Die Niedertracht der Musik ist ein Erzählband von Alban Nikolai Herbst, der 13 Erzählungen aus den Jahren 1972 bis 2004 enthält. Nach Auskunft des Autors (in einem Interview mit der Zeitschrift phantastisch!, Nr. 7, 2002) sollte der Band bereits im Frühjahr 2003 im Berlin Verlag erscheinen, wurde dann aber erst im Frühjahr 2005 im neu gegründeten Kölner Verlag Tisch 7 veröffentlicht.
Die Erzählungen Es folgt eine Übersicht über die Erzählungen mit jeweils kurzer Inhaltsangabe. Die Entstehungsdaten in Klammern hat der Autor 2004 in seinem Weblog Die Dschungel. Anderswelt vermerkt. Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Originalausgabe. Rezensionen sind unten angegeben.
Roses Triumph (1978) Der Bürovorsteher Erwin Rose, der in einer Kanzlei arbeitet, merkt eines Tages, in seinem 51. Lebensjahr: „Ich bin frei.“ (S. 15) Dieses für ihn völlig neue Gefühl der Freiheit will er aber nicht preisgeben, indem er diese Freiheit auslebt oder sich jemandem erklärt: „Man mußte sich schützen; niemand sei, wurde ihm klar, stärker auf sein Inkognito angewiesen als der wahrhaft freie Mensch.“ (S. 23) Mit der Verleumdung einer Kollegin gegenüber seinem Chef, dem Anwalt Dr. Dörrbecker, möchte er diese Freiheit testen, stellt seine manipulatorischen Aktivitäten danach aber ein, um nicht entdeckt zu werden. Erst als Dr. Dörrbecker der Schlag trifft, gibt er sich zu erkennen, indem er sich auf dessen Bürostuhl setzt und ihm genüsslich beim Sterben zusieht: „Es ging ihm dabei gut, denn Dr. Dörrbecker war vorsterblich noch zur Kenntnis gelangt, wer sein Bürovorsteher war.“ (S. 24) Nach seiner Pensionierung zieht sich Rose in seinen Schrebergarten zurück, „den er in seinen verbleibenden Jahren nur noch zum Schlafen verließ“ (S. 25). Im Alter von 81 Jahren legt er sich auf ein Rasenstück neben dem Bahndamm und stirbt. „Am Sonntag wurde Erwin Rose begraben. Unerkannt.“ (S. 25) – Auf den Rezensenten Carsten Schwedes wirkt Roses Triumph wie eine „breit ausgewalzte Keuner-Geschichte“.
Alma Picchiola (1986) mini|rechts|200px|Die kapitolinische Wölfin säugt Romulus und Remus Giovanni Picchiola und seine zukünftige Frau Emmanuela finden eines Nachts im Kolosseum ein ausgesetztes halbjähriges Baby. An Heimplätzen herrscht Mangel und so adoptieren die Picchiolas das Mädchen und taufen es Alma. Alma entwickelt sich schnell, aber sie neigt schon als Kleinkind zum Ausreißen und zum Sadismus. Die Schule muss sie später verlassen, weil sie jeden, der ihr etwas wegnimmt, wie besessen anfällt. Sie wird in psychiatrische Behandlung gegeben, wo sie sich wegen ihrer überdurchschnittlichen Auffassungsgabe schnell bildet und weiterentwickelt. Zurück in der Schule scheint sich eine Beziehung zu ihrem Mitschüler Giulio anzubahnen, doch irgendwann rastet sie wieder aus. Giulio stirbt auf bestialische Weise. Alma verschwindet. Die Medien sprechen von der „römischen Wölfin“. Zehn Monate später wird Alma aufgegriffen, als sie sich ihres Neugeborenen im Kolosseum entledigen will. Die herannahenden Wachleute fällt sie an und wird schließlich erschossen. Auch ihr Säugling stirbt: „Manche aber meinen, es sei, zu Frucht und Gedeih der Wissenschaft, das Geschöpf am Leben erhalten worden“ (S. 34). – Die Erzählung spielt offenbar auf die römische Gründungssage an, nach der Romulus und dessen Zwillingsbruder Remus zeitweilig von einer Wölfin gesäugt wurden.
Die Niedertracht der Musik (1980) In der titelgebenden Erzählung hält der Terrorist Kastendiek in einem Konsulatsgebäude zwei Frauen als Geiseln, die junge Sylvia Weinbrenner (andere Schreibweise: Silvia) und die alte Frau Marx. Kastendiek fordert die Freilassung seiner Genossen. „Wenn in vier Stunden die Genossen nicht frei sind, schneide ich alle dreißig Minuten einer der Frauen einen Finger ab.“ (S. 38) Der Einsatzleiter, Polizeirat Michels, weiß sich nicht zu helfen. Sylvias Mann tobt am Tatort „durchweg von Sinnen“ (S. 39), erinnert aber an die „große Klangwolke über Linz“ (S. 40). Daraufhin werden 11 Lautsprecher aufgestellt, aus denen eine Sinfonie erschallt. Aber nicht die Lautsprecher, sondern „das Pflaster, die Häuser, der Regen selbst schienen Musik auszustoßen, zu erbrechen mitunter“ (S. 40). Die Polizei stürmt schließlich das Haus und erschießt aus Versehen die alte Frau Marx. Sylvia Weinbrenner hält den bereits toten Kastendiek in ihren Armen und erklärt: „Er ist einfach so gestorben zwischen meinen Händen. (…) Er hat mich geliebt, müssen Sie wissen.“ (S. 42) Sie geht aus dem Gebäude, erkennt ihren Mann nicht mehr, verlässt die Stadt. „Seither ist ihrem Mann nichts fürchterlicher als Musik.“ (S. 42)
Der Gräfenberg-Club (1995) Der Erzähler, der sich als Autor Alban Nikolai Herbst bezeichnet, findet in der FAZ folgende Anzeige: „Wir suchen Gleichgesinnte mit Führerqualitäten zwecks Neuordnung der Gesellschaft als gemeinsame Freizeitgestaltung.“ (S. 43) Herbst zeigt sich interessiert und erhält vom Gräfenberg-Club einen Fragenkatalog mit 5 völlig unklaren Wissensfragen, die er doch beantworten solle. Obwohl er mit diesen nicht viel anzufangen weiß, reizt ihn deren Beantwortung. Nach einem Antwortschreiben Herbsts, in dem er um mehr Zeit („noch anderthalb Jahre“, S. 47) bittet, wird er von einem Dr. Latimer zu einem Gespräch nach Frankfurt am Main eingeladen. Latimer („Ich bin Dolmetscher griechischer Herkunft.“, S. 49) stellt ihm weiter die verschiedensten, willkürlichsten Fragen, fordert Herbst dann aber auf, sich einen Mitgliedschaftsantrag zu holen. Im Clubsaal schlägt er den Gräfenberg-Club betreffende Dinge nach, und zwar in der „Enzyklopedia Babilonica“, die von einem Jorge Luis Borges herausgegeben wurde (vgl. S. 51). Während er umherblättert, ändern sich die Inhalte der Enzyklopädie. Die wechselnden Realitäten verwirren ihn zunehmend. Plötzlich taucht ein alter Mann auf, der sich als Ernst Gräfenberg ausgibt und laut Enzyklopädie 113 Jahre alt sein müsste. Der Alte teilt dem ungläubigen Herbst mit: „Sie haben nicht zu wenig Fantasie, (…) aber Sie wissen sie nicht zu nutzen.“ (S. 55) Zu der seltsamen sich ändernden Enzyklopädie vermerkt Gräfenberg: „Die Babilonica enthält nur die Gegenwart“: „Was nicht auf sie wirkt, radiert sie aus.“ (S. 58) Der Autor verlässt das Anwesen, findet anschließend keine Spur des Clubs mehr und sieht sich „am Anfang eines langen und schrecklichen Krieges, den das Undenkbare der Realität erklärt hat“ (S. 59).
Besuch auf dem Lande (1973) Die Erzählung spielt in einer Welt, die strikt in Stadt und Land aufgeteilt ist. Das Leben in den Städten bestimmen simulative Prozesse. Bei einer Fahrt aufs Land sind Sicherheitsvorkehrungen vonnöten, denn dort herrscht statt Simulationen das „Unmittelbare“ (S. 67). Der Erzähler und seine Frau Katrin besuchen den Marmeladenproduzenten Schmidt auf dem Lande und leben dort diese Unmittelbarkeit aus, indem sie Kamele zu Tode quälen und einen so genannten Wilden erschießen. Beide genießen den Ausbruch von Schmerz bei ihren Gewaltobjekten, der sie an Spuren eigener Empfindsamkeit erinnert. Als Katrin auf der Rückfahrt ein Rehkitz langsam zu Tode sticht, glaubt der Erzähler, „daß Katrin wirklich einmal etwas empfunden habe“ (S. 69). – Besuch auf dem Lande erinnert an Aldous Huxleys Roman Schöne neue Welt, an die Unterscheidung zwischen Zivilisation – die bei Herbst komplett simuliert, bei Huxley durch die obligatorische Einnahme von Soma reguliert wird – und Wildnis. Wie bei Huxley tritt ein Wilder auf, ein „Männchen von vielleicht einsachtzig mit dunklem wirren Haar“ (S. 69).
Der Sieg (1973) mini|rechts|200px|Landschaft im ewigen Eis Die Erzählung spielt ohne direkte Orts- und Zeitangabe irgendwo im zivilisationsfernen ewigen Eis. In einer Baracke sind drei Männer stationiert, Wolfgang, Georg (der kommandierende Oberst) sowie der namenlose Erzähler. Georg kündigt irgendeinen nicht näher erläuterten Besuch an und möchte, dass die beiden anderen derweil für zwei Wochen die Baracke verlassen und im ewigen Eis patrouillieren. Ihr Überleben scheint völlig ungewiss zu sein, doch willigen beide ein. Georg wettet gegen die beiden um einen dreistelligen Geldbetrag, dass sie es nicht schaffen zu überleben. Unterwegs stirbt Wolfgang dann tatsächlich an Erschöpfung, doch der Erzähler kann zur Baracke zurückkehren. Dort erklärt ihm Georg enttäuscht: „Sie kommen nicht. Sie holen uns nicht.“ (S. 77) Am Ende spaziert der Erzähler wieder hinaus, offenbar dem erlösenden Tod entgegen.
Main River (2002) Die Erzählung spielt am Ende eines nicht näher bezeichneten Antiterrorkriegs. Ein Merkmal ist die kontaminierte Umwelt: „ein seltsam silbriger Nebel leuchtet über fließenden Gewässern, eine Art Bleischimmer“. Der Auftrag der Soldaten, zu denen der Erzähler George gehört, lautet: „Keine Überlebenden, alles sofort verbrennen, was genetisch menschenähnlich ist.“ (S. 80) Sie töten auf ihrem Weg durch Deutschland (Eschborn, Mannheim und Frankfurt werden genannt) Sunniten, Araber, Afghanen („wer hält die schon auseinander?“, S. 81) und Deutsche, die als Guerilleros bezeichnet werden: „die Feiglinge. Es war gut, daß es ein Ende mit ihnen und dem Terror hatte. Wir würden sie unnachgiebig dezimieren, auch wenn wir unsere Scheißkommandos im Grunde widerlich fanden.“ (S. 82) Der Private Karl Smith, ein Kamerad des Erzählers, gewinnt der Vernichtung der Städte auch positive Seiten ab: „Imgrunde (…) haben uns die Terroristen unsere Grundwerte zurückgegeben. Trinken, essen, sich fortpflanzen. Redlich leben“ (S. 84). – Main River ist eine kaum verbrämte Allegorie auf den Krieg der USA gegen den Terrorismus nach dem 11. September. Die Bezeichnung „Feiglinge“ könnte direkt auf die von George W. Bush so genannten „cowardly acts“ (coward = dt. Feigling) der Terrorflieger zurückzuführen sein. – Der Titel Main River ist übrigens nicht als „Haupt-Fluss“ zu übersetzen, sondern bezieht sich auf den Main.
Gaudís Klinke (2002) Gaudís Klinke ist eine Erzählung über die eigenartig restriktiven futuristischen Räumlichkeiten in einem Architekturunternehmen. Wände scheinen unerreichbar und die verschiedenen beschriebenen Klinken die eigentlichen Türen zu sein, die durch ihre Unförmigkeit und ihre ständige Bewegung und Veränderung fast unüberwindbare Schwellen darstellen. Der Erzähler, der sich öfters zu Terminen mit einem Klaus Verheusen einfindet, muss die meiste Zeit wartend im Empfang verbringen. Wenn er dann endlich vorgelassen wird, landet er in einem Großraumbüro. Als der älteste der vier im Empfang tätigen Bediensteten Verheusens vor der Entlassung steht, scheint der Erzähler dessen Platz einzunehmen. Am Ende wird als eine Art Pointe ein Erzählrahmen nachgeschickt, in dem suggeriert wird, dass Verheusen selbst die Erzählung einen „Herrn Charlier noch auf der Türschwelle sehen ließ“ (S. 96). – „Die (…) geschilderten Schwierigkeiten, zu einem ominösen Auftraggeber zu gelangen, erinnern deutlich an Kafka“, schreibt Carsten Schwedes in seiner Rezension.
Nachruf auf Asmus Hornáček (1995) mini|200px|Ameisen