mini|Konsum-Logo (1978–1995) mini|Konsum-Logo (1978–1995)

Konsum Österreich ist der Name der ehemals größten österreichischen Konsumgenossenschaft, die 1978 durch den Zusammenschluss der 14 wichtigsten Regionalkonsumgenossenschaften mit dem zentralen Wirtschaftskörper (vormals GöC) entstand. Grund für den Zusammenschluss war die akute Gefährdung einiger regionaler Genossenschaften und die Hoffnung der Führungsebene, so der Konkurrenz besser gewachsen zu sein. Durch die Insolvenz 1995, die in der Form eines Ausgleichs abgewickelt wurde, war die Rolle des die Entwicklung des Einzelhandels in der Nachkriegszeit prägenden Unternehmens zu Ende. Aus rechtlichen Gründen verblieb bis heute ein kleiner „Restkonsum“.

Langjähriger Vorsitzender des Aufsichtsrates (1978 bis 1990) und damit oberster Eigentümervertreter war Anton Benya, 1963 bis 1987 Präsident des österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB). Dies war Resultat einer Jahrzehnte dauernden institutionellen Verbundenheit. So wurde im Jahre 1922 die heutige Bank für Arbeit und Wirtschaft (BAWAG) von Karl Renner als „Arbeiterbank“ mit dem vorrangigen Ziel gegründet, ausreichende Mittel für den Aufbau der Konsumgenossenschaften in deren schwerer wirtschaftlichen Krise nach dem Ersten Weltkrieg zur Verfügung zu haben. In der Ersten Republik wurde vielfach von den Konsumgenossenschaften neben den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei als „dritter Säule der Arbeiterbewegung“ gesprochen. Die offizielle Verbindung zwischen der Sozialdemokratie und den österreichischen Konsumgenossenschaften, die seit dem Parteitag der SDAP 1909 bestand, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der allgemeinen Entideologisierung immer schwächer. Grund für die Mitgliedschaft der nach offiziellen Angaben 700.000 Mitglieder (1994) waren für die Mehrheit die günstige Lage der Konsumfilialen, laufende Veranstaltungen, Sonderangebote für Mitglieder und die Aussicht auf die jährliche Rückvergütung. Eine Ähnlichkeit zwischen den Mitgliederorganisationen der Konsumgenossenschaften und den Kundenbindungsmaßnahmen des heutigen Einzelhandels ist deutlich erkennbar.

Von der Insolvenz von Konsum Österreich waren 15.081 Arbeitnehmer direkt betroffen.Antrag zur Insolvenzanmeldung „Konsum Österreich“ vom 14. März 1995. Im Verkauf waren zum Zeitpunkt der Insolvenz 11.301 Mitarbeiter tätig, die zu einem großen Teil von den Käufern der Filialen übernommen wurden. In der Eigenproduktion waren 2.062 Personen beschäftigt, die großteils von den Erwerbern der betroffenen Betriebe weiter beschäftigt wurden. Die Dienstnehmer in der Logistik und Verwaltung von Konsum Österreich waren am stärksten von dem Ausgleich betroffen, hier gab es die meisten Arbeitsplatzverluste. Um soziale Härtefälle zu vermeiden, wurde für sie, wie für alle von Arbeitslosigkeit betroffenen Mitarbeiter, eine Arbeitsstiftung gegründet. Insgesamt wurden die Arbeitsplätze von ca. 13.000 Mitarbeitern durch die übernehmenden Betriebe gesichert.Aktuelle Entwicklung der österreichischen Konsumgenossenschaften. Eigenverlag des FOG, Wien 2012, S. 20.

Einige kleinere regionale Konsumgenossenschaften, etwa Ausseerland-Konsum (Filialnetz im Ausseer Land) und Salzkammergut-Konsum (Filialnetz im Inneren Salzkammergut, dem angrenzenden Salzburger Land und Vöcklabruck-Umgebung) sowie die Ortskonsumvereine in Vorarlberg blieben von der Insolvenz unberührt, da sie rechtlich eigenständige Unternehmen waren. Alle Filialen des in den Medien häufig als „roter Riese“ bezeichneten Unternehmens Konsum Österreich reg. Gen.m.b.H. waren aber vom Insolvenzverfahren betroffen und wurden im Rahmen des Ausgleichs großteils an Rewe Österreich (Billa), Spar, Julius Meinl und Zielpunkt verkauft. Der Ausseerland-Konsum begann im Jahr 2000 eine stille, insolvenzlose Liquidation; der Salzkammergut-Konsum stellte am 23. Mai 2011 den Konkursantrag beim Landesgericht Wels. Die Filialen im Salzkammergut wurden – wie bereits elf Jahre zuvor im Ausseerland – wieder zum Großteil von der Pfeiffer-Gruppe (Unimarkt, Nah&Frisch) übernommen.

Geschichte bis 1978 Die ersten Genossenschaften gründeten sich in Österreich nach dem Kaiserlichen Patent vom 26. November 1852, als ein neues Vereinsgesetz geschaffen wurde. Viele Arbeiter, die den steigenden Preisen entgehen wollten, solidarisierten sich lokal auf genossenschaftlicher Basis. Zahlreiche so genannte Konsumgenossenschaften, also Genossenschaften im Einzelhandel, die sich in erster Linie mit dem Vertrieb von Nahrungs- und Genussmitteln sowie verwandten Waren des täglichen Bedarfs befassten, wurden gegründet. Der erste österreichische Konsumverein wurde 1856 von den Textilarbeitern in Teesdorf gegründet.Vergleiche Fritz Klein: Selbsthilfe aus christlicher Verantwortung. Kommunal-Verlag Recklinghausen, 1967, Seite 43. 1873 waren es bereits 508 Konsumgenossenschaften, darunter der 1864 gegründete Erste Niederösterreichische Arbeiter-Konsumverein.

mini|Gramatneusiedl, Fabrikskolonie Marienthal, ehemalige Consumverein-Filiale (an der Baumgruppe) um 1980 mini|Sollenau, Hammerhof, Reste der zur ehemaligen Baumwollspinnerei gehörenden Consumverein-Filiale um 1979 ()

1872 wurde der Allgemeine Verband, der auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in Österreich gegründet. Das Warensortiment in den einzelnen Konsumgenossenschaften variierte je nach Ort und Lage sowie Betriebsgröße und sozialer Schicht der Mitglieder. Am 9. April 1873 wurde ein neues Genossenschaftsgesetz erlassen. Dadurch erhielten die Genossenschaften selbständige Rechtspersönlichkeit und entgingen damit der staatlichen Beaufsichtigung, jedoch traten gleichzeitig strengere Vorschriften in Kraft, wie etwa der Registrierungszwang oder die Haftpflicht für Mitglieder.

Zwischen 1890 und 1910 verfünffachten die Konsumgenossenschaften ihre Umsätze und Mitgliederzahl. In der Mehrzahl der Konsumgenossenschaften in Wien und Niederösterreich wurden mit der Mehrheit der Stimmen der sozialdemokratischen Mitglieder in den Konsumgenossenschaften mit der Leitung auch Sozialdemokraten betraut. Gegen diese wirtschaftlich riskante Entwicklung gab es in der Partei zwar zunächst deutliche Vorbehalte, die Gründungswelle hatte allerdings den Charakter einer administrativ schwer kontrollierbaren „Bewegung von unten“.

1903 kam es, durch starke Unterstützung von Teilen der Sozialdemokratischen Partei, zur Gründung des Zentralverbandes österreichischer Konsumgenossenschaften. Dieser Verband spaltete sich bald vom Allgemeinen Verband ab, welcher immer wieder seine politische Neutralität betonte.

1904 gehörten dem Zentralverband bereits 220 Konsumgenossenschaften an. Bis 1913 gehörten bereits 70 Prozent aller österreichischen Konsumgenossenschaften zum Zentralverband österreichischer Konsumgenossenschaften. Der Rest, der im Allgemeinen Verband verblieb, bestand aus bürgerlichen Konsumgenossenschaften, so etwa die bedeutende, 1862 gegründete Genossenschaft Erster Wiener Consum-Verein. Die Gründung des Zentralverbands österreichischer Konsumgenossenschaften (kurz: Konsumverband) führte allerdings nicht unmittelbar zu wirtschaftlichem Erfolg. Ein beachtlicher Teil der Wiener Konsumgenossenschaften war sogar konkursreif. Da die Konsumgenossenschaften in der Öffentlichkeit als sozialdemokratische Einrichtung betrachtet wurden und die Sozialdemokratische Partei sich diesen Imageverlust nicht leisten wollte, musste die Partei die Flucht nach vorne antreten und die wirtschaftlich gespannte Lage entschärfen. Mit Unterstützung der sozialdemokratischen Partei wurden fünf finanziell schwer angeschlagene Konsumgenossenschaften zur Arbeiterkonsumgenossenschaft Vorwärts zusammengelegt. Am Parteitag der Sozialdemokraten im Jahr 1909 wurden die Konsumgenossenschaften als „gleichwertiges Kampfmittel der Arbeiterbewegung“ neben den Gewerkschaften und der Partei anerkannt.

1905 wurde die Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine, kurz GöC, gegründet. Dadurch wurde der Einstieg in den Großhandel und die zentrale Eigenproduktion ermöglicht. Der Konsumverein Vorwärts hatte aber von Anfang an eine schwache finanzielle Basis. Damit er sich auf dem Wiener Markt etablieren konnte, nahm er Kredite bei der GöC auf. Vorwärts gewährte überhöhte Rabatte, die jedoch nicht zum gewünschten Erfolg führten. Durch den Preiskampf kamen zusehends auch die wirtschaftlich gesunden Genossenschaften in finanzielle Schwierigkeiten. Das Aufbringen von eigenen Betriebsmitteln durch Mitglieder konnte mit dem äußeren Wachstum nicht Schritt halten und brachte viele Konsumgenossenschaften in die Abhängigkeit von Banken. Die GöC kam ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten, da viele ihrer Mitgliedsgenossenschaften hohe Beträge schuldig blieben.

Konsumgenossenschaften aus ganz Österreich mussten in der Folge große finanzielle Opfer bringen, um die Liquidität des GöC zu sichern. 1913 reagierte Karl Renner, der damalige Vorsitzende des Konsumverbands, auf die finanziell gespannte Lage der Konsumgenossenschaften, indem er den Kreditverband der österreichischen Arbeitervereinigungen (Vorläufer der 1923 gegründeten Arbeiterbank und heutigen Bawag P.S.K.) gründete. Dieser Verband bündelte Gewerkschaftsgelder, Geldmittel der Konsumgenossenschaften und der sozialdemokratischen Organisationen. Dem Kreditverband der österreichischen Arbeitvereinigung gelang es zwar, die GöC vor dem finanziellen Untergang zu bewahren, finanziell saniert wurde sie aber erst durch die Einbindung in die Kriegswirtschaft des Ersten Weltkrieges.

Erster Weltkrieg und Folgen Ab 1916 wurden die Konsumgenossenschaften eine Verteilerorganisation der Kriegswirtschaft. Um Streiks der hungernden Arbeiterschaft in Betrieben, die für die Kriegsproduktion zuständig waren, zu verhindern, bildeten sich Lebensmittelverbände aus den Konsumgenossenschaften, die die Belieferung der Rüstungsindustrie mit Nahrungsmittel übernahmen. Die staatlich übertragene Organisation von Lebensmittellieferungen an Konsumgenossenschaften verhalf ihnen zu Rekordgewinnen. Die Konsumgenossenschaften konnten so ihre Schulden bei den Banken und der GöC zurückzahlen. Dabei gewannen sie auch an Ansehen, da sie im herrschenden Verkäufermarkt weniger gewinnorientiert auftraten als die privaten Kaufleute.

Die Konsumgenossenschaften hatten während des Krieges großen Einfluss auf staatliche Ämter gewonnen. Die Genossenschaftsbetriebe expandierten stark. Die schwierige Lage auf dem Lebensmittelsektor brachte den Konsumgenossenschaften einen großen Zustrom an neuen Mitgliedern. Nach dem Ende des Krieges wurde versucht, zahlreiche Rüstungsunternehmen in zivile „gemeinwirtschaftliche Unternehmen“ umzugestalten, gegründet, die GöC beteiligte sich an 23 solchen Unternehmen.

1920 wurde das Genossenschaftsgesetz novelliert, die Haftung der Mitglieder wurde eingeschränkt, die Verschmelzung von Konsumgenossenschaften wurde vereinfacht. Im selben Jahr wurde durch Fusion die Konsumgenossenschaft Wien und Umgebung (KGW) gegründet. Etwa zeitgleich wurde allerdings auch der Handel liberalisiert, während die Inflation stetig stieg. Die Konsumgenossenschaften sahen sich einem sinkenden Umsatz und Gewinn,Besonders schlimm traf dies den bürgerlichen Ersten Wiener Consum-Verein, dessen Kundenkreis die nun pauperisierten Mittelschichten waren. Vergleiche: Die Verschuldung des Ersten Wiener Konsumvereines. In: Badener Zeitung, 18. September 1926, S. 3, rechts oben (Online in Anno). sowie einer sinkenden Mitgliederzahl gegenüber.

Ab 1924 wurden die Konsumgenossenschaften des Konsumverbandes reorganisiert. Die Folgen der Reorganisation wirkten sich wie folgt aus:

Es bestand zwar weiterhin ein Naheverhältnis zur Sozialdemokratie (SDAP), die Konsumgenossenschaften versuchten aber nun in stärkerem Maße im Sinne der Rochdale-Neutralität als überparteilich zu gelten. Die Konsumgenossenschaften wurden vereinheitlicht, die meisten Konsumgenossenschaften nahmen die Mustersatzung des Verbandes an.