Jazzmusiker in Deutschland spielen häufig nicht nur Jazz, aber der Jazz stellt für ihr Wirken eine wichtige Grundlage dar. Jazzmusiker spielen im gesellschaftlichen Kulturleben Deutschlands nur eine marginale, untergeordnete Rolle. Anerkennung finden sie heute eher als Lehrer für Nachwuchsmusiker als auf der Bühne. Während hier die berufliche Situation von Jazzmusikern in Deutschland behandelt wird, wird die geschichtliche Entwicklung im Hauptartikel Jazz in Deutschland behandelt.
mini|Sebastian Gramss
Weimarer Republik Bereits in den zwanziger Jahren spielten neben Jazzgruppen aus den USA und England die Bands von Eric Borchard oder Julian Fuhs wie Stefan Weintraubs Syncopators Jazz. Zu den Syncopators gehörten ebenso Franz Waxman, der später in Hollywood Karriere machen sollte, wie Friedrich Hollaender, der in der Gruppe als Pianist fungierte. „Die wenigsten Musiker …, die in den 1920er Jahren den Jazz für sich entdeckten, taten dies gezielt. Jazzmusiker war keine Karriereoptionen für einen Musikstudenten jener Zeit.“ Für damalige Tanzmusiker gehörten allerdings Jazztänze und „jazzigere Gigs“ ebenso „zum Handwerkszeug … wie man Walzer oder Tango spielen können musste.“W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 34f.
Bereits 1925 erschien mit Alfred Baresels Jazz-Buch der erste Ratgeber für Tanzmusiker als „Anleitung zum Spielen, Improvisieren und Komponieren moderner Tanzstücke“ im Jazz-Idiom und erreichte innerhalb Jahresfrist vier Auflagen. Ende der 1920er lassen sich erstmals in einem größeren Umfang Musiker in Deutschland feststellen, die jazzig spielen können, auch wenn zunächst die meisten Musiker in den Bands noch ungeübt in der Improvisation waren und nur wenige gute „Hot-Solisten“ zur Verfügung standen. Erst ab Beginn der 1930er Jahre stieg „das Niveau auch der solistischen Parts in den Aufnnahmen“. Es begann – auch in Deutschland – die Zeit swingender Tanzorchester.W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 53. Zunächst spielte sich das Meiste in der Metropole Berlin ab. Doch auch in anderen Großstädten wie Hamburg, München, Köln, Leipzig, Frankfurt oder Essen, aber selbst in Baden-Baden waren Hot-Jazz-Tänze und Swing in Tanzcafés oder in Varietés zu hören.Vgl. W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 35, 44ff., 57f. Für junge, jazzbegeisterte Musiker wie Willy Berking oder Freddie Brocksieper ergab sich daraus die Möglichkeit, in den Tanzorchestern auch Jazzimprovisationen zu spielen.
1928 startete Bernhard Sekles die Initiative, eine Jazzklasse am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main einzurichten, weltweit die erste an einer Musikhochschule oder Universität. Nicht nur der Frankfurter Tonkünstlerbund wandte sich gegen diese Initiative, sondern sie beschäftigte auch die Öffentlichkeit und den Preußischen Landtag. 1928/29 studierten bereits 19 Studenten das neue Fach. Der an der benachbarten Frankfurter Universität lehrende Theodor W. Adorno rechtfertigte die Ausbildung der jungen Musiker, da diese zum Teil gezwungen seien, sich mit Unterhaltungsmusik den Lebensunterhalt zu verdienen, dabei sei Ab 1930 gab zudem das Berliner Musikhaus Alberti das Musik-Echo: Zeitschrift für Melodie und Rhythmus heraus, das sich vor allem an Musiker, Arrangeure und Bandleader richtete und nützliche Hinweise für die Instrumentierung und Orchestrierung, aber auch zur Improvisation gab.W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 68.
1933–1945 Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wird der Jazz zur sogenannten entarteten Musik erklärt. Jüdische Musiker, beispielsweise Rudi Anhang, aber auch Musiker mit jüdischen Wurzeln wie Hans Berry mit einem jüdischen Großvater wurden diskriminiert und verfolgtZahlreiche sog. „Viertel- und Halbjuden“ wie etwa Eugen Henkel wurden wenigstens zeitweise mit einem Auftrittsverbot belegt. Vgl. Michael H. Kater Gewagtes Spiel. Jazz im Nationalsozialismus Köln, Kiepenheuer & Witsch 1995, S. 89, sowie 213 Die Weintraubs Syncopators konnten nur noch im Ausland auftreten. Die Jazzklasse des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt am Main wurde aufgelöst.Kater Gewagtes Spiel. S. 90. Ab 1935 waren Jazz-Sendungen im deutschen Rundfunk untersagt. Die durch die Ächtung der sogenannten „entarteten Nigger-Musik“ entstandene Lücke in der populären Musik wussten etliche Bands insbesondere in den Großstädten Berlin und Hamburg gewitzt zu nutzen, indem sie wie etwa Teddy Stauffer die Stücke mit deutschen Titeln versahen und so der Aufsicht durch Polizei bzw. SA zu entgehen suchten. „Der Blick der Kontrolleure richtete sich neben dem »Wer« vor allem auf das »Was« und auf das »Wie, also auf das Repertoire und auf das Auftreten der Band.«“W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 89.
Neben zahlreichen Tanzmusikprofis gab es bereits einige Musiker, insbesondere in Berlin, „die sich in Qualität und swing auf der Höhe ihrer amerikanischen Kollegen befanden.“W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 108. Trotz eines Spagats, der darin bestand, „Jazz à la Swing zu spielen und doch die Reichsmusikkammer nicht zu sehr herauszufordern“,W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 107. gelang es somit den Orchestern, denen sie angehörten, auf der Höhe der Zeit zu sein: Technisch stimmte vieles, auch wenn in den Großformationen Timing und Dynamik noch verbesserungswürdig waren. Eine dieser Formationen war etwa die von Erhard Bauschke (der 1935 das Ensemble von James Kok übernahm, nachdem dieser aus rassistischen Gründen Berufsverbot erhielt). Insbesondere am späten Abend, wenn es kaum noch zu Kontrollen der Reichsmusikkammer kam, war es in Lokalen wie dem Moka Efti möglich, Jazztitel authentisch darzubieten.W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 103ff. Anders als in den Bigbands zeigte sich in den Aufnahmen kleinerer Gruppen „deutlich, was die beteiligten Musiker im Ohr hatten, was sie eigentlich gern spielen wollten, wer ihre Vorbilder waren und das sie sich deren Stilistik sehr wohl bewusst waren.“ (S. 108) Spätestens nach Beginn des Zweiten Weltkriegs forderte das NS-Regime noch schärfer das Einhalten kultureller Sittenregeln; Tanzveranstaltungen wurden verboten. Werke, die dem „nationalen Empfinden“ widersprachen, durften nicht mehr aufgeführt werden. Im November 1941 wurde sogar untersagt, Stücke „feindlicher Komponisten“ zu spielen.W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 90.
Nur in wenigen Bands wurden noch reine Jazzprogramme gespielt, insbesondere in der Goldenen Sieben und im Orchester von Kurt Widmann; auch in der Truppenbetreuung war es etwa der Band von Heinz Wehner möglich, wenigstens teilweise ein entsprechendes Repertoire zu pflegen. Damit wurden die Arbeitsmöglichkeiten für Musiker, die zunächst Jazz spielen wollten, immer geringer. Sie waren, sofern sie nicht selbst zum Kriegsdienst einberufen wurden, einerseits von den neuesten internationalen Entwicklungen abgeschnitten und andererseits mussten sie jederzeit Zensur und Gestapo fürchten. In Einzelfällen wurden sie selbst zu Propagandazwecken (Charlie and His Orchestra) missbraucht. Nur wenige Musiker wie etwa Ernst Höllerhagen gingen damals aus politischen Gründen bewusst ins Ausland. Jugendliche Spieler wurden ebenso wie Fans als sog. Swingjugend in den Untergrund abgedrängt, wie es beispielhaft die Erfahrungen von Emil Mangelsdorff verdeutlichen.
Westzonen und alte Bundesrepublik 1945–1960 mini|Jutta Hipp
Nach der Befreiung von der NS-Diktatur bringen die westlichen „Besatzungsmächte“, insbesondere die US-Amerikaner Swing und Rhythmn & Blues mit nach Deutschland. Der Frankfurter Hot-Club um Carlo Bohländer, Horst Lippmann und Emil Mangelsdorff gehörte genauso wie etwa der blinde Pianist und Sänger Wolfgang Sauer aus Wuppertal oder Kurt Widmann in Berlin zu den Jazzern der "Stunde Null". Ihnen und weiteren Jazzmusikern boten sich ab 1945 in Deutschland zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten in den Clubs der US- und der britischen Armee. Auch das deutsche Publikum zeigte sich teilweise wieder an Jazzmusik interessiert. Besonders in der amerikanischen Besatzungszone (mit Frankfurt am Main und München als Zentren) war es nun für einen Teil der Musiker möglich, ausschließlich von Jazz zu leben. Bei einigen Radiosendern waren zudem Bigbands unter Vertrag (beispielsweise die von Kurt Edelhagen in Baden-Baden bzw. Köln oder die von Erwin Lehn in Stuttgart). Allerdings konnte hier in der Regel keineswegs nur Jazz gespielt werden, sondern die Bands hatten die Funktion von Tanz- und Unterhaltungsorchestern und spielten daher auch Schlager und ähnliches. Seit den späten 1950ern entschloss sich – vorrangig aus ökonomischen Gründen – ein Teil der in solchen Bands beschäftigten Jazzmusiker, wie etwa der als Jazzbassist mehrfach ausgezeichnete Hans bzw. James Last, ausschließlich Easy-Listening-Musik zu spielen oder sie wechselten wie der Posaunist Ernst Mosch sogar ins sog. Volksmusiklager. Andere wie zum Beispiel Johannes Rediske verlegten sich auf die Arbeit als Filmmusiker.
Bereits zu dieser Zeit begann eine Internationalisierung der (westdeutschen) Szene. Deutsche und Amerikaner kamen regelmäßig zu Jamsessions zusammen; hierbei hatten Jazzkeller (wie das domicile du jazz von Carlo Bohländer in Frankfurt oder das von Fritz Rau in Heidelberg gegründete Cave 54) eine wichtige Funktion. Allerdings entstanden in dieser Zeit kaum dauerhafte Gruppen, in denen Amerikaner und Deutsche zusammen spielten. Es kam aber zu einem musikalischen Transfer, wobei die meisten Musiker damals das Spiel der US-Amerikaner als vorbildlich ansahen und z. T. nachahmten. Der in Ungarn geborene Attila Zoller und der Österreicher Hans Koller haben damals prägende, erfolgreiche Jahre in Deutschland, insbesondere in Frankfurt, erlebt. Auch der in Bosnien geborene Dusko Goykovich hat sich nach „Gesellenjahren“ in den USA dauerhaft in Deutschland niedergelassen.
1960–1990 Seit den 1960ern fanden ausländische Musiker wie Herb Geller, Don Menza, Leo Wright, Wilton Gaynair, Jimmy Woode, Peter Herbolzheimer oder Ack van Rooyen langfristig in der Bundesrepublik Arbeit, vor allem in den sich zu Bigbands entwickelnden Tanzorchestern der Rundfunkanstalten. Zu dieser Zeit begannen die Europäer auch selbstbewusster zu werden und aufbauend auf einer Rückbesinnung auf die eigene musikalische Kultur eigenständiger zu spielen. Hier ist aus der alten Bundesrepublik zuallererst das zunächst noch dem Hardbop verpflichtete Albert-Mangelsdorff-Quintett zu nennen. Um Gunter Hampel, Manfred Schoof und Alexander von Schlippenbach entstanden erstmals Gruppen mit Musikern, die als Voraussetzung eine Hochschulausbildung in Musik hatten und sich z. T. auch in serieller Kompositionstechnik auskannten. Das war eine der Voraussetzungen für einen eigenständigen, (west)europäischen Zugang zum Free Jazz.Vgl. W. Knauer, »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Reclam, Stuttgart 2019, S. 263–274.