Interesse an Erbbiologie und Sozialhygiene. 1923 habilitierte er sich bei Kuhn „Über die Knabenziffer beim Menschen“. Neben einem erbbiologischen Forschungsprojekt an Sexualstraftätern, das er im April begann, lehrte Fetscher ab 1923 am Hygiene-Institut allgemeine und soziale Hygiene und von 1925 bis 1927 am Pädagogischen Institut der TH Dresden. Während Kuhn sich führend in der völkischen Bewegung Ostsachsens engagierte, stand Fetscher eher der SPD nahe. Als Student hatte er mit dem Sozialistischen Studentenbund sympathisiert, und später unterhielt er Kontakte zum Verein sozialistischer Ärzte. Kuhns Berufung und Weggang nach Gießen 1925 nahm Fetscher mit Erleichterung auf.
Im Jahr 1926 übernahm Fetscher die Leitung der dem Hygiene-Institut angeschlossenen Ehe- und Sexualberatungsstelle in Dresden. Im Deutschen Hygiene-Museum hielt er Vorträge, gab für das Museum Schriften zu Einzelthemen heraus und stand in enger Verbindung mit dem zum Hygiene-Museum gehörenden Reichsausschuss für hygienische Volksbelehrung. Der Medizinhistoriker Günter Heidel weist darauf hin, dass bei „der Würdigung des progresiven Wirkens sozialhygienisch interessierter und engagierter ärztlicher Mitarbeiter des Deutschen Hygiene-Museums in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren“ nicht übersehen werden dürfe, „daß sie – wie bereits Grotjahn – mit der Sozialhygiene auch die in diesem Gebiet fest integrierte Eugenik im Blick hatten.“ Er sieht sie deshalb in der Verantwortung, „der faschistischen Rassenhygiene den Weg geebnet zu haben“.Günther Heidel: Dresdner sozialhygienische Bemühungen und deren Schicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: Zeitschrift für die gesamte Hygiene und ihre Grenzgebiete 33 (1987), S. 551–554, hier. S. 553. Fetscher stand als Eugeniker in hohem Ansehen, gehörte ab 1928 dem Vorstand der Kriminalbiologischen Gesellschaft an und wurde von dem Schweizer Psychiater und Eugeniker August Forel mit der Neubearbeitung von dessen Buch Die sexuelle Frage beauftragt.Albrecht Scholz: Fetscher, Rainer. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 161 f. Er wurde 1928 außerdem zum außerplanmäßigen außerordentlichen Professor für Hygiene an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Abteilung der TH Dresden ernannt.Dorit Petschel: 175 Jahre TU Dresden. Band 3: Die Professoren der TU Dresden 1828–2003. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e. V. von Reiner Pommerin, Böhlau, Köln u. a. 2003, ISBN 3-412-02503-8, S. 207 f.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde Fetscher im Oktober 1933 Anwärter der SA und 1934 Mitglied des SA-Sturms 3 der Standarte R 48 in Pirna.Reiner Pommerin: Die Geschichte der TU Dresden 1828–2003. Böhlau, Köln 2003, S. 185. Nachdem er sich gegen Ende der Weimarer Republik bereits nationalsozialistischen Positionen angenähert hatte, ohne freilich in Einzelfragen wie der sogenannten Mischehe und im radikalen Antisemitismus der NS-Ideologie zu folgen, begrüßte er ausdrücklich das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933. Auch unterzeichnete er im November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler.Albrecht Scholz: Fetscher, Rainer. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 162. Deshalb war er überrascht, als er am 26. Februar 1934 unter Hinweis auf § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand versetzt wurde. Im sächsischen Innenministerium war man der Auffassung, dass Fetscher sich schon durch die Verteilung von Verhütungsmitteln in seiner Eheberatungsstelle für eine Mitwirkung am nationalsozialistischen Programm disqualifiziert habe. Zwar habe er eugenische Sterilisationen veranlasst, aber aus sozialen und nicht aus rassischen Gründen. Das unterschied ihn in den Augen der Nationalsozialisten zu seinem Nachteil von dem Zwickauer Sterilisationsverfechter Gustav Boeters.Atina Grossmann: Reforming Sex. The German Movement for Birth Control and Abortion Reform, 1920–1950. Oxford UP, New York 1995, S. 163. Fetscher wurde zwar nicht politisch verfolgt, konnte aber nicht mehr an Tagungen teilnehmen und musste aus dem Vorstand der Kriminalbiologischen Gesellschaft ausscheiden.
An der TH Dresden lehrte Fetscher zunächst noch ein Kolleg über „Allgemeine Rassenhygiene“. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, eröffnete er eine allgemeinärztliche Privatpraxis in Dresden. 1936 wurden ihm schließlich auch die Venia legendi und der Professorentitel entzogen. Hintergrund war eine Eingabe der Reichsleitung der NSDAP an die Sächsische Staatsregierung, dass Fetschers Vorstellung von Rassenlehre nicht der Vorstellung des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP entspreche, und Fetscher sich vor 1933 auch nicht für die NSDAP eingesetzt habe.
Iring Fetscher schreibt in seiner Biographie „Neugier und Furcht, Versuch, mein Leben zu verstehen“ über seinen Vater:
Der Dresdner Historiker Reiner Pommerin hält hierzu fest: . Auf Nachfrage von stern.de erklärt Iring Fetscher:
Albrecht Scholz sieht in der Entlassung aus dem Hochschuldienst die Ursache für eine tiefgehende Wandlung von Fetschers politischen Einstellungen. Fetscher stellte insbesondere nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Räume seiner Praxis für Treffen von Personen des Widerstands zur Verfügung. Er behandelte politisch Verfolgte, Juden und sogenannte Ostarbeiter und versorgte sie kostenlos mit Medikamenten.Albrecht Scholz: Fetscher, Rainer. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 162 f. Victor Klemperer berichtet in seinen Tagebüchern 1942, dass ihm ein Angebot übermittelt worden sei, Fetscher würde Klemperers Manuskripte aufbewahren. Fetscher gelte als „sehr judenfreundlich“.Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1942. Bd. 2, 1942–1945. hg. von Walter Nowojski. Aufbau Verlag, 10. Aufl., Berlin 1998, Eintrag 16. März 1942, S. 46, zit. Eintrag 19. April 1942, S. 68. Nach Aussagen von Zeitzeugen stellte Fetscher 1944 Medikamente, Verbandstoffe und Lebensmittel für ein Ostarbeiterlager zur Verfügung. Anfang 1945 soll er zwei Illegale unter falschem Namen in einem Krankenhaus untergebracht haben. Laut Marina Lienert und Caris-Petra Heidel gehörte Fetscher einem Kreis von Antifaschisten an, der in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs über die Zukunft Dresdens diskutierte.
Aufgrund der Reputation, die Fetscher in Widerstandskreisen genoss, bat ihn Hermann Eckardt am 8. Mai 1945, eine Gruppe von Dresdner Bürgern zu begleiten, die dem sowjetischen Kommandanten ihre Hilfe anbieten wollte. Auf dem Weg zur Kommandantur wurde Fetscher erschossen.Albrecht Scholz: Fetscher, Rainer. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 163. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht geklärt, da nur widersprüchliche Angaben in persönlichen Erinnerungen existieren. Möglicherweise wurde Fetscher von abrückenden SS-Männern ermordet. Er könnte bei den in der Stadt herrschenden chaotischen Zuständen aber auch von sowjetischen Soldaten erschossen worden sein.Thomas Widera: Dresden 1945–1948. Politik und Gesellschaft unter sowjetischer Besatzungsherrschaft. V & R, Göttingen 2004, S. 54 f.; Reiner Pommerin: Die Geschichte der TU Dresden 1828–2003. Böhlau, Köln 2003, S. 216.
Wirken Einer der Schwerpunkte von Fetschers Arbeit war die Frage, ob und inwieweit eine erbliche Disposition zu kriminellem Verhalten besteht, bzw. ob und inwieweit familiäre, soziale und sonstige Umstände einen Menschen kriminell werden lassen. Vor diesem Hintergrund begann Fetscher im Jahr 1923, Sexualstraftäter und deren Angehörige erbbiologisch zu erfassen, finanziell unterstützt von der Rockefeller Foundation. Mit seinem familienanamnetischen Ansatz kam er zu dem Schluss, dass zwischen Geisteskrankheiten und allen anderen Formen „psychischer und sozialer Abartung“ auf der einen Seite und krimineller Delinquenz auf der anderen Seite „ursächliche Beziehungen“ zu erkennen seien. Der Umwelt komme dagegen eine geringe Rolle als Kriminalitätsursache zu. Erziehung und andere sozial prägende Faktoren fanden bei Fetschers Untersuchung keine Berücksichtigung. 1925 beantragte Fetscher beim sächsischen Justizministerium mit Erfolg die Fortführung und Erweiterung seiner Untersuchungen. Über alle sächsischen Strafgefangenen mit Strafen von mehr als drei Monaten, ausgenommen politische Straftäter, musste ein erbbiologischer Fragebogen ausgefüllt werden, der von der im Dresdner Landgerichtsgebäude ansässigen Kartei weiter bearbeitet wurde. Die Daten sollten als Grundlage für Gutachten in Strafverfahren dienen und in der Fürsorge verwertet werden.Jürgen Simon: Kriminalbiologie und Zwangssterilisation. Eugenischer Rassismus 1920 bis 1945. Waxmann, Münster 2001, S. 133–136, zit, S. 134. Der Historiker Jürgen Simon weist darauf hin, dass mit der Kartei