Das Königreich Kaffa bestand etwa vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Eroberung durch den äthiopischen Kaiser Menelik II. 1897 und lag im Gebiet der heutigen äthiopischen Region Kaffa im Südwesten des Abessinischen Hochlandes. Bewohnt wurde das Königreich vom Volk der Kaffa oder Kefitsho. Hauptstadt war das südlich des Gojeb gelegene Bonga, später auch Anderaccha. Das Königreich Kaffa wird als Ursprungsort des Arabica-Kaffees betrachtet.Ines Possemeyer: Wildkaffee. In: GEO. Heft 7/2011, S. 116–121 (PDF; 5,2 MB). Die Bezeichnung des Kaffees in zahlreichen Sprachen (z. B. deutsch Kaffee, französisch café, englisch coffee) wird auf arabisch qahwa zurückgeführt, soll aber der Legende nach auf den Namen des Königreichs zurückgehen.Till Stellmacher: Governing the Ethiopian Coffee Forests. A Local Level Institutional Analysis in Kaffa and Bale Mountains (= Bonner Studien zur Wirtschaftssoziologie. Bd. 27). Shaker, Aachen 2007, ISBN 978-3-8322-5371-4, S. 82, (Zugleich: Bonn, Universität, Dissertation, 2006), online (PDF; 3,51 MB).
Geschichte Gründung Das Reich soll durch den ersten legendären König Minjo gegründet worden sein. Minjo soll der Legende nach nicht von einer Frau, sondern von einem Stein geboren worden sein. In der mündlichen Überlieferung ist der Name von achtzehn Nachfolgern in der fünfhundertjährigen Geschichte des Reiches erhalten.Max Grühl: Zum Gottkönig von Kaffa. 1938, S. 276–280. Die Überlieferung beschränkte sich allerdings auf besondere Verdienste und Heldentaten einzelner Herrscher. Waren derartige Umstände nicht gegeben, dann wurde der entsprechende Herrscher nicht in die Überlieferung aufgenommen. Andere Quellen liegen nicht vor, so dass die anderen Herrscher im Dunkel der Geschichte verschwunden sind.Bekele Woldemariam: The History of the Kingdom of Kaffa. 2010, S. 117.
Kaffa ab dem 16. Jahrhundert Die größte Ausdehnung erreichte Kaffa vor den Streifzügen der Oromo (früher auch Galla genannt). Das Reich inklusive seiner Vasallenstaaten könnte zu dieser Zeit vom Sudantiefland bis an den Ostafrikanischen Graben gereicht haben und sich von der nördlichen Erosionsfurche des Omo bis im Süden an den Omo erstreckt haben, womit sowohl das Gebiet des Königreichs Jimma als auch das des Königreichs Limmu innerhalb des Reichs gelegen hätten.Max Grühl: Zum Gottkönig von Kaffa. 1938, S. 270.
Im 16. Jahrhundert begannen die Oromo sich im Hochland von Abessinien anzusiedeln und Staaten zu gründen und nicht mehr nur gelegentliche Streifzüge zu unternehmen.Pierre Bertaux: Afrika. Von der Vorgeschichte bis zu den Staaten der Gegenwart (= Fischer Weltgeschichte. Bd. 32). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1966, S. 105. Kaffa wehrte sich in zahlreichen Kämpfen gegen die Oromo, musste aber hinnehmen, dass es auf das Gebiet südlich des Flusses Goreb zurückgedrängt wurde.Käfa history. In: Encyclopaedia Aethiopica. Band 3: Siegbert Uhlig (Hrsg.): He–N. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05607-6. Nach dem Ende der Kämpfe intensivierte das Königreich seine Kontakte zum äthiopischen Kaiser Sarsa Dengel (1564–1597), und das Christentum wurde eingeführt. Unter der Herrschaft des Bonga-Königs (vermutlich 1565–1605) soll das Reich in Provinzen geteilt worden sein. Er soll Bonga vom Matto-Clan übernommen und den Ort zur Hauptstadt gemacht haben. Ferner soll er Kriegszüge nach Norden hin unternommen haben.Amnon Orent: Refocusing the History of Kafa prior to 1897. In: African Historical Studies. Bd. 3, Nr. 2, 1970, S. 263–293, hier S. 269–270.
Entdeckungsgeschichte Kaffas aus europäischer Sicht miniatur|hochkant=1.7|Karte Abessiniens (ca. 1690). Das Königreich ist als „Regno di Cafate“ verzeichnet. Kaffa wurde wegen seiner Abgeschiedenheit und Verschlossenheit aus europäischer Sicht mit einem „Tibet Afrikas“ verglichen.Max Grühl: Zum Gottkönig von Kaffa. 1938, S. 271. Das Königreich war zwar dem Namen nach auch Europäern bekannt, die Berichte, die Europa erreichten, waren aber eher dürftig. Die erste Erwähnung des Reiches als Cafa geht auf Manuel de Almeida im Jahr 1632 zurück. Erst mit den Forschungen der Europäer nach den Quellen des Nils im 19. Jahrhundert sollte sich dies ändern. Zunächst gelang es dem Missionar Johann Ludwig Krapf 1840 Berichte von Mittelsmännern über Kaffa zu erhalten, als er auf seinen Reisen zwar nicht Kaffa selbst erreichte, aber Gebiete nördlich von Djimma bereiste.Johann L. Krapf: Reisen in Ost-Afrika. Ausgeführt in den Jahren 1837–55. Theil 1. Selbstverlag, Kornthal 1858, S. 79 ff. Auch der Brite Charles T. Beke konnte bei seinen Reisen und seiner Suche nach den Quellen des Nils 1843 bis 1847 durch Mittelsmänner genauere Berichte über Kaffa erhalten.Charles T. Beke: On the Countries South of Abyssinia. In: Journal of the Royal Geographical Society of London. Bd. 13, 1843, S. 254–269, hier S. 262, .
1843 erreichte mit dem Franzosen Antoine d’Abbadie erstmals ein Europäer das Königreich. Er begleitete einen Fürsten, der sich nach Kaffa begeben hatte, um seine zwölfte Frau zu heiraten. D’Abbadie verbrachte elf Tage in Kaffa und beschrieb diesen Aufenthalt in seinem erst 1890 erschienenen Werk Geographie de l’Ethiopie. Ab 1855 begannen die Kapuziner mit Guglielmo Massaia ihre Missionsarbeit in Kaffa. Massaia erbaute dort zwei Kirchen, Schappa-Mariam und Schappa-Gabriel. Die Missionare mussten allerdings bereits im August 1859 Kaffa wieder verlassen. Aufzeichnungen Massaias gingen dabei verloren, seine zwischen 1885 und 1895 verfassten zwölfbändigen unter dem Titel I miei trentacinque anni di missione nell' alta Etiopia veröffentlichten Berichte beruhen in Bezug auf Kaffa daher vor allem auf Erinnerungen. Von einer 1876 gestarteten größeren italienischen Expedition erreichte nur Antonio Cecchi, nach einer sehr abenteuerlichen Reise, Kaffa. Er veröffentlichte über seinen fünfjährigen Aufenthalt in Ostafrika 1885 ein Buch, das sich auch mit Kaffa befasste.Antonio Cecchi: Fünf Jahre in Ostafrika. 1888. Der französische Abenteurer Paul Soleillet konnte Ende 1883 zwar Kaffa erreichen, musste das Königreich aber nur elf Tage später wieder verlassen.
Erst mit der Eroberung Kaffas 1897 kam wieder ein Europäer nach Kaffa, da der Russe Alexander Bulatowitsch das äthiopische Heer begleitete. 1905 erreichte der Österreicher Friedrich Julius Bieber mit einer Expedition des Barons Alphons von Mylius Kaffa. Er bereiste Äthiopien 1909 nochmals. Bieber publizierte seine Untersuchungen über Kaffa 1920–1923.Friedrich J. Bieber: Kaffa. Ein altkuschitisches Volkstum in Inner-Afrika. 2 Bände. 1920–1923. Sein Werk gilt als eines der ganz wesentlichen Bücher über Kaffa. Biebers Veröffentlichungen machten, mit Ausnahme Cecchis Buch, alle vorherigen Veröffentlichungen zu Kaffa obsolet.G. W. B. Huntingford: The Galla of Ethopia. 1955, S. 103. Von 1925 bis 1929 fand die „Deutsche Äthiopien-Expedition“ unter Leitung von Max Grühl statt, die auch das ehemalige Königreich bereiste.Max Grühl: Zum Kaisergott von Kaffa. 1938, S. 13. 1928 bereiste auch Enrico Cerulli Westäthiopien und damit auch Kaffa und zeichnete auf, was er noch über das ehemalige Reich ermitteln konnte. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1932.Enrico Cerulli: Etiopia Occidentale. (Dallo Scioa alla frontiera del Sudan). Note del viaggio 1927–1928 (= Collezione di Opere e di Monografie a cura del Ministero delle Colonie. Bd. 6, ). Band 1. Sindacato Italiano Arti Grafiche, Rom 1932.
Ende des Königreiches miniatur|Äthiopische Truppen des Ras Wolda Giyorgis auf dem Rückmarsch nach der Unterwerfung Kaffas (Foto von Alexander Bulatowitsch) Die äthiopischen Expansionsbestrebungen, die zum Ende des Königreichs Kaffa führen sollten, begannen unter der Herrschaft des vorletzten Königs von Kaffa Gali Sherochi (1868 bis 1890). Herrscher („Ras“) von Schoa war der spätere Kaiser Äthiopiens Menelik II. Meneliks Politik war schon vor seiner Krönung zum Negus Negesti („König der Könige“) 1889 von der Expansion seines Herrschaftsbereichs Schoa bestimmt.Pierre Bertaux: Afrika. Von der Vorgeschichte bis zu den Staaten der Gegenwart (= Fischer Weltgeschichte. Bd. 32). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1966, S. 198. Bei der Ausdehnung in Richtung des Weißen Nils und damit auf Kaffa mögen französische Ambitionen eine Rolle gespielt haben, durch französische Besitzungen im Sudan und ein befreundetes Groß-Äthiopien den britischen Ambitionen einer Verbindung des englischen Kolonialbesitzes „vom Kap bis Kairo“ entgegenzutreten.So Max Grühl: Zum Kaisergott von Kaffa. 1938, S. 280 f. 1881 kam es zu einem ersten Vorstoß von Schoa gegen Kaffa. Auf Geheiß des Herrschers von Schoa griff der Feldherr Ras Gobanna erstmals das Königreich an, es kam zu einer Zusage von Tributzahlungen, denen allerdings nicht nachgekommen wurde. Menelik legte sich nun den Titel eines „Negus von Kaffa“ zu.Max Grühl: Zum Kaisergott von Kaffa. 1938, S. 281. Ras Gobanna musste sich auf Befehl Meneliks allerdings zurückziehen, um mit seinen Truppen nun gegen einen anderen äthiopischen Herrscher, den Takla Haiamont, zu kämpfen.Werner J. Lange: History of the Southern Gonga (Southwestern Ethiopia). 1982, S. 211. Der Kaiser von Äthiopien Yohannes IV. entzog Menelik den Titel des Negus von Kaffa allerdings wieder, um dessen Machtzuwachs einzudämmen, und verlieh ihn dem Takla Haiamont, der sich 1882 allerdings Meneliks Truppen nach der Schlacht von Imbabo geschlagen geben mussteBekele Woldemariam: The History of the Kingdom of Kaffa. 2010, S. 139. und den Titel wieder an Menelik zurück übertrug.Max Grühl: Zum Kaisergott von Kaffa. 1938, S. 281.
1890 und 1892 kam es zu Eroberungsversuchen durch Äthiopien, die allerdings in beiden Fällen zurückgewiesen wurden.Amnon Orent: Refocusing the History of Kafa prior to 1897. In: African Historical Studies. Bd. 3, Nr. 2, 1970, S. 263–293, hier S. 282.
Mit der Schlacht von Adua hatte Menelik II. am 1. März 1896 die Kolonialbestrebungen Italiens beendet. War die äthiopische Armee bereits vor der Schlacht schon hinreichend mit modernen Waffen ausgerüstet, um selbst europäischen Streitkräften entgegenzutretenDennis E. Showalter: Der Sieg des Negus – Adua, 1. März 1896. In: Stig Förster, Markus Pöhlmann, Dierk Walter (Hrsg.): Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai (= dtv. 34083). Ungekürzte Ausgabe. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2004, ISBN 3-423-34083-5, S. 252–254., so konnte sie nach der Schlacht sich noch zusätzlich mit dem erbeuteten Kriegsmaterial verstärken.Bekele Woldemariam: The History of the Kingdom of Kaffa. 2010, S. 230. Demgegenüber verfügte Kaffa vor allem über traditionelle Waffen, wie Speere und an moderneren Waffen möglicherweise noch über nur 300 Gewehre. Mehr modernes Kriegsgerät soll nicht vorhanden gewesen sein, da der letzte König von Kaffa die Einfuhr verboten haben soll. Das Verbot sollte Revolten gegen seine Herrschaft verhindern.Amnon Orent: Refocusing the History of Kafa prior to 1897. In: African Historical Studies. Bd. 3, Nr. 2, 1970, S. 263–293, hier S. 282.
Kurz nach der Schlacht von Adua ordnete Menelik II. in Addis Abeba einen erneuten Angriff auf Kaffa an.Otto Bieber: Geheimnisvolles Kaffa. Im Reich der Kaiser-Götter. Universum, Wien 1948, S. 41. Am 11. September 1897 musste sich Gaki Sherocho als letzter König von Kaffa nach monatelangen Kämpfen den vereinigten Streitkräften Äthiopiens ergeben. Mit dem Ende des Königreiches kam es zu einer erheblichen Entvölkerung des Gebietes. Es wird geschätzt, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung während der Kämpfe umkamen oder verschleppt wurden. Das Land wurde nun als Eigentum des Negus Negesti angesehen. Unter Menelik II. erfolgten daher großzügige Verteilungen an Soldaten, die an der Invasion beteiligt waren.Till Stellmacher: Governing the Ethiopian Coffee Forests. A Local Level Institutional Analysis in Kaffa and Bale Mountains (= Bonner Studien zur Wirtschaftssoziologie. Bd. 27). Shaker, Aachen 2007, ISBN 978-3-8322-5371-4, S. 52, (Zugleich: Bonn, Universität, Dissertation, 2006. ).