Dato Barbakadse (; * 7. Februar 1966 in Tiflis) ist ein georgischer Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber.
Leben Dato Barbakadse absolvierte bis 1984 eine Schlosserlehre und leistete 1985–1987 seinen zweijährigen Militärdienst in der Sowjetischen Armee ab. 1991 beendete er sein Diplomstudium der Philosophie an der Staatlichen Universität Tiflis. Von 1992 bis 1994 setzte er sein Studium am Lehrstuhl für Soziologie fort (Aspirantur). Er entschied sich dann für eine schriftstellerische Laufbahn und brach seine wissenschaftliche Karriere ab. Er wurde später trotzdem an der Staatlichen Universität Tiflis mit der Dissertation „Deutschsprachige Erfahrung des Dialogs zwischen Philosophie und Poesie (von der Weimarer Klassik bis zur Wiener Moderne)“ zum Ph. D. promoviert.
In den Jahren von 1991 bis 1993 gründete und organisierte er die literarische Videozeitschrift Zeitschrift von Dato Barbakadse. Dabei entstanden zwölf Videohefte. 1994 wurde er Gründer und Herausgeber der Literaturzeitschrift Polilogi. Von ihr erschienen vier Hefte. 1996 startete er die neue Literaturzeitschrift ± Literatura, von der er vier Hefte herausgab. Von 1991 bis 2001 hielt Barbakadse Vorlesungen ab an verschiedenen Hochschulen in Tiflis (Dozenturen für Geschichte der Philosophie). Von 1996 bis 2001 war er Lehrer für Logik an der Tifliser Geistlichen Akademie und dem Priesterseminar. Von 1997 bis 2001 arbeitete er als psychologischer Berater an einem psycho-sozialen Hilfezentrum in Tiflis.
In den Jahren von 2002 bis 2005 lebte Barbakadse als freier Schriftsteller in Deutschland. Nebenbei studierte er Philosophie, Soziologie und Alte Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. 2005 gründete er in Tiflis das Buchreiheprojekt Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts und übernahm darin die Leitung. Er ist seit 2002 Mitglied der Münsteraner „Autorengruppe MS-Lyrik“. Er ist außerdem Mitglied der Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge (seit 2007) und des Österreichischen P.E.N.-Clubs (seit 2014).
Dato Barbakadse lebt und arbeitet in Tiflis.
Werk Trotz aller Anerkennung durch die Literaturkritik bleibt Barbakadse ein Außenseiter in der georgischen Literatur. Die theoretischen Voraussetzungen, die dem Verfahren von Barbakadse zugrunde liegen, problematisieren die derzeitige Lage der Dichtung – nicht nur in Georgien.
Barbakadse betrachtet die Poesie als ein Schicksal, welches das Leben eines Menschen wesentlich bestimme und ihn zu einer unkonventionellen Lebensführung zwinge. Alle Literatur, die übrig also außerhalb des Geistes der Poesie bleibe, sei lediglich kreatives Schreiben. Das Schema dieser Unterteilung gelte unterschiedslos in jedem Jahrhundert, ganz unabhängig von irgendwelchen sozial-kulturellen Kontexten. Den Vorwurf, seine Position sei radikal, weist Barbakadse zurück, vielmehr betrachtet er sein Verfahren als die adäquate Reaktion eines dem Geist der Poesie treu gebliebenen Dichters auf die zunehmend radikale Entwicklung der Realität, die immer stärker zur Aufgabe des Willens zur Freiheit tendiereSchrift, hrsg. von Martin Hüttel, Giorgi Leonidze Literaturmuseum, Tiflis 2014, S. 43.
In der Dichtung von Barbakadse wird das System der zwischenmenschlichen Kommunikationen als Praxis der sich behauptenden, aggressiven Beziehungen verstanden. Sein poetisches Wirken und Bewusstsein hält er hingegen für die Reduzierung der pragmatisch gezielten Energie. Der Gegenstand seiner Observation ist der Zustand des menschlichen Bewusstseins gerade in diesem existenziellen Abschnitt: Im Prozess der allmählichen Befreiung von der offensiven Einstellung zu den Dingen, Erscheinungen, anderen Menschen, dem Absoluten, der Natur. Zum direkten Subjekt der unmittelbaren Observation macht er seine eigene Existenz.
In den literarischen Texten von Barbakadse werden die Alltagssituationen durch die Anwendung der klassischen metaphysischen Denkmodelle betrachtet und eine besondere Aufmerksamkeit wird der Bewegung des menschlichen Geistes zu den sog. höheren Problemen – ewigen Fragen und Antworten im Prozess der bewussten oder zufälligen Berührung – geschenkt. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit des lyrischen Ich geraten die Änderungen, die durch diese Berührungen entstehen.
Die subjektive poetische Mythologie von Barbakadse distanziert erotisches und sexuelles Bewusstsein voneinander: Es existiere eine ursprüngliche Sprache – die Sprache des Gottes (oder der Götter), die in die materielle Welt nur nach riesengroßen, wesentlichen Verlusten erreiche; die Sprache der Menschheit stelle aber von der Erotik bis auf den Sex herabgefallene, nur auf der sozialen Notwendigkeit und biologischen Gesetzmäßigkeit gebaute Sprache dar, der die erotische Freude fehle.Als Schriftsteller im postsowjetischen Georgien: Dato Barbakadse in: Europa Ethnika 3–4 2009, S. 140 Die Poesie sei imstande, die grammatisch-sexuelle Dimension (laut dem Fachausdruck von Barbakadse) zu sprengen und zur erotischen Urzeit vorzudringen. Das Gedächtnis der Poesie könne sich an das Urwort erinnern, das die menschliche Seele mit der Welt der erotischen Erfahrung verbinde.
Werke (in georgischer Sprache) Gedichtbände Sprechen wir dem Herbst unser Beileid aus (მივუსამძიმროთ შემოდგომას). Tiflis 1991. Sehnsucht nach Logik (ლოგიკის მონატრება). Tiflis 1993, ISBN 99928-0-264-2. Die Fragestellung (საკითხის დასმა). Tiflis 1994, ISBN 99928-0-265-0. Eine Minute oder ein Leben vor der Abreise (გამგზავრებამდე ერთი წუთით ან ერთი სიცოცხლით ადრე). Tiflis 1994, ISBN 99928-0-239-1. Der Dachdecker (მხურავი). Tiflis 1995, ISBN 99928-0-240-5. Negation der Summierung (შეჯამების უარყოფა). Tiflis 1999, ISBN 99928-0-013-5. Wesentliche Züge (არსებითი სვლები). Tiflis 2001, ISBN 99928-0-125-5. Gesänge des Seeufers (ტბის სანაპიროს სიმღერები). Tiflis 2004, ISBN 99940-29-43-6. ars poetica. Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2010, ISBN 978-9941-9115-4-5. Zur Verteidigung des Gedächtnisses (მეხსიერების დასაცავად). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2013, ISBN 978-9941-0-5981-0. Von einem problematischen Licht (პრობლემური სინათლის გამო). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2015, ISBN 978-9941-0-8056-2. Das Fenster (სარკმელი). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2016, ISBN 978-9941-0-8444-7. Skeptische Etüden (სკეპტიკური ეტიუდები). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2019, ISBN 978-9941-8-0992-7. Und so weiter (და ასე შემდეგ). Sieben Haikukränze. Tiflis 2019, ISBN 978-9941-8-1470-9. Was für ein guter Tag, Abenteuer zu suchen (სათავგადასავლოდ რა კარგი დღეა). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2022, ISBN 978-9941-8-4471-3. Grüner Tee (მწვანე ჩაი). Tiflis 2023, ISBN 978-9941-8-5201-5. Erfolgloser Fischer (წარუმატებელი მეთევზე). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2023, ISBN 978-9941-8-5891-8.
Prosa Die Mutation (მუტაცია). Roman. Tiflis 1993. Achilles’ zweite Ferse (აქილევსის მეორე ქუსლი). Roman. Tiflis 2000, ISBN 99928-0-042-9.
Essays und Fachliteratur Poesie und Politik (პოეზია და პოლიტიკა). Tiflis 1992. Begegnende Hindernisse (შემხვედრი წინააღმდეგობები). Tiflis 1994. Fragen und soziale Umgebung (კითხვები და სოციალური გარემო). Tiflis 2000, ISBN 99928-0-041-0. Fragmentarium I. Tiflis 2006, ISBN 978-99940-0-982-4. Fragmentarium II, III. Tiflis 2008, ISBN 978-9941-0-0381-3. Fragmentarium IV. Tiflis 2011, ISBN 978-9941-0-3279-0. Fragmentarium V, VI, VII. Tiflis 2013, ISBN 978-9941-0-5264-4. Fragmentarium I-VII. Tiflis 2013, ISBN 978-9941-0-5306-1. Fragmentarium VIII. Tiflis 2015, ISBN 978-9941-0-7444-8. Skizzen über die deutschsprachige Poesie des XX. Jahrhunderts. Tiflis 2015, ISBN 978-9941-0-7527-8. Deutschsprachige Erfahrung des Dialogs zwischen Philosophie und Poesie. Tiflis 2023, ISBN 978-9941-8-5446-0.
Tagebücher Tagebücher 2008–2018 (დღიურები 2008–2018). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2020, ISBN 978-9941-8-2086-1. Tagebücher 2019–2023 (დღიურები 2019–2023). Chiffrierte Ausgabe. Tiflis 2024, ISBN 978-9941-8-6116-1.
Briefwechselliteratur D/D (დ/დ). Tiflis 2006, ISBN 99940-67-99-0. Nicht realisch (არარეალურად). Tiflis 2010, ISBN 978-9941-0-2442-9. Fortsetzung (გაგრძელება). Tiflis 2012, ISBN 978-9941-0-3977-5.
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Sammelbände Gedichte 1984–2004 (ლექსები 1984–2004). Tiflis 2008, ISBN 978-9941-0-0347-9. Kurzprosa 1990–2010 (მცირე პროზა 1990–2010). Tiflis 2010, ISBN 978-9941-0-2441-2. Fragmentarium I-VIII. Tiflis 2018, ISBN 978-9941-26-319-4.