mini|hochkant=1.5|Anger Höhe Bahnhofstraße mit Blick auf Anger 1 mini|Anger an einem Novemberabend

Der Anger ist ein ehemaliger Handelsplatz und die heutige Hauptgeschäftsstraße und Flaniermeile der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Der einstige Haupthandelsplatz für Waid, Wein, Wolle und Weizen ist heute Fußgängerzone, durch die die Erfurter Straßenbahn fährt. Der Anger wird von mondänen, großstädtischen Geschäftshäusern aus der Gründerzeit (Historismus, Jugendstil) dominiert. Der Name Anger weist auf eine einstige, langgestreckte Wiese oder Weide hin, in einer breiten, platzähnlichen Straße, deren Form bis heute erhalten blieb. Die Gesamtlänge des Angers beträgt etwa 600 Meter.

Lage Der Anger liegt 500 Meter nordwestlich des Hauptbahnhofs und ist mit diesem direkt über die Bahnhofstraße (Straßenbahn) verbunden. Der Anger befindet sich abseits der Touristenströme und bekannten Sehenswürdigkeiten (Domplatz, Fischmarkt, Krämerbrücke), obwohl er ebenfalls sehenswert ist. Er liegt in der südöstlichen Altstadt, wo er sich unweit der ersten, innerenen Stadtbefestigung (an Stelle des heutigen Juri-Gagarin-Rings) parallel zu ihr hinzieht. Das nordwestliche Ende des Angers liegt 300 Meter östlich der Krämerbrücke. Von da schwenkt er in einem weiten Bogen nach Westen, in Richtung Hirschgarten, mit der Thüringer Staatskanzlei.

Geschichte mini|Anger (Bildmitte) im Jahre 1650 mit St. Lorenz (27), Kaufmannskirche (31) und innerer Stadtbefestigung (Die Zahlen in Klammern sind bei Vergrößerung des Bildes sichtbar) mini|Anger mit Autos am 14. März 1970, fünf Tage vor dem Erfurter Treffen von Willi Stoph mit Willy Brandt mini|Anger als Fußgängerzone 1977

Die Bezeichnung Anger für den zentralen Platz Erfurts innerhalb der Stadtmauern befindet sich erstmals in einem Schriftstück aus dem Jahr 1196.

Vom 14. bis zum 17. Jahrhundert wurde auf dem östlichen Teil des Angers ausschließlich mit Färberwaid gehandelt, dem Erfurt seinen großen Reichtum jener Zeit verdankte. Damals nannte man den Ort auch „Weidt Anger“ bzw. „Waydanger“.

In der DDR-Zeit wurde der Anger Mitte der 1970er Jahre zur Fußgängerzone und zu einem Einkaufs-Boulevard umgestaltet, unter Beibehaltung der Straßenbahn, so wie das bis heute der Fall ist. 110 Fassaden wurden dabei restauriert oder neu gestaltet.

Der in Erfurt geborene Weimarer Künstler Horst Jährling (1922–2013) erhielt 1976 den Auftrag zur farblichen Gestaltung des Angers.

Der heutige Anger ist, im Gegensatz zu vielen ostdeutschen Altstadtquartieren, das Ergebnis eine konstanten Weiterentwicklung von der DDR-Zeit bis ins 21. Jahrhundert (siehe auch oberes Doppelbild).

Beschreibung Die Randbebauung des Angers ist nicht mehr einheitlich. Am nordöstlichen Ende befinden sich noch Häuser aus dem 17. Jahrhundert, wie beispielsweise der kurmainzische Pack- und Waagehof. Viele Häuser mussten in der Gründerzeit großen Geschäftshäusern Platz machen, wodurch sich der Anger zu einer Prachtstraße entwickelte. Seit den 1920er Jahren entstanden noch einzelne, weitere Gebäude, bis hin zur Zeit nach der Wende mit dem Angereck, mit moderner Glasfassade, welches die Buchhandlung Hugendubel beherbergt.

Neben den zahlreichen Geschäften finden sich heute auch mondäne Cafés und Restaurants am Anger, vorwiegend mit einheimischen Besuchern, abseits der Touristenlokale zwischen Domplatz und Krämerbrücke.

Die Hausnummern folgen der Hufeisennummerierung, beginnend im Uhrzeigersinn am nordöstlichen Ende des Angers (siehe: Anger 1) und somit dort auch wieder endend, mit der höchsten Hausnummer Anger 81, direkt gegenüber von Anger 1.

Bauwerke Nordöstliches Ende des Angers Anger 1

mini|Links (vor Hotel-Hochhaus): Anger 81, Geschäftshaus von 1928; Mitte: Anger 1; rechts: Karstadt Sports

Die Einkaufsgalerie Anger 1 wurde zwischen 1906 und 1908 unter Leitung der Architekten Albert und Ernst Giese als Kaufhaus Römischer Kaiser (KRK) am östlichen Ende des Angers errichtet. Die Finanzierung des Kaufhausbaus lag zu einem großen Teil bei der jüdischen Kaufmannsfamilie Tietz, die bis zu ihrer Enteignung in den 1930er Jahren zahlreiche Warenhäuser besaß.

Zuvor befanden sich an der Stelle des Kaufhauses ein gleichnamiges Hotel und zwei weitere Gebäude, die jedoch am 12. Dezember 1905 einer Brandkatastrophe zum Opfer fielen. Das Kaufhaus Römischer Kaiser bildete zusammen mit dem Kaufhaus Reibstein am Junkersand und dem Kaufhaus Germania in der Löberstraße eine neue Form des Einzelhandels, die durch ein großes Warenangebot und hallenartige Verkaufsflächen charakterisiert war. Im Jahr 1927 erfolgte der Anbau zweier Seitenflügel, wodurch die Verkaufsfläche verdoppelt wurde. Durch den aufkommenden Antisemitismus Anfang der 1930er musste zunächst eine Zweigniederlassung in der Johannesstraße und die betriebseigene Fortbildungsschule geschlossen werden. Ende 1937 wurden die Eigentümer durch die Nationalsozialisten enteignet. Während des Zweiten Weltkriegs wurden fast alle Stockwerke sukzessiv geschlossen, im April 1945 wurde die vierte Etage des Kaufhauses durch Artilleriebeschuss zerstört.

Ab 1. Oktober 1948 gelangte das Kaufhaus Römischer Kaiser auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) in Volkseigentum und erhielt wenig später den neuen Namen Konsum-Kaufhaus. Anfang der 1950er Jahre wurde das Kaufhaus in die zentrale Handelsorganisation (HO) eingegliedert und entwickelte sich unter der neuen Bezeichnung HO-Warenhaus zu einem der größten Einkaufszentren innerhalb der DDR. Ende der 1950er Jahre kam es zu umfangreichen Umbauarbeiten, bei denen unter anderem das Hauptportal und der alte Lichthof im Jugendstil entfernt wurden. Nach Vereinigung aller HO-Warenhäuser zur Vereinigung Volkseigener Warenhäuser im Jahr 1965 wurde das Kaufhaus in Centrum Warenhaus umbenannt.

Nach der Wende 1990 kam das Kaufhaus in den Besitz der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, die 1999 mit der Karstadt Warenhaus AG verschmolzen wurde. Zwischen 1999 und 2000 ließ die Karstadt Warenhaus AG einen modernen Anbau mit Parkhaus errichten und komplexe Rekonstruktionsarbeiten durchführen. Seither bietet die Einkaufsgalerie Anger 1 auf einer Fläche von ca. 23.000 Quadratmetern etwa 50 Fachgeschäften und einer Karstadt-Filiale Platz und zählt damit zu den größten Einkaufszentren im Freistaat Thüringen.

Kaufmannskirche

mini|Kaufmannskirche gegenüber von Anger 1 (rechts)

Die Kaufmannskirche (mercatorum instra) ist eine im gotischen Stil erbaute Kirche am östlichen Rand des Angers. Sie wurde 1248 erstmals urkundlich als Pfarrkirche erwähnt und als Kirche der Kaufleute als gotische Basilika und mit Osttürmen von 1291 bis 1368 erbaut. Die Kirche geht auf eine Gründung friesischer Kaufleute im 11. Jahrhundert zurück, als vermutlich die erste Kirche entstand.

Im Jahre 1521 wurde die Kaufmannskirche reformiert und erhielt dabei von 1598 bis 1625 eine nachreformatorische Innenausstattung, bei der die Kanzel, der Taufstein und der Altar umgebaut wurden. Martin Luther hielt dort am 22. Oktober 1522 eine Predigt.

Die Kaufmannskirche erhielt zwei verschiedene Hauben, der Nordturm bekam 1684 eine barocke Haube und der Südturm 1864 neue Obergeschosse. 1686 wurde der heutige Orgelprospekt fertiggestellt. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges war die Kaufmannskirche von 1636 bis 1650 eine schwedische Garnisonskirche.

Am 20. Juli 1944 wurde die Kaufmannskirche bei einem Luftangriff der 3. US Air Division schwer beschädigt, der Wiederaufbau erfolgte in den Jahren 1946 bis 1952. Vor der Kaufmannskirche steht ein Lutherdenkmal von Fritz Schaper aus dem Jahr 1883.

Ursulinenkloster

mini|Ursulinenkloster am Anger

Das Ursulinenkloster (Albarum Dominarum) ist ein im gotischen Stil erbautes Kloster am Südostende des Angers. Es wurde 1235 erstmals urkundlich als Weißfrauenkloster erwähnt. Das Kloster stand im 12. Jahrhundert unter dem besonderen Schutz von Friedrich I. Historiker schließen daraus, dass es bereits längere Zeit vor der ersten Erwähnung existierte.

Genutzt wurde das Ursulinenkloster bis 1667 durch die Magdalenerinnen und ging danach in den Besitz der Ursulinen über, die das Kloster gegenwärtig noch nutzen. Bei einem Brand 1689 wurden die Klosterkirche St. Ursula sowie das Kloster selbst schwer beschädigt, aber anschließend wieder aufgebaut.

Die später heiliggesprochene Landgräfin von Thüringen Elisabeth schrieb in diesem Kloster einen Brief an den Papst Gregor IX., in dem sie ihn um Rat bat, ob ihr Weg der Armut richtig sei. Friedrich Schiller besuchte das Kloster am 2. August 1787, um sich mit einer Schwester und einer Tante Henriette von Arnims zu treffen. Außerdem ist das Ursulinenkloster das einzige Kloster Erfurts, das bei der Säkularisation 1821 nicht aufgehoben wurde und bis heute besteht. Es ist seit dem 19. Jahrhundert ein Zentrum pädagogischer Ausbildung und wird heute von 20 Nonnen bewohnt.

Im Kloster befinden sich einige Kunstschätze, wie zum Beispiel das übergroße holzgeschnitzte Vesperschild von 1340, das Maria mit dem Leichnam Christi zeigt, sowie der Magdalenenteppich aus dem 15. Jahrhundert.

Hauptbereich des Angers St. Lorenz

mini|St. Lorenz beim Hauptpostamt im Jahre 1989

Die Kirche wurde in der Zeit vor 1140 als Klosterkirche errichtet und später dann auch als Pfarrkirche genutzt. Beim Stadtbrand im Jahre 1413 wurde die Kirche stark beschädigt und verlor ihr romanisches Gepräge. Der bis heute erhaltene 40 Meter hohe Turm ist ein Überrest aus der Zeit vor dem Brand.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgte ein großer Umbau und der Anbau des nördlichen Seitenschiffes sowie der südlichen Langhausfassade. Die Kirche wurde in den Jahren 1607 und 1858 restauriert und bekam 1888 eine neue Apsis sowie 1925 eine neue Sakristei. 1996 wurde die Kirche erneut umfangreich renoviert. Heute ist sie Pfarrkirche der römisch-katholische Gemeinde St. Laurentius.

Der Hochaltar der Kirche stammt aus dem Jahr 1448. Ebenfalls sehenswert ist eine Sandsteinskulptur Jesus als Schmerzensmann von 1440.

Haus zum Schwarzen Löwen Anger 11

mini|hochkant|Haus zum schwarzen Löwen

Das Haus zum Schwarzen Löwen ist ein dreigeschossiger Renaissancebau, der 1577 errichtet wurde. Das Gebäude besitzt im Inneren Stuckarbeiten aus dem 17. Jahrhundert. Genutzt wurde es als Biereigen- und Waidhändlerhaus und gehörte ab 1605 der Familie Worms. Deren Mitglieder wurden im 16. Jahrhundert viermal zum Obervierherren der Stadt gewählt.

1632 wohnte Maria Eleonora von Brandenburg, Königin von Schweden im Haus zum Schwarzen Löwen, als sie die Nachricht vom Tod Gustavs II. Adolf in der Schlacht bei Lützen erhielt. Gegenüber dem Haus zum Schwarzen Löwen befand sich die frühere Schwanapotheke. Diese war die Wirkungsstätte von Johann Bartholomäus Trommsdorff, er gilt als Begründer der modernen Pharmazie.

Ab 1885 befand sich im Gebäude die Keyser’sche Buchhandlung, deren Nachfolger bis 1992 existierte. Anschließend zogen ein Kiosk sowie ein Blumenladen ein. Seit dem 26. Januar 2007 ist eine Filiale der Restaurantkette Nordsee im Erdgeschoss untergebracht.

Angermuseum Anger 18

mini|Angermuseum

Das heutige Angermuseum wurde als kurmainzischer Pack- und Waagehof durch Wiener Bauleute erbaut. Der fränkisch beeinflusste Barockbau wurde von 1706 bis 1712 auf Veranlassung des Mainzer Statthalters Graf Philipp Wilhelm von Boineburg errichtet, um sicherzustellen, dass alle ein- und ausgeführten Waren in Erfurt verzollt wurden. Des Weiteren wurde das Gebäude als Bibliothek und Zeughaus für die Landwehr genutzt. Das Bauwerk ist durch Pilaster gegliedert und trägt reichen plastischen Schmuck. Im Giebeldreieck befindet sich das Standbild des Schutzpatrons der Stadt, St. Martin, sowie die vier Plastiken Justitia, Charitas, Prudentia und Vigilantia (Gerechtigkeit, Mildtätigkeit, Tugendhaftigkeit, Wachsamkeit) von Gottfried Gröninger. Im Erdgeschoss befindet sich noch die vorgesehene Halle für die Wagenabfertigung.