Franz Wilhelm Seidler (* 2. März 1933 in Wigstadtl, Tschechoslowakei) ist ein deutscher Historiker, emeritierter Hochschullehrer und Buchautor. In den 1970er Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, tritt er mit geschichtsrevisionistischen Positionen hervor und publiziert in rechtsextremen Verlagen.

Leben Herkunft und beruflicher Werdegang Seidler stammt aus Sudetenschlesien; sein Vater war Landwirt.Siehe Angaben zur Herkunft, seinen beruflichen Anfängen und Auszeichnungen in einer Laudatio des Gründers der geschichtsrevisionistischen Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI): Alfred Schickel: Laudatio auf Franz W. Seidler. Kulturpreis für Wissenschaft. In: Sudetenland. Europäische Kulturzeitschrift 2/2004, S. 193–196, hier: S. 194. Er wurde nach den Kaisern Franz Joseph I. und Wilhelm II. benannt. Seidler besuchte bis zur Vertreibung die Volksschule in Wigstadtl und die Gregor-Mendel-Oberschule in Neutitschein; nach 1945 ging er im bayerischen Memmingen zur Schule, wo er 1951 das Abitur an der Oberrealschule ablegte.

Danach studierte er von 1951 bis 1961 Germanistik, Anglistik und GeschichteSiehe Lebenslauf: Franz W. Seidler: Die Geschichte des Wortes Revolution. Ein Beitrag zur Revolutionsforschung. Göppingen 1955, o. S. an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie den Universitäten in Cambridge und Paris. Er hörte Vorlesungen unter anderem bei Wolfgang Clemen, Franz Schnabel und Johannes Spörl. 1956 wurde er beim Sprachforscher Otto BaslerFranz W. Seidler: Vorwort. In: Die Geschichte des Wortes Revolution. Ein Beitrag zur Revolutionsforschung. Göppingen 1955, S. 3–5, hier: S. 3. an der Philosophischen Fakultät der LMU München mit der 1953/54 angefertigten Dissertation Die Geschichte des Wortes Revolution. Ein Beitrag zur Revolutionsforschung zum Dr. phil. promoviert. Er wurde in der Folge Studienreferendar und Studienassessor in Baden-Württemberg. Zeitweilig wirkte er als Gymnasiallehrer in Stuttgart.

Von 1959 bis 1963 war er stellvertretender Direktor der Bundeswehrfachschule Köln, danach von 1963 bis 1967 Referent im Bundesministerium der Verteidigung, Abteilung Verwaltung und Recht, und schließlich von 1968 bis 1973 als Wissenschaftlicher Direktor Leiter der Wissenschaftlichen Gruppe an der Heeresoffizierschule III in München. 1972 absolvierte er das NATO Defense College in Rom. Von 1973 bis zu seiner Emeritierung 1998 war er im Rahmen des Fachhochschulstudiums mit „Erziehungs- und Gesellschaftlichen Anteilen“ (EGA) Professor für Neuere Geschichte, insbesondere Sozial- und Militärgeschichte, am Fachbereich Betriebswirtschaft der Hochschule der Bundeswehr München in Neubiberg.

Seidler befasste sich insbesondere mit Personalproblemen von Wehrmacht und Bundeswehr, dem militärischen Gefolge der Wehrmacht, völkerrechtlichen Problemen im Zweiten Weltkrieg (z. B. Partisanenkrieg und Kriegsverbrechen) sowie Abrüstungsfragen nach dem Zweiten Weltkrieg. So publizierte er als Professor einige Beiträge in militärischen Fachpublikationen und vereinzelt in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, inhaltlich unter anderem zur Organisation Todt und zum Thema Fahnenflucht.

Gesellschaftliche Aktivitäten Nach umstrittenen Veröffentlichungen Seidlers in der FAZ (Waren Deserteure Widerstandskämpfer?) nahm ihn 1996 der Politikwissenschaftler Georg Geismann, ehemals Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Bundeswehruniversität, in der Zeitschrift für Politikwissenschaft menschlich in Schutz: Ich „möchte […] in aller Deutlichkeit Partei ergreifen“ nicht nur für die Bundeswehruniversität, sondern „auch zugunsten Herrn Seidlers, zwar nicht als eines Autors, wohl aber als eines Staatsbürgers.“ Und weiter: „Manche von denen, die sich geräuschvoll über ihn empören, erwarten vom Verteidigungsminister disziplinarische Maßnahmen oder gar ein Lehrverbot. Mit dieser obrigkeitsstaatlichen Mentalität stehen sie dem Objekt ihrer Empörung sehr nahe, mögen sie auch ‚grün‘ oder ‚rot‘ drapiert daher kommen.“Georg Geismann: „Befehl ist Befehl“. Vom Umgang mit der NS-Vergangenheit. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft 6 (1996), S. 601–622, hier: S. 602. Inhaltlich aber kritisierte Geismann den Geschichtsprofessor und warnte in der FAZ: Wenn er seine Meinung auch auf die Lehre ausweitet, dann wäre das für die Bundeswehruniversität ein „Skandal“, da Seidler in seinen Publikationen die „Pflicht zum bedingungslosen Gehorsam“ vertrete.Georg Geismann: Unmaßgebliche Privatmeinung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. März 1996, Nr. 69, S. 8. 1996/97 war Seidler Mitbegründer des überparteilichen Zusammenschlusses „Stimme der Mehrheit“.

Eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Grünen im Deutschen Bundestag (1998) bezüglich der „Positionen eines Lehrenden an der Bundeswehrhochschule München und der Revisionismus“ wurde durch die Bundesregierung dahingehend beantwortet, dass im Zweifel auf die Freiheit der Wissenschaft verwiesen wird, einzelne Äußerungen keine „strafrechtliche Relevanz“ hätten und auf eine rechtsextreme Gesinnung des Professors anhand der vorliegenden Indizien nicht geschlossen werden könne.Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Annelie Buntenbach, Angelika Beer, Antje Hermenau, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 13/10585 – Positionen eines Lehrenden an der Bundeswehrhochschule München und der Revisionismus. Deutscher Bundestag, Drucksache 13/10802, 26. Mai 1998, S. 2–4.

Ehrungen 1978 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande „für [seine] Verdienste um das Bildungswesen der Bundeswehr und die Integration der Bundeswehr in die Gesellschaft“ verliehen.Siehe Angaben zur Herkunft, seinen beruflichen Anfängen und Auszeichnungen in einer Laudatio des Gründers der geschichtsrevisionistischen Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI): Alfred Schickel: Laudatio auf Franz W. Seidler. Kulturpreis für Wissenschaft. In: Sudetenland. Europäische Kulturzeitschrift 2/2004, S. 193–196, hier: S. 196.

Seidler erhielt die Dr.-Walter-Eckhardt-Ehrengabe für Zeitgeschichtsforschung (1998) der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt und ist Träger des Sudetendeutschen Kulturpreises für Wissenschaft (2004) der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

2008 erschien anlässlich seines 75. Geburtstags im Rechtsaußen-Verlag „Pour le Mérite“ eine von Alfred Schickel herausgegebene Verlags-Festschrift mit dem Titel Kein Dogma! Kein Verbot! Kein Tabu! Dem Historiker gehört die Geschichte. Parlament und Justiz mögen schweigen mit Beiträgen von rechten Autoren der verschiedenen Spielarten.

Spektrum fachlicher Beiträge Wiederholt wurde er durch die CDU/CSU-Bundestagsfraktion als Sachverständiger herangezogen. So wohnte Seidler auch 2002 einer Anhörung des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages zur Frage der Aufhebung der nationalsozialistischen Unrechtsurteile gegen Deserteure bei. Er wird zitiert mit: Fahnenflucht sei „zum großen Teil in Tateinheit begangen [worden] mit anderen Vergehen und Verbrechen, die vorher waren oder die nachher folgten“.Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, Rechtsausschuss, 6. Protokoll der 126. Sitzung, 24. April 2002, Öffentliche Anhörung zu dem Antrag "Aufhebung der nationalsozialistischen Unrechtsurteile gegen Deserteure", S. 23, siehe lsvd.de.

1998 steuerte er einen kritischen Beitrag die Wehrmachtsausstellung betreffend zum durch Heribert Prantl bei Hoffmann und Campe herausgegebenen Sammelband Wehrmachtsverbrechen eine deutsche Kontroverse bei. Zum Lebensborn erschien zur gleichen Zeit im Propyläen Verlag ein Aufsatz im von Uwe Backes, Eckhard Jesse und Rainer Zitelmann herausgegebenen Sammelband Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus.Volker Zastrow: Gegen Legenden und Tabus. Beiträge zur Historisierung des Nationalsozialismus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. November 1990, S. 10. 2005 erschien ein um den Autobahnbau erweiterter Beitrag zu Fritz Todt, herausgegeben von der Forschungsstelle für Straßen- und Verkehrswesen.Reiner Ruppmann: Rezension zu: Forschungsstelle für Straßen- und Verkehrswesen (Hrsg.): Die Autobahn. Von der Idee zur Wirklichkeit. Wien 2005, in: H-Soz-u-Kult, 13. Februar 2006.

Einerseits trat Seidler von Mitte der 1990er bis Anfang der 2000er Jahre als Gastautor in seriösen Zeitungen und Zeitschriften (Die Welt (1995), Frankfurter Allgemeine Zeitung (1995/96) und Focus (1997/2000)) in ErscheinungFranz W. Seidler: Wer Deserteure heroisiert, gefährdet die Wehrpflicht, in: Die Welt, 28. November 1995; ders.: Werkzeuge des Regimes oder fern vom Einfluß der Partei? Die Urteilspraxis der Wehrmachtgerichte im Zweiten Weltkrieg, in: FAZ, 14. März 1995, S. 10; ders.: Waren Deserteure Widerstandskämpfer?, in: FAZ, 5. März 1996, S. 12; ders.: Pauschale Verurteilung verunglimpft einzelne, in: Focus 10/1997, S. 82; ders.: Wehrmachtsausstellung notfalls zurückziehen, in: Focus, 6/2000, S. 68 und seine Leserbriefe wurden bis in die 2000er Jahre in der Süddeutschen Zeitung und der FAZ abgedruckt.Franz W. Seidler: Gott sei Dank kein Maulkorb, in: Süddeutsche Zeitung, 23. Dezember 2003, S. N1; ders.: Eiskalt den Völkermord geleugnet, in: Süddeutsche Zeitung, 3. Juni 2000, S. 13; ders.: Geschichtsanalyse macht Völker austauschbar, in: Süddeutsche Zeitung, 20. September 1999, S. 37; ders.: Ausländische Freiwillige in der Waffen-SS, in: Süddeutsche Zeitung, 20. September 1997, S. 18; ders.: Umfassende Rehabilitation für religiöse Kriegsdienstverweigerer, in: Süddeutsche Zeitung, 25. Januar 1996, S. 11; ders.: Weiße Fahnen als Zeichen der Ohnmacht, in: Süddeutsche Zeitung, 22. April 1995, S. 11; ders.: Die Begründungen unterschlagen, in: Süddeutsche Zeitung, 26. November 1994, S. 907 [sic!]; ders.: Sichere Unterkünfte für den Endkämpfer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Februar 2001, Nr. 48, S. 10; ders.: Kein Legendenbuch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Dezember 2003, Nr. 282, S. 40; ders.: Konservative Patrioten und Lafontaine. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. August 2005, Nr. 187, S. 6. Andererseits veröffentlichte er ab den 1990er Jahren Beiträge in der spätestens 2006 durch die Bundesregierung als rechtsextrem eingestuften Deutschen Militärzeitschrift und stand ihr und Zuerst!, ebenfalls aus dem Hause Dietmar Munier, als Interviewpartner zur Verfügung. Ebenso war er in dieser Zeit mehrfach Interviewpartner der National-Zeitung von Gerhard Frey oder im Gespräch mit dem Publizisten Michael Friedrich Vogt. Überdies publizierte er in den, durch die Deutsche Burschenschaft herausgegebenen, Burschenschaftlichen Blättern.

Ein Teil der Buchveröffentlichungen von Seidler erschien in rechtsextremen Verlagen wie dem Verlag Pour le MériteThomas Grumke, Bernd Wagner (Hrsg.): Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke. Vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft. Leske und Budrich, Opladen 2002, ISBN 3-8100-3399-5, S. 446. oder dem Verlag Bublies. Außerdem werden Publikationen von rechtsextremen Versandhändlern vertrieben (Buchdienst Kaden bzw. Deutscher Buchdienst, Nation und Wissen, Kopp Verlag). Wiewohl bereits 1977 ein Buch an einem solchen Ort (Vowinckel Verlag) publiziert wurde, findet er sich durchgängig erst seit seiner Pensionierung in den ausgehenden 1990er Jahren hier.

Er ist seit den 2000er Jahren regelmäßiger Gast bei rechten bis rechtsextremen Veranstaltungen u. a. der Gesellschaft für freie Publizistik, der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt und der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft sowie den Burschenschaften Danubia München und Germania Hamburg und der Akademischen Ferialverbindung Rugia Karlsbad. Etwa vor einem burschenschaftlichen Vortrag in Dresden (1998) wurde er ausdrücklich durch den Militärischen Abschirmdienst (MAD) über dortige rechtsextreme Umtriebe gewarnt, was Seidler allerdings bewusst ignorierte.Franz W. Seidler: Neue Form politischer Zensur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. April 1998, Nr. 77, S. 12.