Wilhelm Tell ist das letzte fertiggestellte Drama von Friedrich von Schiller. Er schloss das Werk 1804 ab, im Paratext bezeichnete er es schlicht als „Schauspiel“. Am 17. März 1804 wurde das Drama am Weimarer Hoftheater uraufgeführt. Es nimmt den Stoff des Schweizer Nationalmythos um Wilhelm Tell und den Rütlischwur auf.Friedrich Schiller: Tell. Schauspiel In: Ders., Werke und Briefe, Band 5: Dramen IV, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1996, S. 385–505 (Kommentar: S. 735–850), ISBN 3-618-61250-8
Handlung Schiller verwebt drei Handlungsstränge: Im Mittelpunkt steht die Sage von Wilhelm Tell mit dem Apfelschuss und der Erschiessung des Tyrannen Gessler, dem Vertreter Habsburgs, als einem Akt von Notwehr. Der geschichtliche Hintergrund wird durch die Handlung um den eidgenössischen Bund und die Befreiung der Schwyz (Schweiz) von der österreichischen Herrschaft gebildet. Die dritte Handlung wird durch die Liebesgeschichte der Berta von Bruneck mit Ulrich von Rudenz bestimmt, der sich mit seinem Volk versöhnt und ihm die Freiheit schenkt. Die letzten beiden Handlungsstränge verknüpfen sich am Schluss miteinander, während zwischen der Tell-Geschichte und dem anderen Geschehen nur eine lose Verbindung besteht.
1. Aufzug (Szene 1) Mitten in der Schweiz, am hohen Felsenufer des Vierwaldstättersees. Das Eingangslied gibt implizit einen Schlüssel zu Tells Charakter. Der Hirte Kuoni, der Jäger Werni und der Fischer Ruodi erörtern ein aufziehendes Unwetter, als ein Flüchtling erscheint: Konrad Baumgarten. Habsburgische Söldner verfolgen ihn, weil er Wolfenschießen, den Burgvogt von Unterwalden, erschlagen hat, der ihm die Frau hatte schänden wollen. Wilhelm Tell tritt hinzu, und alle bestürmen den Fischer, den Flüchtling über den See zu rudern, doch der kennt den starken Föhnsturm und weigert sich. Nun wagt es Tell, mit Erfolg. Zur Vergeltung verheeren die eintreffenden Verfolger Hütten und Herden.
(Szene 2) In Schwyz bewegt die Großbäuerin Gertrud Stauffacher ihren Mann nach einem langen Gespräch, sich mit anderen „Gleichgesinnten“ zu verbünden und der habsburgischen Tyrannei entgegenzutreten. So beschließt Stauffacher zu seinen Freunden zu reisen, die sich ebenso unterdrückt fühlen wie er.
(Szene 3) In Uris Hauptort Altdorf leisten Bauern und Handwerker Frondienst: Eine habsburgische Zwingburg, die Zwing-Uri, soll zur Beendung der alten Reichsfreiheit der Innerschweizer Orte errichtet werden. Stauffacher versucht Tell vergeblich zu überreden, sich ihm gegen die habsburgische Tyrannei anzuschließen. Der Hut des Vogtes Hermann Gessler wird auf die Stange gesteckt, den alle wie den Landvogt ehren sollen.Den Hut ehren heißt, das Haus Habsburg unmittelbar als Souverän anzuerkennen; es handelt sich um kein kaiserliches Attribut, denn als reichsunmittelbar sahen die Schweizer sich ja gerade an.
(Szene 4) Der Schwyzer Werner Stauffacher, der junge Unterwaldner Arnold von Melchtal, geflüchteter Sohn eines willkürlich beraubten und gewaltsam geblendeten Bauern, und der greise Urner Walter Fürst verbünden sich zur Vorbereitung eines gemeinsamen Aufstandes ihrer Kantone.
2. Aufzug (Szene 1) Zeigt die Uneinigkeit des eingesessenen Adels: Der bejahrte Freiherr von Attinghausen äußert Verständnis für den Unmut im Volk, sein junger Neffe Ulrich von Rudenz hingegen ergreift Partei für die Sache Habsburgs: „Nein Oheim! Wohltat ist’s und weise Vorsicht | in diesen Zeiten der Parteiung | sich anzuschließen an ein mächtig Haupt.“
(Szene 2, eine Kernszene) Verschworene aus Uri, Schwyz und Unterwalden versammeln sich unter einem Mondregenbogen zum gemeinsamen Schwur auf dem Rütli, unter ihnen Fürst, Stauffacher und Melchthal, nicht jedoch Tell. Unter der Leitung des Alt-Landammanns Itel Reding bilden sie eine Landsgemeinde und begründen die Eidgenossenschaft – sozusagen die erste kontinentaleuropäische verfassunggebende Versammlung. Sie beschließen die Vertreibung der habsburgischen Besatzungsmacht und stimmen über Einzelheiten des Planes ab.
3. Aufzug (Szene 1) Beginnt auf Tells Hof, charakteristischerweise repariert er seine Pforte selbst („Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“). Er bricht mit Walther, seinem älteren Sohn, nach Altdorf auf – vergebens versucht seine Gattin Hedwig, ihn zurückzuhalten, da sie Schlimmes ahnt.
(Szene 2) Das Ritterfräulein Berta von Bruneck gewinnt während einer Hofjagd Ulrich von Rudenz für die eidgenössische Sache.
(Szene 3, dramatischer Höhepunkt) Tell grüßt nicht den vom Landvogt Hermann Gessler aufgesteckten Hut und wird von dessen Bütteln verhaftet. Gessler selbst tritt auf und zwingt ihn, vom Kopf des eigenen Sohnes zur Rettung beider Leben und für seine Freilassung einen Apfel zu schießen. Tell entnimmt seinem Köcher zwei Pfeile und trifft den Apfel. Der Frage des Vogtes, wozu der andere Pfeil bestimmt gewesen sei, weicht er zunächst aus. Gessler sichert ihm das Leben zu, was immer er antworte. Darauf sagt ihm Tell ins Gesicht, der zweite Pfeil sei für ihn gewesen, hätte er seinen Sohn getroffen. Gessler windet sich aus seiner Zusage hinaus und lässt ihn fesseln, um ihn einzukerkern.
4. Aufzug (Szene 1) Tell konnte seinen Häschern während eines Seesturms entkommen und rettet sich mit einem Sprung an den Standort der Tellskapelle. Er lässt sich von einem Fischerknaben einen heimlichen Weg nach Küssnacht zeigen und tut dessen Vater kund, man werde noch von ihm hören.
(Szene 2) Der sterbende Attinghausen spricht im Kreis seines Gesindes und seiner Freunde aus, die Sonderstellung des Blutadels sei zu Ende: „Der Adel steigt von seinen alten Burgen | Und schwört den Städten seinen Bürgereid“; seine letzten Worte sind: „Seid einig – einig – einig“. Sein Neffe Rudenz tritt dem eidgenössischen Bund bei.
(Szene 3) In der Hohlen Gasse bei Küssnacht lauert Tell Gessler auf. Sein Monolog gibt das ihm höchsteigene Motiv zu diesem schweren Entschluss: dem unnatürlichen, „teuflischen“ Treiben des Vogtes ein Ende zu setzen; Tells Pfeil tötet Gessler, als dieser gerade die Bittstellerin Armgart überreiten will.
5. Aufzug (Szene 1) Die Zwingburg in Altdorf wird geschleift, gemeinsam erretten der Adelige Rudenz und der Bauernsohn Melchthal Berta aus dem Verlies. Dann trifft eine Nachricht von Johannes Müller einSchiller hat mit diesem Namen dem Schweizer Historiker Johannes von Müller, dem er viele Einzelheiten verdankt, ein kleines Denkmal gesetzt.: Der habsburgische König Albrecht sei von seinem Neffen Johannes Parricida ermordet worden, da er diesem sein Erbe hatte vorenthalten wollen. Gerade dieser König aber hatte die verbriefte Reichsunmittelbarkeit der Schweizer missachtet, um sie zu habsburgischen Lehnsleuten zu machen.
(Szene 2) Tells Frau wirft ihm vor, das Leben seines Kindes gefährdet zu haben. Der flüchtige Parricida tritt auf und bittet den Tyrannenmörder Tell um Beistand. Tell weist auf den großen Unterschied beider Taten hin: „Darfst du der Ehrsucht blutge Schuld vermengen | mit der gerechten Notwehr eines Vaters?“. Er bewegt ihn, in Rom dem Papst die „grässliche“ Tat zu beichten.
(Szene 3) Das Volk strömt herbei und bejubelt Tells Tat. Ihn selbst lässt Schiller, der Meister der Dramenschlüsse, hier ganz zurücktreten; er endet vielmehr damit, die Frauen und die Unfreien einzubeziehen: Berta von Bruneck verbindet sich mit Rudenz: „So reich ich diesem Jüngling meine Rechte, | Die freie Schweizerin dem freien Mann!“ Rudenz’ Antwort beschließt das Stück: „Und frei erklär ich alle meine Knechte.“
Geschichte Entstehung mini|„Jägerliedchen für Walther Tell womit Actus III. anzufangen.“ Eines der wenigen erhaltenen Manuskriptblätter.Transkription des gesamten Textes: Jägerliedchen für Walther Tell womit Actus III. anzufangen. Mit dem Pfeil, dem Bogen, durch Gebirg und Thal kommt der Schütz gezogen, früh im Morgenstrahl! Wie im Reich der Lüfte König ist der Weih durch Gebirg und Klüfte herrscht der Schütze frei. Ihm gehört das Weite, was sein Pfeil erreicht, das ist seine Beute, was da fleucht und kreucht. mini|Erstdruck in zeitgenössischem Einband. Kolorierter Kupferstich von Melchior Kraus als Frontispiz.
Charlotte von Lengefeld, spätere Frau des Dichters, machte Schiller bereits 1789 mit der Tellsage bekannt, als sie ihm brieflich über die Lektüre der Geschichten schweizerischer Eidgenossenschaft Johannes von Müllers (Erscheinungsjahr 1780) berichtete. Goethe bereiste zwischen 1775 und 1797 dreimal die Innerschweiz und teilte Schiller im Oktober 1797 mit, dass er gerade wieder die „kleinen Cantone“ besuche und sich intensiv mit der Sage befasse (Brief vom 8. Oktober 1797). Die Gegend um den Vierwaldstättersee und die Gestalt des Wilhelm Tell faszinierte ihn. Er beschaffte sich die Schweizer Chronik von Tschudi und erwog zunächst, die Schweizer Befreiungssage selbst episch umzusetzen. Ob Goethe den Stoff dem jüngeren Schiller überließ oder dieser sich des Stoffes bemächtigte, ist nicht bekannt.
Von 1803 bis 1804 schrieb Schiller das Telldrama in fünf Aufzügen. In den ersten vier Aufzügen blieb er dabei bis in die Einzelheiten der Chronik von Tschudi treu. Obwohl er niemals in der Schweiz weilte, zeigte er eine bemerkenswert genaue Ortskenntnis, da er sich als Historiker gut zu unterrichten gewusst hatte.
Schiller stellte das Schauspiel 16 Monate vor seinem Tod fertig. Am 17. März 1804 wurde es am Weimarer Hoftheater uraufgeführt. Regie führte Schillers Freund Johann Wolfgang von Goethe, der damals Intendant des Theaters war. (PDF, 71,9 kB)
Wilhelm Tell ist Schillers letztes vollendetes Bühnenwerk. Das Gelegenheitswerk Die Huldigung der Künste. Ein lyrisches Spiel entstand später, es umfasst aber lediglich zehn Druckseiten und wird üblicherweise nicht als Drama mitgezählt. Das Drama Demetrius blieb unvollendet.
Rezeption Im 19. Jahrhundert wurde der fünfte Aufzug entweder stark gekürzt oder gar nicht gespielt. Seit Ludwig Börne herrschte die Lesart vor, dass Schiller im fünften Aufzug eine problematische Auffassung der Befreiung zum Ausdruck bringe. Der Titelheld hätte statt des Apfelschusses gleich auf den Landvogt schießen und den „Heldentod“ in Kauf nehmen sollen – diese Auffassung entsprach dem Zeitgeist nach 1815.
Im „Dritten Reich“ wurde das Stück zunächst in die NS-Propaganda integriert. Propagandaminister Goebbels pries es in den ersten Jahren als „Führerdrama“, und es wurde entsprechend häufig aufgeführt. Die Hauptfiguren Tell und Werner Stauffacher wurden als ideale Führerpersönlichkeiten interpretiert, Tellzitate fanden sich in den meisten Lesebüchern. Schillers Motiv des gerechtfertigten Tyrannenmords, der Beifall des deutschen Theaterpublikums an den „unpassenden“ Stellen sowie auch mehrere Attentate auf Hitler (u. a. geplant von dem Schweizer Maurice Bavaud) scheinen jedoch zu einer völligen Abkehr der Nazis von dem Tellmythos geführt zu haben; die Änderung der Einstellung war so dramatisch, dass das Stück am 3. Juni 1941 auf Anweisung Hitlers zur Aufführung und für den Schulunterricht verboten wurde. 1941 war auch das Jahr, in dem die offizielle Schweiz das 650-jährige Bestehen der Eidgenossenschaft feierte. Damals wurde oft Bezug auf Schillers Wilhelm Tell genommen; so führte die Tellspielgesellschaft Altdorf am 1. August die Rütlischwurszene auf dem Rütli auf. Diese Bezugnahme auf Schillers Stück als Darstellung eines Einzelgängers, der Aufstand und Unabhängigkeit seines Landes durch ein Attentat auf den Reichsvogt auslöst, trug vermutlich dazu bei, dass es unter Hitlers Diktatur unerwünscht wurde.Georg Ruppelt:
Nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ galt das Schauspiel wegen seines zivilisatorischen Gehalts, aber auch wegen seiner künstlerischen Form als wichtigstes Theaterstück im gymnasialen Deutschunterricht. Es wurde in den 1960er Jahren meist im 10. Schuljahr behandelt, heute auch schon davor (8. Schuljahr).