mini|hochkant=1.2|Nemesis auf Bronzemünze aus Mesembria, z. Zt. Philippus Arabs Nemesis () ist in der griechischen Mythologie die Göttin des gerechten Zorns, der ausgleichenden Gerechtigkeit, wodurch sie zur Rachegottheit wurde.

Ihre Begleiterin ist Aidos, die Göttin der Scham. Nemesis bestraft vor allem die menschliche Selbstüberschätzung (Hybris) und die Missachtung der Themis, (der Göttin) des göttlichen Rechts und der Sittlichkeit.

Im späten 20. Jahrhundert ist durch Einfluss der Popkultur eine Bedeutungsveränderung im Sinne eines ewigen Gegenspielers, eines Erzrivalen, einer Art persönlichen Todesengels, eines Todfeindes, eines nicht personifizierten Todbringers oder einer tödlichen Bedrohung eingetreten. Die Aussage „Ich bin deine Nemesis“ wird als „Ich bin dein Untergang“ statt als „Du bekommst, was du verdienst“ interpretiert.

Mythos mini|hochkant|Nemesis-Statue aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Nemesis ist eine Tochter der Nyx („Nacht“), entweder nur aus dieser geborenHesiod Theogonie 233. Pausanias 7,5,3 oder die Tochter der Nyx und des ErebosHyginus Mythographus Fabulae praefation. Cicero De Natura Deorum 3,17 bzw. Tochter des Okeanos.Pausanias 7,5,3. Nonnos Dionysiaka 48,375. Johannes Tzetzes zu Lykophron 88

Zeus paarte sich mit Nemesis in der Gestalt eines Schwans, nachdem sie zunächst aus Scham und gerechtem Zorn vor seinen Nachstellungen geflüchtet war. Auf ihrer Flucht über das Meer verwandelte sie sich in einen Fisch, am Rand der Erde angelangt, schließlich in eine Ente oder Gans, mit der Zeus als Schwan die Helena zeugte, um deretwillen schließlich der Trojanische Krieg geführt wurde.Kypria Frag. 8. Bibliotheke des Apollodor 3,127. Pausanias 1,33,4

In einer anderen Version der Geschichte spielt Aphrodite die Nemesis Zeus zu, indem sie sich als Adler auf den Schwan stürzt, der sich in den Schoß der Nemesis „flüchten“ kann. In beiden Erzählungen wird das Ei zu Leda gebracht, die Helena aufzieht – wenngleich sie nicht selbst die Mutter Helenas ist. Schwan und Adler wurden zu den entsprechenden Sternbildern.Hyginus Mythographus Astronomica 2,8

Nach Bakchylides ist Nemesis mit Tartaros die Mutter der Telchinen von Rhodos.Bakchylides Frag. 52

In Ovids Metamorphosen bestraft sie den Narziss, weil dieser die Nymphe Echo und andere durch seine Unerbittlichkeit zugrunde gerichtet hat.Ovid Metamorphosen 3,406

mini|hochkant|Doppelte Nemesis aus Ephesus Ihre Attribute sind mannigfach. Unter anderem hält sie einen Zweig vom Apfelbaum in der Hand und wird von einem Greif begleitet. Wie die Erinys als Erinnyen kann auch Nemesis in der Mehrzahl (Nemeseis) angerufen werden. Zwei Nemeseis wurden in Smyrna verehrt, die bei dem dortigen Heiligtum Alexander dem Großen im Traum erschienen, als er erschöpft von der Jagd unter einer Platane schlief: Sie forderten ihn zur Neugründung der Stadt Smyrna auf, wo sich ihre älteste Kultstätte befand. Das Orakel des Apollon zu Klaros bestätigte den Auftrag.Pausanias 7,5,1ff

In Aischylos’ Der gefesselte Prometheus heißt Nemesis auch Adrasteia („die Unentfliehbare“), in Ovids Metamorphosen Rhamnusia nach ihrem Heiligtum mit dem berühmten Kultbild in Rhamnous.

mini|Nemesis und Dike verfolgen den Verbrecher (Pierre Paul Prud’hon, 1808) mini|hochkant|Nemesis, Gemälde von Alfred Rethel, 1837

Dass im Unterschied zum modernen Verständnis die Göttin Nemesis mehr Richterin als Rächerin ist, macht der Orphische Hymnos „An Nemesis“ deutlich:

Ich rufe Dich, Nemesis! Höchste! Göttlich waltende Königin! Allsehende, Du überschaust Der vielstämmigen Sterblichen Leben. Ewige, Heilige, Deine Freude Sind allein die Gerechten. Aber Du hassest der Rede Glast, Den bunt schillernden, immer wankenden, Den die Menschen scheuen, die dem drückenden Joch Ihren Nacken gebeugt. Aller Menschen Meinung kennst Du, Und nimmer entzieht sich Dir die Seele Hochmütig und stolz Auf den verschwommenen Schwall der Worte. In alles schaust Du hinein, Allem lauschend, alles entscheidend. Dein ist der Menschen Gericht. […]Orphische Hymnen 62. Zitiert nach: Orpheus. Altgriechische Mysterien, übertr. und erl. von Joseph Otto Plassmann, Diederichs Gelbe Reihe, Köln 1982, S. 103. Friedrich Schiller dichtet:

Astronomie Der 1872 entdeckte Hauptgürtelasteroid (128) Nemesis wurde nach der Göttin benannt.

Außerdem ist Nemesis der Name eines hypothetischen Himmelskörpers, welcher das Sonnensystem zu einem Doppelsternsystem machen würde.Marc Davis, Piet Hut, Richard A. Muller, Nature, April 1984, Seite 715 ff.Marc Davis, Piet Hut, Richard A. Muller, Nature Februar 1985 Seite 503

Siehe auch Justitia, die altrömische Göttin der (ausgleichenden) Gerechtigkeit

Literatur Daniela Bonanno: Nemesis. Rappresentazioni e pratiche cultuali nella Grecia antica (= Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge, Bd. 85). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-515-13492-7. – Rezension von Emma Stafford, in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 5, 15.05.2025

Noel Deeves Robertson: Nemesis. The history of a Social and Religious Idea in Early Greece. Ithaca N.Y 1964, (Philosophische Dissertation, Cornell University, Ithaca NY, 1964).

Mary Scott: Aidos and Nemesis in the Works of Homer, and their relevance to Social or Co-operative Values. In: Acta Classica. Bd. 23, Nr. 1, 1980, , S. 13–35, (Digitalisat (PDF; 1,54 MB)).

Hermann Posnansky: Nemesis und Adrasteia. Eine mythologisch-archäologische Abhandlung (= Breslauer philologische Abhandlungen. Band 5, Heft 2, ), Koebner, Breslau 1890, (Digitalisat). Marion Tradler: Die Ikonographie der Nemesis. Mainz 1998 Dissertation, Universität, Mainz, 1998 Belletristik Übers. Irene Holicki: Isaac Asimov, Nemesis. Heyne, München 1989 u. ö. Übers. Dirk van Gunsteren: Philip Roth, Nemesis. Hanser, München 2011 Tara-Louise Wittwer: Nemesis’ Töchter. 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt. Knaur, München 2025, ISBN 978-3-515-13492-7

Weblinks

Nemesis im Theoi Project (englisch)

, in: Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

Einzelnachweise

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