mini|Das Grab von Paul van Husen im Familiengrab auf dem alten Friedhof St. Mauritz in Münster. Paul „Paulus“ van Husen (* 26. Februar 1891 in Horst an der Emscher;Frank Schindler: Paulus van Husen im Kreisauer Kreis. Schöningh, Paderborn 1996, S. 17. † 1. September 1971 in Münster) war ein deutscher Jurist, Offizier, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Mitglied der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis. Nach der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen war er erster Präsident des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen und später erster Präsident des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.
Leben Kaiserzeit Paulus van Husen stammte aus einer katholischen Arztfamilie.Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Paulus van Husen, abgerufen am 19. März 2019. Er besuchte das Gymnasium Paulinum in Münster, an dem er 1909 das Abitur ablegte.Rudolf Morsey: Adenauers mühsame Suche nach einem „Staatssekretär des Äußeren“ 1949/50: Zwei Angebote an und zwei Absagen von Paulus van Husen. In: Werner J. Patzelt, Martin Sebaldt, Uwe Kranenpohl (Hrsg.): Res publica semper reformanda. Wissenschaft und politische Bildung im Dienste des Gemeinwohls. VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 347–359, hier S. 349.
Van Husen studierte von 1909 bis 1912 Rechts- und Staatswissenschaften in Oxford, München, Genf und Münster. Im Juni 1912 bestand er das Referendar-Examen in Hamm mit dem Prädikat „gut“. Im Anschluss begann er zunächst eine Ausbildung zum Gerichtsassessor beim Amtsgericht in Warendorf. Am 1. Oktober 1912 trat er ins Husaren-Regiment „Kaiser Nikolaus II. von Russland“ (1. Westfälisches) Nr. 8 ein und leistete in Paderborn-Neuhaus seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger ab. Im Anschluss setzte er seine Ausbildung beim Amtsgericht in Warendorf zunächst fort. Ende März 1914 trat er in die preußische Verwaltung ein und wurde zum Regierungsreferendar ernannt. Als solcher war er beim Landratsamt Lüdinghausen tätig. Mit Mobilmachung zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde van Husen am 1. August 1914 zunächst als Vizewachtmeister auf einer Offiziersstelle beim Regimentsstab seiner Einheit eingewiesen, bevor er Anfang September zum Leutnant ernannt wurde. Er versah zunächst Dienst an der Westfront, unter anderem in Lüttich, am Chemin des Dames und bei Verdun. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Anfang Januar 1918 wurde er an die Ostfront verlegt, kam im Oktober 1918 dann wieder an die Westfront, wo er unter anderem in der Antwerpen-Maas-Stellung eingesetzt wurde. Das Kriegsende erlebte er auf dem Rückzug in Belgien.
Zeit der Weimarer Republik Anfang Dezember 1918 wurde van Husens Einheit im Vorfeld der sogenannten Weihnachtskämpfe als Teil der Garde-Kavallerie-Schützen-Division nach Berlin verlegt. Am 23. Dezember, also noch vor den eigentlichen Kämpfen in Berlin, verließ van Husen die Truppe und kehrte nach Westfalen zurück. Anfang Januar 1919 setzte er seine frühere Tätigkeit beim Landratsamt in Lüdinghausen fort. 1920 wurden er an der Universität mit einer Dissertation über Die staatsrechtliche Organisation des Deutschen Reiches von der Revolution November 1918 bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung promoviert.Frank Schindler: Paulus van Husen im Kreisauer Kreis. Schöningh, Paderborn 1996, S. 17–18. Während des Ruhraufstandes im Frühjahr 1920 wurde van Husen vom Münsteraner Regierungspräsidenten Graf Merveldt für etwa sechs Wochen mit der Vertretung des zwischenzeitlich aus dem Amt vertriebenen Landrats Otto von Westfalen beauftragt. Im Oktober 1920 bestand er im preußischen Innenministerium das Assessorexamen mit dem Prädikat „gut“. Unmittelbar im Anschluss wurde ihm eine Stelle als Assessor bei der Regierung der Provinz Oberschlesien in Oppeln zugeteilt, hier war er verantwortlich für das Gewerbedezernat. Im Februar 1921 wurde er stellvertretender Landrat des Kreises Rybnik. Als der Landrat des Kreises Rybnik Hans Lukaschek in Vorbereitung auf die Volksabstimmung in Oberschlesien zum Schlesischen Ausschuss wechselte, wurde van Husen Anfang 1921 mit der kommissarischen Leitung des Landratsamtes des Kreises Rybnik betraut, die er bis zur Übergabe des Kreises an Polen am 15. Juni 1922 wahrnahm.Albrecht von Moltke: Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen des Kreisauer Kreises innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung. Müller Botermann, Köln 1989, ISBN 3-924361-73-8, S. 60. Mit Lukaschek verband van Husen fortan eine lebenslange Freundschaft. In der Folge forderte van Husen unter Verweis auf seine Leistungen in Lüdinghausen und Rybnik bei der Personalabteilung des preußischen Innenministeriums die Übertragung des Postens eines Landrats in Westdeutschland ein. Da dieser Wunsch abgelehnt wurde, entschloss er sich zum Ausscheiden aus dem Staatsdienst, nachdem ihm Karl Gottfried Prinz zu Hohenlohe-Ingelfingen eine Stelle als dessen Generalbevollmächtigter anbot. Zum 1. Januar 1923 trat er die Stelle in Koschentin an. Nachdem Lukaschek als deutsches Mitglied der Gemischten Kommission für Oberschlesien infolge einer Spionageaffäre von seinem Amt zurücktreten musste, schlug dieser van Husen zu seinem Nachfolger vor. Zunächst wehrten sich das preußische Innenministerium sowie das Auswärtige Amt gegen ihn, wohl wegen seiner Zugehörigkeit zur Deutschen Zentrumspartei sowie seiner katholischen Gesinnung. Mit Unterstützung des oberschlesischen Zentrumspolitikers Carl Ulitzka wurde er im April 1927 schließlich durch die Reichsregierung ernannt. Wie seine Vorgänger erhielt er dabei die Zusage, dass er nach seinem Ausscheiden aus der Kommission mindestens als Ministerialrat in den preußischen oder Reichsdienst eingestellt werde. Seine Tätigkeit übte er weisungsgebunden von der Regierung im nunmehr polnischen Kattowitz aus, in welchem er mit Diplomatenstatus lebte. Aufgabe der Kommission war insbesondere der Schutz der Minderheiten in Oberschlesien. Im Rahmen dieser Tätigkeit nahm er zwischen 1927 und 1932 an fast allen Tagungen des Völkerbundsrats teil. Seine bisherige Tätigkeit als Generalbevollmächtigter von Prinz zu Hohenlohe-Ingelfingen übte er in dieser Zeit in Nebentätigkeit einmal pro Woche weiter aus. Während der Zeit in Kattowitz lernte van Husen Helmuth James Graf von Moltke kennen, mit dem er später im Widerstand gegen Hitler tätig sein sollte.
Zeit des Nationalsozialismus Ende der Tätigkeit in Oberschlesien Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland setzte sich van Husen vergeblich dafür ein, dass in Oberschlesien auch Juden als Minderheit unter den Schutz des Genfer Vertrages fallen. Im Dezember 1933 nahm er an der Generalversammlung des Katholischen Frauenbundes teil, bei der die katholische Österreicherin Fanny Starhemberg als Hauptrednerin fungierte. Dies musste angesichts der damaligen Spannungen zwischen Nazideutschland und Österreich seitens der Nazis als Provokation aufgefasst werden. 1934 wurde er von der Reichsregierung aus der Gemischten Kommission abberufen.Frank Schindler: Paulus van Husen im Kreisauer Kreis. Schöningh, Paderborn 1996, S. 21.
Tätigkeit beim preußischen Oberverwaltungsgericht Er wurde als Richter im Amt eines Oberverwaltungsgerichtsrates am Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berlin wieder eingestellt und verlegte auch seinen Wohnsitz dorthin. Zunächst war er beim Disziplinarsenat tätig, aufgrund seiner Probleme damit, ungerechte nationalsozialistische Gesetze anzuwenden, wurde er auf Bestreben des Innenministeriums zum Wassersenat versetzt. Später folgten Versetzungen zum Steuer- und zum Kommunalsenat. Während dieser Zeit protestierte van Husen gegen blasphemische Äußerungen eines Reichsredners bei einem Vortrag im Gericht. Ebenfalls zu dieser Zeit wurde van Husen Mitglied im Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde St. Karl Borromäus in seinem Wohnort Grunewald. Forderungen des Blockleiters, in die NSDAP einzutreten, lehnte er ab und verwies auf seine frühere Mitgliedschaft im Zentrum.
Dienst beim Oberkommando der Wehrmacht Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde van Husen im April 1940 als Rittmeister der Reserve in die Wehrmacht eingezogen. Er übte seinen Dienst beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) in der Standortstaffel Berlin des Wehrmachtsführungsstabes aus. Vorausgegangen war eine Bitte von Herbert Bach, dem Vizepräsidenten des Oberverwaltungsgerichts, für diesen den Dienst als Jurist im Wehrmachtsführungsstab anzutreten, da dieser sich Hoffnungen auf den Posten des Verwaltungsgerichtspräsidenten machte. Van Husen, der im Nationalsozialismus an keinen Wehrübungen mehr teilgenommen hatte, weil er „freiwillig dem Hitler-Heer nicht angehören“ wollte, nahm das Angebot gerne an, insbesondere um eine Einziehung zu einem „wenig erfreulichen Dienst“ zu entgehen. Da das OKW zugleich die Geschäfte des Reichskriegsministeriums wahrnahm und der Chef des OKW im Range den Reichsministern gleichgestellt war, war van Husen in seiner Tätigkeit dort auch mit dem Erstellen von Stellungnahmen zu Entwürfen von Gesetzen und Führererlassen betraut. Er nutze diese Möglichkeit der Einflussnahme um einige dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip widersprechende Regelungen zu verhindern oder zumindest zu verzögern. So gelang es ihm einen Gesetzesentwurf von Reinhard Heydrich zu verhindern, der es der Polizei formal gestattet hätte Personen als „Asoziale“ zu deklarieren und gegen diese ohne jegliche Möglichkeit der Beschwerde jeden Eingriff in Vermögen, Freiheit, Leib oder Leben zu gestatten.
In Zusammenarbeit mit seinem befreundeten Bischof Heinrich Wienken, welcher die katholische Kirche gegenüber der Regierung in Berlin vertrat, nutzte er seine Funktion, um Beschlagnahmen kirchlicher Einrichtungen durch NSDAP- oder SS-Stellen zu verhindern. Auf Intervention des Innenministeriums bei General Walter Warlimont wurde van Husen im Herbst 1943 von seinen bisherigen Aufgaben entbunden und mit Bewirtschaftungsaufgaben vertraut, wohl weil die problembereitende Zusammenarbeit mit ihm aufgefallen war. Kurz vor dem 20. Juli 1944 war er in dieser neuen Funktion mit einem Vorgang befasst, bei dem er Kenntnis über die Ermordung von Juden in Polen erhielt.
Mitglied im Kreisauer Kreis Paulus van Husen gehörte dem im Widerstand tätigen Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg und anderen an, mit denen er sich einmal wöchentlich traf. Auch hielt er Kontakt zu den Münchener Jesuiten Augustin Rösch und Lothar König, wozu er auch Fernsprechleitungen der Wehrmacht nutzte, um nicht von der Gestapo abgehört zu werden. Auch besuchte er mehrfach den Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen um diesen über die Pläne der Kreisauer zu informieren, ebenso stand er in regelmäßigen Kontakt mit Bischof Heinrich Wienken, mit dem er auch die Frage des Tyrannenmordes diskutierte. Am Abend des 14. Juli 1944 fand in van Husens Haus ein Treffen von Mitgliedern des Kreisauer Kreises statt, an dem auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg teilnahm, bevor dieser in derselben Nacht zum Führerhauptquartier Wolfsschanze reiste, um dort am Folgetag das Attentat auf Hitler auszuüben, welches jedoch auf den 20. Juli verschoben werden musste.
Konkrete Einzelheiten zum bevorstehenden Attentatsversuch waren van Husen aus Geheimhaltungsgründen nicht bekannt. Am 16. Juli teilte Peter York van Husen mit, dass Fritz-Dietlof von der Schulenburg, welcher nach der Festnahme von Julius Leber im Falle eines geglückten Umsturzes Innenminister werden sollte, van Husen bitte sein Staatssekretär zu werden.
Geschehnisse nach dem 20. Juli 1944 – Verhaftung und Prozess Nach dem missglückten Attentat rechnete van Husen mit einer Festnahme.