mini|Raila Odinga (2017)
Raila Amollo Odinga (* 7. Januar 1945 in Maseno; † 15. Oktober 2025 in Kochi, Indien; in seinem Heimatland meistens Raila genannt) aus dem Volk der Luo war ein kenianischer Politiker. Er starb während einer medizinischen Behandlung in einem Krankenhaus in Kochi, nachdem er bei einem morgendlichen Spaziergang zusammengebrochen war; das Devamatha Hospital erklärte, er habe einen Herzstillstand erlitten und sei um 09:52 Uhr Ortszeit (04:22 UTC) für tot erklärt worden. In den Wochen vor seinem Tod hatte es Spekulationen über seinen Gesundheitszustand gegeben, die Angehörige und Verbündete jedoch zurückgewiesen hatten. Präsident William Ruto würdigte ihn als „Leuchtfeuer des Mutes“ und „Vater unserer Demokratie“, ordnete eine siebentägige Trauerperiode an und kündigte ein Staatsbegräbnis mit militärischen Ehren an. Odinga kandidierte fünfmal erfolglos für das Präsidentenamt und genoss eine leidenschaftliche Anhängerschaft, die ihn u. a. „Baba“ (Vater), „Agwambo“ und „Tinga“ nannte. Er wurde weithin als einer der prägenden Mitbegründer der Mehrparteiendemokratie in Kenia angesehen. International galt er als pan-afrikanistischer Vordenker, der Neokolonialismus kritisierte und afrikanische Einheit sowie Eigenständigkeit betonte.
Raila Amollo Odinga war von April 2008 bis April 2013 Ministerpräsident einer großen Koalitionsregierung. Er war Kandidat der Opposition bei der Präsidentschaftswahl 2007. Raila war Sohn des Politikers Jaramogi Oginga Odinga († 1994) und dessen Ehefrau Mary Emma Juma. Sein Vater war unter Jomo Kenyatta Vizepräsident des Landes. Raila Odinga saß schon mit seinem Vater gemeinsam im Parlament, später teilte er sich mit seinem Bruder Oburu Odinga die Parlamentsbank. Bis zum 23. November 2005 war er in der Regierung von Mwai Kibaki Bauminister im Ministry of Roads, Public Works and Housing.
Die von Manipulationsvorwürfen überschattete Präsidentschaftswahl vom 27. Dezember 2007, bei der Odinga Amtsinhaber Mwai Kibaki unterlegen war, löste Unruhen in Kenia aus, die schließlich zur Teilung der Macht zwischen Odinga und Kibaki führten. Am 13. April 2008 wurde Raila Odinga zum Ministerpräsidenten ernannt.
Nach der verlorenen Wahl 2017 und seinem Rückzug von der Wiederholungswahl im selben Jahr ließ sich Odinga am 30. Januar 2018 von seinen Anhängern zum Präsidenten ausrufen.
Leben Raila Odinga wurde 1945 in Maseno in der Nyanza-Provinz geboren. Nach der Schule ging er 1962 in die DDR und lernte am Leipziger Herder-Institut Deutsch. Nach dem Abitur studierte er über ein staatliches Stipendium bis 1970 an der Technischen Hochschule Magdeburg, der heutigen Otto-von-Guericke-Universität, Maschinenbau. Nach Angaben von Kommilitonen seiner Studiengruppe FET 2/64 war er eher politisch (auch maoistisch) als technisch interessiert.Gunnar Leue: Magdeburg-Student will Kenias Präsident werden. In: Magdeburger Volksstimme, 8. Dezember 2007. Zurückgekehrt in sein Heimatland, arbeitete der Diplom-Ingenieur als Dozent an der University of Nairobi, bis er ins Parlament gewählt wurde. 1975 wurde er zum stellvertretenden Direktor des Kenya Bureau of Standards ernannt. Er erwarb 1970 einen ingenieurwissenschaftlichen Abschluss und wurde später auch außerhalb der Politik als Manager und Organisator wahrgenommen, was seinen Ruf als strategischer Planer beförderte.
Raila Odinga bezeichnete sich als Cousin von US-Präsident Barack Obama. Obamas Onkel Said Obama verneinte jedoch eine direkte Verwandtschaft. Die Mutter Odingas stamme lediglich aus der gleichen Region wie die Familie Obamas. Es sei eine übliche Redewendung bei ihnen, in so einem Fall von Vettern zu sprechen.
Privates Odinga war mit Ida Odinga verheiratet; das Paar hatte vier Kinder – Fidel (†), Rosemary, Raila Junior und Winnie. Seinen Sohn Fidel benannte er nach Fidel Castro, da dieser bei seiner Geburt während des Kalten Krieges als Gegenspieler der USA galt. Er galt als sportbegeistert und war bekennender Anhänger des englischen Fußballklubs Arsenal. In seiner Freizeit wurde er häufig beim Krafttraining sowie bei Spaziergängen in seinem Wohnviertel in Nairobi und in seinem Heimatdorf in Siaya beobachtet.
Verbannung 1982 fand in Kenia ein kurzer – und bald niedergeschlagener – Staatsstreich mit bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen statt, der von einer Gruppe von jungen Luftwaffen-Offizieren der Kenya Air Force ausging. Der damalige Präsident Daniel arap Moi ließ den oppositionellen Politiker mit anderen verhaften. Er wurde – trotz Leugnung – als Anführer des Staatsstreichs verurteilt und für sieben Monate unter Hausarrest gesetzt. Dann musste er ohne Verhandlung für sechs Jahre ins Gefängnis. Kaum war er am 6. Februar 1988 entlassen, wurde er im September 1988 erneut verhaftet. Man beschuldigte ihn im Einparteienstaat der Unterstützung der Untergrundbewegung Kenya Revolutionary Movement, die ein Mehrparteiensystem unterstützte. Am 12. Juni 1989 wurde er entlassen, um am 5. Juli 1990 schon wieder inhaftiert zu werden. Diesmal wurde er mit dem bekannten Geschäftsmann und Politiker Kenneth Matiba und dem Ex-Bürgermeister von Nairobi, Charles Rubia, verurteilt. Ein Jahr später, am 21. Juni 1991, wurde er wieder entlassen. Kurz darauf floh er im Oktober 1991 aus Angst vor einer Ermordung durch die Regierung nach Norwegen. Zunächst hatte er sogar erwogen, in Deutschland um Asyl zu bitten.Brent Hentschel: Kenias Oppositionsführer will Asyl in Deutschland. In: Neues Deutschland, 6. November 1991, abgerufen am 23. Dezember 2025. Er gilt vielfach als der am längsten inhaftierte politische Gefangene Kenias; seine Haftzeiten 1982–1988 und 1989–1991 prägten sein Image als Symbol des Widerstands. Die Ereignisse des Jahres 1982 machten ihn landesweit bekannt und katapultierten ihn dauerhaft auf die politische Bühne.
Mehrparteien-Politik 1992, im Jahr der ersten freien Präsidentenwahl im Land, kam Raila Odinga aus Norwegen nach Kenia zurück. Hier schloss er sich sofort dem von seinem Vater geführten Forum für die Wiederherstellung der Demokratie FORD (Forum for the Restoration of Democracy) an. FORD arbeitete an der Einführung des Mehrparteien-Systems. Raila Odinga wurde unter seinem Vater zum Vizepräsidenten des Aktionskomitees gewählt. Die FORD-Gruppe spaltete sich in FORD-Kenya unter Oginga Odinga und FORD-Asili unter Kenneth Matiba auf. Raila Odinga wurde stellvertretender Wahlkampfdirektor seiner Partei FORD-Kenya.
Im Januar 1994 verstarb Oginga Odinga. Anders als Raila Odinga es gehofft hatte, wurde nicht er, sondern Michael Wamalwa zum Parteivorsitzenden gewählt. Verärgert schloss sich Raila Odinga nun der bedeutungslosen Partei National Development Party (NDP) an. Schnell gelang es ihm, über diesen Weg eine starke und aktive Partei zu formen. Es gelang ihm auch, zahlreiche Parlamentarier aus FORD-Kenya, meist aus der Luo-Provinz Nyanza, zu einem Wechsel in seine Partei zu bewegen.
Der große Erfolg stellte sich für ihn persönlich erst ein, als er eine Nachwahl im Wahlkreis Langata von Nairobi mit großer Mehrheit gewann. Bei der Präsidentenwahl von 1997 schlug er seine Ex-Partei FORD-Kenya und wurde hinter Moi und Kibaki Dritter. Raila Odinga verfolgte weithin eine sprunghafte Schaukelpolitik, unterstützte Präsident Moi, der ihn für Jahre hinter Gitter gebracht hatte, bis er sogar seine Partei (NDP) mit der Partei seines Widersachers, der KANU, vereinigte. Zum Dank ernannte ihn Moi zum Energieminister, und bei den Parteiwahlen 2002 wurde er zum Generalsekretär der KANU gewählt. Odinga steuerte mit Macht auf die Nachfolge in der Präsidentschaft hin, denn Moi konnte aus verfassungsrechtlichen Gründen 2002 nicht mehr zur Wahl antreten. Doch zu Odingas Enttäuschung machte Moi 2002 nicht ihn, sondern Uhuru Kenyatta, den ältesten Sohn des ersten Präsidenten der Republik Kenia, Jomo Kenyatta, zum Präsidentschaftskandidaten der KANU. Daraufhin tat sich Odinga mit ganz unterschiedlichen Partnern zusammen, um die Wahl Kenyattas zu verhindern. Gemeinsam mit Kalonzo Musyoka, George Saitoti, Joseph Kamotho und anderen bildete er die parteiübergreifende Protestplattform „Rainbow Movement“ (Regenbogenbewegung), deren Ziel es sein sollte, einen gemeinsamen und geeigneten Präsidentschaftskandidaten für die Wahl von 2002 zu küren. Diese Regenbogen-Gruppe übernahm die relativ unbekannte Liberal Democratic Party (LDP), um bald mit der National Alliance Party of Kenya (NAK), einer Koalition verschiedener kleinerer Parteien, der auch der spätere Wahlsieger Mwai Kibaki angehörte, die erfolgreiche „Regenbogenkoalition“, die National Rainbow Coalition (NARC), zu bilden. Odinga unterzeichnete mit Kibaki ein bekannt gewordenes Abkommen, ein so genanntes Memorandum of Understanding (MoU), in dem ihm eine Verfassungsänderung zugesagt wurde, die ihn in weniger als 100 Tagen zum Ministerpräsidenten hätte machen sollen und der LDP die Hälfte aller Ministerposten im erwarteten Kabinett versprach. Mit diesem Versprechen unterstützten Odinga und die LDP Kibaki, der gegen Ende noch einen mysteriösen Autounfall hatte und daraufhin lange angeschlagen wirkte, in seinem Wahlkampf, den er überzeugend gewann.
Wahlverlierer Ganz im Gegensatz zum MoU ernannte der neu gewählte Präsident seinen Wahlkampfpartner nicht zum Ministerpräsidenten. Ebenso erhielt die LDP nicht die versprochenen Ministersessel. Kibaki ernannte darüber hinaus sogar Minister aus den Oppositionsparteien KANU und FORD-People. Diesen Fehdehandschuh nahm Odinga auf. Der Bruch kam mit der neuen Verfassung, die ganz im Gegensatz zum MoU einen starken Präsidenten favorisierte – und damit Odinga ohne die versprochene Macht lassen würde. Unter dem Bild der Orange lief eine große Kampagne gegen den vom Präsidenten favorisierten Verfassungsentwurf unter dem Bild einer Banane. Die Volksbefragung, die am 21. November 2005 stattfand, ergab mit 58 Prozent eine eindeutige Ablehnung der neuen Verfassung durch die kenianische Bevölkerung. Das war für Odinga und die Opposition ein großer Sieg. Nach dem Verlust des Referendums entließ Präsident Kibaki am 23. November 2005 seine gesamte Regierungsmannschaft – somit auch Odinga – und setzte nach langen Verhandlungen dem Bananen-Flügel nahestehende oder überlaufende Politiker (wieder) als Minister ein. Odinga blieb trotz wiederholter Niederlagen eine prägende Figur der Opposition und erklärte häufig, er sei um Wahlsiege betrogen worden, was seine Mobilisierungsfähigkeit zusätzlich steigerte.
Odinga gilt in seiner Heimatprovinz, aber auch unter der Jugend der großen Städte, als bedeutender Politiker, ein Führer der Armen und der Graswurzelbewegung. Im Bildungsbürgertum oder in den dörflichen Gebieten anderer Ethnien hatte er dagegen nicht viele Anhänger. Ihm wird hier besonders ein mangelndes ökonomisches Konzept vorgehalten. Im Januar 2006 berichtete er der Polizei von erhaltenen Morddrohungen.
Wahl 2007 Zur Präsidentschaftswahl 2007 trat Raila Odinga als Kandidat des Orange Democratic Movement (ODM) gegen den amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki an. Das ODM hatte Odinga als Sammlungsbewegung des Referendums gegen seine vorherige Partei LDP in sich aufgenommen. Meinungsumfragen im September und Oktober 2007 gaben Odinga stets etwa 50 % der Wählerstimmen, gefolgt von Kibaki im Abstand von etwa 7–12 Prozentpunkten.Ulrich Werner Schulze: Der Kampf der Orangen gegen die Bananen. In: Die Welt, 27. Dezember 2007, abgerufen am 23. Dezember 2025.