Der Kaspische Tiger (Panthera tigris virgata), auch Kaspi-Tiger, Turantiger oder Hyrkanischer Tiger genannt, ist eine ausgestorbene Unterart des Tigers, die bis in die 1970er Jahre die Wälder und Flusstäler westlich und östlich des Kaspischen Meeres bewohnt hat, von der Türkei und Iran über Mittelasien bis in die Wüste Takla Makan in Xinjiang, China.Jackson, P., Nowell, K. (2008). [ "Panthera tigris ssp. virgata"]. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2011.1. International Union for Conservation of Nature.

Der Kaspische Tiger gehörte zusammen mit dem Sibirischen Tiger und dem Bengal-Tiger zu den größten lebenden Katzen.Mazák, V. (1981) (PDF-Datei; 1,05 MB) Mammalian Species 152, S. 1–8. Genetischen Studien zufolge ist der Kaspische Tiger nahe mit dem Sibirischen Tiger verwandt oder sogar derselben Unterart zuzuordnen.C. A. Driscoll et al.: A postulate for tiger recovery: the case of the Caspian Tiger. In: Journal of Threatened Taxa. Band 4, Nr. 6, Juni 2012, S. 2637–2643, . Auf dieser Basis wird ein Auswilderungsprogramm von Sibirischen Tigern in Kasachstan umgesetzt.

Merkmale Körperbau Der Kaspische Tiger war im Körperbau weniger massiv als der Sibirische Tiger. Männliche Tiger wogen bis zu 240 kg, waren etwa 270 cm lang bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 178–197 cm; ihre Schädel maßen 297–365,8 mm. Weibliche Kaspische Tiger waren, wie bei allen Unterarten des Tigers, kleiner und wogen 85–135 kg und erreichten eine Größe von 160–180 cm bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 150–165 cm; ihre Schädel maßen 195,7–255,5 mm.V. G. Geptner, A. A. Sludskii (1972) Mlekopitaiuščie Sovetskogo Soiuza. Vysšaia Škola, Moskva. (Original in Russisch; Englische Übersetzung: V. G. Heptner et al. (1992) Mammals of the Soviet Union. Volume II, Part 2: Carnivora (Hyaenas and Cats). Smithsonian Institute and the National Science Foundation, Washington DC). S. 95–202.

Fell und Färbung Der Kaspische Tiger hatte im Verhältnis zum Indischen Tiger schmalere, längere und noch enger verteilte dunkle Streifen. Dabei waren diese Streifen heller als bei allen anderen Unterarten. Das Fell war lang und dicht, wobei das Winterfell deutlich langhaariger war. Auffallend waren nicht nur die längeren Haare im Genick (40 bis 120 mm) und auf dem Rücken (27 bis 40 mm), sondern insbesondere das Bauchfell war mit 60 und 110 mm sehr lang und bildete eine „Bauchmähne“. Auch der Backenbart war bei dieser Unterart sehr ausgeprägt. Hier betrug die Felllänge der Haare 70 bis 140 mm. Vergleichsweise ist die Haarlänge des Backenbarts eines Sumatra-Tigers 80 bis 120 mm.

Phylogenetische Verwandtschaft zum Sibirischen Tiger Genforscher sammelten Gewebeproben von 23 Kaspischen Tigern, die in Museen aufbewahrt sind, und sequenzierten mindestens ein Segment von fünf mitochondrialen Genen. Die Untersuchungen zeigten, dass die mitochondriale DNA von P. t. virgata eine geringe Varianz im Vergleich zu P. t. altaica aufweist und die beiden Unterarten sehr ähnlich sind. Die Forscher folgerten, dass der Sibirische Tiger genetisch der nächste Verwandte des Kaspischen Tigers ist. Phylogeografischen Analysen zufolge besiedelten vor etwa 10.000 Jahren die Vorfahren der beiden Unterarten vom Osten Chinas aus sowohl Mittelasien über die Seidenstraße bis nach Anatolien als auch Sibirien bis in den Russischen Fernen Osten. Die vermutlich ehemals zusammenhängende Population wurde wahrscheinlich erst vor etwa 200 Jahren durch menschliche Tätigkeit getrennt.C. A. Driscoll, N. Yamaguchi, G. K. Bar-Gal, A. L. Roca, S. Luo, D. W. Macdonald, S. J. O’Brien: Mitochondrial phylogeography illuminates the origin of the extinct Caspian Tiger and its relationship to the Amur Tiger. In: PLoS ONE. Band 4, Nr. 1, 2009, S. e4125.

Verbreitung und Lebensraum miniatur|Historisches Verbreitungsgebiet des Kaspischen Tigers Historische Aufzeichnungen zeigen, dass die Verbreitung von Kaspischen Tigern im Gebiet des Kaspischen Meeres nicht kontinuierlich, sondern unterbrochen und auf Wasserläufe, Flusstäler und Seeufer beschränkt war. Im 19. Jahrhundert lebten sie: im äußersten Südwesten des Kaukasus in den Wäldern der Hügel und Tiefebenen des Talysch-Gebirges und in den Lenkoraner Niederungen, in den Niederungen von Prischib, von wo aus sie bis in die östlichen Ebenen von Transkaukasien wanderten, und in der Zangezur-Gebirgskette im Nordwesten Irans; in Mittelasien im Südwesten Turkmeniens entlang des Flusses Atrek und seinen Nebenflüssen Sumbar und Chandyr; im Westen und Südwesten der Kopet-Dag-Gebirgskette; in der Umgebung von Aşgabat in den nördlichen Vorbergen; in Afghanistan entlang des Oberlaufs des Flusses Hari Rud bei Herat und entlang der Urwälder im Gebiet dessen Unterlaufs; in der Region um Tejen und Murgab, entlang der Flüsse Kuschka und Kaschan; im Delta des Amudarja bis zum Aralsee; entlang des Syrdarja, im Ferganatal bis nach Taschkent und in die westlichen Ausläufer des Talas-Alatau; entlang der gesamten Küste des Aralsees; entlang der Flüsse Tschüi und Ili; entlang der Südküste des Balchaschsees und im Norden bis in die südlichen Ausläufer der Altai-Berge. Ihr ehemaliges Verbreitungsgebiet entspricht in etwa der Verbreitung von Huftieren in der Region.Sunquist, M., Karanth, K. U., Sunquist, F. (1999) Ecology, behaviour and resilience of the tiger and its conservation needs. In Seidensticker, J., Christie, S. Jackson, P. (eds.) Riding the Tiger. Tiger Conservation in Human-dominated Landscapes. Cambridge University Press, UK. S. 5–18. Wildschweine waren die zahlenmäßig dominanten Huftiere, die in Wäldern, entlang von Wasserläufen, in Röhricht und in dichtem Gestrüpp in den Gebieten um das Kaspische Meer und um den Aralsee vorkamen. Wo Wasserläufe tief in Wüstengebiete vordrangen, war geeignetes Habitat von Wildschweinen und Tigern oft linear und nur wenige Kilometer breit. Rehwild und Rothirsche kamen in den Wäldern um das Schwarze Meer herum und in einem schmalen bewaldeten Streifen im Westen und Süden des Kaspischen Meers vor. Rehwild kam auch in den bewaldeten Gebieten südlich des Balchaschsees vor. Bucharahirsche kamen in einem schmalen bewaldeten Gebiet an der südlichen Küste des Aralsees und entlang der Flüsse Syrdarja und Amudarja vor.

Lebensweise Über die Größe von Revieren der Kaspischen Tiger gibt es keine Daten.Jungius, H., Chikin, Y., Tsaruk, O., Pereladova, O. (2009) (PDF-Datei; 4,96 MB). WWF Russia Auf der Suche nach Beute mussten sie weit umherstreifen und den Huftieren von einer Weide zur anderen folgen. Wildschweine und Hirsche bildeten die Grundlage ihrer Nahrung. In vielen Gebieten Mittelasiens waren Bucharahirsche und Rehwild neben Wildschweinen wichtige Beutetiere. Manchmal jagten sie auch Kaukasisches Rotwild, Kropfgazellen im Iran, Schakale, Rohrkatzen, Wanderheuschrecken und kleine Säugetiere am Unterlauf des Amudarja, Saiga-Antilopen, Wildpferde, Wildesel und Argali in den Gebieten von Zhana-Darya und um den Aralsee, Isubrahirsche und Elche im Gebiet des Baikalsees. Sie verfolgten Herden von Zugtieren wie Rentiere und fingen Fische in überfluteten Gebieten und Bewässerungskanälen. Im Winter griffen sie auch Hunde und Vieh an, das sich von seiner Herde entfernt hatte. Wasser tranken sie mit Vorliebe aus Flüssen und nur dann aus Seen, wenn das Wasser wenig brackig war.

Ausrottung Das Aussterben der Kaspischen Tiger begann mit der russischen Kolonisierung Turkestans im späten 19. Jahrhundert.Johnson, P. (1991) The birth of the Modern World Society, 1815-1830. HarperCollins Publishers, New York. ISBN 0-06-016574-X Ihre Ausrottung war ein Prozess, der durch mehrere Umstände intensiviert wurde: Sie wurden schonungslos von großen Jagdgesellschaften und Armeeangehörigen verfolgt, die Wildschweine und Tiger mit hemmungsloser Hingabe jagten. Die ausgedehnten Röhrichte im Habitat der Tiger wurden zunehmend in Anbauflächen für Pflanzungen von Baumwolle und anderen Nutzpflanzen umgewandelt, die gut im fruchtbaren Schlamm entlang der Flüsse gediehen. Schweinepest, Maul- und Klauenseuche und Katastrophen wie Überflutungen und Feuer bewirkten, dass viele Wildschweine in kurzer Zeit umkamen. Tiger waren schon aufgrund ihrer eingeschränkten Verbreitung gefährdet, da sie in ausgedehnten Wüstengebieten auf Wasserläufe eingegrenzt lebten.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die russische Armee dafür eingesetzt, Beutegreifer in Waldgebieten, in der Umgebung von Siedlungen und potentiellem Agrarland zu jagen. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden jedes Jahr allein in den Wäldern um die Flüsse Amudarja und Pjandsch etwa 50 Tiger erschossen. Bis 1929 wurden hohe Boni für Tigerfelle gezahlt. Zahlreiche Wildschweine und Hirsche wurden von der wachsenden Bevölkerung entlang der Flüsse getötet, die Gebiete zunehmend entwaldet, während die landwirtschaftliche Entwicklung weiter vorangetrieben wurde. Bis 1910 war etwa ein Fünftel der urbaren Fläche Turkestans mit Baumwolle bepflanzt, davon etwa die Hälfte im Ferganatal.Brower, D. R. (2003) Turkestan and the fate of the Russian Empire. Routledge, London. ISBN 0-415-29744-3. Als es kaum mehr Tiger in den Tälern gab, besiedelten Bauern das Land. Die Tiger zogen sich zurück, zuerst aus den Niederungen der Flusstäler in die Sumpfgebiete um größere Flüsse herum. Zuletzt flüchteten sie in die Wälder der Berge.Dybas, C. L. (2010) The Once and Future Tiger. BioScience 60 (11), S. 872–877.

Die letzten Kaspischen Tiger Im Jahr 1887 wurde im Irak der einzig nachgewiesene Tiger in der Nähe von Mosul erschossen.Kock, D. (1990) Historical record of a tiger, Panthera tigris (Linnaeus, 1758), in Iraq. Zoology in the Middle East (4), S. 11–15 Im Kaukasus wurde der letzte bekannte Tiger im Jahr 1922 in der Nähe von Tiflis erschossen, nachdem er Vieh angegriffen hatte. In den 1920ern verschwanden Tiger auch aus dem Becken des Flusses Tarim in Xinjiang, China.Ognev, S.I. (1935) Mammals of the U.S.S.R. and adjacent countries. Volume 2: Carnivora (Fissipedia). Published for the National Science Foundation, Washington D.C. by the Israel Program, Jerusalem, 1962.

In ihrem letzten Rückzugsgebiet in der Region des Balchaschsees in Kasachstan wurde der letzte Tiger im Jahr 1948 in der Umgebung des Flusses Ili gesehen. In Turkmenistan wurde der letzte Tiger im Januar 1954 im Tal des Flusses Sumbar in den Kopet-Dag Bergen erschossen.Ministry of Forest of Turkmenistan SSR. (1985) The Red Data Book of Turkmenistan (in 2 Bänden). Erschienen unter State Committee of USSR, Moskau. In Irans Provinz Golestān wurde einer der letzten Tiger 1953 erschossen; 1958 wurde in diesem Gebiet noch einmal ein Tiger gesichtet.Firouz, E. (2005) The complete fauna of Iran. I.B.Tauris

In den Tienschan-Bergen westlich von Ürümqi in China verschwand der letzte Tiger aus dem Gebiet des Flusses Manasi in den 1960ern. Die letzte nicht bestätigte Beobachtung eines Tigers in der Umgebung des Aralsees fand 1968 am Unterlauf des Amudarja in der Nähe von Nukus statt. In den frühen 1970ern verschwanden Tiger vom Unterlauf des Amudarja und aus dem Pyzandh-Tal im Grenzgebiet zwischen Turkmenistan, Usbekistan und Afghanistan.