mini|hochkant|Symbol auf der Eingangstür der Mikwe-Israel-Synagoge für das Motto der AIU Kol Jisrael arevim se ba-se („Ganz Israel bürgt füreinander“) mini|hochkant|Adolphe Crémieux mini|Schulkinder im marokkanischen Fès, 1940, Aufnahme von Dalia Ohayon
Die (deutsch ,Universelle Israel(it)ische Allianz‘; ; Akronym bzw. AIU) ist eine französisch geprägte jüdische Kultur- und Selbsthilfeorganisation, die international etabliert ist. Im Zentrum ihres Strebens stand die Erlangung gleicher Bürgerrechte für Juden weltweit. Die Alliance Israélite Universelle hat nie die Auswanderung von Juden aus ihren Herkunftsländern gefördert. Die Organisation diente auch stark den diplomatischen Interessen Frankreichs.
Geschichte Die Alliance stellte einen Bruch mit hergebrachten Auffassungen über die konfessionelle Funktion jüdischer Institutionen dar, für die das Consistoire central israélite stand. Deren öffentliche Reaktion auf die Entführung Edgardo Mortaras wurde von vielen Juden als zu vorsichtig angesehen. Die Alliance verstand sich als Erbin der Staatsidee der Republik, aber auch des Judentums, wobei sie unter Wahrung der religiösen Spiritualität der laizistischen Zielsetzung der Trennung von Religion und Staat verpflichtet war und aus der sogenannten Wissenschaft des Judentums schöpfte. Wenn auch in ihrem Wirken überwiegend auf Juden ausgerichtet, war sie universell im Bezug auf die Verbreitung der Erkenntnisse der Aufklärung, wie sie idealtypisch in der Encyclopédie verwirklicht worden waren. In ihrem Selbstanspruch einer Avantgarde zur Verteidigung der Menschenrechte und humanitärer Werte stand sie dem frühsozialistischen Denken des Saint-Simonismus nahe, dessen aus der Wirtschaftspolitik entnommene Konzepte sie auf ihr Wirkungsgebiet anwandte. Personell bestanden enge Verbindungen zur Freimaurerei. Das Ziel der Alliance in ihrem Wirkungsgebiet war eine „Regeneration“ und Emanzipation des Judentums in der jüdischen Diaspora.
Die Alliance Israélite Universelle wurde am 17. Mai 1860 im Paris des Second Empire gegründet. Gründungsort war das Wohnhaus des liberal gesinnten Kaufmanns Charles Netter. Unter den 17 Anwesenden waren der Oberrabbiner Élie-Aristide Astruc, Isidore Cahen und Eugène Manuel sowie Juden aus dem Elsass, dem südfranzösischen Comtat Venaissin (Comtadins) und einige der als Portugiesen bezeichneten französischen Sepharden. Sechs Gründer unterzeichneten den Appel aux Israélites und veröffentlichten ihn. Gleichzeitig bestand in islamischen Ländern die seit Jahrhunderten untergeordnete rechtliche Stellung der Dhimma, deren Lage sich selten durch Gewalt, häufig aber durch Gleichgültigkeit der Institutionen verschlechterte, ein Engagement im Mittelmeerraum drängte sich auf.
mini|Bescheinigung für die Eignung der sechsjährigen Schülerin Ela Aboulafia zum Übertritt in die nächsthöhere Schulklasse, Smyrna (Izmir), 1923 (für Jungen vorgedrucktes Formular) mini|Medaille von Emmanuel Hannaux zum 50-jährigen Jubiläum der Alliance Israélite Universelle (1910) in der Sammlung des Jüdischen Museums der Schweiz, Basel (Inv-Nr. JMS 557): Weibliche Personifikation mit den Symbolen der Alliance. Die andere Seite zeigt Narcisse Leven im Profil. mini|Schülerinnen in Hamadan im heutigen Iran um 1927, Autochromplatte
Den äußeren Anlass zur Gründung der Alliance gaben, neben der besorgniserregenden Armut unter Juden in den extrem beengten Mellah und Hara des Maghreb, zwei schockierende Ereignisse: Die als Damaskusaffäre bekannt gewordenen antisemitischen Ausschreitungen von 1840 sowie die 1858 erfolgte kirchliche Entführung des jüdischen Kindes Edgardo Mortara in Bologna. Hinzu kam 1855 ein Fall von Lösegelderpressung gegen Juden durch staatliche und islamische Institutionen im Jemen. Vor allem der Vorfall im nahen Italien und ultramontane Pressekampagnen standen im eklatanten Widerspruch zur bereits nahe geglaubten Modernität. Die erste öffentliche Initiative der Alliance war dennoch im Juli 1860 jedoch eine Spendensammlung zugunsten maronitischer Christen im Mutesarriflik Libanonberg, die das Ziel drusischer Übergriffe geworden waren. Die Loyalität zum christlichen Frankreich, das im August 1860 im Libanon einmarschierte, wurde damit betont. Dem Verdacht des Partikularismus setzte die Alliance auch ihr Engagement zugunsten von verfolgten Protestanten in Spanien entgegen.
Erster Präsident wurde Adolphe Crémieux, der diese Funktion bis zu seinem Tod 1887 behielt. Das Präsidium und das Comité central wurden durch interne Wahlen unter Beteiligung aller Mitglieder bestimmt. Eine Mitgliedschaft von Einzelpersonen kam durch einfache Spendenüberweisung an die Organisation zustande. 1865 zählte die Alliance bereits über 4600 Mitglieder. In Istanbul setzte sich Abraham de Camondo (1780–1873) als Förderer für die Alliance ein. Er präsidierte ab November 1863 am Bosporus ein Comité régional. In Bagdad waren es die Familien Sassoon und Kadoorie (Kedourie), die sich für die Alliance einsetzten. Laura Kedourie gründete dort, ergänzend zur seit 1865 bestehenden Knabenschule Albert Daud Sassoon, 1911 auch eine Mädchenschule. Im Juli 1873 gab der absolutistische Monarch Nāser ad-Din Schāh seine Einwilligung und ein Schutzversprechen für Schulgründungen der Alliance für die damals vermuteten 20.000 Juden in Persien um 1866. Eine erste Schulgründung im Reich des Schāh gelang jedoch erst im Jahr 1898.
Yomtov Semach ging für die Alliance auf Erkundungen in den Jemen und nach Äthiopien, ohne dort weiter tätig zu werden. Die Schulen führten auf deren Weg zur angestrebten Emanzipation zu einer Verwestlichung der Juden in den muslimischen Ländern. Im französisch kolonisierten Algerien erwirkte das Decret Crémieux gar ihre Zwangseinbürgerung. Der Historiker Michel Abitbol nennt diesen Akkulturationsprozess eine „Dearabisierung“ („désarabisation“). Die kulturelle Gedankenwelt, Kleidung und Küche Europas, insbesondere Frankreichs, wurden angenommen. Wohlhabende Familien bevorzugten, wo vorhanden, so ab 1911 in Italienisch-Libyen, meist die staatlichen, von christlichen Lehrern geführten Schulen gegenüber jenen der Alliance.
Charles Netter engagierte sich 1881–1882 auch zugunsten von Pogromopfern und baute ein Hilfszentrum für Flüchtlinge in Brody an der russisch-österreichisch-ungarischen Grenze auf. Die Arbeit, die die Alliance in Europa leistete, erreichte am Ende des Ersten Weltkriegs einen weiteren Höhepunkt, als sie polnische Juden (1919) und russische Juden (1922), als Opfer von Hungersnöten, unterstützte.
Schulen Juden, Christen und Muslime Die Alliance profilierte sich mit der Gründung von Schulen in Ländern der muslimischen Welt. Zur Finanzierung trug Maurice de Hirsch bei. Die ersten Schulen der Alliance im Osmanischen Reich gingen 1864 in der griechischen Stadt Volos, in Damaskus und 1865 Bagdad auf, doch konnte sich erst die 1867 in Adrianopel, dem heutigen Edirne, gegründete Schule längerfristig halten. Auch der französische Staat betrieb im osmanischen Vielvölkerreich bis vor dem Ersten Weltkrieg Schulen mit 65.000 bis 90.000 Kindern. Deren Budget belief sich auf 2,5 Millionen Francs (0,1 % des Staatshaushalts). Während der französische Staat seine Schulen mit Blick auf die dort lebenden Christen eröffnete, sah die Alliance ihre Aufgabe darin, die jüdische Jugend im modernen, europäischen Sinn zu bilden.
Schulen beider Träger standen jüdischen Kindern und Kindern aus den Notabelnfamilien und dem Nachwuchs der christlichen und muslimischen Dienstklasse offen. So waren 1906 in der Knabenschule der Alliance in marokkanischen Tanger 40 von 300 Schülern katholisch, in der Mädchenschule waren 40 von 320 Schülerinnen katholisch. Im mesopotamischen Hille hatte die Alliance 16 % muslimische (schiitische) Schüler um 1909. Die Schule in Mossul zählte 1911 acht muslimische und sechs christliche Kinder. Die mächtige Jerusalemer Familie al-Husseini fühlte sich der Alliance verbunden. Neben Djawad al-Husseini besuchte auch Saʿid al-Husseini, Jerusalems Bürgermeister von 1905 bis 1908, als Kind das Alliance-Gymnasium. Dies trug nicht immer zum besseren Zusammenleben bei. Auch der spätere Antisemit Mohammed Amin al-Husseini besuchte zeitweise die Alliance in Jerusalem. Mit Blick auf mögliche Judenmission öffneten auch christliche Missionare, wie die einen obligatorischen Katechismus-Unterricht verlangenden Frères de la doctrine chrétienne, ihre Schulen für jüdische Schulkinder.
Lehrpersonal und Organisation Seit 1867 hatte die Alliance ein eigenes Lehrerseminar, die École normale israélite orientale (ENIO) in Paris. Ihr erster Leiter war Isaïe Levaillant. Die ENIO war ab 1890 in Auteuil domiziliert. Ferdinand Buisson unterrichtete an der Institution. Die Lehrerinnen wurden getrennt von den Lehrern im Institut Bischoffsheim im Elsass ausgebildet. Die Bezahlung des Unterrichtspersonals war jedoch bescheiden, weshalb Lehrer häufig von anderen jüdischen Schulen abgeworben wurden. Ein Inhaber des Lehrerdiploms Brevet supérieur verdiente 1919 in Marokko knapp 3300 Francs im Monat, staatlich finanzierte jüdische Schulen, die sogenannten „Écoles franco-israélites“, bezahlten mit 5500 Francs deutlich mehr. In Marokko waren zwischen 1870 und 1912 fast ein Drittel des AIU-Lehrpersonals Frauen. Im Ersten Weltkrieg geriet die Alliance in finanzielle Not und musste Schulen an den Staat abgeben. Frankreich reglementierte ab 1912 sämtliche Schulen im Maghreb.
Indes bot die Schule in Edirne mit 551 Mädchen und 1106 Knaben um 1908 tagsüber rund 50 verschiedene Lehrberufe für Knaben an. Die Auswahl reichte von Schafscherer über Fotograf und Uhrmacher zu Mechaniker und Schneider. Wer wollte, konnte auch Klempner werden. Abends schloss sich der allgemeine Unterricht an. Jedoch waren die meisten Schulen nicht mit berufsbildenden Angeboten ausgestattet, sie begnügten sich damit, Knaben Buchhaltung und Mädchen die Hauswirtschaft zu vermitteln. Der Pionier der Berufsbildung war ab 1872 der Schulleiter von Volos, der aus Tétouan stammende David Cazès. Zu den Problemen, mit denen die Alliance kämpfte, zählten verfrühte Eheschließung, Schulabbruch oder fehlende Mädchenschulen. Um 1900 war Narcisse Leven Präsident der Alliance.
Sprachpolitik und Haltung zum Judentum als Religion Im Osmanischen Reich unterrichtete die Alliance zunehmend auch Türkisch und vermittelte osmanisch-patriotisches Gedankengut. Hingegen bekämpfte die Alliance die Verwendung jüdischer Sprachen wie Ladino, Jiddisch, Judäo-Berberisch und Judäo-Arabisch, die sie als rückständig und als Entwicklungshindernis betrachtete. Yossef Charvit von der Bar-Ilan-Universität schreibt jedoch, dass in Algerien viele Alliance-Mitarbeiter einen weniger starken Akkulturationsdruck ausüben wollten, was die Leitung in Paris kritisiert habe. Auch mehrere Mitglieder des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt, denen im Gegensatz dazu schwerlich ein mangelnder Wille zur Modernität vorgeworfen werden konnte, hatten Schulen der Alliance besucht.
Der spätere türkische Oberrabbiner Haim Nahum besuchte die Alliance, wiewohl sie einem säkularen Unterrichtsverständnis folgte, was ihr den Widerstand zahlreicher Rabbiner einbrachte. So bekam beispielsweise der Schuldirektor von Tanger, Moïse Fresco, 1885 Ärger, weil er Schülern wissenschaftlich erklärt habe, wie Regen entsteht. Zudem habe Fresco dargelegt, der Auszug aus Ägypten sei durch tiefen Wasserstand begünstigt worden, was ihm die Rabbiner als Aussage auslegten, es gebe Gott nicht. Fresco antwortete, er führe keine rabbinische Schule. Als er 1887 die Talmud Tora (Cheder) von der Alliance-Schule trennte, sprachen sie ein Herem gegen ihn und zwangen ihn zum Verlassen der Stadt, die Schule blieb während einigen Monaten geschlossen. Neben religiösen Vorbehalten gab es auch solche, die als Aberglaube galten. So schrieb der Englischlehrer Morris Cohen nach 1890 über ständige Angst vor dem „Bösen Auge“ unter Jüdinnen.
Palästina und das Verhältnis zum Zionismus