Die Branch Davidians (engl. für Davidianischer Zweig oder Abspaltung von den Davidianern) sind eine kleine amerikanische Religionsgemeinschaft, die sich 1955 von den Davidian Seventh Day Adventists („Davidianische Siebenten-Tags-Adventisten“) abgespalten hat, bei welchen es sich wiederum um ehemalige Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten handelt, die in den 1930er Jahren exkommuniziert worden waren. Später wurden die Branch Davidians allerdings von ihrem Führer David Koresh angehalten, sich als „Studenten der sieben Siegel“ zu bezeichnen.
Prägend für die Branch Davidians, wie auch für alle Adventisten, ist der millenaristische Glaube, in der Endzeit vor dem Jüngsten Gericht zu leben.
Die Branch Davidians sind vor allem bekannt durch die 51-tägige Belagerung ihrer Siedlung Mount Carmel Center in der Nähe von Waco, Texas, durch Bundesbehörden im Jahre 1993, bei der 76 Mitglieder zu Tode kamen, einschließlich ihres Anführers David Koresh.
Geschichte Die Davidianer mini|Houteff (um 1950) Im Jahre 1928 behauptete Victor Houteff, ein bulgarischer Immigrant, er habe eine neue Offenbarung für die Siebenten-Tags-Adventisten. Diese lieferte er in Form eines Buches namens The Shepherd’s Rod („Der Hirtenstab“). Seine Aussagen wurden nicht akzeptiert und von der Führung als spalterisch angesehen, da er sich zu Entwicklungen äußerte, die er als Abdriften von den grundlegenden Lehren und Standards der Kirche ansah. Darum wurden er und seine Anhänger exkommuniziert.
1935 richtete Houteff sein Hauptquartier außerhalb Wacos ein. Bis 1942 war seine Bewegung schlicht als „Shepherd’s Rod“ bekannt, doch als Houteff eine formelle Vereinsgründung für notwendig erachtete, damit Mitglieder als Kriegsdienstverweigerer anerkannt werden konnten, benannte er seine Gruppe in „Davidianische Siebenten-Tags-Adventisten“ um. Der Ausdruck „davidianisch“ verweist dabei auf die Wiedererrichtung des Königreichs Davids. Houteff wies die Davidianer an, ausschließlich Adventisten zu evangelisieren.
Nach Houteffs Tode im Jahre 1955 bildete eine Abspaltung seiner Bewegung die „Branch Davidian Seventh Day Adventists“, ursprünglich geführt von Benjamin Roden. Die Gruppe richtete auf dem Gelände außerhalb Wacos, das zuvor die anderen Davidianer benutzt hatten, eine Siedlung ein. Im Jahre 1977 behauptete Rodens Ehefrau Lois, ebenfalls eine Offenbarung empfangen zu haben, nach der der Heilige Geist weiblich sei, was zu großen Auseinandersetzungen in der Gruppe führte. Als Roden im darauffolgenden Jahr starb, versuchte ihr Sohn George die Leitung zu übernehmen, indem er behauptete, er sei der rechtmäßige Prophet der Gruppe.
Die Branch Davidians Im Jahre 1981 trat Vernon Wayne Howell, der sich später in David Koresh umbenennen sollte, der Gruppe als reguläres Mitglied bei. Im September 1983 erlaubte ihm Lois Roden, seine eigenen Offenbarungen zu lehren, und gab ihm so die Möglichkeit, eine eigene Anhängerschaft aufzubauen, bevor sich die Gruppe Anfang 1984 teilte. Lois erfuhr ebenfalls Ablehnung von Seiten des kanadischen Davidianers Charles Pace.
Im Frühjahr 1984, zur Pessach-Zeit, fand auf Mount Carmel eine Art Generalversammlung aller Branch Davidians statt, bei der sich die Gruppe in mehrere kleinere Gruppen teilte, von denen eine Howell treu war. Daraufhin verwies George Roden zuerst ihn und später auch Pace des Geländes.
Howell ging mit seinen Anhängern nach Palestine, Texas, während Pace nach Gadsden, Alabama ging. Als jedoch um 1988 George Roden in Schwierigkeiten geraten war – er saß wegen Missachtung des Gerichts im Gefängnis – übernahm Howell in seiner Abwesenheit das strittige Gelände. Nach dem Testament der 1986 verstorbenen Lois Roden hätte eigentlich Teresa Moore zusammen mit Irmine Sampson ihr Werk fortsetzen sollen. 1990 schließlich änderte Howell seinen Namen in David Koresh, als Anspielung auf den biblischen König David und den persischen König Kyros den Großen. Sowohl David als auch Kyros werden im Alten Testament im Zusammenhang mit der Gestalt des Messias genannt, dem prophezeiten Heilsbringer für das Volk Israel. Koresh beanspruchte, ebenfalls in diese Reihe zu gehören. Unter seiner Führung lebte die Gemeinschaft überwiegend zurückgezogen, hatte aber Verbindungen nach Waco und in Ortschaften der Umgebung. Zur Finanzierung betrieben die Davidianer mehrere Unternehmen, darunter auch einen Waffenhandel auf gun shows.Jayne Docherty: Learning Lessons from Waco. When Parties Bring Their Gods to the Negotiation Table. Syracuse University Press, Syracuse 2001, S. 36.
Die Gemeinschaft glaubt an eine Variante des Glaubens aller Siebenten-Tags-Adventisten, wonach die Erde seit der Schöpfung erst etwa 6000 Jahre alt wäre (Junge-Erde-Kreationismus). Wenn vor Gott 1000 Jahre aber wie ein Tag sind , würde jetzt der siebente Tag anbrechen, der zugleich die in der Offenbarung des Johannes bestimmte tausendjährige Herrschaft Christi auf Erden bedeuten würde. Die Offenbarung macht für die Umbruchszeit vor dem Anbruch dieses Friedensreiches bildhafte Vorhersagen, die Koresh mittels seiner Visionen auslegte. Demnach wäre er selbst das Lamm Gottes, dem in der Offenbarung eine besondere Rolle im Zusammenhang mit der Öffnung des Buchs mit den sieben Siegeln zugesprochen wird. Umstritten ist, ob er sich selbst dadurch auch mit Jesus Christus identifizierte.
Anfang der 1990er Jahre lebten 130 Davidianer auf Mount Carmel.D. J. Mulloy: Waco. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. ABC Clio, Santa Barbara/Denver/London 2003, Band 2, S. 717. Koresh verlangte von den männlichen Mitgliedern seiner Gruppe sexuelle Enthaltsamkeit, die für ihn als das Lamm Gottes nicht galt. Mit den Frauen der Gruppe zeugte er eine Reihe von Kindern, die als Children of the New Light („Kinder des Neuen Lichts“) bezeichnet wurden und denen er eine besondere Rolle im Heilsplan Gottes versprach.Jayne Docherty: Learning Lessons from Waco … When Parties Bring Their Gods to the Negotiation Table. Syracuse University Press, Syracuse 2001, S. 178 f. Außerdem erwartete die Gruppe aufgrund der in der Offenbarung vorhergesagten Konflikte zwischen der weltlichen Macht und der Schar Gottes eine Auseinandersetzung mit staatlichen Behörden und bewaffnete sich. Alle Mitglieder, auch Kinder, wurden im Gebrauch von Schusswaffen ausgebildet.
Interne Streitigkeiten zwischen Gruppenmitgliedern führten dazu, dass Aussteiger die Gemeinschaft öffentlich und gegenüber Behörden als Sekte bezeichneten und sie bei verschiedenen Behörden anzeigten. Zu den Vorwürfen gehörten Sexueller Missbrauch von Kindern durch Koresh, Verstöße gegen Visabestimmungen durch Mitglieder der Gemeinschaft, die keine amerikanische Staatsangehörigkeit hatten, und illegaler Waffenbesitz.
Die Davidianer luden daraufhin Vertreter des Jugendamts auf ihr Gelände ein, die die Lebensumstände der Kinder in Augenschein nahmen und mit ihnen sprachen. Die Gemeinschaft vermied es aber, über deren biologische Eltern Auskunft zu geben.Jayne Docherty: Learning Lessons from Waco.. When Parties Bring Their Gods to the Negotiation Table. Syracuse University Press, Syracuse 2001, S. 228. Wegen Vorwürfen des Besitzes illegaler Waffen sprach Koresh persönlich mit dem Sheriff von Waco und versuchte zu klären, welche spezifischen Waffen zulässig seien. Es gilt wegen der komplizierten Waffengesetze jedoch als wahrscheinlich, dass der lokale Sheriff nicht alle Gesetze kannte. Das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) ermittelte gegen Koresh und seine Davidianer wegen des Verdachts auf Verstoß gegen die Waffen- und Drogengesetze und Kindesmissbrauch und schickte einen Beamten als verdeckten Ermittler auf das Gelände, der als religiös Interessierter auftrat und sowohl den Bestand an Waffen als auch die Persönlichkeiten der Führer der Gemeinschaft aufklären sollte. Obwohl die Davidianer ihn rasch enttarnten, ließen sie ihn an ihrer Gemeinschaft teilhaben, weil ihre missionarische Überzeugung es erforderte, jede Möglichkeit wahrzunehmen, ihren Glauben zu verbreiten.
Die Belagerung mini|Mount Carmel während der Belagerung mini|Fahne der Branch Davidians, die während der Belagerung auf Mount Carmel gehisst wurde.
Am 28. Februar 1993 versuchte das ATF eine Durchsuchung des Mount Carmel. Aufgrund der verbreiteten Theorien über Sekten und des Vergleichs mit der Massentötung von Jonestown 1978 wurde der Durchsuchungsbeschluss in Form eines dynamic entry vollstreckt: Eine Einheit des Special Response Team (SRT) ging mit Brechwerkzeugen gegen die Türen vor. Die Davidianer hatten Kenntnis von der bevorstehenden Durchsuchung erlangt und wehrten sich mit Waffengewalt. Wer den Schusswechsel begann, ist umstritten. Vier ATF-Beamte kamen dabei ums Leben, zwanzig wurden angeschossen. Auf Seiten der Davidianer gab es fünf Todesopfer, drei davon wurden von anderen Mitgliedern der Gruppe erschossen, weitere fünf wurden verletzt. Aus der weiten Umgebung wurden nun Spezialeinsatzkommandos verschiedener Behörden herangezogen. Panzerfahrzeuge rückten an und belagerten das Gelände. Im Laufe der ersten 24 Stunden kam es zu Verhandlungserfolgen, das ATF konnte seine Verletzten und Toten aus dem Schussfeld bergen. Ab dem 1. März übernahm das FBI die Einsatzleitung am Mount Carmel, taktische Leiter und Verhandlungsführer des Hostage Rescue Teams leiteten die Belagerung, die 51 Tage dauerte und an der sich über 700 Regierungsbeamte beteiligten.
Die Beamten gingen von einer Geiselnahme aus und ergriffen die dafür vorgesehenen Maßnahmen. Dass die Gläubigen ihre Situation in ihr millenaristisches Weltbild einordnen würden, wurde nicht berücksichtigt.Malcolm Gladwell: Sacred and Profane How not to negotiate with believers. In: The New Yorker. 31. März 2014. Die Verhandlungsführer des FBI nahmen durchgehend an, Koresh und einige wenige Führungspersönlichkeiten hielten die große Mehrheit der Gruppe mittels Gehirnwäsche und psychologischer Gewalt unter Kontrolle, weshalb sie massiven psychologischen Druck aufbauten.
Dem gegenüber stand das Selbstverständnis der Davidianer, die sich als selbständige und freiwillige Mitglieder einer Religionsgemeinschaft sahen und von den Behörden in Ruhe gelassen werden wollten. Kleine Kinder, die nach dem Verständnis der Davidianer noch nicht selbst über ihre religiösen und anderen Angelegenheiten entscheiden konnten, wurden am 5. März aus dem Gelände herausgeführt und dem Jugendamt übergeben. Dabei war vereinbart worden, dass die Kinder in Familien von Verwandten untergebracht werden sollten. Stattdessen behielt das Jugendamt die Kinder aber als Gruppe in einer Einrichtung zusammen. Das führte zu weiteren Konflikten, als das Jugendamt den Davidianern Videos zukommen ließ, in denen die Kinder beim Spiel und alltäglichen Aktivitäten gezeigt wurden. Die Davidianer waren entsetzt, dass ihre Kinder gesüßte Softdrinks tranken und nicht bei den Familienangehörigen lebten, die wie alle Adventisten, wenn auch weniger streng als die Davidianer, ihrem traditionellen Lebensstil folgen würden.