mini|Harvey Milk im Jahr 1978 als Vertreter des Bürgermeisters George Moscone Harvey Bernard Milk (* 22. Mai 1930 in Woodmere, Nassau County, New York; † 27. November 1978 in San Francisco) war ein US-amerikanischer Politiker (Demokratische Partei) und Bürgerrechtler der Schwulen- und Lesbenbewegung. Er war der erste offen schwule Politiker der USA. Von Januar 1978 bis zu seinem gewaltsamen Tod im November desselben Jahres gehörte er dem Stadtrat von San Francisco (San Francisco Board of Supervisors) an.

Kindheit und Jugend Harvey Milk wurde am 22. Mai 1930 in Woodmere im Bundesstaat New York geboren. Er war nach seinem vier Jahre älteren Bruder Robert das zweite Kind von Bill und Minerva Milk, geborene Karns, aus Litauen eingewanderten frommen Juden. 1945 zog seine Familie nach Bay Shore um, wo Milk 1947 seinen High-School-Abschluss machte. Harvey Milk lebte zwar seine Homosexualität bereits als Jugendlicher aus, verschwieg sie aber gegenüber seiner Familie und seinem Umfeld.Randy Shilts: Harvey Milk – Ein Leben für die Community. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2009, S. 26.

Milk begann 1947 am staatlichen College in Albany ein Lehramtsstudium mit dem Hauptfach Mathematik und Geschichte als Nebenfach. Er schrieb für die College-Zeitung und galt als geselliger, umgänglicher Student. 1951 beendete er das Studium mit dem Abschluss.

Zeit vor der politischen Aktivität Nach dem Studium diente Milk knapp vier Jahre in der US-Marine als Navy-Taucher, wozu er sich bereits nach dem High-School-Abschluss verpflichtet hatte. Bis 1957 arbeitete er als Lehrer an der George-W.-Hewlett-High-School in Long Island. Er lernte Joe Campbell kennen, mit dem er eine langjährige Beziehung begann. Bald langweilte ihn seine Arbeit; sie zogen gemeinsam nach Dallas in Texas, wo sie sich jedoch nicht wohlfühlten. Sie kehrten nach New York zurück, und Milk fand dort Arbeit als Versicherungsstatistiker.

Nachdem sich das Paar nach sieben Jahren getrennt hatte, fühlte Milk sich in New York allein und gelangweilt. Daher dachte er darüber nach, nach Miami zu gehen, um dort eine lesbische Freundin zu heiraten. So hätte er seine sexuelle Orientierung vor Familie und Gesellschaft verbergen können, ohne dass „man sich gegenseitig im Leben im Wege war“. Er verwarf den Gedanken jedoch wieder und blieb in New York. 1962 lernte er Craig Rodwell kennen, einen Aktivisten der Mattachine Society, einer Organisation, die sich für die Rechte der Schwulen einsetzte. Als Rodwell Gewalt gegen die Polizei zur Durchsetzung der Rechte befürwortete, wurde die Beziehung beendet.

Im Alter von 33 Jahren verliebte sich Milk in John Galen McKinley. Er kündigte seine Stellung als Versicherungsstatistiker und fand eine Arbeit als Analytiker bei Bache & Company, einer Investmentfirma. McKinley hatte den Auftrag bekommen, die Regie für eine Aufführung des Musicals Hair in San Francisco zu übernehmen. Milk folgte ihm und fand eine Anstellung als Finanzanalytiker. Die Beziehung zu McKinley war durch dessen manisch-depressive Erkrankung schwierig und dauerte bis 1968. Nach der Trennung ging McKinley zurück nach New York, um an der Produktion von O’Horgans Rockoper Jesus Christ Superstar mitzuarbeiten. Milk sah dagegen seine Zukunft in San Francisco: „Ich wäre für mein Leben gerne Bürgermeister von San Francisco.“Randy Shilts: Harvey Milk – Ein Leben für die Community. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2009, S. 76.

Lebenssituation der Homosexuellen in den Vereinigten Staaten in den 1960er und 1970er Jahren

Bis in die späten 1970er Jahre waren homosexuelle Handlungen fast in allen Bundesstaaten der USA gesetzlich mit Strafe bedroht. (Siehe auch: Chronologie der Sodomiegesetze in den Vereinigten Staaten.) Da diese Strafgesetzgebung in der Kompetenz der Bundesstaaten liegt, lässt sich kein einheitliches Datum für die Legalisierung festlegen. Selbst Oralverkehr, auch unter gegengeschlechtlichen Partnern, war in vielen Staaten verboten und wurde als Sexualstraftat verfolgt. Die Gay-Bars waren einem hohen polizeilichen Verfolgungsdruck ausgesetzt; häufig fanden Polizeirazzien statt, bei denen die Gäste verhaftet und registriert wurden. Homosexuelle Handlungen auch im Privatbereich, in Mietwohnungen, konnten, sofern sie bekannt wurden, zur fristlosen Kündigung der Wohnung führen. Deshalb zogen viele Schwule anonymen Sex nachts in den Parks vor. Hier wiederum waren sie der Strafverfolgung wegen des Deliktes „Sex an öffentlichen Plätzen“ ausgesetzt. Allein 1970 wurden in San Francisco 2800 Männer deshalb verhaftet, nachdem die Beobachtung der Parks durch die örtliche Polizei intensiviert worden war.

Unter dem Druck der Diskriminierung und unter dem Einfluss der sexuellen Revolution in den 1960er Jahren wuchs der Organisierungsgrad der Schwulen. Vereinigungen, die sich für die Rechte der Schwulen und Lesben einsetzen, wie die Society for Individual Rights (SIR) und 1971 in San Francisco der Alice B. Toklas Memorial Democratic Club (kurz „Alice“), wurden gegründet und gewannen an politischem Einfluss. Kongressabgeordnete entdeckten die Schwulen als potenzielle Wählerschicht, zumal liberale Abgeordnete gezielt gefördert und gesponsert wurden, und nahmen an Tagungen der LGBT-Organisationen teil. Gleichzeitig drängten auch führende Aktivisten in die Öffentlichkeit und Politik und warben um Unterstützung. Es war notwendig, hierbei eine gewisse Zurückhaltung in der Formulierung der Absichten und Forderungen zu üben, um die potenziellen Unterstützer aus Politik und Gesellschaft nicht zu verschrecken. Dies provozierte jedoch wiederum Kritik aus den eigenen Reihen. Viele von ständiger Diskriminierung und Strafverfolgung betroffene schwule Einzelhändler und Gay-Bar-Betreiber in San Francisco waren unzufrieden mit dem – wie sie empfanden – zögerlichen Vorgehen ihrer Vertreter und forderten offensivere Maßnahmen zur Durchsetzung ihrer Rechte.

Politisches Wirken mini|hochkant|Harvey’s Bar im Castro-Viertel, benannt nach Harvey Milk, Fußgängerübergang mit Rainbow Flag Colours

1970 brach Milk mit seinem bürgerlichen Leben. Einer der Gründe war die Invasion der USA in Kambodscha, die heftige Proteste und Demonstrationen unter meist jüngeren Amerikanern auslöste. Die Demonstranten beschuldigten die amerikanischen Großkonzerne, den Konflikt zu nähren, weil er ihnen geschäftliche Vorteile brächte, viele verbrannten aus Protest ihre Kreditkarten der Bank of America. Am Nachmittag dieser Demonstration wurde Milk entlassen, da er sich weigerte, seine Haare kurz zu schneiden. Milk ging nach New York zurück und arbeitete als Produktionsassistent bei Tom O’Horgan. Rosa von Praunheims dokumentarischer Kurzfilm Homosexuelle in New York zeigt Milk als Demonstrant auf dem Christopher Street Day 1971 in New York. Nachdem das Stück Inner City wenig erfolgreich war, ging Milk 1972 mit seinem neuen Lebenspartner Joseph Scott Smith, den er an der U-Bahn-Station Christopher Street kennengelernt hatte, zurück nach San Francisco. Nachdem Milk und Smith ein Jahr von der Arbeitslosenunterstützung gelebt hatten, eröffneten sie am 3. März 1973 in der Castro Street ein Fotogeschäft.

Erste Kandidatur Milk entwickelte sich Anfang der 1970er Jahre vom kaum an Tagespolitik interessierten Hippie zum politisch denkenden Menschen. Er sah in seiner Kandidatur als Schwuler das beste Mittel, die Schwulenbewegung vorwärts zu bringen. Die Untersuchungen zur Watergate-Affäre waren für Milk der letzte Anstoß, sich politisch zu engagieren. Besonders die Auftritte des ehemaligen Justizministers John Mitchell vor dem Untersuchungsausschuss machten Milk sehr wütend.Randy Shilts: Harvey Milk – Ein Leben für die Community. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2009, S. 123. Er erkannte, dass er, wie er später sagte, „sich nun engagieren oder für immer das Maul halten sollte“. Er beschloss, sich um einen Sitz im Stadtrat zu bewerben, und bat den „Alice B. Toklas Memorial Democratic Club“ um Unterstützung. Dessen Vorsitzender, Jim Foster, machte ihm aber unmissverständlich und, wie Milk später berichtete, in äußerst herablassendem Ton klar, dass man nicht die Absicht habe, einen Kandidaten zu unterstützen, der sich nicht zuvor seine Verdienste in der Tagespolitik erworben hatte.Randy Shilts: Harvey Milk – Ein Leben für die Community. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2009, S. 129.

Milk hatte jedoch Unterstützung in der schwulen Community seines Stadtbezirks, die unzufrieden mit ihren Vertretern war. Zusätzlich besaß Milk die Fähigkeit, eine breite Basis unterschiedlicher Interessengruppen hinter sich zu bringen. Während des Wahlkampfs unterstützte er den Streik der Bierfahrer, indem er dafür sorgte, dass Barbesitzer das Bier der bestreikten Brauereien boykottierten. Milk hatte mit dem Vertreter der Transportarbeitergewerkschaft Alan Baird als Gegenleistung für die Unterstützung vereinbart, dass Schwule mehr Jobs als Bierfahrer bekommen sollten. Er wurde auf den 10. Platz von 32 angetretenen Kandidaten gewählt, erhielt in seinem Bezirk die meisten Stimmen von allen Kandidaten und dennoch keinen Sitz im Stadtrat. Er ließ sich von seiner Niederlage nicht entmutigen und blieb politisch aktiv. Er erkannte, dass er einen Sitz im Stadtrat nur dann würde erhalten können, wenn er auch die konservativeren Wähler in den anderen Bezirken gewinnen könnte. So schnitt er sich zwei Wochen nach der Wahl das Haar kurz, versicherte, nie mehr Marihuana zu rauchen, für dessen Legalisierung er sich zuvor noch eingesetzt hatte, und in keine Schwulensauna mehr zu gehen.Randy Shilts: Harvey Milk – Ein Leben für die Community. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2009, S. 136.

1974 erweiterte Milk sein politisches Motto „Schwule wählen schwul“ um das Motto „Schwule kaufen schwul“. Er gründete – auch als Reaktion auf die ablehnende Haltung der alteingesessenen Einzelhandelsvereinigung, die zuvor einigen schwulen Einzelhändlern eine Lizenz zur Eröffnung von Geschäften verweigert hatte – eine eigene Interessenvertretung schwuler Einzelhändler. Darüber hinaus organisierte er ein Straßenfest, die heute noch gefeierte „Castro Street Fair“, mit dem er potenzielle Kunden für den Einzelhandel in seinem Bezirk gewann. So begann er, sich allmählich auch die Unterstützung der nicht schwulen Einzelhändler zu sichern, da dies auch für deren Geschäft vorteilhaft war. Nach der Eskalation einer Konfrontation zwischen Polizei und Schwulen am 1. Mai 1974 brachte Milk dieses Thema in die Öffentlichkeit. Er nannte die Opfer dieser Polizeiattacke die „14 von der Castro“ und schrieb in einer Kolumne: „Ich bezahle der Polizei Steuern, damit sie mich beschützt, nicht, damit sie mich verfolgt.“Randy Shilts: Harvey Milk – Ein Leben für die Community. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2009, S. 155.

Zweite Kandidatur Bei seiner zweiten Kandidatur zum Stadtrat im Jahr 1975 konnte Milk zwar nicht die offizielle Unterstützung des gewerkschaftlichen Spitzenverbands gewinnen, dafür aber die Unterstützung von ordentlichen Gewerkschaften. So unterstützten ihn die Hoch- und Tiefbaufacharbeitergewerkschaft, die Ortsgruppe der Bierfahrer und die Gewerkschaft der Feuerwehr. Milk genoss die besondere Symbolik dieser Unterstützung, die darin lag, dass diese drei Gewerkschaften auch als „Macho-Gewerkschaften“ bezeichnet wurden.

Keine Unterstützung bekam Milk erneut von den liberalen und marxistisch orientierten Schwulen. Deren Aktivisten äußerten Bedenken, dass der querköpfige Außenseiter Milk für ein schlechtes Image der Schwulen sorgen würde. Die radikalen Schwulen der Linken legten dagegen mehr Wert auf die Verwirklichung ihrer marxistischen Ziele, die sie als elementare Voraussetzung zur Durchsetzung der Rechte der Schwulen sahen, während Milk die Durchsetzung dieser Interessen nicht in einem ideologischen Zusammenhang betrachtete. Milk sah in den Standpunkten der liberalen und der marxistischen schwulen Gruppen lediglich den traditionellen Homosexuellendefätismus.