Das römische Kastell Hainhaus,Nicht zu verwechseln mit dem in der älteren Literatur ebenfalls als Kastell Hainhaus oder Kastell Hainhäusel bezeichneten Kastell Würzberg, ORL 49, bei Michelstadt-Würzberg. in der Literatur auch als Kastell Vielbrunn beschrieben, war ein Numeruskastell der älteren Odenwaldlinie des Neckar-Odenwald-Limes. Das heutige Bodendenkmal befindet sich in einem Waldstück rund zweieinhalb Kilometer nordnordöstlich vom Zentrum Vielbrunns, eines Stadtteils von Michelstadt in Südhessen.
Lage mini|links|Lageplan (Grabung 1895) mini|300px|Kastellgrundriss (Grabung 1895) Die knapp 5700 m² des Kastellgeländes erstrecken sich auf dem Plateau eines Höhenrückens zwischen dem Kimbachtal im Westen und dem Ohrenbachtal im Osten. Das Gelände fällt von Osten nach Westen hin schwach, von Süden nach Norden hin etwas stärker ab. In antiker Zeit hatte die Fortifikation an dieser Stelle vermutlich die Aufgabe, den Übergang zwischen den beiden Tälern zu überwachen. Heute befinden sich in den Tälern die Ortschaften Vielbrunn und Kimbach, ein Ortsteil von Bad König, deren moderne Verbindungsstraße etwa zwei Kilometer südlich des Kastells verläuft.
Forschungsgeschichte Der Kastellplatz war auch in nachrömischer Zeit bekannt und als Ruine sichtbar. In einer Urkunde aus dem Jahre 1432 wird er als Bentzenburg bezeichnet, was so viel wie „Geisterburg“ bedeutet.Rainer Türk: Wanderungen am Limes. Brunnengräber, Lorsch 2008, ISBN 978-3-9811444-1-3, S. 30–34. Im 18. Jahrhundert errichteten die Fürsten von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg ein Jagdschloss inmitten des Kastellgeländes. Bei den von Johann Friedrich Knapp im Auftrag des Grafen Franz I. zu Erbach-Erbach 1806 durchgeführten Untersuchungen vernachlässigte man die eigentliche Fortifikation, da man der Meinung war, diese habe durch die Errichtung des Jagdschlosses bereits starken Schaden genommen, und widmete sich stattdessen primär den Kastellthermen.Johann Friedrich Knapp: Römische Denkmale des Odenwaldes, insbesondere der Grafschaft Erbach und Herrschaft Breuberg. Engelmann, Heidelberg 1813; Meder, Heidelberg 1814²; Jonghaus, Darmstadt 1854³. Die bislang einzigen wissenschaftlichen archäologischen Ausgrabungen des Kastells selber wurden dann erst im Jahre 1895 durch die Reichs-Limeskommission (RLK) unter der örtlichen Grabungsleitung des Streckenkommissars Friedrich Kofler vorgenommen, der auch das Kastellbad noch einmal einer Nachuntersuchung unterzog.
Befunde Kastell mini|Infotafel am Kastell Hainhaus Über die rezenten gemörtelten Steinmauern hinaus konnten dabei zumindest noch Trockenmauerreste festgestellt werden, was dafür spricht, dass auch dieses Militärlager – wie bei den nahe gelegenen Kastellen Würzberg und Hesselbach nachgewiesen – alle drei Bauphasen des älteren Odenwaldlimes durchlaufen hat. Demnach wäre
das Kastell Hainhaus in trajanischer Zeit in Holz-Erde-Bauweise errichtet worden, in hadrianischer Zeit, also zwischen 117 und 138, an die Stelle der hölzernen Umwehrung eine im Zwischenraum mit Erde verfüllte Doppel-Trockenmauer getreten, zwischen 140 und 150 das Trockenmauerwerk durch eine gemörtelte Steinmauer ersetzt worden.Nach Dietwulf Baatz: Kastell Hesselbach und andere Forschungen am Odenwaldlimes. Gebr. Mann, Berlin 1973, ISBN 3-7861-1059-X, (Limesforschungen Band 12). Mit der Vorverlegung des Limes um etwa 30 km in östliche Richtung wäre das Kastell schließlich – wie der gesamte Odenwaldlimes – bis spätestens 159/160 aufgegeben worden.
Die Fortifikation von Vielbrunn bedeckte in Form eines leicht unregelmäßigen Vierecks eine Fläche von knapp 0,6 Hektar. Mit seiner Prätorialfront war es nach Osten, zum Limes hin ausgerichtet, der das Lager in etwa 80 Meter Entfernung passierte. Die Länge der Vorderfront betrug 70,95 m, die der Rückfront 72,52 m. Die nördliche Seitenmauer war 78,47 m, die südliche 79,20 m lang. Die Ecken der ungefähr 80 cm starken Mauer waren gerundet und nicht mit Wehrtürmen versehen. Als Annäherungshindernis diente, nach einer 0,75 m bis 1,20 m breiten Berme, ein einfacher, zwischen 6,40 m und 7,70 m breiter und zwischen 1,40 m und 1,90 m tiefer Spitzgraben in Form einer so genannten Fossa Punica, deren dem Kastell abgewandte Böschung deutlich steiler abfiel als die der Wehrmauer zugewandte.
Das Lager verfügte über drei von je zwei Türmen flankierte Tore und – zumindest in einer Bauphase – über eine kleine, rückwärtige Schlupfpforte. An der Innenseite der Mauer war ein vier bis fünf Meter breiter Erdwall angeschüttet, an den sich wiederum der 2,80 m bis 3,50 m breite Wallweg anschloss. Spuren der eigentlichen Innenbauten des Lagers waren zur Zeit der Ausgrabungen durch die neuzeitliche Baumaßnahmen bereits völlig zerstört, lediglich die Wegachsen konnten durch einige Grabungsschnitte festgestellt werden.
Die Besatzung des Lagers bildete ein etwa 150 Mann starker, namentlich nicht bekannter Numerus.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5, S. 85f.
Kastellbad 180 m nordwestlich des Lagers befanden sich die Kastellthermen, die bereits durch Knapp untersucht worden waren. Es handelt sich um ein Bad vom Reihentyp. Die Längsachse des Gebäudes belief sich – inklusive Praefurnium (Heizraum) – auf 18,5 m, die maximale Breite des Gebäudekomplexes betrug 11,13 m. Von der Südostseite her betrat man einen Raum, der von Kofler als Apodyterium (Umkleideraum) interpretiert worden ist. Analog zu anderen Militärbädern muss aber davon ausgegangen werden, dass der Raum als Frigidarium fungierte.Vergleiche Britta Rabold: Walldürn. Numeruskastell, Zivilsiedlung und Bad. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 358ff. Das eigentliche Apodyterium, vermutlich in Form einer Vorhalle in Holzbauweise, konnte wahrscheinlich mit den grabungstechnischen Methoden der Zeit nicht wahrgenommen werden.Vergleiche Christoph Unz: Grinario. Das römische Kastell und Dorf in Köngen. Theiss, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0302-4, (Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg, 8), S. 69. Zur linken Seite dieses Raums befand sich in einem Annexbau ein Kaltwasserbassin, zur rechten ein weiterer, hypokaustierter Annexbau mit separatem Praefurnium, der als Sudatorium angesprochen werden muss. Im mittleren Bereich des Gebäudes lag das Tepidarium (Laubad). Mit einem dreiräumigen Caldarium (Warmbad), das vollständig mit Hypokausten versehen war, und dem dazugehörenden Heizraum schloss der Gebäudekomplex im Nordwesten ab.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5, S. 86.
Erhaltungszustand und Fundmaterial Die Kastellumwehrung hebt sich im Gelände noch heute deutlich ab, vom Badegebäude hingegen sind kaum noch Spuren wahrnehmbar. Die in Höhe der Porta praetoria befindlichen sechs steinernen Sessel gehören dem 18. Jahrhundert und somit dem Jagdschloss an. Dies gilt ebenfalls für eine hügelförmige Erhebung im Bereich der südwestlichen Kastellecke, bei der es sich um einen neuzeitlichen Eiskeller handelt. Eine Besichtigung des Areals ist jederzeit möglich. In Michelstadt wird die römische Vergangenheit der Region durch eine kleine Abteilung des Odenwaldmuseums präsentiert..
Limesverlauf zwischen den Kastellen Hainhaus und Eulbach Vom Kastell Hainhaus aus zieht der Limes – ausschließlich durch Wald- und Waldrandgebiet – weiter in südliche Richtung auf das Kastell Eulbach zu. Hierbei steigt er allmählich von 457 auf 510 Höhenmeter an. ORLORL = Nummerierung der Limesbauwerke gemäß der Publikation der Reichs-Limeskommission zum Obergermanisch-Rätischen-Limes Name/Ort Beschreibung/Zustand ORL 47ORL XY = fortlaufende Nummerierung der Kastelle des ORL Kastell Hainhaus siehe oben Wp 10/14/Wp = Wachposten, Wachturm. Die Ziffer vor dem Schrägstrich bezeichnet den Limesabschnitt, die Ziffer hinter dem Schrägstrich in fortlaufender Nummerierung den jeweiligen Wachturm. „An der Döllchenschneise“ 25px|verweis=d:Q131520025 Der Steinturm war schon zur Zeit der Reichs-Limeskommission nicht mehr vorhanden. Er diente vermutlich beim Straßenbau oder bei der Errichtung des Jagdschlösschens als wohlfeiler Steinbruch. mini|Geländeprofil bei Wp 10/14 Die Stelle des ehemaligen HolzturmsEtwa bei zeichnet sich durch den ihn umgebenden Ringgraben, in dem jahreszeitlich und witterungsbedingt gelegentlich Wasser steht, deutlich im Gelände ab. In diesem Bereich erfolgte durch die Kommission eine Aufmessung der Oberflächenstrukturen, von einer archäologischen Untersuchung wurde aber Abstand genommen.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5, S. 87. Wp 10/15 „Im oberen Haspel“ 25px|verweis=d:Q131522568 Auch der Steinturm der Turmstelle Wp 10/15 fiel vermutlich schon früh Straßenbauarbeiten in diesem Gebiet zum Opfer, bei denen seine Trümmer als Randsteine Verwendung fanden. mini|Geländeprofil bei Wp 10/15 Die Holzturmstelle,Etwa bei die etwa zur Hälfte von der modernen Straße geschnitten wird, wurde von der Kommission zwar in ihrer Oberflächenstruktur vermessen, jedoch nicht archäologisch untersucht. Schwache, zum Teil versumpfte Spuren des Ringgrabens und des Turmhügels finden sich unmittelbar westlich der Straße in einer Buschgruppe.Wp 10/15 auf der privaten Limesprojektseite von Claus te Vehne mini|Stelle des originären Bodendenkmals (2009) mini|Turmrekonstruktion mit Informationstafeln (09/2012) In dem Turmhügel befindet sich ein Steinfundament, das aber neuzeitlich ist und in keinem Zusammenhang mit der antiken Bebauung steht. Der Holzturm wurde im Jahr 2010 wenige Meter nördlich rekonstruiert. Die Rekonstruktion ist weitgehend baugleich zu derjenigen bei Rainau-Buch (Wp 12/77 „Mahdholz“). Wp 10/16 „Bei Vielbrunn“ Die TurmstelleBei entsprechend der Reliefdaten. war schon im 19. Jahrhundert durch Ackerbau weitestgehend zerstört und konnte von der Reichs-Limeskommission nur noch anhand der dort höheren Steinkonzentration lokalisiert werden. Lange Zeit galt sie als „gänzlich verschollen“. Mit modernen geophysikalischen Prospektionsmethoden gelang es jedoch 2009, die Turmstelle und einen Teil des Limesbegleitweges zu lokalisierenEgon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5, S. 87f. Wp 10/17 „In den Heumatten“ 25px|verweis=d:Q131522641 mini|Geländeprofil bei Wp 10/17 Der gut erhaltene HolzturmhügelEtwa bei wurde von der Reichs-Limeskommission nur in seiner Oberflächenstruktur vermessen, nicht jedoch archäologisch untersucht.Wp 10/17 auf der privaten Limesprojektseite von Claus te Vehne
Etwa 40 m südlich der Holzturmstelle befand sich mindestens ein Steinturm, der jedoch bereits zur Zeit der Reichs-Limeskommission zum Zwecke des Straßenbaus als Steinbruch ausgebeutet und zerstört worden war.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5, S. 88. Wp 10/18 „Im Strichherrenwald“ 25px|verweis=d:Q131522663 mini|links|Wp 10/18 zur Zeit der Reichs-Limeskommission mini|Geländeprofil bei Wp 10/18 Sehr gut erhaltene Holzturmstelle,Etwa bei die einschließlich der wallartigen Erhöhung an der Außenseite des sie umgebenden Ringgrabens einen Durchmesser von über 30 m gehabt haben muss. Durch die Reichs-Limeskommission wurde nur ein Höhennivellement durchgeführt, auf eine archäologische Ausgrabung wurde verzichtet.