Kaş ist ein überwiegend vom Tourismus geprägtes städtisches Zentrum (Şehir Merkezi) in der türkischen Provinz Antalya auf dem ehemaligen Stadtgebiet des antiken Antiphellos und Zentrum des gleichnamigen İlçe (Landkreis). Die entsprechende Gemeinde Kaş (Kaş Belediyesi), eine Teilgemeinde der Großstadtgemeinde (Büyükşehir Belediyesi) Antalya, umfasst das gesamte Gebiet des Landkreises Kaş (İlçe Kaş). Der Ort war bis zur Verwaltungsreform in der Türkei durch das Großstadtgemeindegesetz (Sayılı Büyükşehir Belediye Kanunu) Nr. 5216 vom 12. November 2012 Kreisstadt (Zentrum eines İlçe / ehemals Kaza) und Sitz einer entsprechenden Verwaltung. Der alte Name der Stadt, „Andifli“, gilt noch heute (auch offiziell) für die Kernstadtgemeinde.
Geographisch-geologische Lage links|mini|Kaş Korfezi, Bucht von Kaş mit Ince-Burun-Halbinsel (Bayındır Limanı) links im Hintergrund links|mini|Vor der Bucht von Kaş liegt die griechische Insel Kastellorizo Der Ort Kaş erstreckt sich im Süden der Teke-Halbinsel an der Kaş Körfezi, einer kleinen Bucht des Mittelmeers zu Füßen des 1800 m hohen Asas Dağı, eines Ausläufers des südlichen Akdağ-Gebirges (3080 m) unterhalb des Yavu-Berglandes, etwa 180 km südwestlich von Antalya. Direkt vorgelagert liegt die kleine griechische Insel Kastellorizo (Καστελόριζο, türk.: Meis), die östlichste bewohnte Insel Griechenlands, die in der Antike zu Rhodos gehörte (die noch kleinere, unbewohnte griechische Insel Strongyli liegt einige Kilometer östlich von Kaş).
Zu Kaş gehört auch die von Ost nach West verlaufende Landzunge Çukurbağ Yarımadası, die auf ihrer Nordseite eine langgestreckte Bucht, Buçak Limanı (früher Vathy), bildet. Man nimmt an, dass Bucak Limanı wegen ihrer Tiefe, die noch in der unmittelbaren Landnähe bis zu 10 Metern beträgt, für Segelschiffe nicht gut nutzbar war und deshalb der Haupthafen des Ortes auch in der Antike an der gleichen Stelle war wie der heutige alte Gulet-Hafen vor den Füßen der Altstadt. Alte Fotos zeigen, dass dieser Hafen bis in die 1970er Jahre durch ein natürliches Riff (im Westen) und spärliche künstliche Aufschüttungen eine Art Naturhafen war, der nur kleinen Schiffen Schutz bot. links|mini|Typische Terra rossa bei Kaş in der Ova von Bayındır Der zugehörige Kreis Kaş hat in etwa eine Fläche von 120 km². Seine älteste in der Region vorkommende geologische Formation sind die Kaş-Kalksteine aus dem Maastricht-Lutetium. Auf ihnen liegen diskordant die Pınarbaşı-Formation, die hauptsächlich aus Mergeln besteht und mit Kalkarenit- und Kalksandstein-Einlagerungen vorkommt, und das Felenk-Konglomerat, beide aus dem Untermiozän. In der Region wurden zudem junge Ablagerungen von Terra Rossa, Schutt und kalkhaltigen Hangbrekzien beobachtet. Aus tektonischer Sicht wurden drei normale Verwerfungen beobachtet, die von kleinen Brüchen und einigen Falten begleitet sind. Das Plateau-Hinterland der Teke-Halbinsel ist somit aufgrund seiner lithologischen Eigenschaften ein Karstgebiet, wo die Niederschläge im Untergrund leicht verschwinden. links|mini|Getreidekulturen in der Polje von Agalyane im Mai 1998 Die im Norden aufragende Teke-Halbinsel wird von den Ausläufern des Taurusgebirges gebildet, die die Landschaft geografisch und klimatisch gliedern. Geschützt durch dieses Karstgebirge herrscht in der Küstenregion ein mediterranes Klima mit heißen, trockenen Sommern und milden Wintern. Im Gegensatz zur Küste herrscht im Hochland ein mitteleuropäisches Klima mit milden Sommern und kalten Wintern. Das Klima weist im Sommer heftige Trockenperioden auf und die Böden sind mit Ausnahme der Polje-Gebiete nicht für den Feldbau geeignet.
Verkehrsverbindungen Erreichbar ist Kaş aus Nordwesten von Izmir über die Schnellstraße D400 und aus dem nördlich gelegenen Binnenland über verschiedene Landstraßen, aus Osten ebenfalls über die Küstenstraße D400 von Antalya her. Einen Flugplatz gibt es in Dalaman (ca. 100 km nordwestlich) und in Antalya (ca. 200 km nordöstlich).
Seit 2008 ist eine offizielle Ausreise von Kaş zur griechischen Insel Kastelorizo und umgekehrt möglich. Es fahren täglich Fähren. Die Überfahrt dauert etwa eine halbe Stunde.
Stadtstruktur Da der Ort aufgrund seiner steilen Kalkstein-Küste über keinen nennenswerten Sandstrand verfügt und bis Anfang der 1970er Jahre nur über Schotterpisten erreichbar war (die Küstenstraße D400 nach Antalya wurde damals erst ausgebaut), ist Kaş lange vom Massentourismus verschont geblieben. Der Ortskern mit seinen historischen Häusern steht unter Denkmalschutz. links|mini|Blick auf den Hafen von Kaş Ende August 1993 Der Kai in der Bucht am Westrand bietet, außer bei Westwind, gute Anlegemöglichkeiten. Die unbebaute Fläche diente bis einschließlich April 2008 Gulets von der gesamten Südküste als Winterlager. Von 2008 bis 2011 wurde dort eine Marina gebaut.
Geschichte mini|links|hochkant|Lykischer Sarkophag links|mini|Die Bergländer im Hinterland von Kaş sind durchzogen von antiken Wegen, wie hier bei Büyük Avşar. mini|Hauptstraße mit den griechischen Häusern und dem Sarkophag am Ende mini|Der Hafen von Kaş bei Nacht mini|Der Atatürk-Platz in Hafennähe mit einer Statue von Mustafa Kemal Atatürk Kaş wurde wahrscheinlich in der klassischen Antike von den Lykiern unter dem lykischen Namen Habesos oder Habesa gegründet. Zu dieser Zeit war der Ort wahrscheinlich von geringer Bedeutung, da er nur als Hafen des lykischen Zentralorts Wehnti (das spätere Phellos/Çukurbağ) diente. Die erste schriftliche Erwähnung unter dem Namen Antiphellos ist eine zweisprachige Grabinschrift aus dem 4. Jh. v. Chr. Weitere Spuren der lykischen Kultur in der Umgebung von Kaş sind am deutlichsten in der typischen lykischen Grabarchitektur erhalten: Sarkophage und Felsengräber. Sie stammen hauptsächlich aus dem 4. Jh. v. Chr. und zeigen griechischen Einfluss. Seit dem 7. Jh. v. Chr. hatte die Insel Rhodos griechischen Einfluss ausgeübt und rhodische Siedler hatten verschiedene Siedlungen entlang der lykischen Küste gegründet.
Kaş/Antiphellos in der Antike links|mini|Lykisches Felsgrab im antiken Phellos (Çukurbağ/Kaş) Zahlreiche natürliche Häfen entlang der lykischen Küste erleichterten nicht nur den Export landwirtschaftlicher Produkte aus dem Hinterland, sondern ermöglichten auch Handel und Kommunikation mit der Ägäis und dem östlichen Mittelmeer. Die wichtigsten Häfen, die sowohl am lokalen als auch am internationalen Handel beteiligt waren, waren Telmessos, Patara, Antiphellos, Timiussa, Andriake, Olympos und Phaselis. Der Transport landwirtschaftlicher Produkte durch Grundbesitzer und Bauern in die Hafenstädte wurde durch gut befestigte Straßen und Wege sichergestellt. Plinius der Ältere informiert über ein spezifisches regionales Exportgut. Er berichtet, dass die weichsten Schwämme in der Nähe der Mauern von Antiphellos gesammelt wurden.
In hellenistischer Zeit entwickelte sich Kaş unter dem Namen Antiphellos zu einer griechischen Polis und es begann der Aufstieg der Stadt. Reste hellenistischer Gebäude sind noch sichtbar: Ein Theater, ein Tempel, eine Schutzmauer sowie ein Zisternensystem sind gut erhalten. Der damalige wirtschaftliche Aufschwung von Antiphellos war eine Folge der guten Beziehungen zu seiner Partnerstadt Phellos in den Bergen oberhalb. Die dortige Oberschicht, die ihre landwirtschaftlichen Produkte über den Hafen von Antiphellos exportierte, war dort politisch aktiv und nutzte die Hafenstadt als Plattform der Selbstdarstellung, indem sie großzügig in ihre Entwicklung investierte. Im Gegensatz zu Antiphellos blieb Phellos eine bescheidene Stadt. Offenbar führte die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Orte nicht zu einem Konkurrenzverhalten, sondern zu einer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wechselbeziehung.
Während der römischen Herrschaft trennte sich die Stadt, die ihre Bedeutung durch den Handel mit Zedernholz und Schwammtauchen steigerte, von Phellos und wurde sogar die wichtigste Stadt der Region. Offenbar pflegte sie Handelskontakte entlang der Südküste Kleinasiens, unterhielt ein enges Austauschnetz mit griechischen Inseln der Ägäis wie Kos und Rhodos und war von der hellenistischen bis zur römischen Zeit am lukrativen Getreidehandel mit Ägypten beteiligt – nicht zuletzt auch am Transport von Wein, Öl, Fischsauce, Trockenfrüchten, Weizen und Bohnen. Palästinensischer Wein wurde so beliebt, dass er in ganzen Schiffsladungen transportiert wurde. Ab dem 4. Jh. n. Chr., als sich der Handel Kleinasiens im gesamten Mittelmeerraum und sogar bis nach Großbritannien und zum Schwarzen Meer ausbreitete, galt das offenbar nicht für Antiphellos: Bislang gibt es keine Beweise für einen Handel zwischen Antiphellos und dem westlichen Mittelmeerraum. Bereits seit dem 2. Jh. v. Chr. hatte der Handel mit dieser Region eher von Ephesus aus floriert. Im Gegensatz dazu bekamen kleinere Küstenstädte im Süden Kleinasiens offensichtlich dazu nur sehr selten Gelegenheit. Sie profitierten dagegen hauptsächlich von einem regen Austausch mit der Ägäis und dem östlichen Mittelmeerraum. 330, mit der Ernennung Konstantinopels zur römischen Residenz, änderten sich auch Richtung und Ziel der Schifffahrt, und der Handel privater Schiffseigner konzentrierte sich im mediterranen Osten, um den wachsenden Bedarf der neuen Hauptstadt zu decken. Darüber hinaus war die Popularität des Weins mit zunehmender Christianisierung gewachsen. Antiphellos, bis in die mittelbyzantinische Zeit Bischofssitz, importierte den heiligen Wein von seinem Handelspartner Palästina. Ab dem 5. und 6. Jh. n. Chr. hatte sich sein Handel generell auf die syrisch-palästinensische Küste, auf die Südküste Kleinasiens und auf Zypern konzentriert. Zu dieser Zeit war die Stadt unter den Byzantinern Bischofssitz und blieb bis zum 9. Jh. Bischofssitz der Stadt Myra (Demre). Bis heute existiert ein katholisches Titularbistum Antiphellus.
Kaş/Antiphellos wird muslimisch Die Eroberungskriege der Perser, die Expansion der Araber und die Invasion der turkstämmigen Seldschuken (Rum-Seldschuken) beendeten diese langandauernde Ära und veränderten die Entwicklung der meisten lykischen Städte. Für Antiphellos allerdings, eine griechisch dominierte Stadt, bedeutete die Veränderung auf der großen politischen Bühne offenbar nur wenig. Der Ort blieb christlich, und man dürfte sich Antiphellos ab dem 12. Jh. als eine griechische und damit christlich-orthodoxe Stadt vorstellen, in der die Muslime in friedlicher Koexistenz mit der alteingesessenen byzantinischen Bevölkerung lebten. Mit der Eroberung Antalyas durch den Sultan von Rum Kai Chosrau I. 1207 kam auch Antiphellos unter die Herrschaft der Rum-Seldschuken. Der Name wurde von Antiphellos in Andifli geändert, und die Stadt begann allmählich ihre Bedeutung zu verlieren.