Ukerewe (Swahili; Kerewe-Sprache: Bukerebe) ist eine Insel am Südufer des ostafrikanischen Victoriasees nahe der Stadt Mwanza und gehört zu Tansania. Die mit 496 Quadratkilometer mwanza.go.tz (PDF; 164 kB) (530 Quadratkilometer)Islands of the World. World Atlas größte Binneninsel Afrikas ist die Hauptinsel des 640 Quadratkilometer Landfläche großen Ukerewe Distrikts, einem der acht Distrikte der Region Mwanza, zu dem auch die nördlich gelegene Insel Ukara und kleinere Nachbarinseln gehören. Beim Zensus 2002 betrug die Einwohnerzahl im Distrikt 261.944. Einzelangaben für die 24 wards (Unterdistrikte) finden sich hier:

Geschichte mini|hochkant|links|Afrika-Karte von Abraham Ortelius: Der Nil entfließt zwei zentralen Seen, deren westlichem auch Sambesi und Kongo entströmen. Ab dem 16. Jahrhundert siedelte sich das aus dem Gebiet Bahr al Ghazal im heutigen Südsudan ausgewanderte nilotische Volk der Luo auch am Südufer des Victoriasees an, wo sie auf eine ältere Bantu-Bevölkerung trafen. Von exportierendem Sklavenhandel und der Jagd nach Elfenbein wurde die Gegend weitgehend verschont. Auf dem Weg dorthin, von Osten kommend, waren und sind weite Gebiete durch Tsetsefliegen verseucht, die die Schlafkrankheit übertragen. Deswegen, und weil alle Bestrebungen seit der Antike, die Nilquellen zu finden, erfolglos waren, – Expeditionen von Norden scheiterten am Sudd – war über den Victoriasee in Europa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nichts Genaues bekannt, wiewohl frühe arabische wie europäische Karten Afrikas den Nil – und andere große Flüsse des Kontinents in einem großen See im Binnenland entspringen lassen. Erst mit dem Anstieg des Elfenbeinpreises ab Anfang des 19. Jahrhunderts drangen arabische Händler von der ostafrikanischen Küste verstärkt ins Landesinnere vor.

John Hanning Speke war 1857 zusammen mit Richard Francis Burton aufgebrochen, um die Nilquelle zu finden. Im Februar 1858 gelangten sie auf einer dieser arabischen Elfenbein-Handelsrouten an den Tanganjikasee. Nach ihrer Trennung konnte sich Speke einer Karawane anschließen und kam im August 1858 an das Südufer des, von Arabern so bezeichneten, Ukerewesees und zur gleichnamigen Insel. Er verstand den See als Quelle des Nils und gab ihm in einer ersten Reaktion den Namen seiner Königin Victoria.

Henry Morton Stanley wollte die Behauptung, dass der See die Nilquelle sei, bestätigen und umsegelte ihn deshalb 1875. Ausgangspunkt war Ukerewe. Um dem damaligen Omukama Lukonge (?–1895) Mithilfe beim Bau der Boote abzuringen, musste Stanley ihm erklären, wie Menschen in Löwen zu verwandeln seien (Stanley bezweifelte das Gelingen). Das nächste Mal kam Stanley auf seiner verlustreichen Expedition zur Befreiung Emin Paschas, die im März 1887 von der Kongomündung aus gestartet war, auf dem Rückweg Richtung Ostküste zusammen mit Emin Pascha im September 1889 an den Victoriasee und nach Ukerewe. Stanley berichtete diesmal, dass Ukerewe wegen des trocken liegenden Rugezikanals im Osten keine Insel mehr sei.

1891 untersuchte der Missionar Dermott die Insel. Er fand den Rugezikanal nicht schiffbar. Im selben Jahr wurde das Südufer des Victoriasees, nach einem ersten Vertrag zwischen Briten und Deutschen 1886, zum Deutsch-Ostafrikanischen Schutzgebiet erklärt.

1882 erreichte Oskar Baumanns Expedition nach einem Marsch durch das Massai-Gebiet Ukerewe. In seiner Reisebeschreibung schildert er den Versuch, vom „Häuptling“ Lukonge (auch Rukonge) im Ort Bukindo eine sakrale, 1,40 Meter große Holzfigur zu erwerben.Oskar Baumann: Durch Massailand zur Nilquelle. Reisen und Forschungen der Massai-Expedition des deutschen Antisklaverei-Komite in den Jahren 1891–1893. Berlin 1894, S. 214 Die Figur war Zeichen von Lukonges Macht als Herrscher und wurde nur ranghohen Kerewe und Besuchern gezeigt, ein gütlicher Erwerb war somit ausgeschlossen. Einem Aufstand Lukonges gegen die Deutschen, der als AngriffBei der Erstürmung der Mission soll es 50 Tote gegeben haben. gegen die französisch-katholische Mission auf der Insel gestartet worden war, folgte 1895 eine militärische Strafaktion des Stationschefs von Mwanza, Leutnant von Kalben, und die Konfiszierung der Skulptur. Als Trophäe des Sieges über den Unglauben wurde sie danach bei einer Missionsstation aufgestellt und von den Katechisten in einer Art ritualisierter Verachtung mit Stöcken geschlagen. 1898 kam die Figur beschädigtGerald W. Hartwig: A Historical Perspective of Kerebe Sculpturing – Tanzania. Tribus 18, 1969, S. 83–102. Ohren, Nase und Geschlechtsteil der Figur wurden abgeschlagen (S. 86) in einer Sammlung Ethnographica ins Berliner Völkerkundemuseum. Es gab mehrere Missionsstationen zu der Zeit auf der Insel. Im Dorf Kagunguli sind die erste Kirche von 1898, Gräber einiger Missionare, das Grab des letzten Königs Ruhumbika und dasjenige von Aniceti Kitereza (s. u. „Belletristik“) zu besichtigen.

mini|links|Südöstlicher Victoriasee mit Ukerewe oben links (deutsche Karte von 1896) Ebenfalls 1892 wurden weitere deutsche Expeditionen an den Victoriasee geschickt, die diesen nur mühsam erreichten, vorgeblich mit dem alleinigen Ziel, dort die Sklaverei zu bekämpfen. Im Südosten von Ukerewe wurde eine „Station Peterswerft“ gegründetRochus Schmidt: Deutschlands Kolonien. Band 1, Verlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund, Berlin 1898, S. 228. (Reprint durch Weltbild Verlag, Augsburg 1998, ISBN 3-8289-0301-0), in der Nachbarschaft die katholische Missionsstation „Neuwied“. Mit enormem Aufwand (zwei Karawanen mit je 1000 Trägern) wurde 1892 versucht, von der Küste einen zerlegten Stahldampfer nach dorthin zu transportieren. Das Unternehmen blieb wegen Geldmangel erfolglos, obwohl in Deutschland sogar „Antisklaverei-Lose“ verkauft worden waren.Golf Dornseif: golf-dornseif.de (PDF; 1,9 MB) Der Dampfer wurde letztlich zum Malawisee gebracht. Ein deutsches Fort in Hamyebe, von dem aus 1904–1910 der See kontrolliert wurde, liegt in Ruinen. Im Jahr 1915 kam es am Victoriasee wiederholt zu Kämpfen zwischen Briten und der deutschen Schutztruppe. Mit einem Angriff zu Wasser der britischen Baganda Rifles auf die Insel Ukerewe begann 1916 der etappenweise Rückzug nach Süden. Am 9. und 10. Juni 1916 wurde Ukerewe von den Briten eingenommen, da die Insel durch die schwache deutsche Besatzung nicht gehalten werden konnte.Reinhard K. Lochner: Kampf im Rufiji-Delta – Das Ende des kleinen Kreuzers »Königsberg«. Die deutsche Marine und Schutztruppe im Ersten Weltkrieg in Ostafrika. Wilhelm Heyne, München 1987, S. 279, ISBN 3-453-02420-6.

Die Namen der Herrscher (Titel Omukama) im Kleinstaat der Bukerewe (auch Bukerebe) werden erst mit Lukonge datierbar. Nach seinem Tod regierte Kahana Mukaka 1895–1907. Für seinen Nachfolger und letzten Herrscher auf Ukerewe, Gabriel Kaseza Ruhumbika († 1938), wurde 1928 von einem italienischen Architekten im Kolonialstil ein Palast gebaut. Dessen Sohn starb 1981, das Gebäude wurde danach aufgegeben. Es ist in mäßigem Zustand und zu besichtigen bei Bukindo, acht Kilometer nordwestlich von Nansio.

Am 20. September 2018 kenterte die Fähre Nyerere auf ihrem Weg von der Anlagestelle Bugolora am Nordufer von Ukerewe zur zehn Kilometer nördlich gelegenen Insel Ukara. Als die Fähre nach ihrer einstündigen Überfahrt wenige Meter vor der Anlegestelle Bwisya auf Ukara sank, ertranken 224 Menschen.Tanzania ferry death toll rises to 224, ship's managers detained. Reuters, 23. September 2018 Die Fähre war mit über 400 Passagieren anstatt der zugelassenen 100 völlig überladen.

Bevölkerung Die drei Volksgruppen auf Ukerewe gehören zu den Bantu. Größte Gruppe bilden die Kerewe, die vor allem im Nordwesten der Insel und zum Teil am Südufer des Victoriasees leben. Gefolgt werden sie von den Kara, die vorwiegend auf Ukara, einige auch in Mwanza und an der Südostküste des Sees leben. Als dritte Gruppe gelten die Jita. Sie leben in der Mara-Region und im Osten der Insel. Die Sprachen aller drei Ethnien zählen zur Haya-Jita-Untergruppe der Bantusprachen und haben lexikalische Übereinstimmungen zwischen 60 und über 80 Prozent. Daneben wird auch die Landessprache Swahili verstanden.Languages of Tanzania. ethnologue.com

1911 wurde die Bevölkerungszahl auf 30.000 geschätzt, vorwiegend Kerewe. Im Jahr 1975 lebten auf Ukerewe 115.627 Einwohner in 56 Dörfern.John E. Moore: The Villagisation Process and Rural Development in the Mwanza Region of Tanzania. In: Geografiska Annaler. Series B, Human Geography, Band 61, Nr. 2, 1979, S. 65–80, hier S. 74 Die Insel ist dichter besiedelt als das angrenzende Festland. Wird das für 2004 angegebene Bevölkerungswachstum von 2,9 Prozent (welches höher ist als der Landesdurchschnitt 2004 von 2,6 Prozent) zugrunde gelegt, ergibt sich für den Distrikt Ukerewe eine Bevölkerungszahl von 309.000 für 2008.Zahlen nach Mwanzaregion.org. Noch höhere Zahlen in: Joseph L. Awange, Obiero Ong'ang'a: Lake Victoria. Ecology, Resources, Environment. Springer, Berlin / Heidelberg 2006, S. 12: Mwanza-Region 3,2 Prozent Bevölkerungswachstum, Tansania 2,92 Prozent. Das sind rund 480 Einwohner pro Quadratkilometer. 2002 lebten im Hauptort Nansio rund 6000 Einwohner. Die übrige Bevölkerung verteilt sich auf 74 Dörfer und Siedlungen im Distrikt, wobei die Insel Ukara traditionell am dichtesten besiedelt ist.

Geografie mini|Sumpfgebiet und Felder an der Südwestküste Ukerewe ist von Nordwesten nach Südosten knapp 50 Kilometer lang und 25 bis 35 Kilometer breit. Die Insel besteht aus einem Granitsockel, von dem an zahlreichen Stellen nackte Rundfelsen herausragen. Darüber bildet eine Schicht sandiger, hellbrauner Böden flache Hügel. Die höchste Erhebung ist mit 172 Meter der Hügel Handebezyo, der im Zentrum der Insel beim Dorf Halwego 10 Kilometer westlich Nansio liegt. Die markante Felsformation und der den Gipfel umgebende Wald waren einst ein durch Könige geschützter Platz, an dem reiche Leute Wertgegenstände deponieren konnten. Nach der Unabhängigkeit des Landes verschwand der Wald, dafür sind heute Ausblick über die Insel und die Geschichte des Hügels Anlass für einen touristischen Ausflug.

Vorherrschend auf der Insel sind offene Grasflächen und Buschland, letzte Waldreste mit insgesamt weniger als 3000 Hektar gibt es noch in der Ebene an der äußersten Westspitze der Insel: ein Kiefernwäldchen (Caribbean Pine) bei Rubya, von dem bis Ende der 1990er Jahre Mwanza noch mit Holz beliefert werden konnte (1997 noch 1816 Hektar) und einige Flecken mit Eukalyptus.

Die durchschnittliche Temperatur beträgt, mit leichten Schwankungen, ganzjährig 21–28 °C. Es gibt zwei Regenzeiten, von Oktober bis Januar und die größere von März bis Mai. Auf der Insel fallen mehr Niederschläge als über dem Festland und eher in Form von lokalen, heftigen Wolkenbrüchen als von Dauerregen. Die Niederschläge betragen im Jahresdurchschnitt rund 1200 Millimeter, weniger im Osten (900 Millimeter), bis zu 1800 Millimeter im Westteil der Insel, welcher bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch mit immergrünem Wald bedeckt war. Ganzjährige Oberflächengewässer gibt es seit dem Verschwinden der Wälder nicht mehr. In den letzten Jahren haben die Niederschläge abnehmende Tendenz. Zusammen mit einem absinkenden Wasserspiegel des VictoriaseesUganda accused of 'pulling plugs' on disappearing waters of Lake Victoria. The Guardian, 9. Februar 2006 treten gelegentlich Probleme bei der Trinkwasserversorgung auf.

Wirtschaft Über 80 Prozent der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, 8 Prozent sind Angestellte im öffentlichen oder privaten Bereich, 6 Prozent sind selbstständige Dienstleister und ca. 5 Prozent betreiben Fischfang.Mwanza Region Socio-Economic Profile. tzonline.org (PDF; 609 kB)

Ackerbau mini|Feld mit Sorghum