mini|Fahrbahnmarkierung in einer Tempo-30-Zone in Deutschland mini|Zone-30-Beschilderung in den Niederlanden Eine Tempo-30-Zone ist ein Bereich des öffentlichen Straßenverkehrs, innerhalb dessen sich alle Fahrzeuge höchstens mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h fortbewegen dürfen. Zonen dieser Art dienen der Verkehrsberuhigung. Besonders häufig sind sie in Wohngebieten zu finden. Im Zuge von Vision Zero und der nachgewiesenen deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit, bei einer Kollision mit einem Kfz bei Tempo 30 zu Tode zu kommen als bei Tempo 50, kommt zunehmend die Diskussion auf, Tempo 30 innerorts zum Standard zu machen. So hat die Regierung Pedro Sánchez in Spanien 2021 gesetzlich Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit für alle innerörtlichen Straßen mit weniger als zwei Richtungsfahrbahnen festgelegt.In bid to reduce road deaths, Spain rolls out 30km/h speed limit on most urban streets, auf english.elpais.com Auch in Wales gilt seit 2023 auf allen innerörtlichen Straßen 20 mph / 32 km/h, wenn nicht durch Beschilderung eine andere Geschwindigkeit festgelegt ist.Introducing default 20mph speed limits, auf gov.wales
Geschichte – länderweise
Deutschland Mitte der 1970er gab es eine breite Forderung von Bürgerinitiativen nach Tempo 30 in den Wohngebieten. Grund war unter anderem die hohe Zahl von tödlich verunglückten Kindern. Bei tausend tödlichen Unfällen mit Fußgängern kamen 423 Kinder unter zehn Jahren ums Leben. Ein prominenter Befürworter in der Diskussion war der Journalist Alfred Zerban, der häufig in seiner beliebten Sendung „Freie Fahrt ins Wochenend“ beim WDR für die Herabsetzung der örtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 auf 30 km/h plädierte.
In Bochum wurde von der Stadtverwaltung am 13. Februar 1976 in dem gesamten Siedlungsgebiet des dichtbebauten Neubaugebiets Rosenberg, wie von der Bürgerinitiative „Rosenberg-Verein e. V.“ gefordert, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h angeordnet. Vorangegangen waren im Jahr davor fünf schwere Verkehrsunfälle, denen Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren aufgrund zu schnell fahrender Autos zum Opfer fielen. Im Herbst beteiligten sich weitere Städte und Gemeinden im Ruhrgebiet an einem Großversuch zur Verkehrsberuhigung, darunter Essen, Mülheim, Hattingen, Heiligenhaus und Herdecke. Der vorläufige Höhepunkt zur Erhöhung der Verkehrsicherheit war der Erlass des Ministers für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr vom 26. November 1976 über den Großversuch „Verkehrssicherheit in Wohngebieten“.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1976, S. 83
Vor Buxtehude wurde in Hamburg in der Lindenallee im Rahmen eines Stadterneuerungsprogramm im Jahre 1979 ein Versuchsaufbau einer verkehrsberuhigten Zone mit Tempo 30 km/h eingerichtet. Dieser Versuch wurde unter der Leitung von Jobst Weber nach einem niederländischen Vorbild unter Mitwirkung der Anwohner durchgeführt. Danach wurde die Lindenallee im Jahre 1980 umgebaut, die Trennung von Gehweg und Fahrbahn wurde aufgehoben, es wurden Parkzonen eingerichtet und die Straße durch begrünte Verschwenkungen langsamer gemacht. Anschließend wurden fast alle Straßen des Stadterneuerungsgebietes zu „30-km-Zonen“ erklärt.
In Hamburg-Ottensen gründete im Frühjahr 1981 sich als Folge mehrerer Unfälle (darunter einer bei dem ein 7 Jahre alter Junge tödlich verletzt wurde) die Bürgerinitiative Verkehrsberuhigung Ottensen, unter anderem durch den späteren Bürgerschaftsabgeordneten Martin Schmidt. Nach mehreren Demonstrationen ("Lieber schleichen statt Leichen!"Warum muss immer erst jemand sterben?, auf mopo.de) wurde 1982 Tempo 30 auf den Straßenzügen Holländische Reihe/Bernadottestraße, Lobuschstraße/Bleickenallee und Barnerstraße/Behringstraße durchgesetzt. Dieses waren die ersten Hauptverkehrsstraßen in Deutschland mit Tempo 30.
Die Innenstadt von Buxtehude wurde am 14. November 1983 im Rahmen eines Modellversuchs in sechs Städten in Deutschland zur Tempo-30-Zone erklärt.Dörte Schubert: Schonzeit für Fußgänger. Wie langsam Buxtehudes Autofahrer mit Tempo 30 zu leben lernen. In: Die Zeit. 11/1984 (zeit.de). In den 1980er Jahren führten zahlreiche deutsche Städte in ihren Wohngebieten Tempo-30-Zonen ein. Beispielsweise richtete die Stadt München ihre erste Tempo-30-Zone (Siedlung am Lerchenauer See) am 19. Januar 1988 ein.
In Köln waren seit Ende der 1980er Jahre bereits 354 Tempo-30-Zonen eingerichtet.
Am 4. Dezember 2020 teilte die Stadt Freiburg im Breisgau mit, einen Modellversuch für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts durchführen zu wollen. Mit dem Modellversuch möchte die Stadt erproben, wie eine allgemeine Tempo-30-Zone innerorts funktionieren würde und welche Einflüsse damit einhergingen.
Im Juli 2021 wurde die Initiative «Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten – eine neue kommunale Initiative für stadtverträglicheren Verkehr» von den sieben Städten Aachen, Augsburg, Freiburg im Breisgau, Hannover, Leipzig, Münster und Ulm ins Leben gerufen. Organisiert wurde das Ganze von der Agora Verkehrswende mit Beteiligung des Deutschen Städtetages. Bis Mitte März 2022 waren der Initiative bereits 100 Kommunen beigetreten, Stand Mitte November 2023 waren es 993. Sie alle fordern mehr Tempo 30 im Sinne einer Mobilitätswende. Um zusätzliche Belastungen für Nebenstraßen auszuschließen, empfehlen die Kommunen ergänzende Maßnahmen wie die Einführung von Superblocks. Eine entsprechende Gesetzesinitiative führte im Juni 2024 zu einer Änderung des Straßenverkehrsgesetzes. Neben der Verkehrssicherheit und dem Verkehrsfluss gelten seitdem auch Klimaschutz, Gesundheit und städtebauliche Entwicklung als Grundlagen für Verkehrsplanungs-Initiativen der Stadtparlamente.
Deutschlands erste Fahrradprofessorin Jana Kühl plädiert für die Einführung von Tempo 30 in allen „verdichteten Innenstadtgebieten“.
Im Oktober 2021 wurde Tempo 30 in Pettstadt flächendeckend eingeführt.
mini|Anwohner in Hirschfeld (Reinsberg) bitten um freiwillige Geschwindigkeitsbeschränkung. Foto: August 2024 Das Leibniz-Institut für Länderkunde veröffentlichte 2023 eine Untersuchung, wie groß der Anteil der Straßenabschnitte mit maximal Tempo 30 am Gesamtstraßennetz in deutschen Städten mit über 100.000 Einwohnern ist. Der Anteil variierte 2022 von 18 Prozent in Salzgitter bis hin zu 60 Prozent in Berlin. Auch unter den zehn einwohnerstärksten deutschen Städten unterschieden sich die Anteile der Straßen am Gesamtnetz, auf denen niedrigere Tempolimits galten, deutlich: Berlin, Essen, München und Stuttgart erlauben auf mehr als 50 Prozent der Straßen in ihrem Stadtgebiet maximal Tempo 30. In Köln und Leipzig lag der Anteil bei unter 40 Prozent. +Straßen-km mit maximal Tempo 30Stadt (Auswahl)Anteil am Gesamtstraßennetz (%)Berlin60,2Essen56,6München56,5Stuttgart51,9Hamburg45,2Dortmund44,5Frankfurt am Main43,2Düsseldorf42,1Köln39,7Leipzig39,5
Österreich
Die erste Tempo-30-Zone in Innsbruck wurde 1989 errichtet. Die Stadt Graz legte ab 1. September 1992 die Höchstgeschwindigkeit auf allen Straßen mit Ausnahme der Hauptverkehrsstraßen auf maximal 30 km/h fest; das Kriterium ist „ausgenommen Vorrangstraßen“, einige Straßen wurden neu zu Vorrangstraßen erklärt, etwa um öffentlichen Linienbussen (weiterhin) 50 km/h Tempo zu ermöglichen. Der 7. Wiener Gemeindebezirk Neubau setzt als erster Wiener Bezirk flächendeckend auf Tempo 30. Im 6. Bezirk Mariahilf gibt es nur noch in der Linken Wienzeile Tempo 50. In Wien begann man in den späten 1980er-Jahren mit der Errichtung von Tempo-30-Zonen.
Laut dem Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) fahren in Österreich mehr als 70 Prozent aller Pkw-Lenker in Tempo-30-Zonen zu schnell, ohne dass jedoch nach Ausmaß der Überschreitung klassifiziert würde. Künftig soll die Einführung von Tempo-30-Zonen auf Wunsch von Verkehrsministerin Gewessler unkomplizierter werden. Eine Regelumkehr mit 30 km/h als generellem Tempolimit im Ortsgebiet stehe zur Diskussion.
Schweiz
In der Schweiz wurden Tempo-30-Zonen 1989 gesetzlich geregelt und anschliessend 1990 erstmals in Winterthur eingerichtet.Tempo 30 – Wer häts erfunde? In den darauffolgenden Jahren folgten Städte wie Zürich (1991), Bern, Luzern (beide 1993) und St. Gallen (1994). Im Jahr 2000 hat das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft einen Leitfaden in Zusammenarbeit mit dem Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), mit der Unterstützung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BAFU), des Cercl’Air (Schweizerische Gesellschaft der Lufthygieniker), des Gemeindeverbandes, des Städteverbandes und der Vereinigung Schweizerischer Strassenfachleute (VSS) herausgegeben. Bei der Volksabstimmung vom 4. März 2001 wurde eine vollständige und flächendeckende Einführung von Tempo 30 innerorts mit rund 80 Prozent Nein-Stimmen vom Volk und von allen Ständen abgelehnt. Per 1. Januar 2002 wurde die revidierte Signalisationsverordnung in Kraft gesetzt.
Ab 2005 wurde in Köniz im Rahmen eines Pilotprojekts auf der Schwarzenburgstrasse, einer vielbefahrenen Hauptstrasse mit einer durchschnittlichen täglichen Verkehrsstärke von 17'000 Fahrzeugen, ein Tempo-30-Regime getestet. Nach dem erfolgreichen Pilotprojekt wurde das Regime im gleichen Jahr definitiv eingeführt. Die Anpassungen erfolgten im Rahmen einer Sanierung nach dem Berner Modell. 2013 wurde in Bassersdorf flächendeckend auf allen Quartierstrassen Tempo 30 eingeführt. Die Stimmberechtigten von Oberglatt im Kanton Zürich haben sich an der Gemeindeversammlung vom 10. September 2020 für eine flächendeckende Einführung von Tempo-30-Zonen auf sämtlichen Quartierstrassen entschlossen. 2022 wurde Ennetbaden auf sämtlichen Gemeindestrassen Tempo-30-Zonen eingeführt. Basel hat mit Stand März 2018 bereits 56 Prozent des innerstädtischen Strassennetzes auf Tempo-30-Zonen umgestellt. Auch in Bern, Luzern und Zürich gilt, mit Stand Juli 2021, bereits auf mehr als 50 Prozent der Strassen Tempo 30. Früher waren in der Schweiz Tempo-40-Zonen bekannt.