mini|240px|Signatur von Ziesel Kurt Ziesel (* 25. Februar 1911 in Innsbruck, Tirol; † 10. Mai 2001 in Prien am Chiemsee) war ein österreichischer Journalist. Der rechtsgerichtete Publizist war Mitbegründer der Deutschland-Stiftung sowie der rechtsextremen Gesellschaft für freie Publizistik.
Leben und Wirken Leben bis 1945 Kurt Ziesel wurde als Sohn des k.u.k. Beamten Eduard Ziesel und dessen Frau Amalie, geb. Himmler, in Innsbruck geboren. Nach dem achtjährigen Besuch des Realgymnasiums und dem Abitur 1930 in Innsbruck studierte er als Werkstudent an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. Ab 1929 war Ziesel als NS-Agitator aktiv, 1930 trat er in den NS-Studentenbund und zum 1. Dezember 1931 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 685.644).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/50381125. Gleichzeitig arbeitete er für die nationalsozialistische Deutschösterreichische Tages-Zeitung, nach deren Verbot er 1933 nach Deutschland emigrierte.Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 356 ff. Ziesel bekannte nach dem Krieg offen, dass er „begeisterter Nationalsozialist“Kurt Ziesel: Das verlorene Gewissen. München 1958, S. 18. gewesen sei.
Dort war er zunächst Volontär beim Völkischen Beobachter, wo er wegen „Unzuverlässigkeit und verschiedener Unregelmäßigkeiten“auch für das Folgende: Akten Ziesel im ehem. Berlin Document Center, zit. n. Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 354f.; siehe auch Frankfurter Rundschau. 9. Februar 1984. fristlos entlassen wurde, dann Redakteur bei der Königsberger Preußischen Zeitung. Diese Anstellung verlor er wegen Verbindungen mit einer jungen Frau jüdischer Herkunft und schriftlicher Weitergabe von „Greuelnachrichten“. Deswegen wurde er im April 1934 für mehrere Wochen in Untersuchungshaft genommen und vorübergehend aus der NSDAP ausgeschlossen.Claudia Wagner: Die Zentralkommission zur Bekämpfung der NS-Literatur. Literaturreinigung auf Österreichisch. Diplomarbeit Universität Wien 2005, S. 78 f. Ziesel rechtfertigte seine Kontakte zu der jüdischen Familie mit der wenig glaubhaften Einlassung, er habe als Österreicher nicht gewusst, dass „Cohen“ ein jüdischer Name sei.Stefan Busch: „Und gestern, da hörte uns Deutschland“. NS-Autoren in der Bundesrepublik. Würzburg 1998, S. 214 Anm. 20. Das NS-Gaugericht wertete seine schriftlichen Äußerungen als Ausdruck „jugendlicher Wichtigtuerei“. Das Oberste Parteigericht der NSDAP hob deshalb nach mehreren Bittbriefen Ziesels den Parteiausschluss auf und wandelte ihn in einen „Verweis“ um.Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 354 f. Ziesels Nachkriegsbehauptung, er habe in diesem Zusammenhang ein fast zweijähriges Berufsverbot erhalten,Kurt Ziesel: Das verlorene Gewissen. München 1958, S. 25 f. ist nachweislich frei erfunden.
Ab September 1935 war Ziesel Schriftleiter beim NSDAP-Blatt Westfälische Landeszeitung – Rote Erde in Dortmund, das er ebenfalls bald wegen Unstimmigkeiten verlassen musste. Daneben arbeitete er in dieser Zeit als freier Mitarbeiter für den Völkischen Beobachter, die NSZ-Rheinfront, den Stuttgarter NS-Kurier und andere Blätter. 1936 bis 1939 war er Herausgeber und Chefredakteur des Pressebüros Hanseaten-Dienst in Hamburg und schrieb das Buch „Stimmen der Ostmark“ (Hamburg 1938). Nach dem „Anschluss“ Österreichs ging er nach Wien zurück. Dort wurde er 1939 Schriftleiter des Neuen Wiener Tagblatts und arbeitete als Wiener Korrespondent für die NSDAP-Gauzeitung Westdeutscher Beobachter in Köln und das Hakenkreuzbanner.
1940 wurde Ziesel zu einer Panzereinheit eingezogen, war aber ab 1941 im Rang eines Sonderführers Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie und bei der „Berichterstaffel“ des Oberkommandos des Heeres. Daneben betätigte er sich als Dichter und Herausgeber. Viele seiner Bücher erreichten sechsstellige Auflagenzahlen. Besonders erfolgreich war seine Anthologie Krieg und Dichtung. Soldaten werden Dichter – Dichter werden Soldaten (Wien/Leipzig 1940).
Politische Haltung bis 1945 „Ich möchte hier mit Nachdruck feststellen, daß niemals irgendwer im Dritten Reich gezwungen werden konnte oder gezwungen wurde, irgend etwas zu schreiben oder öffentlich zu verkünden, was nicht seine Meinung war.“ (Kurt Ziesel 1958)Das verlorene Gewissen. 2. Auflage. München 1958, S. 34.
Ziesel war überzeugter Nationalsozialist. Schon in seiner Studentenzeit führte er nach eigenen Angaben „Krieg“ gegen die „Wiener Judenpresse“.Alle Zitate dieses Abschnitts (mit Belegen) in: Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 356–360; siehe dort auch Ziesels Brief v. 27. Oktober 1934: „Ich bin Nationalsozialist und ich bin Parteigenosse kraft der Leistung und des Kampfes und der Taten, die ich … getan habe“. Bamberg, S. 355. In seinen späteren Veröffentlichungen wetterte er gegen „Juden und Judenknechte“ und „volkszersetzende Schädlinge“ wie die Schriftsteller Franz Werfel, Max Brod und Manfred Hausmann. Über die Attentäter des 20. Juli 1944 schrieb er am 3. September 1944 im Wiener Völkischen Beobachter: „An welchem Abgrund menschlicher Verworfenheit oder geistiger Umnachtung müssen jene Ehrgeizlinge gestanden haben, als sie, wider den Geist des ganzen Volkes sündigend, die Hand gegen den Führer erhoben …. Jeder, der sich wider den Geist des Krieges versündigt, muß vernichtet werden“.
Ziesel selbst träumte von einer Zukunft als „Ostkolonialist“. Aus Minsk schrieb er 1943 dem Staatssekretär im Propagandaministerium Kinkel von seiner „Sehnsucht … hier als Gutsherr dem Lande zu gebieten“. Ebenfalls 1943 veranlasste er die Verhaftung seiner Köchin durch die Geheime Staatspolizei wegen „staatsfeindlicher Aktivitäten“. Die 1976 in diesem Zusammenhang von der SPD verwendete Bezeichnung Ziesels als „ehemaliger Gestapo-Denunziant“ wurde auf dessen Antrag hin vom Landgericht München per einstweiliger Verfügung untersagt.
Ziesel wurde sowohl von seinen Zeitgenossen als auch in späteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen als intrigant, streit- und rachsüchtig klassifiziert. Nahezu alle Angaben Ziesels über politische Differenzen mit dem NS-Regime sind apologetische Interpretationen dieser karrierepolitisch motivierten privaten Auseinandersetzungen oder aber frei erfunden.Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 353–357; Stefan Busch: „Und gestern, da hörte uns Deutschland“. NS-Autoren in der Bundesrepublik. Würzburg 1998, S. 209–241. „Als Charakteristikum ist auf Ziesels Selbstdarstellungssucht und seinen Hang zur Herabsetzung anderer hinzuweisen, was oft auch Konflikte mit politisch Gleichgesinnten zur Folge hatte“, so der Politologe Hans-Dieter Bamberg in seiner Ziesel-Kurzbiografie.Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 354.
Nach 1945 mini|180px|„Der rote Rufmord“ (1961) Nach Kriegsende wurden sämtliche Publikationen Ziesels in Österreich kurzzeitig verboten, er selbst bekam zeitweise Redeverbot. In der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik wurden mehrere seiner Schriften auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone: Liste der auszusondernden Literatur. Berlin: Zentralverlag, 1946 (Eintrag 1, Eintrag 2); Ministerium für Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik: Liste der auszusondernden Literatur. Dritter Nachtrag. Berlin: VEB Deutscher Zentralverlag, 1953 (Eintrag). In der Bundesrepublik dagegen konnte er den von ihm so formulierten „Kampf gegen die entartete Linke, die unser Volk besudelt“, und gegen die „systematische Zerstörung von Glaube, Werten, Nationalgefühl und sauberer Staatsgesinnung“Ziesel-Zitate n. Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 363. ungehindert fortsetzen. Dabei geriet zunächst auch die regierende CDU in sein Visier. Er kritisierte, „daß es ihr an Haltung und Standfestigkeit mangelt, und daß sie einer inneren Erneuerung und einer Säuberung bedarf.“Kurt Ziesel: Der rote Rufmord. Eine Dokumentation zum Kalten Krieg. Tübingen 3. Aufl. 1962, S. 13. Laut der Deutschen Zeitung vom 8. Oktober 1960 forderte Ziesel für die Bundesrepublik „eine Einschränkung des Grundrechts auf freie Meinung“ und „die Wiedereinführung des Arbeitsdienstes.“
Seine Stellungnahmen zum Nationalsozialismus hatten sich seit Kriegsende formal dem verfassungsmäßig Erlaubten angepasst.
Für die deutsche Literaturszene überraschend ging Ziesel 1952 mit dem von der zeitgenössischen Kritik als projüdisch empfundenen Roman Daniel in der Löwengrube (Freiburg/Frankfurt am Main) an die Öffentlichkeit. Inhalt: „Ein nichtjüdischer Deutscher gerät in Polen versehentlich in ein jüdisches Ghetto und identifiziert sich mit den Opfern des NS-Terrors. Am Ende wird er wie die übrigen Ghetto-Bewohner erschossen.“ Erst 1997 korrigierte der Literaturwissenschaftler Stefan Busch die positive Einschätzung des Werkes: „Die Klischees, die im Roman reproduziert werden, stellen ihn in die Tradition der antisemitischen NS-Propaganda… Die Juden waren ihm [Ziesel] kaum mehr als Kulisse für die ihn ausschließlich interessierende Figur, das deutsche Opfer.“Zitate in: Hans Sarkowicz, Alf Mentzer: Literatur in Nazi-Deutschland. Ein biographisches Lexikon. Hamburg / Wien (Erw. Neuauflage) 2002, S. 416; siehe auch Stefan Busch: „Und gestern, da hörte uns Deutschland“. NS-Autoren in der Bundesrepublik. Kontinuität und Diskontinuität bei Friedrich Griese, Werner Beumelburg, Eberhard Wolfgang Möller und Kurt Ziesel. Würzburg 1998, S. 269–280.
Prozesse
Hauptbeschäftigung des streit- und prozesslustigen Ziesel wurden in den ersten Jahren der Bundesrepublik Enthüllungen über die tatsächliche oder angebliche nationalsozialistische Vergangenheit früherer Autorenkollegen. Dabei richtete sich sein Verfolgungstrieb primär auf Journalisten, „die sich im Tausendjährigen Reich zum Erbrechen militaristisch, nationalistisch, antijüdisch betätigt haben – obwohl sie nach ihren eigenen Aussagen immer dagegen waren – und die diesen bereitwilligen Verkauf ihrer journalistischen Würde heute damit kompensieren, daß sie gegen jene pharisäische Feldzüge führen, die damals reinen Herzens an das glaubten, was sie taten und schrieben.“Kurt Ziesel: Der rote Rufmord. Eine Dokumentation zum Kalten Krieg. Tübingen 3. Aufl. 1962, S. 193; für das Folgende: Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschland-Stiftung e. V. Studien über Kräfte der „demokratischen Mitte“ und des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland. Meisenheim am Glan 1978, S. 368. Dabei benutzte Ziesel alle juristischen Möglichkeiten. Kritik an seinem Verhalten kam von Kollegen wie Heinrich Böll. Seine zahllosen Gegendarstellungen, Strafanzeigen, einstweiligen Verfügungen und Prozesse führten schließlich sogar zu einer Änderung des deutschen Presserechts, um zukünftig mutwillige Eingriffe in die Funktionsfähigkeit der Presse zu unterbinden.