Der Roman Was für ein schöner Sonntag! von Jorge Semprún stellt die Erfahrungen des Autors im Konzentrationslager Buchenwald literarisch dar und reflektiert vor diesem Hintergrund die Entwicklung des Nationalsozialismus, den kommunistischen Widerstand und die totalitären Züge des Stalinismus. Das Werk erschien 1980 auf Französisch in Paris, die deutsche Übersetzung 1981.
1943 wurde Jorge Semprún als Mitglied der französischen Résistance und Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens von der Gestapo verhaftet und nach Folter und Verhör ins KZ Buchenwald transportiert. In seinem Roman Die große Reise (Paris 1963, dt. 1981) hat Semprún diesen Transport bereits eindrücklich geschildert. Mit der erneuten Reflexion der Ereignisse im KZ und der Nachkriegsjahre in Frankreich will er diese Themen vertiefen und seine politische Biographie nach der Abkehr vom Kommunismus aufarbeiten. Das Buch bietet Einblicke in die Verhältnisse im KZ Buchenwald sowie in Diskussionen und Politik von kommunistischen Parteien im damaligen Europa.
mini|Torgebäude des KZs Buchenwald
Der Titel des Romans geht zurück auf die sarkastische Äußerung des Mithäftlings Fernand Barizon. In der Finsternis stehen die Häftlinge um 5 Uhr morgens im Schneetreiben beim Appell: „Was für ein schöner Sonntag!“
„Er hat das mit übertriebenem Gelächter gesagt, als sagte er ‚Merde!‘ Aber er hat nicht merde gesagt. Er hat gesagt ‚Was für ein schöner Sonntag, Kumpel!‘, auf Französisch, beim Anblick des schwarzen Himmels um fünf Uhr morgens.“
Die Appelle, das zum Teil stundenlange Stehen in eisiger Kälte, sind für Semprún ein zentrales Bild für die Lager, nicht nur für die KZs, auch für den GULAG, wie ihn Solschenizyn schildert. Es sind Momente des Ausgeliefertseins mit dem Blick auf Stacheldraht, Wachtürme und Bewacher, mit dem Wissen, dass es Menschen gibt, die in diesem Augenblick im Warmen sitzen. Es sind aber auch Momente der Kameradschaft, der heimlichen Solidarität der „Kumpel“, Momente für Träume von schönen Sonntagen der Vergangenheit.
Inhalt
Ein Dezembersonntag 1944 im Konzentrationslager Buchenwald
In der Eingangsszene wird ein Dezembersonntag im KZ Buchenwald im Jahr 1944 geschildert. Rauch steht über dem Krematorium. Der Ich-Erzähler, alias Häftling 44904 alias Gerárd alias Jorge Semprún hat auf dem Ettersberg verbotenerweise den Weg verlassen, um einen verschneiten Baum zu bewundern. Als SS-Unteroffizier Kurt Kraus ihn dabei ertappt, scheint sein Leben verwirkt. Semprún weiß, anders als sein Bewacher, dass dort auf dem Ettersberg ein Treffpunkt der intellektuellen Elite Weimars war. Eckermann hat Goethes Wanderungen dorthin dokumentiert und immer wieder erinnert Semprún an diese Gespräche, vor deren Hintergrund die Gründung des KZs im Jahre 1937 doppelt monströs erscheint. Einer der Häftlinge, der frühere französische Ministerpräsident Léon Blum, hatte lange zuvor die „Nouvelles Conversations de Goethe avec Eckermann“ geschrieben. Auch in seinem Roman lässt Semprún Goethe auftreten und das KZ besichtigen und übernimmt dabei die Rolle Eckermanns. Dabei lässt sein Goethe wirkliches Verständnis vermissen, ergeht sich in konservativen Sentenzen.
mini|Das Krematorium des KZs Buchenwald
Als Sohn einer bürgerlichen spanischen Familie kennt Semprún die deutsche Kultur genau, deutlich genauer als seine Bewacher. Eine der Reflexionsebenen des Romans ist daher die Konfrontation der großen Weimarer Klassik mit der Realität des Konzentrationslagers. Hier ist Goethe gewandert, ins Gespräch vertieft mit Eckermann. Wie war das möglich, die völlige Verrohung in Weimar angesichts der Geschichte der Stadt? Mitten im Lager steht der verkohlte Goethe-Baum, ein Mahnmal für die im Faschismus untergegangene deutsche Kultur.
„Denn obwohl die SS-Männer ihn bei der Errichtung von Buchenwald verschont hatten, hatte eine amerikanische Phosphorbombe ihn bei dem Luftangriff 1944 in Brand gesteckt. In die Rinde dieses Baumes sollen Goethe und Eckermann ihre Initialen eingeritzt haben.“ (Kapitel „DREI“)
Doch zurück zum Sonntag im Dezember 1944: Der SS-Mann führt den Häftling 44904 zurück ins Lager, wo Hauptsturmführer Schwartz die Sache in die Hand nimmt. Der zeigt sich beeindruckt von Semprúns Goethe-Kenntnissen und seinem Interesse am Goethe-Baum, siezt unwillkürlich den todgeweihten Häftling und – lässt ihn laufen.
Semprún schildert im Weiteren den Alltag in der Arbeitsstatistik. Hier werden von Häftlingen im Auftrag der SS die Arbeit in der lagernahen Industrie und Transporte organisiert. Die Häftlinge, vorwiegend deutsche Kommunisten, die seit langem im Lager sind, erhalten Spielräume, Entscheidungen zu treffen: Wer wird im rettenden Hauptlager gehalten, wer muss auf einen gefährlichen Transport?
Die illegale Lagerleitung
Reflektiert wird auch die Macht der kommunistischen Kapos im KZ Buchenwald. Systematisch hatten die Kommunisten sich organisiert, schrittweise und gewaltsam die kriminellen Kapos ausgeschaltet und begonnen, sich für die SS unentbehrlich zu machen, indem sie die Verwaltung der Arbeit im Lager organisierte. Es ist die Mentalität der SS in Buchenwald, die 1944 von der Angst beherrscht wird, doch noch an die Front zu müssen, wenn das Lager wirtschaftlich nicht funktioniert; die Selbstverwaltung des Lagers erweist sich in diesem Sinne als erfolgreich und arbeitssparend.
mini|Reste des Lagerzaunes 1999
Semprún konnte als einziger spanischer Kommunist im Lager gut Deutsch – durch die deutschen Gouvernanten seiner Kindheit – und wurde deshalb von der Partei in der Arbeitsstatistik untergebracht. Willi Seifert heißt der kommunistische Häftling, der die Arbeitsstatistik leitet und es wagt, sich im Interesse der Häftlinge mit der SS anzulegen, Herbert Weidlich sein Assistent. Bei allem Respekt für die Leistung der illegalen Parteiarbeit reflektiert Semprún aber die zentrale moralische Frage: War es gerechtfertigt, für die Rettung eines Parteigenossen einen anderen Häftling einem der tödlichen Kommandos zuzuteilen? Semprún begegnet Weidlich und Seifert später im kommunistischen Ostberlin, ersterer Kommissar der Kriminalpolizei, letzterer Generalmajor der Volkspolizei. Semprún sieht die Karriere Seiferts als Fortsetzung der Zwangswelt des Lagers, in die er mit 15 Jahren durch die erste Verhaftung eingetreten war, betrogen um alle sexuellen Erfahrungen, um seine Jugend.
„Kurz nach der Entlassung aus Buchenwald war er in die von den Russen in ihrer Besatzungszone aufgebaute Polizei eingetreten. Er war in der gleichen Welt des Zwangs geblieben. … Nun mußte man aber, um in Ostberlin unter Ulbrichts Zuchtrute und der russischen Geheimdienste Karriere zu machen, erst recht inmitten der Intrigen, Komplotte und Säuberungsaktionen in der letzten Periode des Stalinismus und dann der Winkelzüge der bürokratischen Entstalinisierung wirklich zu allem bereit sein, zu all den faulen Kompromissen, um auf der Seite des Stärkeren zu bleiben, um nicht in einer jähen Kurve vom Wagen zu fallen.“ (Kapitel „EINS“)
Über den Karrieren all der ehemaligen kommunistischen Lagerinsassen im Machtbereich des Warschauer Pakts hing bis in die 1950er Jahre das Damoklesschwert der stalinistischen „Säuberungen“, was Semprún angesichts der Schauprozesse gegen Josef Frank und Rudolf Slánský 1952 in Prag dokumentiert. Semprún kannte Frank als Kameraden in der Arbeitsstatistik in Buchenwald, später avancierte der Tscheche zum stellvertretenden Generalsekretär der tschechischen KP. Semprún zitiert das erzwungene Geständnis Franks, das im Slánský-Prozess zum Todesurteil führt, und Frank nennt den Namen eines „Mittäters“, den Willi Seiferts, womit der nächste Schauprozess vorbereitet werden könnte. Der Tod Stalins hat weitere Verfolgung verhindert, Niethammer hat Karrieren ehemaliger Buchenwaldhäftlinge in der DDR und die Machtkämpfe innerhalb der SED dokumentiert (s. Literaturangaben).
Die Fortsetzung der Verfolgung der in Buchenwald inhaftierten Russen durch Stalin ist eins der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Kommunismus. Semprún erlebt diese Ereignisse als „Totentanz“ der russischen Revolution. Die Stalinisten begegneten den KZ-Häftlingen mit äußerstem Misstrauen, zu lange waren diese „außerhalb der brüderlichen Reichweite der Sowjetmacht“ (Kapitel „ZWEI“). Die Doktrin, der Sowjetsoldat müsse kämpfen bis zum Tode, setzt sie zudem in die Rolle des Deserteurs.
Nach dem Krieg versucht Semprún die Vorgänge im KZ zu verdrängen. In einer Bar gerät er jedoch in eine Diskussion mit führenden Phänomenologen, darunter der Philosoph Maurice Merleau-Ponty. Diskutiert wird über die Frage der Verantwortung der Häftlinge, die in den Lagern über Leben und Tod zu entscheiden hatten. Semprún ergreift hier klar Partei für den Widerstand im Lager: Unter den extremen Bedingungen in Buchenwald hält er es für richtig, einen Genossen zu retten und dafür einen Spitzel auf den bedrohlichen Transport zu schicken. Der Ausgangspunkt jedes Widerstands in den Lagern, so argumentiert Semprún im Anschluss an Solschenizyn, sei die physische Vernichtung der Spitzel. Merleau Ponty antwortet mit einem Zitat von André Malraux:
„Es gibt gerechte Kriege, es gibt keine gerechten Armeen!“
Semprún hat das Zitat und die Frage der Moral in einem Gespräch mit Barizon bereits diskutiert, im KZ Buchenwald. Auch bei der Rechtfertigung der Machtstrategie des Widerstandes bleibt die individuelle Frage der Moral. Hat man im entscheidenden Moment Mut? Nutzt man die errungene Macht menschlich oder lässt man sich korrumpieren?
Die Hierarchie der Häftlinge
Semprún reflektiert die Frage der Moral auch anhand der Hierarchie der Häftlinge. Da sind zunächst einmal die Reichsdeutschen, die seit langem im KZ sind, in Buchenwald mit der kommunistischen Führung an der Spitze, sie haben sich Privilegien erobert, die sie mit niemandem teilen. Im Wahnsinn des KZs haben sie überlebt, ihre engsten Freunde sind im Krematorium geendet, einige der Überlebenden sind darüber eiskalt geworden, nahe am Wahnsinn. Sie haben das Privileg, das Lagerbordell aufzusuchen, organisieren sich einsame Fressorgien. Darunter stehen die Europäer, es folgen die Russen und an unterster Stufe die rassistisch Verfolgten, vor allem die Juden.
Semprún verdichtet die daraus entstehenden Konflikte in einer eindrücklichen Szene. Gegen Ende des Krieges treffen Transporte ein aus den Lagern des Ostens, die Arbeitsstatistik hat eine Idee entwickelt, wenigstens einigen dieser Menschen das Leben zu retten. Sie wollen nach Facharbeitern suchen und diese sollen im Lager verbleiben. Dadurch gerät der Widerstand in der Arbeitsstatistik in die prekäre Situation, eine Selektion durchführen zu müssen.
Es kommt zu einer gespenstischen Szene: Eine Gruppe von 15 Juden aus einem der Transporte, mehr tot als lebendig, schlägt vor den Häftlingen der Statistik die Hacken zusammen und zeigt den Hitlergruß. Einer der Juden erzählt die absurde Geschichte des Transportes. Die SS hatte die Bewachung des Lagers bei Tschenstochau bereits aufgegeben, aber auf der Flucht vor den gefürchteten Russen gerieten sie wieder in deutsche Gefangenschaft. Semprún entscheidet sich, zwei hoffnungslos Ermattete auf einen der Transporte zu schicken, und rettet einen jüngeren Mann, indem er ihn als Elektriker einträgt. Es ist die bedrückende Begegnung mit diesen Menschen, die sich nicht mehr gegen die zugeschriebene Identität wehren können, die keinerlei Selbstachtung und Kraft zum Widerstand haben, die Semprún nicht vergessen kann.
mini|Landschaft in der Region Kolyma, arktisches Sibirien
Auseinandersetzung mit dem Stalinismus