Behindertenfeindlichkeit bezeichnet die Ablehnung, Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen mit Behinderungen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen einer feindselig-aggressiven Haltung von einzelnen Menschen bzw. von Menschengruppen behinderten Menschen gegenüber und gesellschaftlichen Verhältnissen, die Menschen mit Behinderungen benachteiligen. Diese Wirkung ist nicht in jedem Fall beabsichtigt. Zu unterscheiden ist ferner zwischen einer Behindertenfeindlichkeit, die sich auf bereits geborene Menschen bezieht, und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft „präventiv“ abzubrechen, wenn das entstehende Kind mit großer Wahrscheinlichkeit behindert sein wird.
Formen der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung Es gibt verschiedene Erscheinungsformen der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung: kulturelle (z. B. in der Darstellung von Behinderung und Menschen mit Behinderung in den Medien), institutionelle (z. B. Barrieren in Gebäuden oder Verkehrsmitteln), zwischenmenschliche (z. B. Paternalismus, mitleidige Blicke, abfällige Bemerkungen, körperliche Gewalt) verinnerlichte (z. B. Bilder von „Höher- und Minderwertigkeit“) wirtschaftliche (z. B. bei Versicherungen gegen Lebensrisiken)
Einige Theoretiker bewerten diese Erscheinungsformen als typisch für Unterdrückungs-Verhältnisse.
Menschen, deren Denken von Behindertenfeindlichkeit geprägt ist, bewerten den gesellschaftlichen Körper-/ Geistes-/ Verhaltensnormen entsprechende Menschen als höher- und diejenigen, die diesen nicht entsprechen, als minderwertig. Auch das Denken von Menschen mit Behinderung kann von Behindertenfeindlichkeit geprägt sein und sich entsprechend auf deren Selbstbild oder deren Denken über andere Menschen mit (anderer) Behinderung auswirken.
Umgang mit der Diagnose „Behinderung“ durch werdende Eltern und die Gesellschaft Als eine Form der Behindertenfeindlichkeit wird von vielen der gesellschaftliche Druck empfunden, eine Schwangerschaft abzubrechen, wenn bei vorgeburtlichen Untersuchungen eine mögliche Behinderung festgestellt wird.Sibylle Volz: Diskriminierung von Menschen mit Behinderung im Kontext von Präimplantations- und Pränataldiagnostik. 2003. uibk.ac.at
Unterstellung von Gebrechlichkeit und erhöhter Morbidität Menschen mit einer „geistigen Behinderung“ wird oft unterstellt, sie seien gebrechlich und wegen ihrer Behinderung einem erhöhten Risiko ausgesetzt, früh zu sterben.
Es trifft zu, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung zwölf Jahre kürzer ist als die eines Angehörigen der Gesamtbevölkerung. Aber auch Menschen mit einer „geistigen Behinderung“ werden in der Regel erst in ihrer zweiten Lebenshälfte gebrechlich. Der Annahme, ein kognitiv beeinträchtigter Mensch müsse mit ähnlich rigorosen Methoden vor der Infektion mit einem Erreger von der Gefährlichkeit des SARS-CoV-2 geschützt werden wie Bewohner eines Alten- und Pflegeheimes, fehlt jedoch jede Grundlage. Während bei 75-Jährigen und Älteren das Risiko, an COVID-19 zu sterben, ca. 20 % beträgt, liegt die Sterberate bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung zwischen 18 und 74 Jahren bei 4,5 % (in der Gesamtbevölkerung bei 2,7 %).
Daher kritisiert die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen das Verfahren von Politikern in der COVID-19-Krise, nicht zwischen Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen einerseits und Betreuten in der Behindertenhilfe andererseits zu differenzieren. Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Juni 2020; abgerufen am 25. August 2020.
Geschichte der Verfolgung von Menschen auf Grund ihrer Behinderung Im nationalsozialistischen Deutschland wurde am 14. Juli 1933 ein Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von der Regierung erlassen. Bis zum Kriegsende kam es so zu 400.000 Zwangssterilisierungen und bis zu 200.000 Tötungen von Menschen, die als geistig und körperlich behindert diagnostiziert worden waren. 1941 wurde durch mündlichen Befehl Hitlers das „offizielle Ende der Euthanasie“ erklärt – ein Schritt, den er gehen musste, da der Druck der Öffentlichkeit, vor allem durch Eltern von behinderten Kindern, zu groß wurde. Ab Februar 1939 wurde ein Entwurf zu einem Gesetz zur Behandlung sogenannter „Gemeinschaftsfremder“ geplant.Zu den Entwürfen für ein Gemeinschaftsfremdengesetz vgl. Wolfgang Ayaß (Bearb.): „Gemeinschaftsfremde“. Quellen zur Verfolgung von „Asozialen“ 1933–1945. (PDF) bundesarchiv.de, 1998. Die Teilgruppe der „Versager“ wurde dabei laut Forster folgendermaßen definiert:
Gemeinschaftsfremd im Sinne dieses Gesetzes ist, wer […] nach seiner Persönlichkeit und Lebensführung, insbesondere infolge von außergewöhnlichen Mängeln des Verstandes oder des Charakters erkennen lässt, dass er nicht imstande ist, aus eigener Kraft den Mindestanforderungen der Volksgemeinschaft zu genügen (Versager) […].Rudolf Forster: Von der Ausgrenzung zur Gewalt. Rechtsextremismus und Behindertenfeindlichkeit – eine soziologisch-sonderpädagogische Annäherung. 2002, S. 37 f.
Die Polizei sollte „Gemeinschaftsfremde“ den Landesfürsorgeverbänden überweisen, jedoch auch in Polizeilagern unterbringen können. Bereits vor 1943 wurden im Rahmen der Aktion T4 als „behindert“ eingestufte Menschen getötet oder zwangssterilisiert. In Kraft trat der oben zitierte Gesetzesentwurf vor allem deshalb nicht, weil die zu verfolgenden Minderheiten nicht genügend über ihre nach Ansicht der führenden Nationalsozialisten „verderblichen Gene“, sondern zu sehr über ihre Erscheinung definiert wurden. Die „ableistische“ (s. u.) Ideologie, die dem Gesetzesentwurf zugrunde liegt, ist auch bei heutigen Rechtsextremisten zu finden.
Im Zusammenhang mit der modernen Biotechnologie wird in der Heilpädagogik von einer neuen Behindertenfeindlichkeit gesprochen (Georg Theunissen, 1989).
Ursachen behindertenfeindlicher Haltungen und behindernder Strukturen Als Ursache für Behindertenfeindlichkeit im Sinne einer feindseligen Einstellung von einzelnen Menschen oder Menschengruppen wird eine mögliche gesellschaftliche Reaktion auf einen abweichenden Körperbau und/oder abweichende körperliche oder geistige Möglichkeiten genannt. Diese erfolge vor dem Hintergrund der Vision eines „perfekten“ Körpers als Schlüssel für Wohlstand und Glück. Der Begriff wird von seinen Verwendern auch in Kombination mit Rassismus, Sexismus und Klassismus benutzt und in Zusammenhang gestellt.
Eine Form der Behindertenfeindlichkeit ist der Paternalismus von Menschen, die es aus ihrer eigenen Sicht „nur gut mit den behinderten Menschen“ meinen und sie deshalb beschützen und fürsorglich behandeln wollen. Diese auch unter professionellen Betreuern noch vorhandene Haltung führt allerdings oft zu einer Bevormundung der „Schützlinge“. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass nicht mehr der Schutz und die Versorgung behinderter Menschen im Zentrum der Überlegungen vieler Menschen stehen, sondern deren Autonomie und „Ermächtigung“. Behinderte Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ein unabhängiges Leben „so normal wie möglich“ zu führen. Aktuell wird dies gerade beim Recht auf Sexualität verhandelt.
Eine weitere Form von Behindertenfeindlichkeit stellt die Erzählung vom „Supercrip“ (Englisch für „Superkrüppel“) dar. Hiermit wird eine Einstellung gegenüber Behinderten bezeichnet, nach welcher diese für ihre Einschränkungen selbst verantwortlich seien, da sie diese durch eigene Anstrengungen überwinden könnten, wobei auf Ausnahmefälle besonders erfolgreicher Behinderter verwiesen wird.Andrea Schöne: Hört auf, Parasportler als inspirierende „Supercrips“ abzufeiern! Übermedien, 17. September 2024. Dies hat eine unrealistische Erwartungshaltung gegenüber Behinderten zur Folge. Die Einstellung steht in Zusammenhang mit der allgemeinen meritokratischen Erzählung, dass jedem Einzelnen der soziale Aufstieg gelingen könne, wenn er nur hart genug arbeitet.Michelle R. Nario-Redmond: Ableism: The Causes and Consequences of Disability Prejudice, Hoboken 2019.
Eine wichtige Rolle spielt auch die Sprache, die zwischen „Behinderten“ und „Nicht-Behinderten“ unterscheidet. Damit verbunden ist laut Ralf StoeckerRalf Stoecker: Ethik und Behinderung – Überlegungen zu Toleranz, Akzeptanz und Differenz. Sonntagsvorlesung, gehalten am 14. Mai 2006 im Rahmen der Reihe Potsdamer Köpfe. S. 6. die falsche Vorstellung, „dass behinderte Menschen Mängel aufweisen, unbehinderte [aber] nicht“. Tatsächlich seien Menschen „grundsätzlich Mängelwesen“.
Die Existenz behindernd wirkender Barrieren beruht hingegen nur selten auf offener Feindseligkeit behinderten Menschen gegenüber, sondern ist eher Ausdruck von Gleichgültigkeit oder Gedankenlosigkeit; oft verhindert auch das Denken in ökonomischen Kategorien (barrierefreie Lösungen sind oft relativ teuer) die Beseitigung von Barrieren. Dieser Sichtweise widerspricht die österreichische Organisation „BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben“: „Wir sollten uns keiner Täuschung hingeben, auch nicht benutzbare Busse sind Gewalt genauso wie ein Telefonsystem, welches von Gehörlosen nicht verwendet werden kann. Aber auch die Missachtung der Bürgerrechte Behinderter oder das nicht-ernst-Nehmen von uns, dem wir in unserem Alltag auf Schritt und Tritt begegnen.“bizeps.or.at
Stereotypisierung von Menschen mit Behinderung Menschen mit Behinderungen werden stereotypisch als abhängig, inkompetent und asexuell wahrgenommen. Gleichzeitig werden ihnen jedoch auch positive Eigenschaften wie Freundlichkeit und Warmherzigkeit zugeschrieben. Die Stereotypisierung von Menschen mit Behinderung ist ein gesellschaftliches Phänomen, das weitgehende Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hat. Die soziale Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung ist defizitorientiert und von negativen Vorstellungen geprägt. Obwohl Menschen mit Behinderung äußerst vielfältig sind und unterschiedlichste Formen von Behinderungen aufweisen, werden sie in einer Weise homogenisiert, die ihre Vielfalt nicht angemessen berücksichtigt. Die Stereotype können subtil oder offensichtlich sein. Der Fokus liegt dabei auf dem vermeintlichen Defizit und der eingeschränkten Leistungsfähigkeit.Frank Asbrock: Stereotype und Imaginationen. In: S. Hartwig (Hrsg.): Behinderung. J.B. Metzler, Stuttgart 2020; doi:10.1007/978-3-476-05738-9
Die mediale Darstellung von Menschen mit Behinderung trägt zur Stereotypisierung bei. Sie variiert von stereotypen, vorurteilsbeladenen Abbildungen bis zu Darstellungen, die den Fokus auf Emanzipation und Selbstbestimmung legen. In vielen Filmen und Berichterstattungen werden Menschen mit Behinderungen entweder als Opfer oder als Helden dargestellt, was ihre Realität nicht angemessen widerspiegelt. Um Behindertenfeindlichkeit entgegenzuwirken, ist es wichtig, nach authentischen Darstellungen zu streben, die die Vielfalt und Komplexität von Menschen mit Behinderungen zeigen.Cornelia Renggli: Behinderung und Medien. Stereotype – Betrachtungsweisen – Behinderung als Medium. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 2020, 26(4), S. 16–21; doi:10.5167/uzh-194679Sven Nickel: Gesellschaftliche Einstellungen zu Menschen mit Behinderung und deren Widerspiegelung in der Kinder- und Jugendliteratur. 1999; uibk.ac.at