Schriftreform in Japan bezeichnet die Gesamtheit von Maßnahmen, die die Veränderung des Gebrauchs der japanischen Schrift zum Ziel haben. Bedeutend war die Reform von 1946, als die Kanji (Schriftzeichen der Han), die den chinesischen Langzeichen entsprachen, durch neue Zeichen, meist mit weniger Strichen, ersetzt wurden. Die „alten“ Kanji wurden danach als Kyūjitai (japanisch ; in Kyūjitai ; „alte Zeichenform“) oder Kyūkanji (; in Kyūjitai ; „alte Kanji“) bezeichnet. Die neu geschaffenen Zeichen werden seitdem als Shinjitai ( / ) bzw. Shinkanji () bezeichnet. Diese alten Zeichen sind heutzutage in Japan fast völlig außer Gebrauch, im Gegensatz zu den chinesischen Langzeichen, die in Taiwan, Hongkong und auch begrenzt in der Volksrepublik ChinaIn der Volksrepublik China waren die Langzeichen (chinesisch ) offiziell nie abgeschafft; d. h. diese Schriftzeichen sind nach wie vor im Schriftsystem integriert. Einzig die Beherrschung der Langzeichen ist in den amtlichen Schullehrplänen (in Festlandchina) nicht vorgeschrieben. noch in Gebrauch sind.
Hintergrund In der Zeit ab der 7. Jahrhundert wurde die japanische Sprache mithilfe chinesischer Zeichen erstmals verschriftlicht. Die Übertragung geschah zunächst mithilfe verschiedenster Methodik, bis sich ab dem 9. Jhd. mit den Kanji ein hybrides System aus phonetischen und semantischen Verknüpfungen zu den Schriftzeichen entwickelte. Die aus den Formen der Kanji parallel entstandenen Hiragana und Katakana hatten einen rein phonologischen Zugang zur Sprache. Wenngleich die Integration der verschiedenen Systeme einem noch längeren Sprachprozess unterlag, entstand ohne Standardisierung eine bedeutende literarische Tradition und ein auf Schrift angewiesenes Amtswesen.
Die Konfrontation Japans mit dem Westen im 19. Jahrhundert zeigte eine militärische und technologische Unterlegenheit Japans auf, deren Übertragung auf kulturelle und sprachliche Bereiche sich nachhaltig auf das nationale und kulturelle Selbstverständnis der Japaner auswirkte. Zu der Frage ob Schriftzeichen chinesischen Ursprungs und das hybride Schriftsystem angemessen für die Darstellung japanischer Sprache seien, kamen nun ausländische Wertungen und Vergleiche. Hegel etwa sah ideographische Schriftsysteme als primitiv an und behauptete, ihre Überwindung sei Voraussetzung für tiefgreifendes wissenschaftliches Denken. Andere Europäer betrachteten Japanisch als Fremdsprache mithilfe komparativer Methodik und ihnen geläufiger linguistischer Klassifikationen. Diese Studien suggerierten eine Vorbildfunktion westlicher Sprachen gegenüber dem Japanischen und rechtfertigten eine mögliche Annäherung an phonographische Schriftsysteme. Entsprechende Bemühungen zeigten sich 1866 erstmals auf staatlicher Ebene, als Staatsmanns Maejima Hisoka die Abschaffung der Kanji und somit aller ideographischer Elemente der japanischen Schrift forderte.
Sowohl der chinesische Ursprung der japanischen Schrift als auch die Rezeption der europäischer Einflüsse bewirkten in einer Zeit, in der sich nationales Selbstbewusstsein und Unabhängigkeitsstreben herausbildeten, eine Auffassung der grundsätzlichen Inkompatibilität zwischen japanischer Schrift, Sprache und Kultur. Diese Meinung wurde in dem für die japanische Sprachpolitik zentralen Begriff „Probleme unserer Sprache und Schrift“ () zusammengefasst. Vor diesem Hintergrund etablierte sch der der aufwertende Terminus für etwaige Reformen „Verbesserung unserer Sprache“ ().
Geschichte Frühe Reformen Die umfassende Modernisierung des japanischen Staats während ab der Meiji-Restauration umfasste auch Bildungsreformen, wodurch immer mehr Kinder Lesen und Schreiben lernten. Sprachvereinfachung im Sinne der Egalität und Inklusion waren Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, wodurch Standardisierung von Sprache und Schrift weiter in die Aufmerksamkeit der Politik rückte. 1900 fand mit der Reform der Silbenschriften dir erste hoheitliche Normung von Sprache in Japan statt. Diese Maßnahme musste aber wegen diverser Schwächen zurückgezogen werden und sprachpolitische Ausarbeitungen wurden fortan an eine dedizierte Sprachuntersuchungskommission. ausgelagert.
Technologische Fortschritte ermöglichten die weite Verbreitung von Druckmedien und trugen so wesentlich zur Alphabetisierung bei. Allerdings bestärkten die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von neuen Techniken wie Telegrafie und der Schreibmaschine für Reformbefürworter in ihrer Ansicht, dass umfassende Schriftreform notwendig sei. Die Einführung eines phonographischen Schriftsystems ohne Kanji stand weiterhin in Fokus. Neben einer Substitution der Kanji mit Hiragana (), entstand auch eine Bewegung, die die völlige Abschaffung japanischer Schrift zugunsten Transliteration mit dem lateinischen Alphabet () befürwortete. Eine gemäßigtere Forderung war die nach einer Begrenzung der verwendeten Kanji (). Ein Anhänger dieses Anliegens war Premierminister Hara Takashi, der 1918 ins Amt kam und zuvor Redakteur bei der Ōsaka Mainichi Shinbun war. Er sah eine Zeichenbegrenzung als Übergangslösung zu einer zukünftigen vollständigen Abschaffung. Zu diesem Zweck wurde 1921 ein Vorläufiger Sprachuntersuchungsrat. ins Leben gerufen, der vom prominenten Literaten Mori Ōgai geleitet wurde. Sowohl Hara als auch Mori starben nur wenige Monate später, doch der Sprachrat setzte seine Arbeit fort und legte 1923 eine Liste von 1962 Zeichen (Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen 1981 veröffentlichten Liste.) vor. Es war vorgesehen, dass nicht auf der Liste befindliche Kanji fortan mit Hiragana ausgeschrieben wurden. Die Etablierung der Liste scheiterte letztlich an den Folgen des Kantō-Erdbebens für die Verlagsindustrie und die geringe Reichweite der Richtlinie.
Im Zuge der imperialistischen Expansion Japans, äußerten sprachpolitische Interessengruppen erneut konkrete Reformvorschläge, um die japanische Sprache und Schrift in der „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“ zu fördern. Darunter waren Forderungen nach vereinheitlichter Rechtschreibung und phonologischer Angleichungen der Schrift. Während der Zeit des Faschismus fand der langjährige Trend in der Sprachpolitik hin zu Reform sein Ende, als Erhalt der Sprachkonventionen priorisiert wurde.
Reformen von 1946 Die Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg trug zu einer neuen Dringlichkeit von Modernisierung in der Wahrnehmung vieler Reformbefürworter bei. Demokratisierung galt nun als Rechtfertigung vieler Stellungnahmen pro Schriftreform. Dabei ging es um eine grundsätzliche sprachpolitischer Zäsur und Abgrenzung vom alten Japan, aber auch um die konkrete Förderung einer allgemeinen Alphabetisierung im Sinne individueller gesellschaftlicher Teilhabe und wirtschaftlicher Chancen. Diese Ziele entsprachen denen der US-amerikanischen Besatzungsbehörde unter dem Supreme Commander of the Allied Powers, deren Aufmerksamkeit schon früh auf die japanische Sprachpolitik fiel. Präferiert wurde eindeutig das Abschaffen aller Kanji und eine mögliche Romanisierung. Ein Motiv war dabei auch die erhoffte breitere Rezeption von alliierten Propagandaschriften. Die Anstrengungen sowohl japanischer als auch ausländischer Reformbefürworter fußten auf der Mutmaßung, die Komplexität des japanischen Schriftsystems sei ein Hindernis für die allgemeine Alphabetisierung. Die US-Behörde unternahm umfangreiche Studien, in denen die lateinische Umschrift für pädagogische Zwecke untersucht wurde. Zu einer radikalen Reform kraft höherer Entscheidungsgewalt, wie sie anfangs durch die US-Behörde angedacht war, kam es letztendendes nicht.
Unabhängig von Anforderungen der US-Behörde wurde 1946 ein neues Organ des Sprachrats, das vom Schriftsteller Yamamoto Yūzō geleitet wurde, mit der Erarbeitung neuer Regelungen für die Schrift beauftragt. Sechs Monate später wurden die Ergebnisse vorgestellt und von der Regierung ratifiziert.
Tōyō-Kanji
Rechtschreibung Bildungsminister Tanaka Kōtarō bezeichnete während der öffentlichen Vorstellung der Tōyō-Kanji-Liste die bis dahin uneinheitlichen Rechtschreibregeln im Zusammenhang mit Hiragana () als Kernproblem der gegenwärtigen japanischen Sprache. Die Frage nach der richtigen Schreibung von Wörtern mit Hiragana, die zuvor mit Kanji geschrieben worden waren, hatte im Zuge der zuvor herausgegebenen Kanji-Listen zu uneinheitlichen Schreibweisen geführt. Die neuen Richtlinien () legten die größtenteils bis heute verbindlichen Rechtschreibregeln, die sich weitestgehend an der japanischen Lautsprache orientieren, für Kana fest. Das betraf auch die Kodifizierung der Partikel wie sie heute gebraucht werden.
Literatur
Anmerkung
Einzelnachweise
Kategorie:Japanische Schrift Kategorie:Sprachpolitik Kategorie:Politik (Japan)